Medienkritik

Bolz: Notwendiger Verzicht auf Konsens

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz befürchtet, die Gesellschaft könne Opfer eines Tugendterrors werden, der in Universitäten, Redaktionen und Antidiskriminierungsämtern ausgebrütet wird.

Dagegen mobilisieren die neuen Jakobiner Zauberwörter wie »Multikulturalismus«, »Respekt« und neuerdings »Diversität«. Diese Begriffe leben davon, dass sie undurchdacht bleiben. Denn nur wenn es eine Leitkultur gibt, kann man multikulturell eingestellt sein. Man kann nicht tolerant sein, wenn man keine eigenen Werte zu verteidigen hat. Man kann nicht offen sein, wenn man nicht selbstbewusst ist. Ich stehe zu meinen Überzeugungen – im vollen Bewusstsein der Alternativen. Und ich muss nicht respektieren, was ich toleriere. Toleranz ist nämlich das Klima der Koexistenz von Andersgläubigen. Friedliche Koexistenz gibt es nur durch Verzicht auf Konsens.

Hier der Essay: www.focus.de.

Medienförmige Selbst- und Fremdinszenierung

Es ist deutscher TV-Alltag: Überforderte Eltern, verschuldete Kleinunternehmer, gescheiterte Restaurant-Betreiber – sie lassen sich auf offener Bühne coachen und therapieren. Ihre Geschichten werden von den Machern »dramaturgisch verdichtet«. Zur realen Wirklichkeit kommt eine erfundene Wirklichkeit hinzu. Die Grenzen verschwimmen. Kritiker stellen fest: Vor allem im kommerziellen Fernsehen zeigt sich ein Trend zur Verschmelzung von Schein und Sein zu einem speziellen Medien-Dasein. SWR2 Kontext analysiert diese Entwicklung und fragt: Was bedeutet die mediale Inszenierung für den Einzelnen und für die Gesellschaft? Gesprächspartner ist der Tübinger Medienwissenschaftler Professor Bernhard Pörksen, Mitherausgeber des aktuellen Buchs Die Casting-Gesellschaft.

Hier der hoch interessante Beitrag über die Sucht nach Aufmerksamkeit:
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Das Buch gibt es hier:

Der Mensch wird neu formatiert

Ein Interview mit dem Soziologen Dirk Baecker über die medialen Herausforderungen der Zukunft (Hervorhebung von mir):

Nach allem, was man bisher erkennen kann, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen. Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können.

Hier: www.faz.net.

Internet: Kultisches Netzwerk

Das Internet wird zum Religionsersatz. Wer »surft«, sucht oft nicht primär Information, sondern Sicherheit, Vertrautheit und Gewissheit. Das verändert unser Gottesbild.

Hier ein Auszug aus dem Essay von dem Medienwissenschaftler Norbert Bolz:

Vor diesem Hintergrund wird auch die Bedeutung des Zauberworts »Interaktivität« klar. Je interaktiver ein Medium ist, desto unwichtiger wird die Information. Die Botschaft lautet im Extremfall nur noch: Wir kommunizieren. Marketingexperten haben dafür schon einen neuen, eleganten Begriff gefunden: »linking value«. Dieser soziale Mehrwert der »Links« im Internet macht deutlich, dass den Menschen die Beteiligung an Kommunikation wichtiger ist als die Information. Und häufig genug trifft man auf den Grenzwert dieser Verdrängung von Information: Kommunikation kommuniziert Kommunizieren. Was haben Diplomatie, Talkshows und das protestantische »Reden wir miteinander« gemeinsam? Wichtiger als die Information ist die Beteiligung an Kommunikation.

Schon zu Luthers und Gutenbergs Zeiten hat die Religion von Kult auf Kommunikation umgestellt. Heute haben wir eine interessante Ersatzreligion: Kommunikation als Kult. Und nicht nur im Internet. Auch Politik hebt sich in Rhetorik auf. Von Kirchenmännern hört man nur noch »reden wir darüber«, und Talkshows verwirklichen die romantische Utopie vom unendlichen Gespräch.

Das Internet, aber auch alte Medien wie das Fernsehen präsentieren heute Information als Fetisch und Kommunikation als Kult – bei Anne Will nicht anders als in den Chatrooms. Nicht was, sondern dass geredet wird, zählt. Wenn Menschen im Internet surfen, geht es ihnen nicht vorrangig darum, Informationen aufzunehmen oder auszutauschen. Sie wollen gerade in der Redundanz der Botschaft »mitschwingen«, oben auf der Welle bleiben. Es geht nicht um Kommunikation, sondern um Faszination.

Für immer mehr Menschen ersetzen die sozialen Netzwerke die Religion. Dass das so einfach möglich ist, lässt sich ganz leicht erklären. Genau wie die Religion verleiht die Kommunikation den Menschen in erster Linie Weltvertrauen. Es geht hier nicht primär um Informationsübertragung, sondern um Sicherheit, Vertrautheit und Gewissheit. Dass Kommunikation in sozialen Netzwerken als Religionsersatz funktioniert, lässt aber auch umgekehrt vermuten, dass die Theologie am besten geeignet sein könnte, die neue Internetgesellschaft zu beschreiben. Gerade Theologen könnten erkennen, dass in den Bindungen der Netzwerke, die man »Links« nennt, genau das gesucht wird, was einmal »religio« hieß. Marshall McLuhans berühmter Satz »Das Medium ist die Botschaft« müsste heute heißen: Das Netzwerk ist die Frohe Botschaft.

Hier der vollständige Text: www.merkur.de.

Blut muss fließen

Mit Gewalt und Sadismus buhlen Kriminalromane und Kinofilme erfolgreich um ihr Publikum. In der herrschenden Ästhetik der Verrohung ist kein Platz mehr für Schönes, Subtiles oder Zwischentöne. Jürgen Bräunlein hat einen bemerkenswerten Kommentar über die »Kultur der Abstumpfung« geschrieben.

Das Problem einer Gesellschaft, die sich schleichend in einer Abstumpfungskultur eingerichtet hat, in der nur mehr die Schläge mit dem Holzhammer zählen, liegt im Verlust aller Differenzierungen. Die Zwischentöne und die Nuancen, der Feinsinn und das bloß Angedeutete gehen verloren. Am Ende wird nur Aufsehenerregendes überhaupt noch registriert. Wie der Philosoph Christoph Türcke in seinem Buch „Erregte Gesellschaft“ feststellt, wird die Wahrnehmung des Spektakulären, die Sensation, zur Wahrnehmung schlechthin. Wo der Extremfall von Wahrnehmung zum Normalfall geworden ist, wird das Subtile in der Kultur ausgelöscht. Es benötigt Zeit, Konzentration und Anstrengung. Genau das ist dem Schock und der Überwältigung fremd.

Hier: www.merkur.de.

Nooke: Mission ist Menschenrecht

Der frühere Menschenrechts- und jetzige Afrikabeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), hat auf dem Ökumenischen Kirchentag in München religiöse Mission als ein Menschenrecht bezeichnet. »Der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zufolge beinhaltet die Religionsfreiheit auch das Recht, über seinen Glauben zu reden und ihn zu lehren. Religion ist keine Privatangelegenheit, wie manche meinen«, sagte er am Samstag bei einem Podiumsgespräch zum Thema Mission.

Nachrichtenagentur Zenit berichtet:

Anlass der Veranstaltung war die Mediendebatte im Sommer 2009 um entführte Deutsche im Jemen, die mutmaßlich auch von evangelikalen Missionsgedanken zu ihrer Arbeit in dem Land inspiriert wurden. Evangelikale Medien hatten die Entführten als Märtyrer in der Nachfolge Christi gepriesen, das ZDF-Magazin »Frontal 21« hatte ihre Motivation jedoch in engen Zusammenhang mit der Motivation islamistischer Selbstmordattentäter gestellt. Der Beauftragte der Bundesregierung sagte dazu heute in München: »Wir dürfen nicht irgendwelchen Moderatoren, die nichts von Religion verstehen, das Feld überlassen. Es ist eine völlige Verkehrung der Realität, wenn die Entführer und Mörder plötzlich dastehen, als seien sie im Recht.«

Hier mehr: www.zenit.org.

»Facebook ist Selbstprostitution«

Willkommen in der schönen, neuen Welt des Multitasking: Um nichts zu verpassen, tun wir alles auf einmal. Friederike Haupt sprach für die FAZ mit Ernst Pöppel, Professor für Medizinische Psychologie, über Facebook, Öffentlichkeitswahn und Intimität.

Der Mensch kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren. Multitasking ist streng genommen grober Unfug und unmöglich; möglich ist, in einem Zeitfenster von einigen Minuten mehrere Dinge schnell hintereinander zu erledigen. Wenn ich das aber einen Tag lang mache, habe ich mich von den Informationen instrumentalisieren lassen und weiß gar nicht mehr wirklich, was ich gemacht habe.

Hier das kurze aber lesenswerte Interview: www.faz.net.

Homosexualität und Pädophilie

Bertone, die rechte Hand von Papst Benedikt XVI., hatte bei einem Besuch in Chile einen Zusammenhang zwischen der Ehelosigkeit der Priester und Pädophilie verneint und erwähnte dabei Studien, die einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie sähen: »Das ist die Wahrheit, und das ist das Problem.«

Wie zu erwarten, löste diese politisch gänzlich unkorrekte Bemerkung einen gewaltigen Proteststurm aus. »Der Vatikan sollte sich auf der UN-Generalversammlung vor der Welt und der Geschichte entschuldigen«, erklärte die italienische Homosexuellenorganisation GayLib. In Frankreich schaltete sich sogar die Regierung ein: »Frankreich erinnert an sein entschiedenes Engagement im Kampf gegen Diskriminierungen und Vorurteile in Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung und der sexuellen Identität«, sagte Außenamtssprecher Bernard Valero.

Bei so einem medialen Gewitter kann es passieren, dass auch der skeptische Beobachter glaubt, was da phrasenhaft wiederholt wird: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie.

Ich bin nun wahrlich kein Anwalt des Vatikans. Aber ich zitiere an dieser Stelle gern einmal eine Leserzuschrift aus dem unverdächtigen Deutschen Ärzteblatt (Jg. 106, Heft 49, 4. Dezember 2009, S. A 2469):

Insgesamt ist nach einer Analyse von 19 Einzelstudien die Wahrscheinlichkeit, ein Kind sexuell zu missbrauchen, bei homosexuell Lebenden zwölfmal höher als bei heterosexuell Lebenden. Bei bisexuell Lebenden ist sie sogar 16-mal höher …

Die Studien werden im Beitrag teilweise angeführt. Hier die Quelle: aerzteblatt.de.

Killerspiele sind harmloser als Bibel und Koran

Ein Jahr nach dem Amoklauf von Winnenden ist die Debatte um sogenannte Killerspiele weitgehend verstummt. Wohl auch, weil es kaum Argumente für ein Verbot gibt. Im Gegenteil: Die größten Massenmörder der Geschichte kannten keine Killerspiele. Und konsequenterweise müsste es, so schreibt Gideon Böss weiter, zunächst ein Verbot von Bibel und Koran geben.

Niemand tötet im Namen von Counter-Strike, im Namen von Religionen hingegen schon. Die Bibel steckt voller Aufrufe zur Gewalt. Von daher müsste eigentlich erst einmal ein Verbot von Religionen gefordert werden. Aber keiner der Killerspiel-Gegner setzt sich dafür ein. Offenbar haben Religionen eine bessere Lobby. Es schreibt ja auch niemand Killerbuch, wo die Bibel oder der Koran gemeint sind.

Ich gratuliere WELT Online. Das ist Qualitätsjournalismus!

Hier der vollständige Beitrag: www.welt.de.

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