Jürgen Habermas

Die „Schweigespirale“

Dominik Klenk beklagt in seinem Artikel „Wird die OJC gefällt, fallen bald auch andere“ die zunehmende Schikane, die jene trifft, die eine vom Mainstream abweichende Meinung vertreten. Anlass für seine Klage sind die Erfahrungen der OJC. Seit über einem Jahrzehnt werde versucht, die „Offensive Junger Christen“ (OJC) einzuschüchtern, weil die Kommunität mit ihrem „Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft“ homoerotisch empfindenden Menschen zur Seite stehe, die sich mit diesem Lebensstil nicht identifizieren und nicht schwul leben wollen.

Klenk:

Durch die Angst vor politischer, öffentlicher und jetzt vielleicht auch noch monetärer Ausgrenzung hat sich die Politische Korrektheit in Sachen Homosexualität fast flächendeckend wie ein Mehltau niedergelassen. Die vielzitierte Schweigespirale hat nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche gut im Griff. Klug scheint, wer zu diesem Thema schweigt und schluckt. Auf diesem Weg freilich verkümmert Luthers Kirche des Wortes zu einer hüstelnden Gemeinde ohne Klarheit, Kraft und Kurs.

Das Sprechverbote und Tabus inzwischen den öffentlichen Diskurs bestimmen, zeigt ebenfalls der Focus Money Redakteur Thomas Wolf in seinem herausragend mutigen Artikel “Political Correctness: Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?“. „Es gibt in Deutschland Tabus“, schreibt Wolf. „Wer gegen den Euro ist und dies öffentlich kundtut, hat in aller Regel einen schweren Stand. Gutmenschen jeglicher Couleur denunzieren Menschen mit eurokritischen Meinungen in Talkshows als europafeindlich und als Revanchisten.“ Nur das Christentum dürfe man ablehnen, weil der Papst die Pille verbiete und Priester im Zölibat lebten. Am Islam sei dagegen jede Kritik verboten, da dies fremdenfeindlich wäre.

Wolf erwähnt ebenfalls die „Schweigespirale“:

Eine anschauliche Erklärung für das Funktionieren eines Systems aus Tabus und Redeverboten lieferte bereits in den 70er-Jahren die Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann in ihrer Theorie der Schweigespirale. Danach treibt den Menschen die Angst vor der sozialen Isolation um – keiner will in einer Gruppe oder der Gesellschaft außen stehen. Das hat seine guten Gründe: Schließlich sind wir als soziale Wesen auf die Gemeinschaft angewiesen, und wir leben auch gern in ihr. Um nur ja nicht ausgegrenzt zu werden, beobachtet der Einzelne ständig seine Umgebung auf der Suche nach der gerade vorherrschenden Meinung – und passt sich ihr dann an.

Dabei liegt doch auf der Hand, dass Tabus nur zur Verdrängung und Lähmung führen. „Sprachverbote und Zensur vergiften die geistige Atmosphäre und lähmen die lösungsorientierte Debatte. Statt zu Offenheit und Toleranz führt Politische Korrektheit zu Feigheit und Anpassertum.“

Thomas Wolf schreibt weiter:

Aber wo sind die Alternativen zur herrschenden Meinung und die neuen Denkansätze? Fehlanzeige! Wenn abweichende Meinungen nicht mehr geäußert werden, weil ihre Vertreter sofort als unmoralisch gegeißelt werden, versiegt bald jede Diskussion. Unter dem Einfluss von Political Correctness und Tabus entstand in der Bundesrepublik ein alternativloses politisches und intellektuelles Klima, das der Philosoph Peter Sloterdijk folgendermaßen beschreibt: „Ob einer sich zur Sozialdemokratie bekennt oder nicht, spielt schon längst keine Rolle mehr, weil es Nicht-Sozialdemokraten bei uns gar nicht geben kann, die Gesellschaft ist per se strukturell sozialdemokratisch, und wer es nicht ist, der ist entweder im Irrenhaus oder im Ausland. Es gibt keine ernsthafte Alternative dazu.“ Und tatsächlich redet heute alle Welt von Gerechtigkeit, wo doch nur Gleichheit gemeint ist; wird dem Kollektiv alles und dem Einzelnen immer weniger zugetraut und die Lösung der Probleme fast nur noch vom Staat erwartet.

Von der Offenheit, die von der 68er-Generation eingefordert wurde, ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Die ehemaligen Vorkämpfer gegen bürgerliche Zwänge widersprechen sogar ihren eigenen Dogmen. Mit dem „herrschaftsfreien Dialog“ des Sozialphilosophen Jürgen Habermas, eines Säulenheiligen der Linken, lassen sich sprachliche Tabus und Denkverbote jedenfalls schwer vereinbaren. Schließlich darf in diesem Dialog – der lange als Allheilmittel gegen jedwedes gesellschaftliche Übel galt – kein äußerer Zwang das Gespräch behindern.

Hier geht’s zum Artikel: „Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?“. Unbedingt lesen!

Habermas diskutiert über entprivatisierte Religion

Der Philosoph Jürgen Habermas disputierte in München mit dem Theologen Friedrich Wilhelm Graf und signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für die hermeneutische Philosophie.

Habermas, wie gesagt, redet in München kaltblütig. Und doch voller Behutsamkeit. Wie ein guter Chirurg, der nicht mehr weh tun möchte als nötig. Nein, sagte er zunächst noch ohne Chirurgenkittel an Heinrich Meier, den Stiftungs-Philosophen, gewandt – nein, es sei nicht so, wie Meier denke, dass er, Habermas, sich mit der Religion aus purem soziologischem Interesse befasse. Er prüfe sie vielmehr als Ressource für die Philosophie, für eine Philosophie, die nicht naturalistisch-szientistisch verengt sich selbst widerlege, sondern ihre semantischen Potentiale ausschöpfen möchte. Habermas signalisierte in diesem Zusammenhang mehr Sympathie für Dieter Henrich und Robert Spaemann als für den heideggerisierenden Giorgio Agamben, den er rundweg als Seher mit philosophischer Zipfelmütze betitelt. Tatsächlich scheint Habermas, zunächst paradox, aus Leidenschaft fürs Argument sich bei der Religion aufzuhalten.

Hätte er beispielsweise ein schöpfungstheologisches Argument wie die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zur Verfügung, dann könne er bestimmte Intuitionen, die er habe, leichter verteidigen. Aber solche Argumente stünden ihm nun einmal nicht zu Gebote.

Hier: www.faz.net.

Die Habermas-Methode

Der von mir geschätzte Althistoriker Egon Flaig (siehe auch hier) hat kürzlich eine Polemik gegen die Habermas-Methode veröffentlicht. Anlässlich des inzwischen 25 Jahre alten »Historikerstreits« wirft er dem Sozialphilosophen vor, zu jener Zeit journalistische Tricks verwendet zu haben, »die sonst dem Lumpenjournalismus vorbehalten waren«. Es hätte, so Flaig, »keine Nachsicht geben dürfen, denn das Ausmaß der Zitate-Verkrümmungen war gigantisch«.

Der Streit um die deutsche Verantwortung bei der Judenvernichtung im Dritten Reich ist für Flaig allerdings auch Anlass, um allgemein eine Wissenschaft zu kritisieren, die sich von der Leitidee der Wahrheit verabschiedet hat. Die Suspendierung des Diskurses über Wahrheitsansprüche führt nach Flaig zu einer Atmosphäre der Denkverbote und moralischen Diffamierungen. Originalton (FAZ vom 13. Juli 2011, Nr. 160, S. N4):

Wir sind Zeugen geworden eines Kulturbruchs, nämlich einer weitgehenden Negierung der Errungenschaften des Griechentums. Da die Verbindlichkeiten nicht mehr über den Streit entlang von Wahrheitsregeln herstellbar sind, müssen neue, ganz anders geartete Verbindlichkeiten moralisch erzwungen werden. Daher die pestartige Virulenz der Political Correctness und des Gutmenschentums mit seiner spezifischen Intelligenz. Die moralischen Diffamierungen müssen folglich immer mehr zunehmen. Bequemer als das logon didonai [Anm.: Diese griech. Formulierung, die wörtlich mit »Sprache o. Rede geben« zu übersetzen ist, spielt auf das plantonische Ideal eines philosophierenden Menschen an, der Rechenschaft ablegt für das, was der sagt.] ist die habermassche Diskursethik: Audacter calumniare, semper aliquid haeret [Anm.: lat. für »nur keck verleumdet, etwas bleibt immer hängen«].

Die ausführliche Darlegung Flaigs dazu findet sich in: Mathias Brodkorb (Hg.): Singuläres Auschwitz? Ernst Nolte, Jürgen Habermas und 25 Jahre ›Historikerstreit‹, Banzkow 2011.

Rethinking Secularism: the Power of Religion in the Public Sphere

rethinking1.jpgAm 22. Oktober kam es zu einem Zusammentreffen von Judith Butler, Charles Taylor, Cornel West und Jürgen Habermas. Das Symposium »Rethinking Secularism: the Power of Religion in the Public Sphere« bot folgende Vorträge an:

  • Judith Butler: Is Judaism Zionism? Religious Sources for the Critique of Violence
  • Jürgen Habermas: »The Political« – The Rational Sense of a Questionable Inheritance of Political Theology
  • Charles Taylor: Why We Need a Radical Redefinition of Secularism
  • Cornel West: Prophetic Religion and The Future of Capitalist Civilization …

Mitschnitte der Vorträge können hier gehört werden: blogs.ssrc.org.
Interessant fand ich eine Diskussion zwischen dem Agnostiker Jürgen Habermas und dem Kommunitarist Charles Taylor. Eine (allerdings sehr schlechte) Tonaufnahme davon sowie eine Transkription gibt es hier: blogs.ssrc.org.

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