Gender

Kathleen Stock rehabilitiert

Sie wurde an ihrer UniversitĂ€t gemobbt, weil sie an ihrem biologischen Geschlecht festhielt. Schließlich kĂŒndigte Kathleen Stock ihren Job (vgl. hier). Jetzt profitiert die britische Feministin von einer neuen Behörde, die sich fĂŒr Meinungsfreiheit einsetzt. Eine gute Entwicklung, ĂŒber die die NZZ berichtet.

Die Bewegung der Woken setzte Kathleen Stock einst schwer zu. Weil die englische Professorin auf dem biologischen Unterschied der Geschlechter bestand und das Konzept einer von der Anatomie unabhĂ€ngigen Gender-IdentitĂ€t zurĂŒckwies, kam es 2021 zu wĂŒtenden Protesten an der University of Sussex, an der Stock lehrte.

Die Gender-kritische Philosophieprofessorin musste jahrelang Mobbing und Schikanen wegen ihrer Ansichten ertragen. Nach einer, wie sie schrieb, „absolut schrecklichen Zeit“ fĂŒr ihre Familie und sie selbst sah sich Stock schliesslich gezwungen, ihre Lehrstelle aufzugeben. Drei Jahre spĂ€ter aber diagnostizierte sie in der Londoner „Times“ das SchwĂ€cheln der Woke-Bewegung. Und nun gibt ihr auch die Regierung in einem bisher einzigartigen Verfahren recht, das den Gender-Wars eine neue Dynamik gibt.

Die Hochschulaufsichtsbehörde Office for Students (OfS) brummte der University of Sussex eine Geldstrafe in der Höhe von 585 000 Pfund auf – wegen Nichteinhaltung der Redefreiheit. Die OfS, 2024 gegrĂŒndet, soll sich um Meinungs- und akademische Freiheit kĂŒmmern.Als OfS-Direktor fungiert Arif Ahmed, ein Wittgenstein-Experte und Philosophieprofessor an der UniversitĂ€t Cambridge. Ahmed sah sich gezwungen, die Untersuchung und ihre Ergebnisse im Fall Stock gegen die heftige Kritik der Vizekanzlerin der UniversitĂ€t Sussex, Sasha Roseneil, zu verteidigen, die diese als „ungeheuerlich und zusammengebastelt“ bezeichnete.

Mehr: www.nzz.ch.

Ist Ihr Baby heterosexuell oder schwul?

KrankenhĂ€user in South Jersey (USA) verteilen Formulare, in denen schwangere und frisch entbundene MĂŒtter nach der GeschlechtsidentitĂ€t und sexuellen Orientierung ihrer Babys gefragt werden, so eine Patientin aus South Jersey. Das meldet NJ.COM, ein Anbieter lokaler Nachrichten. Zitat: 

„Welches Geschlecht wurde Ihrem Baby bei der Geburt zugewiesen?“

„Welche der folgenden Aussagen beschreibt Ihr Baby am besten? Lesbisch oder schwul; heterosexuell, bisexuell, fragend/unsicher, möchte lieber nicht antworten.“

Das Formular von Inspira Health erklĂ€rt, dass die Fragen nach staatlichem Recht erforderlich sind und dem Krankenhaus dabei helfen sollen, seinen Auftrag zu erfĂŒllen, „eine sichere und mitfĂŒhlende Erfahrung zu bieten“. Das Gesetz von 2021 verpflichtet medizinisches Fachpersonal, Patienten nicht nur nach ihrer Rasse und ethnischen Zugehörigkeit, sondern auch nach ihrer GeschlechtsidentitĂ€t und sexuellen Orientierung zu fragen. Die Teilnahme der Patienten ist freiwillig. 

Lillie Mingle sagte, als sie das Formular in einem Paket vom Krankenhaus erhielt: „Ich war schockiert, und dann ĂŒberkam mich Ekel. UnabhĂ€ngig von meinen persönlichen Überzeugungen war allein die verwendete Sprache sehr beunruhigend.“ Mingle veröffentlichte das Formular in den sozialen Medien, woraufhin sie Antworten von anderen MĂŒttern erhielt, die angaben, in anderen KrankenhĂ€usern, die nicht mit Inspira verbunden sind, einen Ă€hnlichen Fragebogen erhalten zu haben. Die Senatorin des Bundesstaats, Holly Schepisi, R-Bergen, bekam Wind von dem Gerede und stellte Nachforschungen an. Am Freitag sagte sie, sie arbeite an einem Gesetzesentwurf, der das Gesetz Ă€ndern und etwas „gesunden Menschenverstand“ einfĂŒhren wĂŒrde.

Hier: www.nj.com.

Die geleugnete Natur

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Abigail Favale hat mit Die geleugnete Natur einen bedeutsamen christlichen Beitrag zur Genderdebatte veröffentlicht. Mein Fazit:

Die Autorin stellt die These auf, dass der biblische Schöpfungsbericht und die gĂ€ngigen Gendertheorien zwei unvereinbare Weisen sind, das menschliche Personsein zu verstehen. Sie ist davon ĂŒberzeugt, dass uns Menschen eine „Natur“ mitgegeben ist und dass Mann und Frau einander ergĂ€nzen. Der heute verbreiteten Vorstellung einer rein sozial konstruierten IdentitĂ€t oder Geschlechtlichkeit erteilt sie eine klare Absage. Die sich daraus ergebenden Fragen diskutiert Favale kenntnisreich und verstĂ€ndlich, wobei sie die sachlichen AusfĂŒhrungen gewinnbringend und manchmal humorvoll mit ihrer eigenen Geschichte verknĂŒpft. Praktischen und seelsorgerlichen Fragen, die mit Wucht auf uns hereinbrechen, stellt sie sich ehrlich.

Insgesamt hat Abigail Favale ein ĂŒberaus lesenswertes und wichtiges Buch geschrieben. Sie rĂ€umt – um Hanna-Barbara Gerl-Fallkovitz aus ihrem Vorwort zu zitieren – „die postmodernen AltĂ€re ab“ (S. 11). Und sie macht Mut, Themen, die heute die Welt bewegen, eigenstĂ€ndig christlich in den Blick zu nehmen. Möge Die geleugnete Natur viele Christen dazu anregen, konsequenter von Gottes Offenbarung her zu denken und zu leben.

Die vollstÀndige Buchbesprechung gibt es bei Evangelium21: www.evangelium21.net.

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Nicht-binÀres Geschlecht im prÀhistorischen Europa

Ein Forschungsteam analysiert Geschlechtsdaten aus GrĂ€bern aus einem Zeitraum von fast 4000 Jahren und sie fanden dabei heraus, dass die gesellschaftliche Rolle prĂ€historischer Individuen mehrheitlich durch ihr biologisches Geschlecht bestimmt wurde. Es habe sich aber gezeigt, dass es schon frĂŒher nicht-binĂ€re Geschlechter gegeben habe. Als Leser fragt man sich: Wie denn? Die Antwort: Die Anordnung von Schmuck und Waffen im Grab gibt angeblich Auskunft darĂŒber. Offensichtlich werden gewisse Rollenschablonen zurĂŒck projiziert. Bestimmte GegenstĂ€nde und ihre Anordnung sollen Auskunft gegen ĂŒber das unterstellte soziale Geschlecht.

Am KlĂŒgsten finde ich diese Kommentierung: 

Dr. Nicola Ialongo vom Seminar fĂŒr Ur- und FrĂŒhgeschichte der UniversitĂ€t Göttingen fĂŒgt hinzu, dass dies nur eine der möglichen Interpretationen sei. »Zum jetzigen Zeitpunkt können wir die tatsĂ€chliche GrĂ¶ĂŸenordnung noch nicht abschĂ€tzen. Das liegt nicht nur an der FehleranfĂ€lligkeit der Methoden, zum Beispiel bei der Untersuchung der Knochen. Wir mĂŒssen auch den BestĂ€tigungsfehler berĂŒcksichtigen: Wir Menschen neigen dazu, das zu finden, was wir finden wollen.« ZukĂŒnftig sollen biomolekulare Analysen, zum Beispiel an der DNA und an Proteinen im Zahnschmelz, zusĂ€tzliche Daten liefern.

Hier mehr mit einem Link auf den Aufsatz, der im Cambridge Archaeological Journal erschienen ist: www.archaeologie-online.de.

Das entleibte Geschlecht

Bei Genderfragen soll die Biologie des menschlichen Körpers einerseits keine Rolle mehr spielen. Das, was ich fĂŒhle, entscheidet angeblich ĂŒber mein Geschlecht. Andererseits erleben wir einen Hype um den natĂŒrlichen Umgang mit dem Körper – egal, ob es die ErnĂ€hrung, EmpfĂ€ngnisverhĂŒtung oder die Menstruation betrifft. Natur ist „in“. Wie passt das zusammen?

Judith Blage geht genau dieser Frage nach und zeigt, dass wir nur dort nach NatĂŒrlichkeit streben, wo es uns in den Kram passt:

Wie unlogisch 
 diese entleibte Sicht auf Geschlecht ist, lĂ€sst sich gut am Beispiel Gendermedizin demonstrieren. Nirgendwo sonst wird so deutlich, wie wichtig es fĂŒr die Gleichbehandlung ist, Geschlechter sehr wohl biologisch zu unterscheiden: Frauen und MĂ€nner erkranken nicht nur anders, sie reagieren auch unterschiedlich auf Medikamente.

Weil medizinische Forschung hauptsĂ€chlich an MĂ€nnern stattfindet, sterben Frauen noch immer hĂ€ufiger an Herzinfarkten und anderen Erkrankungen. Ihre Symptome werden schlicht nicht so gut erkannt wie die von MĂ€nnern. Deshalb fordern Experten eine bessere Erforschung der Geschlechtsunterschiede in der Medizin – und stossen damit absurderweise unter anderem auf Proteste von Feministinnen.

Warum also streben wir in so vielen alltĂ€glichen Bereichen und in fast aberwitzig unwichtigen Details nach dem grossen Ziel der vermeintlichen NatĂŒrlichkeit, wĂ€hrend wir in anderen grossen Fragen das Vorhandensein von Körperlichkeit und Biologie so vehement verneinen?

Mehr: www.nzz.ch.

Das dritte Geschlecht?

Vermutlich wird es etlichen Lesern des Blogs auf die Nerven gehen, dass ich hier immer wieder etwas zum Thema „Soziales Geschlecht“ publiziere. Ich selbst finde es auch langweilig. Aber da vor allem unseren Kindern in vielen Schulen und Medien ein neues FĂŒhlen eingeimpft wird, werde ich auch in Zukunft dranbleiben.

Heute stelle ich das Video „Drittes Geschlecht? 11 Fakten ĂŒber Gender“ ein, das mit den Einnahmen der RundfunkbeitrĂ€ge produziert wurde und junge Leute ĂŒber das Geschlecht aufklĂ€ren soll.

Der Beitrag transportiert – ich möchte es so drakonisch formulieren – fast nur „alternative Wahrheiten und Fakten“. Kinder und Jugendliche werden das aber nur merken, wenn wir mit ihnen darĂŒber reden und darauf hinweisen, was hier alles FakeInfos sind. Denn es gibt eine wahrscheinlich unausgesprochene Übereinkunft zwischen den Ministerien, MedienhĂ€usern, Konzernen und Instituten, die allesamt das neue FĂŒhlen einfĂŒhren möchten und auf ihren KanĂ€len in das gleiche Horn blasen.

Achtung: Wer anders darĂŒber denkt als der Jugendkanal Funk, muss sich darauf gefasst machen, dass er versehentlich eine Gabel in den Oberschenkel gerammt bekommt.

Es ist ganz einfach – wir bleiben Mann und Frau

Die Schulbuchautorin Rieke HĂŒmpel hat fĂŒr DIE WELT auf gut verstĂ€ndliche Weise erklĂ€rt, warum es nur zwei Geschlechter gibt:

Sind Sie eine Frau oder ein Mann? Vermutlich brauchen Sie nicht allzu lange, um diese Frage zu klĂ€ren. Doch mit schnellen Antworten soll kĂŒnftig Schluss sein, wenn es nach den AnhĂ€ngern der sogenannten Queer-Ideologie geht. Ihrem Glauben nach fĂ€hrt nĂ€mlich ein Geist des Geschlechtes in den menschlichen Körper, der sich ĂŒber das GefĂŒhl ausdrĂŒckt. Der Körper wird zur HĂŒlle, in dem das empfundene Geschlecht wie ein Flaschengeist in einer Flasche haust. Du bist, was du fĂŒhlst.




Mit Sven Lehmann hat die Bundesrepublik nun sogar einen Queer-Beauftragten. Die Regenbogenfahne (die zuvor erfolgreich den Homosexuellen aus der Hand genommen wurde) weht mittlerweile hart am Wind, adoptiert von den Instanzen dieser Gesellschaft. Wer es jetzt noch wagt, an der Geschlechter-Geist-Idee zu zweifeln und etwa MĂ€nner nicht aufgrund ihrer GefĂŒhle als Frauen anerkennen will, wird sofort mit dem Vorwurf der Transphobie niedergebĂŒgelt.




Das Geschlecht ist biologisch. Es ist definiert als Hinentwicklung eines Organismus auf die Produktion eines bestimmten Keimzelltypus. Es gibt zwei Keimzelltypen. Beim Menschen heißen die, die sich auf die Eizellenproduktion hin entwickeln, Frauen. Diejenigen, die sich auf die Spermienproduktion hin entwickeln, sind die MĂ€nner. Frauen können MĂ€nnerkleider tragen, MĂ€nner Frauenkleider. Doch ein Wechsel des Geschlechts ist beim Menschen nicht möglich. Das ist eine bestĂ€tigte Erkenntnis der Biologie. Menschen sind keine Clownfische. Die Biologie ist keine Ideologie, sondern eine anerkannte Naturwissenschaft – sie ist die Lehre des Lebens.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Das Gerede vom „sozialen Geschlecht“

Nachdem die Biologin und NobelpreistrĂ€gerin Christiane NĂŒsslein-Volhard explizit festgestellt hat, dass es nur zwei Geschlechter gibt, wird jetzt von interessierter Seite behauptet, man könnte doch „Geschlecht“ auch in einem gĂ€nzlich anderen Sinne verstehen. Aber in welchem? Auf diese Frage bleiben die Verfechter der Vielgeschlechtlichkeit eine klare Antwort schuldig, meint Uwe Steinhoff in dem Cicero-Artikel: „Das Gerede vom ‚sozialen Geschlecht‘“:

Ein grundsĂ€tzliches Problem der Debatte ist sicherlich, dass Apologeten der Vielgeschlechtlichkeit und Sozialkonstruktivisten nicht begreifen, dass das wilde Umdefinieren von Begriffen und somit Neuetikettieren von Dingen nicht dasselbe ist, wie eine wissenschaftliche Entdeckung zu machen. Die wissenschaftliche Begriffsexplikation eines alltĂ€glichen Begriffs hat nĂ€mlich dem Wissenschaftstheoretiker Rudolf Carnap zufolge eine Ähnlichkeit mit dem Alltagsbegriff aufzuweisen, sowie exakt und einfach und vor allem fruchtbar zu sein, das heißt sich fĂŒr wissenschaftliche ErklĂ€rungen und Voraussagen zu eignen. Der oben definierte Geschlechtsbegriff ist ein Paradebeispiel fĂŒr die ErfĂŒllung dieser Kriterien. Die Geschlechterinflation des Ethikrates und der „gender studies“ ist es nicht. Und so haben wir hier eine Seite, welche aus einer klaren, nĂ€mlich auf die Biologie zurĂŒckgreifenden Definition von Geschlecht und einer empirisch bestĂ€tigten Tatsache logisch gĂŒltig die Zweigeschlechtlichkeit ableitet. Das heißt, sie hat ein Argument. Und wir haben eine andere Seite, die nicht einmal erklĂ€ren kann, was sie mit „Geschlecht“ ĂŒberhaupt meint. Das freilich macht ihre VerkĂŒndigung der „Vielgeschlechtlichkeit“ zu nichts als leerem Gerede.

Warum hat dann die These von der „Vielgeschlechtlichkeit“ in gewissen Kreisen solch großen Erfolg? Ganz einfach: Wissenschaftliche Fruchtbarkeit und publizistische Ausschlachtbarkeit mĂŒssen nicht notwendig konvergieren. Klare Begriffe nĂ€mlich machen bullshitting, um einen englischen Ausdruck zu benutzen, um einiges schwieriger. Um ein Beispiel anzufĂŒhren: Der Biologe geht mit einem klaren Begriff von Geschlecht nach Papua-Neuguinea, stellt wenig ĂŒberraschend fest, dass es auch dort kein drittes gibt, erzĂ€hlt das einem Journalisten, und dieser verzichtet ebenso wenig ĂŒberraschend auf die Schlagzeile: „Immer noch nur zwei Geschlechter.“

Der in der „Methodik“ der gender studies Geschulte hingegen geht mit einem unklaren oder gar keinem Begriff von Geschlecht in den Dschungel, entdeckt dort zölibatĂ€r lebende bogenschießende Lesben, sagt sich, „Ach, die nenne ich mal ein Geschlecht“, erzĂ€hlt das einem Journalisten – und wird prompt als innovativer und „progressiver“ Zeuge der Vielgeschlechtlichkeit gefeiert, nicht zuletzt von Aktivisten, die „neue Geschlechter“ „sichtbar“ machen wollen und dafĂŒr im gegenwĂ€rtigen politischen Klima auf Fördergelder hoffen dĂŒrfen.

Mehr: www.cicero.de.

Geschlechter in Auflösung

Carl Trueman stellt in seinem Buch The Rise and Triumph of the Modern Self, das ĂŒbrigens noch in diesem Jahr in deutscher Sprache erscheinen soll, die These auf, dass wir in einer Zeit leben, in der ein inneres Selbst, dass sich von Ă€ußerlichen Vorgaben – etwa durch den Leib – emanzipiert hat, darĂŒber entscheidet, wer der Mensch ist. Der psychologische Mensch entdeckt nicht, wer er ist, er kann entscheiden, wer er ist.  Ihm werden durch Geschlechtermerkmale, Gene oder kulturelle Eigenheiten keine Grenzen mehr gesetzt. Ein Sprechakt genĂŒgt.

Ein FAZ-Beitrag vom 19. April 2022 illustriert passend, wie sich dieses psychologische Selbst im realen Leben „so schlĂ€gt“ und wohin die Reise geht.  Der Soziologe Stefan Hirschauer fragt in seinem Aufsatz „Geschlechter in Auflösung“, wie lange wir denn dieses innere wahre Geschlecht eigentlich noch brauchen. Kurz: Warum soll man Frauen und MĂ€nner, die man in fast allem Wesentlichen fĂŒr gleich hĂ€lt, ein Leben lang unterscheiden? Diese Mystifikation ist doch lĂ€ngst ĂŒberholt.

Die Geschlechtszugehörigkeit war in Europa lange eine primĂ€r soziale Kategorie, eine Art Stand, der erst im neunzehnten Jahrhundert auf den Körper gegrĂŒndet wurde. Diese Biologisierung wurde seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts schrittweise abgelöst von einer (heute hegemonialen) psychischen Essenzialisierung, die das Geschlecht wie eine Art religiöses Bekenntnis rahmt. Die vorgebliche Felsenhaftigkeit der geschlechtlichen SelbstverstĂ€ndnisse wuchs dabei in Konkurrenz zur ebenso unabweisbaren FaktizitĂ€t des körperlichen Geschlechts. Geschlechtswechsler und Nicht-BinĂ€re zogen sich vor der objektivierenden GeschlechtsbestimmungsautoritĂ€t der Biologie in sich selbst zurĂŒck.

Offen ist, wie weit sich diese Subjektivierung treiben lĂ€sst. In der „taz“ Ă€ußerte sich 2016 ein Transmann, der nicht nur (wie die Abgeordnete Ganserer) auf Operationen und amtliche Umbenennung, sondern auch auf jede Darstellung des Mannseins verzichten wollte, dieses also allein aufgrund seines Selbsterlebens reklamierte. Einerseits gewönne die Geschlechterdifferenz so auf eine Weise RealitĂ€t, die sich fĂŒr vergleichbare Unterscheidungen wie die von „Rassen“ und Altersklassen bislang nicht durchsetzen ließ. Die Amerikanerin Rachel Dolezal scheiterte 2015 mit ihrem Anspruch auf eine „schwarze Seele“, der NiederlĂ€nder Emile Ratelband 2018 damit, sich juristisch verjĂŒngen zu lassen. Andererseits kann auch die geschlechtliche Selbstbestimmung in Sozialbeziehungen nicht ohne Weiteres als Anspruch darauf funktionieren, von anderen auch als Exemplar des Wunschgeschlechts erlebt zu werden. Geschlechtsgeltung lĂ€sst sich nicht erzwingen – etwa durch Verbote von sogenannten „Deadnames“ –, sie kann andere (mindestens temporĂ€r) ĂŒberfordern, etwa Familienmitglieder, die der verlassenen Geschlechtszugehörigkeit einer Tochter, eines Bruders oder Ehemanns als Teil einer Geschlechterbeziehung angehörten. It takes two to gender.

Vermutlich ist die „GeschlechtsidentitĂ€t“ die letzte Bastion des Glaubens an ein wahres Geschlecht. Ihr liegt die Vorstellung eines einzigen, eigentlichen, in den Tiefen der Psyche verborgenen Geschlechts zugrunde. Mit dieser Mystifikation wurde der skrupulösen Selbstbeforschung vereinzelter Subjekte die Sinnstiftung fĂŒr eine Klassifikation aufgebĂŒrdet, die so fragwĂŒrdig geworden ist wie die von „Rassen“. FĂŒr die gesellschaftliche Mehrheit dagegen ist die Zweigeschlechtlichkeit in dem Maße, dass das körperliche Geschlecht keine sozialen Folgen mehr hat, keine große EinschrĂ€nkung mehr.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

„Genderismus“ als SĂŒndenbock

In dem Aufsatz â€žâ€šGenderismus‘ als SĂŒndenbock“ beschwert sich Judith Butler ĂŒber die zunehmende Kritik an den Gendertheorien (Philosophie Magazin, Sonderausgabe 20, Jan/Apr 2022, S. 18–23, zuerst am 23.10.2022 als â€žWhy is the idea of ,gender‘ provoking backlash the world over?“ im Guardian erschienen).

Sie behauptet dort im Wesentlichen, dass der Treiber des „Antigenderismus“ die Sehnsucht nach autoritĂ€rer Herrschaft und Zensur sei. Unter dem Vorwand, dass die Kritiker der Gendertheorien keinen Bildungswillen mitbrĂ€chten und kaum dazu bereit seien, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprechen, verzichtet sie darauf, inhaltliche Argumente fĂŒr ihre Behauptung vorzutragen. DafĂŒr macht sie genau das, was sie ihren Opponenten unterstellt. Sie vereinfacht, diffamiert und schablonisiert. Und sie rĂŒckt den „Antigenderismus“ in die NĂ€he des Faschismus. Ausgrenzungen dieser Art verfehlen ihr Ziel selten. Sie zeigen eben auch oft, dass es um sachliche Argumente nicht gut bestellt ist.

Nachfolgend einige Zitate von Judith Butler aus dem besagten Aufsatz:

Die Argumente der Anti-Gender-Bewegung sperren sich gegen eine schlĂŒssige Rekonstruktion, weil es ihren Vertretern nicht unbedingt auf Konsistenz und KohĂ€renz ankommt. (S. 19)

Auch wenn die Bewegung allgemeiner nationalistisch, transphob, misogyn und homophob ist, besteht ihr Hauptziel in einer Umkehrung der rechtlichen Fortschritte, die die LGBTQI- und feministischen Bewegungen in den letzten Jahrzehnten erkÀmpft haben. (S. 19)

[Die Vertreter der Gendertheorien] bestreiten nicht, dass es ein biologisches Geschlecht gibt; sie fragen danach, wie Geschlecht durch medizinische und rechtliche Rahmenbedingungen hergestellt wird, wie sich dieser Rahmen historisch verĂ€ndert hat und welchen Unterschied es fĂŒr die soziale Organisation unserer Welt macht, wenn das Geschlecht, das wir bei der Geburt zugewiesen bekommen, fĂŒr das weitere Leben unter anderem in den Arbeits- und LiebesverhĂ€ltnissen keine vorbestimmende Rolle mehr spielt. (S. 19–20)

Im Allgemeinen stellen wir uns die Zuweisung des Geschlechts als etwas vor, das nur einmal geschieht. Aber was ist, wenn wir es uns als komplexen und revidierbaren Prozess denken? Das heißt ĂŒber die Zeit revidierbar fĂŒr diejenigen, die das falsche Geschlecht zugewiesen bekommen haben? Wer eine solche Perspektive einnimmt, stellt sich nicht gegen die Wissenschaft, sondern fragt nur, in welcher Weise Wissenschaft und Recht in die soziale Regulierung von IdentitĂ€ten eingehen. (S. 20)

Angestachelt von Sorgen vor einem Zusammenbruch der Infrastruktur, Hass auf Migranten und – in Europa – der Furcht, der Unantastbarkeit von heteronormativer Familie, nationaler IdentitĂ€t und weißer Vorherrschaft verlustig zu gehen, suchen viele die Schuld bei der zersetzenden Kraft von Gender, Postkolonialismus und Critical Race Theory. Wenn sich diese Gruppen Gender als Invasion von außen imaginieren, zeigen sie nur zu deutlich, dass sie selbst nationalistisch motiviert sind. (S. 20)

Gleichzeitig nehmen Gegner der „Gender-Ideologie“ Zuflucht zur Bibel, um ihre Ansichten ĂŒber die natĂŒrliche Hierarchie zwischen Mann und Frau und ĂŒber die je eigenen VorzĂŒge des MĂ€nnlichen und Weiblichen zu untermauern (auch wenn fortschrittliche Theologen klargestellt haben, dass diese auf strittigen Lesarten der Bibeltexte beruhen). In Angleichung der Bibel an die Naturrechtslehre erklĂ€ren sie das zugewiesene Geschlecht zur göttlichen Setzung und tun seltsamerweise so, als stĂŒnden heutige Biologinnen und Medizinerinnen im Dienste einer Theologie aus dem 13. Jahrhundert. (S. 22)

Als faschistische Tendenz greift sie vielmehr auf eine ganze Reihe rhetorischer Strategien aus dem gesamten politischen Spektrum zurĂŒck, um damit die Angst vor Unterwanderung und Zerstörung, die ganz unterschiedlichen ökonomischen und sozialen KrĂ€ften entspringt, auf die Spitze zu treiben. Sie strebt ĂŒberhaupt nicht nach Konsistenz, denn ihre StĂ€rke speist sich gerade auch aus ihrer InkohĂ€renz. (S. 22)

[Die Anti-Gender-Ideologie] ist reaktionĂ€re Hetze, ein BĂŒndel aufwiegelnder WidersprĂŒche und inkohĂ€renter Behauptungen und AnwĂŒrfe. Sie lebt von genau der InstabilitĂ€t, die sie einzudĂ€mmen verspricht, und ihr eigener Diskurs stiftet selbst nichts als Chaos. Durch eine Flut inkonsistenter und ĂŒbertreibender Behauptungen rĂŒhrt sie sich eine Welt diverser unmittelbarer Bedrohungen zusammen, um ihren Ruf nach autoritĂ€rer Herrschaft und Zensur zu unterfĂŒttern.

Als faschistische Tendenz unterstĂŒtzt die Anti-Gender-Bewegung immer stĂ€rker werdende Formen des Autoritarismus. Durch ihre Taktiken werden Staaten ermutigt, in UniversitĂ€tsprogramme einzugreifen, Kunst und TV-Programme zu zensieren, Transpersonen ihre Rechte zu verwehren und LGBTQI aus öffentlichen RĂ€umen zu verbannen, reproduktive Freiheiten einzuschrĂ€nken und den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen, Kinder und LGBTQI- Personen zu untergraben. (S. 23)

Warum ist dieser Beitrag so unsachlich und im Ton herabwĂŒrdigend? Zum Teil kann das damit erklĂ€rt werden, dass viele Texte von Judith Butler in so einem Stil vorgetragen sind. Sie schreibt mehr als Aktivistin denn als Philosophin. Es könnte aber darĂŒber hinaus der Fall sein, dass sich immer mehr Intellektuelle gegen die oft seltsamen Thesen des Genderaktivismus wehren und die Luft fĂŒr die vielen Gender-Professorinnen enger wird. Aus Betroffenheit entwickelt sich manchmal Wut.

Alan Sokal (ja, genau der vom Sokal-Skandal, vgl. hier S. 11–16) kommentiert den Aufsatz von Butler sachlich: „Wir unterstĂŒtzen voll und ganz das Recht aller Menschen, ihr Leben so zu leben, wie sie es wĂŒnschen, frei von Gewalt, BelĂ€stigung und Diskriminierung. Wir sind jedoch nicht mit der radikalen Idee einverstanden, dass die selbst deklarierte GeschlechtsidentitĂ€t das biologische Geschlecht fĂŒr alle rechtlichen und sozialen Zwecke ersetzen sollte.“

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