Religionssoziologie

Studie: Was Meinungsmacher über Religion denken

Chefredakteure halten Ideologiekritik am Christentum für überholt. In einer Studie zum Thema „Religion bei Meinungsmachern“ kommen Wissenschaftler der Universität Münster zu dem Ergebnis, dass eine Renaissance der christlichen Religion durchaus erwartbar ist:

Führende deutsche Journalisten halten Ideologiekritik an den christlichen Kirchen laut einer neuen Studie mehrheitlich für überholt. „Die meisten Meinungsmacher sehen eine kulturelle Renaissance der christlichen Religion – in Abgrenzung zum Islam“, heißt es in der Untersuchung „Religion bei Meinungsmachern“ von Wissenschaftlern des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster. Die befragten Chefredakteure und Kommentatoren betrachten das Christentum, unabhängig von ihrer eigenen Religiosität, als legitime Kraft zur Sicherung der öffentlichen Moral und der gesellschaftlichen Integration. „Negative Bewertungen von Religion gelten dagegen der ‚Fremdreligion’ des Islams, der oft mit Gewalt in Verbindung gebracht wird.“ Alle Befragten sehen eine beträchtliche Zunahme der öffentlichen Sichtbarkeit von Religion.

Mehr: idw-online.de.

Satan kam doch nicht bis Washington

Jan-Werner Müller lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte in Princeton. In einem Beitrag für die SZ befasst er sich mit der Vermischung von Kanzel und Politik in der USA:

Die Sozialwissenschaftler Robert Putnam und David Campbell haben kürzlich plausibel erklärt, die Verquickung von Religion und Politik in den vergangenen dreißig Jahren stelle eine Anomalie in der Geschichte der USA dar – die vielen Amerikanern ganz und gar nicht gefällt. Eine überwältigende Mehrheit wünscht, dass Predigten nicht für politische Messages missbraucht werden.

Die Republikaner sind in der Tat zur Partei der Evangelikalen geworden (deren Zahl seit den frühen neunziger Jahren stetig sinkt) – was allerdings auch bewirkt, dass sich vor allem immer mehr junge Bürger von allen Glaubensgemeinschaften abwenden. Die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, so Putnam und Campbell, sei toleranter und setze inzwischen Religion als solche mit Bigotterie – vor allem Homophobie – und Fanatismus gleich. Die beiden Sozialwissenschaftler meinen somit nicht nur, dass eine Vermischung von Politik und Kirche der Religion schade, sondern dass politische Präferenzen religiöse Einstellungen entscheidend beeinflussten: nicht Atheisten wählen Demokraten, sondern Linksliberale haben irgendwann alles Religiöse satt.

Mehr: www.sueddeutsche.de.

Global Prayers

Ob Christen, Hindus oder Muslime. In vielen Ländern prägen religiöse Bewegungen nicht nur den Alltag und die Kultur, sondern auch das politische Geschehen. Auf einer Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin debattierten Wissenschaftler über religiöse Heilslehren und Fortschrittsversprechen. Der Göttinger Religionsethnologe Boris Nieswand meint:

„Das merkt man immer wieder in den Diskussionen beim Kaffee mit den Kollegen. Dass es eben Schwierigkeiten gibt, die damit zusammen hängen, dass viele Wissenschaftler Distanzierungsprozesse von Religionen hinter sich haben und auf einmal wieder Menschen begegnen, die Religiosität in einer Weise leben, die nicht in dieses akademisch reflektierte … Weltbild reinpasst.“

Weiter heißt es:

Das Weltbild der Sozialwissenschaften lasse nur rationale Erklärungen zu, meint Boris Nieswand. Deshalb werde einem nicht-rationalen Phänomen wie religiösen Bewegungen schnell eine Rolle zugeschrieben, die mit ihrem Selbstbild gar nichts zu tun habe. Etwa, dass das Gemeinschaftsgefühl im Gottesdienst die soziale Kälte im Alltag kompensieren solle. Boris Nieswand will solche Thesen gar nicht grundsätzlich zurückweisen. Aber er bezweifelt, dass sie den Erfolg der neuen religiösen Bewegungen umfassend erklären können.

Hier: www.dradio.de.

Der Mensch ist religiös

Menschen sind von Natur aus religiös. Sie haben eine eingebaute Neigung, an Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben. Das ist die Schlussfolgerung aus einem internationalen Forschungsprojekt, das zwei Wissenschaftler von der englischen Universität Oxford federführend über drei Jahre mit einem Aufwand von 2,2 Millionen Euro durchgeführt haben. Beteiligt an dem Projekt »Erkennen, Religion und Theologie« waren 57 Forscher, die mehr als 40 Studien in 20 religiös und atheistisch geprägten Ländern produzierten. Die Nachrichtenagentur idea schreibt:

Wir Barrett erläuterte, sei es den Forschern nicht um einen Gottesbeweis gegangen. Dass es den Menschen leichter falle, auf eine bestimmte Art zu denken, bedeute nicht, dass dies auch die Wahrheit sei. Man habe aber festgestellt, dass Religion immer einen Einfluss auf das öffentliche Leben habe. Gläubige Menschen hielten eher zusammen und stützten die Gesellschaft. Es scheine, dass Religion weniger in einer städtischen Umgebung in Industrieländern floriere. Dort gebe es bereits ein starkes soziales Netz.

Mehr bei www.idea.de. Siehe auch den Beitrag von IBN live, wo es heißt:

Project Co-Director Professor Roger Trigg, from the University of Oxford’s Ian Ramsey Centre, said: »This project suggests that religion is not just something for a peculiar few to do on Sundays instead of playing golf. We have gathereda body of evidence that suggests that religion is a common fact of human nature across different societies …«

Hier noch ein Project Summary: www.cam.ox.ac.uk.

Jörg Stolz: »Eine Religion, die zu liberal wird, verschwindet«

Der TAGESANZEIGER hat ein Interview mit Jörg Stolz veröffentlicht. Der Religionssoziologe sagt, die Kirchen befänden sich im Dilemma: Sie bräuchten ein klares Profil, um sich im Markt der Religionen zu positionieren. Gleichzeitig müssten sie sich dem Zeitgeist anpassen.

Stolz hinterfragt, meines Erachtens im Blick auf das Abendland zurecht, die Kritik an der Säkularisierungsthese:

Tagesanzeiger: Warum aber stellen immer mehr Theologen und Religionssoziologen die Säkularisierung infrage?

Stolz:Ich kann das nur durch zwei Mechanismen erklären. Einerseits aus einer verzerrten Wahrnehmung heraus: Beschäftigt man sich ständig mit Religion, dann liegt es auf der Hand, dass man die Religion überall wahrnimmt. Andererseits ist es angenehmer, von einem Forschungsobjekt zu berichten, das nicht schrumpft. Sobald man einen Antrag für ein nationales Forschungsprojekt stellt, muss man es als wichtig ausweisen können.

Tagesanzeiger: Also ist die Rückkehr der Religion nur ein mediales Phänomen?

Stolz: Auf der Ebene der faktisch gelebten Religiosität in den westlichen Industrieländern gibt es keine Rückkehr der Religion. Die alternative Spiritualität wie Esoterik ist marginal. Wir sehen eine rasante Säkularisierung, einen rasanten Niedergang der Wichtigkeit von Religion im Leben der Menschen. Jede neue Generation scheint weniger religiös als die vorherige. Eine Rückkehr des Themas in den Medien gibt es aber durchaus: Das liegt vor allem an der weltpolitischen Bedeutung des Islams.

Tagesanzeiger: Die harten Spielarten der Religion sind viel stärker in den Medien als die liberalen. Ist nur ein konfliktuöses religiöses Profil interessant?

Stolz: Die Medien funktionieren nach ihrer eigenen Logik. Nur was aktuell, aussergewöhnlich, skandalträchtig, emotional berührend, nah am Zuschauer oder Leser ist, ist berichtenswert. Eine hervorragende Predigt, ein schöner Kirchenbasar, eine nachhaltige Hilfe für Bedürftige können den Teilnehmern sehr viel bringen – aber sie haben keinen Nachrichtenwert.

Hier das Interview: www.tagesanzeiger.ch.

VD: BH

Vom soziologischen Nutzen des Glaubens

Die beiden Ökonomen Barry Chiswick von der Universität von Illinois in Chicago und Donka M. Mirtcheva vom New Jersey College haben eine empirischen Studie über Religion vorgenommen, die das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit veröffentlicht hat („Religion and Child Health“, IZA-Diskussionspapier Nr. 5215, September 2010). Ihr Ergebnis: Religiöser Glaube und die Teilnahme an Gottesdiensten sind für die Jugendlichen mit einem besseren Gesundheitszustand verbunden.

Philip Plickert schreibt in der FAZ vom 22. Dezember 2010 (S. N3):

Als »mentalen Kindesmissbrauch« bezeichnet es der britische Evolutionsbiologe und Atheistenvordenker Richard Dawkins, wenn Kinder in Fragen von Religion und Glauben eingeführt werden. Als Beispiel für Seelenzerstörung führt er ein »Höllenhaus« in Colorado an, wo als Teufel verkleidete Schauspieler die Kleinen in Angst und Schrecken versetzen. Allerdings stützt sich Dawkins auf eine rein anekdotische Evidenz für seine Behauptung, dass Religion die psychische Gesundheit gefährde. Der Idee einer objektiven Wissenschaft, die er zu vertreten vorgibt, genügt das nicht. Dafür braucht es eine systematische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen den religiösen Überzeugungen und der Gesundheit von Kindern.

Die Ergebnisse von Chiswick und Mirtcheva passen zu anderen Studien von Ökonomen, die günstige Einflüsse von Religion auf Erwachsene empirisch ermittelt haben. Menschen, die an Gott glauben, haben niedrigere Sterberaten in jungen Jahren, leben allgemein gesünder, halten sich von riskanten Aktivitäten fern, hatten seltener Angstzustände oder Depression. Sie begingen seltener Selbstmord. Chiswick und Mirtcheva spekulieren, dass die festeren sozialen Beziehungen in religiösen Gemeinschaften, der Gruppenkontext, eine stabilisierende Rolle spielen. Religiöse Überzeugungen könnten zudem – Richard Dawkins würde jetzt die Augen rollen – ein höheres Selbstwertgefühl und Lebenssinn vermitteln, heißt es in der nüchternen Analyse der Ökonomen.

Philip Plickert macht in seinem Artikel auf die Schwächen einer »arg funktionalistischen Sichtweise auf Religion« aufmerksam.

VD: JS

GodBlock

Bildschirmfoto 2010-07-08 um 18.08.14.pngFür alle, die sich durch diesen Blog und andere religiös ausgerichtete Internetseiten belästigt fühlen, gibt es Hoffnung. Einige um unsere Volksgesundheit besorgte Kinder- und Lebensschützer entwickeln gerade den Filter GodBlock. Das Produkt soll bald für MS Windows- und Apple Mac-Rechner zur Verfügung stehen.

Na, dann wird die Welt ja demnächst besser werden.

Imagine there’s no Heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace

VD: KH & AW

Idole – Kult

Die Beilage der Zeitschrift Das Parlament (Aus Politik und Zeitgeschichte 52/2008) widmet sich in dieser Woche dem Thema »Idole – Kult«. Der Soziologe Hubert Knoblauch von der TU Berlin schreibt über »Die populäre Religion und die Transformation der Gesellschaft«. Darin heißt es unter anderem:

Weil die soziale Sichtbarkeit der Religion unmittelbar an ihre Kommunikation gebunden ist, können die jüngeren Veränderungen der Kommunikationstechnologien und die damit einhergehenden veränderten Strukturen des kommunikativen Handelns als bedeutende Gründe der Transformation der Religion angesehen werden.

Karl Gabriel aus Münster stellt der These von der »Wiederkehr der Religion« das »Konzept der multiplen Modernen« gegenüber. Dieses werde:

… der religiösen Signatur der Gegenwart besser gerecht: Die Religionen bleiben, aber sie wandeln ihr Gesicht.

In der Regel werden die Texte auch online publiziert: www.bpb.de.

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