Medienkritik

Sich aus Spaß erschießen

Die Moderatoren Joko und Klaas machen Selbstverstümmelung im ZDF salonfähig. Ihre Mutproben werden als „lebensgefährlich“ ausgegeben. Das sind sie denn auch: lebensgefährlich dumm.

Jan Wiele hat einen grandiosen Text über Joko und Klaas im öffentlich-rechtlichen ZDF verfasst:

Im Fernsehen ist das zwar eigentlich ein alter Hut: Es ist geklaut von der MTV-Sendung „Jackass“ und ihren Nachfolgern wie „Scarred“, die schon vor Jahren die Selbstverstümmelung salonfähig gemacht haben. Ein kurzer Aufschrei nur, schon war sie Normalität. Aber nur weil das mittlerweile „normal“ ist, muss man es sich nicht gefallen lassen. Neu ist allenfalls noch, dass diese Art von „Unterhaltung“ im öffentlich-rechtlichen Zielgruppenfernsehen für Jugendliche stattfindet.

Spannung wird dabei dadurch erzeugt, dass der Zuschauer manchmal nicht sicher sein kann, was echt und was gestellt ist. Sicher hingegen ist das Ziel der Operation: Wer sich über Derartiges aufregt, sich ekelt oder erschrickt, wer ein Tabu sieht, wo andere keines mehr sehen, gilt automatisch als uncool – das ist seit ewigen Fernsehzeiten die Regel, nach der es für jugendliche, oder sagen wir einfach: unverdorbene Zuschauer alle Gewalt und Drastik zu ertragen gilt, nach dem Motto: Stell dich doch nicht so an!

Gerade in der Zielgruppe wird damit aber auch sozialer Druck erzeugt. Am schlimmsten noch, man hält bei der täuschend echten Darstellung von Schmerz und Gewalt etwas für echt, was nur „fake“ ist: Dann muss man wohl der totale Außenseiter und Null-Checker sein. Joko und Klaas, so harmlos sie daherkommen und als institutionalisierte Klassenclowns gerade überall durchgereicht werden, bauen diesen Druck mit auf.

Mehr: www.faz.net.

TV: Täuschung als Geschäftsmodell

Das TV zeigt immer, was wir sehen sollen. Das gilt nicht nur für „Scripted Reality“.

„Die große Illusion – Was machen die Medien mit unserem Weltbild?“ lautete der Titel des „Thüringentages“ zum Thema „Medien und Ethik“. Dazu hatten mehrere Fakultäten Thüringer Universitäten sowie der Deutsche Journalisten-Verband Thüringen in das MDR-Landesfunkhaus nach Erfurt eingeladen. Im Fokus standen dabei die Sendeformate der „Scripted Reality“. Der Veranstalter schreibt:

Die Einführung der Massenmedien brachte die ganze Welt ins heimische Wohnzimmer – scheinbar. Denn tatsächlich erreichen nur bereits selektierte Informationen, selektierte Bilder das Publikum. So gestaltet sich die Realität je nach Informations- und Programmwahl für jeden Rezipienten anders, Wahrheit wird von einem universellen zu einem subjektiven Begriff. Schon diese Selektion verzerrt die Wahrnehmung, doch neue Medien und neue Formate verstärken die Tendenz noch.

Das Medienmagazin pro hat die Vorträge zusammengefasst:

Die Düsseldorfer Philosophieprofessorin Simone Dietz gab mit ihrem Vortrag „Wozu brauchen wir überhaupt Wahrheit? Das Wahrheitsproblem in der Mediengesellschaft“ zunächst einen philosophisch-ethischen Überblick zum Thema. Dabei vertrat sie die These, dass Massenmedien ein unverzichtbarer Bestandteil der Gesellschaft sind.

Die Wissenschaftlerin stellte zugleich die Frage, ob das, was dort gezeigt werde auch wahr und zutreffend sei. Es könne darüber hinaus sein, dass die Wahrheit vom Publikum verkannt oder verachtet werde: „Vielleicht zieht dem Publikum einem Mehr an Sensation und Spaß einem Mehr an Wahrheit vor.“ Aus Dietz Sicht könne die Wahrheit nur im Singular gedacht und nicht erzwungen werden: „Aber wir brauchen die Wahrheit, um uns in der Welt zu orientieren oder um in Frieden miteinander zu leben.“ Deutliche Kritik äußerte Dietz an so genannten „Scripted Reality“-Formaten, bei denen eine mit Laiendarstellern gespielte Handlung als vermeintlich reale Reportage verpackt wird: „Hier werden die Konsumenten und die Laienschauspieler selbst getäuscht. ‚Scripted Reality‘ ist die heuchlerische Fassade für einen Griff in die unterste Schublade.“ Wer in den Medien erscheint, entscheide sich daran, wer in die jeweiligen Schablonen passe. Dietz ermahnte dazu, soziale Wirklichkeit nach den eigenen Kriterien mitzugestalten. Unverzichtbar für die Wahrheit sei die Pluralität und die Überprüfung davon, wie relevant Informationen sind: „Es dürfen keine Relevanz-Kommissare entscheiden, was gesendet wird und was nicht.“ Medien müssten klarer Gegenstand eigener Reflexion und Medienkompetenz keine einseitige Leistung der Konsumenten sein.

Hier: www.pro-medienmagazin.de.

Zeit subtiler religiöser und politischer Manipulation

Francis Schaeffer sagte auf seinem Vortrag während der Lausanner Konferenz 1974:

Unsere Zeit ist — und das müssen wir durchschauen! — eine Zeit subtiler religiöser und politischer Manipulation, einer Manipulation durch ‚kalte‘ Kommunikation, Kommunikation ohne Inhalt. Wir müssen diese Dinge erkennen und uns entgegenstemmen. Wir haben eine Botschaft mit vernünftigem Inhalt; …

Die Analyse ist heute mindestens genauso aktuell wie damals. Bleiben wir wachsam?

Biermann verschärft Kritik an der Linkspartei

Der Liedermacher Wolf Biermann ist heute 75 Jahre alt geworden. Herzlichen Glückwunsch!

Anlässlich seines Jubiläums hat der ehemalige DDR’ler in der rbb-Talksendung »Thadeusz« (wieder einmal) einige Episoden aus seinem Leben erzählt.

Zwei inkompatible Welten sind aufeinander getroffen. Auf der einen Seite sitzt Biermann, der seit vielen Jahren für seine Überzeugungen einsteht und kämpft. Auf der anderen Seite ist da Jörg Thadeusz, der typische TV-Moderator, der an der Geradlinigkeit und Ernsthaftigkeit von Biermann scheitert.

Ich empfehle, in den Mitschnitt der Sendung reinzuschauen. Besonders interessant wird es ab der 18. Minute.

Hier: www.ardmediathek.de.

Himmlisches TV

Die gestrige ZDF-Sendung »Markus Lanz« drehte sich um Loriot und die »Fliege Essenz«. Da habe ich dann doch mal reingeschaut und ein kurzer Satz des Comedian Ingo Appelt traf tatsächlich meinen Humor (aus dem Gedächtnis zitiert):

Früher wollten die Leute in den Himmel, heute wollen sie ins Fernsehen.

Für ein iPad tun sie alles

Die Chinesen sind Feuer und Flamme für Produkte von Apple. In Pekings Kaffeehäusern scheint eine hundertprozentige iPhone-Dichte zu herrschen. Und wer sich kein iPad leisten kann, bietet eben seine Organe zum Kauf an.

Ein bedrückender Artikel von Mark Siemens beschreibt, wie es ist, wenn die Technik den Menschen versklavt:

Die Apple-Produkte spielen in der öffentlichen Selbstdarstellung chinesischer Mittelschichten eine noch auffälligere Rolle als andernorts. In Pekinger Cafés sind praktisch hundert Prozent der Gäste mit iPhone, iPad oder Mac-Computer ausgestattet, die sie gleich nach dem Eintreffen in Betrieb nehmen. Auch Freunde und Familien, die gemeinsam kommen, fühlen sich im Kaffeehaus erst wohl, wenn jeder einzelne angelegentlich auf sein Gerät guckt. Ganz selten schlägt mal einer ein Buch auf, fast nie einer eine Zeitung. Eine ganze Schicht scheint Vergnügen daran zu finden, sich mit den Regeln eines gemeinsamen Spiels zu beschäftigen. Selbst Polizisten, die etwas auf sich halten, hantieren auf der Straße mit großer Selbstverständlichkeit mit ihrem iPad.

Die schicken Geräte stehen so unzweifelhaft an der Pyramidenspitze der gesellschaftlich anerkannten Werte, dass es nicht weiter verwunderte, als eine Achtzehnjährige ihren Körper im Internet demjenigen anbot, der ihr ein iPhone 4 schenken würde. Ein Siebzehnjähriger verkaufte sogar seine Niere, um genug Geld für ein iPad 2 zu haben.

Mehr: www.faz.net.

»Ich esse gerade ein Eis«

Soziale Netzwerke liefern uns die Welt frei Haus. Aber die Nähe ist trügerisch. Von der wirklichen Welt sind nur noch Tweeds wie »Ich esse gerade ein Eis« übrig geblieben. Uns droht die Verbitterung.

Hier ein Artikel von Jörg Wittkewitz über die postmoderne Völkerwanderung in einer Kultur des wahren Mülls:

Dank Googles Algorithmen bestimmen wir den Preis der Anzeigen für Online-Magazine und Suchoberflächen durch unser eigenes Verhalten im Netz. Gleichzeitig zementieren wir damit auch unsere eigene Sicht auf die dort vermittelte Sicht auf die Welt. Denn seit Günther Anders und Jean Baudrillard ist es offensichtlich, dass wir nur noch einen medial aufbereiteten Blick auf die Welt haben. Und der direkte Kontakt ist nicht erst durch die digitalen Codes verstellt worden. Anders hatte in seinem Buch »Die Antiquiertheit des Menschen« Mitte der fünfziger Jahre am Beispiel des Fernsehens erkannt, dass uns die Welt nunmehr als Ware mit ästhetisch geformten Stilmitteln präsentiert wird. Der Warencharakter der künstlichen Welt drückt sich aber besonders darin aus, dass man per Knopfdruck darüber entscheiden kann, ob und wann man die Welt nun sehen will oder eben nicht.

Was damals die Kanalwählschalter der ersten Fernseher waren, ist heute unsere Computer-Maus. Sie wählt den Kanal aus, der ein harmonisches Übereinstimmen mit unseren Wünschen liefern kann. So lesen konservativ eingestellte Leser Zeitungen, Bücher und Websites, die diesen Lebensstil begründen können. Progressive Menschen bevorzugen die Herausforderungen mit dem ständigen Blick auf die drohende Zukunft. Dazwischen befindet sich eine große Menge von Menschen, die durch den modernen Hochleistungs-Lebensstil so erschöpft sind, dass sie den Zeitpunkt des Tiefschlafs nur noch mit künstlicher Berieselung herauszögen können. In diesem, dem Wachkoma ähnlichen Zustand sind sie höchstens noch in der Lage, kohlenhydratreiche Kost und Unterhaltung zu konsumieren.

Mehr: www.faz.net.

Der Medienversteher: Marshall McLuhan

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Marshall McLuhan

»Das Medium ist die Botschaft« – mit diesem Satz wurde der Medientheoretiker Marshall McLuhan in den sechziger Jahren weltberühmt. Am heutigen Donnerstag wäre er hundert Jahre alt geworden. Seine Thesen polarisieren noch immer.

Ohnehin war McLuhan schon zu seiner Zeit als akademischer Lehrer untragbar, und er wäre es unter heutigen Modulverantwortlichen und Doktoratsprogramm-Strukturierern umso mehr. Niemals deckte er in Vorlesungen »ein Thema« ab, niemals gab es Zusammenfassungen zum Mitschreiben; für sorgfältig recherchierte und genau belegte Hausarbeiten gab er schon aus Prinzip null Punkte, und statt Klausuren kündigte er am liebsten »ein lockeres Gespräch« an, »in dem Sie mich mit Ihrer Textkenntnis überwältigen werden«. Ganze sieben Doktorarbeiten hat er in dreißig Dienstjahren betreut. Umso mehr gilt vielleicht sein Ausspruch: »Wir wissen nicht, wer das Wasser entdeckt hat, aber mit Sicherheit war es kein Fisch.«

Gerade deshalb war McLuhan ein kurzes Jahrzehnt lang eine Kultfigur. Als Produkt wurde er, der Werbung einmal als die einzig lohnende Quelle zum Verständnis der Gegenwart bezeichnet hatte, selbst von einem Werbefachmann vermarktet: in Form des »Distant Early Warning Line Newsletters«, den eine »Human Development Corporation« nahe den Werbern an der Madison Avenue vertrieb. Dort sollte man erfahren, warum der Computer das Ende der Geschichte bedeute und warum das Nasa-Programm bereits obsolet sei, und man konnte Spielkarten mit McLuhan-Zitaten zur Lösung eigener Probleme bestellen. »Read them yourself – at our risk!« Und sie wurden gelesen: 346 Formulierungen sind in den Sprachschatz des »Oxford English Dictionary« eingegangen.

Hier der Artikel von Claus Pias: www.faz.net. Siehe auch hier.

Jugend und Medien

201101171355.jpgWer heutzutage aufwächst, gehört zu den sogenannten »digital natives«. Das heißt, für Kinder, Jugendliche und viele junge Erwachsene ist eine Welt ohne umspannendes Datennetz und »social networking« gar nicht mehr vorstellbar. Zweifellos profitieren viele Jugendliche von den neuen medialen Möglichkeiten, aber es wird auch vor Nebenwirkungen gewarnt: Übermäßiger Medienkonsum halte von anderen Freizeitaktivitäten und körperlicher Bewegung ab und könne die Gesundheit bedrohen. Auch gibt es einen Zusammenhang zwischen Gewaltmedien und Aggression. Bedenklich stimmt zudem die Freizügigkeit vieler jungen Leute beim Umgang mit persönlichen Daten im Internet.

Die jüngste Ausgabe der Beilage zur Wochenzeitschrift Das Parlament ist dem Thema »Jugend und Medien« gewidmet. Das Themenheft ist gelungen. Ich bin mit einigen Schlussfolgerungen nicht einverstanden, kann aber Eltern, Lehrern, Pastoren und vor allem Leuten aus der Jugendarbeit die Lektüre empfehlen. Die vermittelten Einblicke in die Datenbasis und Problemfelder können dabei helfen, eigene Antworten zu finden.

Zwei besondere Empfehlungen:

Ingrid Möller untersucht den Zusammenhang von »Gewaltmedien und Aggression« und kommt zu folgendem Fazit:

Über die potenziell aggressionsfördernde Wirkung des regelmäßigen Konsums gewalthaltiger Medieninhalte wird in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert, wobei das Spektrum der vertretenen Positionen von der monokausalen Verursachung extremer Gewalttaten, etwa von Amokläufen an Schulen, bis hin zur Leugnung jedweder Beziehung zwischen Gewaltkonsum und Aggressionsbereitschaft reicht. Dieser Beitrag hat einerseits gezeigt, dass es mittlerweile eine Vielzahl von Belegen für einen Zusammenhang zwischen Gewaltkonsum und Aggression gibt und die vermittelnden Prozesse, insbesondere der Erwerb aggressiver Verhaltensdrehbücher und die emotionale Abstumpfung, zunehmend klarer hervortreten. Andererseits ist aber auch deutlich geworden, dass der Konsum gewalthaltiger Medien nur einer von vielen Faktoren ist, die mit aggressivem Verhalten in Beziehung stehen oder es gar kausal bestimmen.

Die nachgewiesenen Effektstärken sind von moderater Größenordnung, und die Frage, welche anderen Variablen in der Personoder dem sozialen Umfeld die Effekte des Gewaltkonsums verstärken oder mindern können, ist noch nicht hinreichend geklärt. Offen ist auch die Frage der möglicherweise unterschiedlichen Wirkkraft von Gewalt in Filmen und Gewalt in Spielen. Die wenigen Einzelstudien, die hierzu bislang vorliegen, zeichnen noch kein klares Bild. Weiteren Forschungsbedarf gibt es im Hinblick darauf, welches Wirkpotenzial verschiedene Darstellungsformen oder neue Techniken haben (z. B. Gewaltspiele auf Konsolen wie etwa der »Wii«, die durch körperliche Bewegung gesteuert werden).

Angesichts der weltweiten Verbreitung gewalthaltiger Medien und der hohen Nutzungsintensität gerade im Jugendalter ist die Größenordnung der Effekte allerdings als bedeutsam anzusehen und wirft die Frage nach wirksamen Interventionsansätzen auf.

Margreth Lünenborg, Professorin für Kommunikationswissenschaft, schreibt über »Gezielte Grenzverletzungen – Castingshows und Werteempfinden«.

In Castingshows, allen voran »Deutschland sucht den Superstar«, werden Provokationen von Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad nicht nur toleriert, sondern mit Vergnügen verfolgt. Sie bieten ihnen einen diskursiven Raum, im dem die jugendliche Sehnsucht nach Grenzüberschreitungen gegenüber Konventionen der Erwachsenenwelt gefahrlos ausgelebt werden kann.

Die Programmproduzenten reagieren offenkundig auf eben dieses Nutzungsinteresse. Insbesondere bei »DSDS« finden sich Grenzüberschreitungen und Tabubrüche, die vor allem männliche Jugendliche dazu einladen, Regeln der Erwachsenenwelt gefahrlos zu brechen. Jugendliche artikulieren voyeuristische Sehlust, insbesondere an verbalen Entgleisungen im Rahmen von Castingshows. Sie folgen bei ihrer moralischen Bewertung der dramaturgischen Erzählstruktur der Formate, die Provokationen als konstitutiven Bestandteil rechtfertigen.

APuZ 3/2011 (17. Januar 2011) kann hier heruntergeladen werden: LOT0MN.pdf.

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