Gideon Böss

Die Linken und das Christentum

380 Millionen Christen werden weltweit unterdrückt. Trotzdem gibt es für diese verfolgte Minderheit kaum Solidarität unter den Linken. Dem Islam begegnen Linke hingegen mit Respekt und Verständnis. Woran liegt das? Gideon Böss sucht nach Erklärungen:

Tagelang rang der linke Teil Deutschlands um Fassung, nachdem es zwei Nationalspieler gewagt hatten, nach dem WM-Spiel gegen Curaçao auf dem Spielfeld zu beten. Christliche Gebete scheinen dieses Milieu also sogar noch mehr zu triggern als die schwarz-rot-goldene Fahne unserer liberalen Demokratie.

Dabei ist es eigentlich doch eher überraschend, warum die Linken so ein schlechtes Bild vom Christentum haben, obwohl sie sich sonst so gerne vor verfolgte Minderheiten stellen. Immerhin werden dreihundertachtzig Millionen Christen weltweit unterdrückt. In Ländern wie Nigeria oder dem Kongo sind sie zudem Massakern durch islamistische Banden und Terrororganisationen ausgesetzt. Dörfer werden überfallen, Kirchen angezündet und Mütter mit ihren Kindern zusammen erschlagen. Trotzdem gibt es keine linke Solidarität. Warum eigentlich nicht?

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Linke eine mörderische Bilanz in Sachen Christenverfolgung hat und diese nie aufgearbeitet wurde. Statt eine gewisse Demut zu zeigen, gefällt sie sich weiter darin, diese Religion permanent zu attackieren, was sie umgekehrt beim Islam vermissen lässt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es jene von Tah erwähnte Nächstenliebe ist, welche die Linken und das Christentum trennt. Wo die einen im Namen der Weltrevolution gerne die selbst angehäuften Leichenberge mit einer „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“-Rhetorik abtun, betonen die anderen den Wert eines jeden Menschen. Das Christentum ist eine Provokation für jeden Totalitarismus, denn in jenem löst sich das Individuum auf. Im christlichen Glauben hingegen ist jeder Mensch ein Ebenbild Gottes. Daran haben die betenden Fußballer erinnert. Erstaunlich, dass eine solche Botschaft Empörung hervorrufen kann.

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Es ist bedenkenswert, dass Menschen, die in der Tradition von Marx oder Nietzsche stehen, nicht nur nachsichtig mit dem Islam umgehen, sondern ihn teilweise sogar bewundern. Das lässt sich nicht allein damit erklären, dass sie im Islam eine durch den Westen unterdrückte Religion sehen. Auch die Nächstenliebe reicht für eine Erklärung nicht aus. Mir scheinen die Gründe viel tiefer zu liegen. Vielleicht liegt es ja daran, dass der christliche Glaube den Menschen zutiefst demütigt, indem er sagt, dass es einer wirklichen Erlösung bedarf (zu der ein Mensch nichts beitragen kann). Ein weiterer Grund ist wohl die vermeintliche Diesseitsabgewandtheit des Christentums. Für Nietzsche war der Islam hingegen lebensbejahend. Im Antichrist schreibt er (§ 60):

Das Christenthum hat uns um die Ernte der antiken Cultur gebracht, es hat uns später wieder um die Ernte der Islam-Cultur gebracht. Die wunderbare maurische Cultur-Welt Spaniens, uns im Grunde verwandter, zu Sinn und Geschmack redender als Rom und Griechenland, wurde niedergetreten – ich sage nicht von was für Füssen – warum? weil sie vornehmen, weil sie Männer-Instinkten ihre Entstehung verdankte, weil sie zum Leben Ja sagte auch noch mit den seltnen und raffinirten Kostbarkeiten des maurischen Lebens! … Die Kreuzritter bekämpften später Etwas, vor dem sich in den Staub zu legen ihnen besser angestanden hätte, – eine Cultur, gegen die sich selbst unser neunzehntes Jahrhundert sehr arm, sehr „spät“ vorkommen dürfte. – Freilich, sie wollten Beute machen: der Orient war reich … Man sei doch unbefangen! Kreuzzüge – die höhere Seeräuberei, weiter nichts! — Der deutsche Adel, Wikinger-Adel im Grunde, war damit in seinem Elemente: die Kirche wusste nur zu gut, womit man deutschen Adel hat … Der deutsche Adel, immer die „Schweizer“ der Kirche, immer im Dienste aller schlechten Instinkte der Kirche, – aber gut bezahlt … Dass die Kirche gerade mit Hülfe deutscher Schwerter, deutschen Blutes und Muthes ihren Todfeindschafts-Krieg gegen alles Vornehme auf Erden durchgeführt hat! Es giebt an dieser Stelle eine Menge schmerzlicher Fragen. Der deutsche Adel fehlt beinahe in der Geschichte der höheren Cultur: man erräth den Grund … Christenthum, Alkohol – die beiden grossen Mittel der Corruption … An sich sollte es ja keine Wahl geben, Angesichts von Islam und Christenthum, so wenig als Angesichts eines Arabers und eines Juden. Die Entscheidung ist gegeben, es steht Niemandem frei, hier noch zu wählen. Entweder ist man ein Tschandala oder man ist es nicht … „Krieg mit Rom auf’s Messer! Friede, Freundschaft mit dem Islam“: so empfand, so that jener grosse Freigeist, das Genie unter den deutschen Kaisern, Friedrich der Zweite. Wie? muss ein Deutscher erst Genie, erst Freigeist sein, um anständig zu empfinden? – Ich begreife nicht, wie ein Deutscher je christlich empfinden konnte …

Der woke Moralismus verfängt nicht mehr

Gideon Böss meint, dass wir „gerade wohl so etwas wie einen metaphysischen Zusammenbruch des westlichen Lebensstils, der über Jahrzehnte hinweg alles Konservative ironisierte, kritisierte und verlachte“ erleben.

Zitat: 

Menschen sind nicht für ein Leben frei von Hoffnung gemacht. Doch genau dieses toxische Leben bot der linksradikale Moralismus ihnen an: ein Leben aus gegenseitiger Verachtung, Feindschaft und Scham. Eine Ideologie wie eine ewige Depression. Da aber der Markt der Ideen nach Angebot und Nachfrage funktioniert, schiebt sich nun das Christentum zurück ins Rampenlicht. Es wirbt mit Vergebung, mit Nächstenliebe und der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Kein Wunder also, dass es eine stetige Abwanderung aus der Ecke der linken „Schäm dich“-Rhetorik gibt – hin zu „Wir sind alle Kinder Gottes“. Oftmals ist das Bekenntnis zum Christentum dabei eines zur Familie, es ist ein Wunsch nach Stabilität und Werten. Ob aus diesem Phänomen ein langfristiger Trend wird, ist nicht ausgemacht – und vermutlich war die Dämonisierung des Christentums ähnlich übertrieben wie es aktuell dessen Glorifizierung in manchen Kreisen ist. Doch es könnte der Beginn einer kulturellen Gegenbewegung sein, die sich nicht nur gegen die woke Linke richtet, sondern ebenso gegen den Aufstieg des Islam im Westen, der wegen seines Dominanzanspruchs als Bedrohung empfunden wird.

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