Francis Schaeffer

Francis Schaeffer über das Jahr 2020

Elliot Clark hat das Buch Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts von Francis Schaeffer noch einmal hervorgekramt und dabei herausgefunden, dass es sehr aktuell ist:

Wenn wir darüber nachdenken, was Francis Schaeffer in seinen späten Jahren für das Christentum geleistet hat, denken wir oft an L‘Abri in den Schweizer Alpen und seine herausragenden Bücher wie Gott ist keine IllusionPreisgabe der Vernunft und Wie können wir denn leben?. Wahrscheinlich hat gegen Ende des Jahres 2020 allerdings eines seiner weniger bekannten Werke, nämlich Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts, die größte Bedeutung für Gemeinden.

Dieses kleine Buch, das vor genau 50 Jahren veröffentlicht wurde, mag zwar sehr veraltet wirken, wenn ich meine Ausgabe aus dem Jahr 1970 betrachte, doch sind die Themen darin überraschend aktuell. Schaeffer spricht den Verlust von Wahrheit und persönlicher Verantwortung, den Zerfall von Autorität und die wachsende Bedrohung durch Gewalt an. Er warnt vor einer bevorstehenden ökologischen Katastrophe, wissenschaftlicher Manipulation und sogar der Möglichkeit, dass Staaten ein tödliches Virus entwickeln und als Waffe benutzen könnten.

Die Tendenz zur Panikmache mag der größte Schwachpunkt dieses Buches sein. Und doch verharrt Schaeffer in seiner Analyse nicht dabei, sondern bietet der damaligen und heutigen Kirche eine sowohl positive, ganzheitliche als auch hoffnungsvolle Antwort.

Hier der vollständige Artikel: www.evangelium21.net.

„Wir müssen den Abgrund sehen“

Francis Schaeffer schreibt in Gott ist keine Illusion (Wuppertal, 1984, S. 14–15):

Wir müssen den Abgrund sehen, in den der Mensch durch sein Denken geführt worden ist, nicht nur aus intellektuellem Interesse, sondern wegen seiner geistigen Tragweite. Der Christ soll dem Geist der Welt widerstehen. Doch wenn wir dieses sagen, müssen wir uns darüber im klaren sein, daß der Weltgeist nicht immer das gleiche Gewand trägt. So muß der Christ dem Geist der Welt in der Gestalt widerstehen, in welcher er ihm in seiner Generation begegnet. Andernfalls widersteht er dem Geist der Welt überhaupt nicht. Das trifft ganz besonders auf unsere Generation zu, denn die Kräfte, die uns jetzt entgegenstehen, zielen auf das Ganze. Die nachfolgenden, Martin Luther zugeschriebenen Worte gelten vielleicht unserer Generation mehr als je einer Generation zuvor:

Wenn ich mit lauter Stimme und klarer Auslegung alle Teile der Wahrheit Gottes verkündige, außer gerade dem einen kleinen Punkt, den die Welt und der Teufel eben in diesem Augenblick angreifen, dann bezeuge ich Christus überhaupt nicht, wie mutig ich auch Christus bekennen mag. Wo die Schlacht tobt, da wird die Treue des Kämpfers auf die Probe gestellt; und auf allen anderen Schlachtfeldern treu zu sein, ist für den Christen in diesem Augenblick nichts anderes als Flucht und Schande, wenn er in diesem Punkt nachgibt.

Auch wenn das Zitat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht von Luther stammt (vgl. dazu hier), bringt Francis Schaeffer mit dieser Aussage eine sehr bedeutsame Einsicht zielsicher auf den Punkt. Für unsere Generation gilt: Wenn wir die postmodernen Denkansätze, die unsere Kultur prägen, nicht durchschauen, werden wir uns dem Zeitgeist freiwillig ergeben. Da spielt es dann keine Rolle mehr, ob wir es merken oder nicht.

Francis Schaeffer kritisierte christlichen Antisemitismus

Francis Schaeffer hat im Jahre 1943 einen Artikel publiziert, in dem er den christliche Antisemitismus scharf kritisiert. Er schrieb (The Independent Board Bulletin, October 1943, S. 16–19):

Wir leben in einer Zeit, in der der Antisemitismus eine mächtige Kraft ist. In vielen Ländern hat er zum Tod unzähliger Juden geführt. Sogar in unserem eigenen Land zeigt er sich von Zeit zu Zeit in verschiedenen Erscheinungsformen. Selbst unter denen, die sich als fundamentalistische Christen bezeichnen, finden wir gelegentlich eine Person, die einen großen Teil ihrer Zeit damit verbringt, über die Juden herzufallen.

Wenn man den Antisemitismus betrachtet, ist das Erste, was sich in meinem Denken fixiert, die Tatsache, dass Christus ein Jude war. Wenn wir das Neue Testament bei Matthäus 1,1 öffnen, finden wir als allererste Aussage über Christus, dass er von Abraham abstammt und ein Nachkomme Davids war. Die Bibel sagt nicht, dass Jesus zufällig ein Jude war, sondern das Wort unterstreicht immer wieder, dass er ein Jude war.

Mehr: www.pcahistory.org.

Notwendige Begriffsklärungen

Francis Schaeffer schrieb 1975 (dt. Der Schöpfungsbericht, 1976, S. 7) etwas über die Bedeutungsabwertung von Begriffen:

Manche Wörter haben heute eine solche Bedeutungsabwertung erfahren, daß man oft auf schwerfällige Begriffe ausweichen muß, um eindeutig verständlich zu machen, was man meint. So kann das Wort »Tatsache« heute alles oder nichts bedeuten. Wer von »Tatsachen« spricht, kann damit nichts weiter als nicht verifizierbare »religiöse Wahrheit« meinen, und deshalb müssen wir um der Klarheit willen einen unschönen Begriff wie »bruta facta« benutzen (nur ungenau zu übersetzen mit »nackte Tatsachen). Mit »bruta facta« meinen wir nicht irgendein kartesianisches Konzept von »ewigen Tatsachen«. Es gibt keine Tatsachen über oder hinter Gott, ebensowenig wie es eine Ethik oder Werte über oder hinter Gott gibt. Es gibt keine autonomen Tatsachen, die unabhängig von Gott existieren. Aber nachdem Gott etwas geschaffen hat, besitzt dieses Geschaffene objektive Wirklichkeit. Und weil Gott die Geschichte mit ihrer Bedeutung in Raum und Zeit geschaffen hat, besitzt auch das, was sich in der Geschichte vollzieht, objektive Wirklichkeit.

Die Geschichtlichkeit des Sündenfalls ist hier ein treffendes Beispiel. Der geschichtliche Sündenfall ist keine Interpretation, er ist ein »brutum factum«. Hier bleibt kein Raum für Hermeneutik, wenn Hermeneutik in diesem Fall bedeutet, daß der Sündenfall als tatsächliches Geschehen (im Sinne eines »brutum factum«) wegerklärt wird. […] Es ist eine logisch begründete Aussage über ein geschichtliches, in Raum und Zeit geschehenes »brutum factum«. Vor dem Fall gab es die Zeit, und es gab eine Geschichte in Raum und Zeit; und dann wandte sich der Mensch aufgrund einer freiwilligen Entscheidung von seinem angemessenen Bezugspunkt ab, und damit verursachte er einen ethischen Bruch – der Mensch wurde abnorm.

F. Schaeffer: Gottes Kirche inmitten der Verwirrungen des 20. Jahrhunderts

Am 23. September 1981 war Francis A. Schaeffer der Hauptredner für den Mittwochabend-Gottesdienst der 1. Generalversammlung in der Ward Presbyterian Church in Livonia, Michigan (USA). Der Vortrag wurde mitgeschnitten. Obwohl die Qualität zu wünschen übrig lässt, erlaubt die Aufnahme einen guten Einblick in die Art, wie Schaeffer in den letzten Lebensjahren zu den Gemeinden sprach. Er hatte gerade das Manuskript des Buches A Christian Manifesto abgeschlossen. Schaeffer zeigte in dem Buch, wie Recht, Regierung, Bildungseinrichtungen und die Medien zu einer Abkehr von den jüdisch-christlichen Wurzeln beigetragen haben.

Francis Schaeffer: Den Lauf der Geschichte ändern

Hier eine Rede von Francis Schaeffer, die er an Studenten der Liberty University am 23. Januar 1981 gerichtet hat. Er erläutert hier viele Grundeinsichten seiner Apologetik. Vor allem warnt er davor, sich von „Geist der Welt“ leiten zu lassen.

Das Praktizieren der Wahrheit

Francis Schaeffer (Die Kirche Jesu Christi, 1981, S. 55):

Man muß wissen, daß der neue Humanismus und die neue Theologie kein Konzept wirklicher Wahrheit haben. Der Hegel-sche Relativismus hat wie in der Universität und der Gesellschaft so auch in der Kirche triumphiert. Der wahre Christ ist jedoch nicht nur dazu berufen, Wahrheit zu lehren, sondern auch Wahrheit zu praktizieren — inmitten dieses Relativismus. Und wenn es je eine Zeit gegeben hat, in der das Praktizieren der Wahrheit besonders wichtig war, dann ist es die unsere.

Geistlicher Ehebruch heute

Francis Schaeffer (Die Kirche Jesu Christi, 1981, S. 43–44):

Wenn diejenigen, die behaupten, daß sie Gott gehören, sich von dem Wort Gottes und dem Christus der Geschichte abwenden, dann ist das in Gottes Augen sehr viel schlimmer als der schlimmste Fall von ehelicher Untreue, denn das zerstört die Wirklichkeit des großen, zentralen Braut-Bräutigam-Verhältnisses. Ich habe mich bemüht zu betonen, daß Gott Promiskuität in geschlechtlichen Beziehungen keineswegs auf die leichte Schulter nimmt, aber Abfall vom Glauben — geistlicher Ehebruch — ist viel schlimmer. Und das ist genau das, was der moderne liberale Theologe getan hat. Und was sagen wir dazu? Ich würde meinen, daß wir uns bemühen sollten, die Situation nicht weniger klar zu beurteilen, als Gott das tut. Wenn man sich die liberale Theologie von heute ansieht, so wird deutlich, daß sie den Gott, den es gibt, leugnet. Sie leugnet den göttlichen historischen Christus. Sie leugnet die Bibel als das Wort Gottes in menschlicher Sprache. Sie leugnet den Heilsweg Gottes. Die Liberalen erheben ihre eigenen humanistischen Theorien in eine Stellung, die über dem Wort Gottes, der offenbarten Mitteilung Gottes an den Menschen, gilt. Sie machen sich durch bloße Projektionen ihres Denkens Götter, die keine Götter sein können.

Alle Dinge sind relativ

Während der Vorbereitungen für einen Vortrag zum Thema „Francis Schaeffer: Apologet zur Ehre Gottes“, bald zu halten auf der Bibelbund-Konferenz 2018 in Rehe (allerdings nicht, wie geplant, am Samstag, sondern am Sonntag oder Montag), habe ich wieder einige Texte von Schaeffer gelesen. Es ist schon erstaunlich, wie klar er Probleme auf den Punkt gebracht hat, mit denen wir noch heute zu kämpfen haben.

Ein Beispiel:

Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der alle Dinge relativ sind und in der der letztgültige Wert in dem besteht, was das Individuum oder die Gesellschaft „glücklich“ macht oder was einem gerade ein momentanes Wohlgefühl vermittelt. Nicht nur der hedonistische junge Mensch tut das, was ihm gerade gefällt, sondern die Gesellschaft als Ganzes verhält sich so. Dies hat viele Aspekte, einer davon besteht in dem Zusammenbruch jeglicher Stabilität innerhalb der Gesellschaft.

Nichts steht fest, es gibt keine letztgültigen Normen; es zählt nur, was einen „glücklich“ macht. Dies gilt sogar für das menschliche Leben. Die Titelgeschichte der Newsweek vom 11. Januar 1982 bestand aus einem sechs- oder siebenseitigen Artikel, der überzeugend darstellte, daß das menschliche Leben mit der Empfängnis beginnt. Jeder Student der Biologie hätte dies alles schon längst wissen sollen. Wenn man dann die Seiten umblättert, stößt man auf den nächsten Artikel mit der Überschrift: „Aber ist es schon eine Person?“ Die Schlußfolgerung dieser Seite lautet: „Das Problem besteht nicht darin zu entscheiden, wann wirkliches menschliches Leben beginnt, sondern darin, wann der Wert dieses Lebens andere Überlegungen verdrängt, wie z. B. die Gesundheit oder sogar das Glück der Mutter.“ Der erschreckende Satzteil besteht in „oder sogar das Glück“.

Also kann und wird selbst anerkanntes menschliches Leben um des Glücks einer anderen Person willen beendet. Ohne feste Werte ist nur mein eigenes oder das momentane Glück der Gesellschaft von Bedeutung … Es wird natürlich zunehmend akzeptiert, daß ein neugeborenes Baby immer dann, wenn es eine Familie oder die Gesellschaft vermutlich unglücklich macht, sterben darf. Sie brauchen bloß den Fernseher anzuschalten, so kommt es zunehmend wie eine Flut über Sie.

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