Mehr Eigenverantwortung bitte
Ein unglücklicher Mensch möchte alles hören, aber sicher nicht, dass er am Unglück selbst schuld ist. Julian Theilen gibt Einblick in eine neue psychologische Studie, die den Wert eigenverantwortlichen Handelns hervorhebt.
In der therapeutischen Kultur, deren Aufstieg die Soziologin Eva Illouz beschrieben hat, ist der Kaltherzige noch kaltherziger gezeichnet worden. Immer mehr junge Erwachsene suchten psychotherapeutische Hilfe, während Begriffe wie „Trauma“ auch in die Alltagssprache einsickerten. Jeder Vater, der Zweifel anmeldete, ob das Kind nicht vielleicht doch – also trotz der Verstimmungen – seinem Studium nachgehen könne, galt plötzlich als unsensibler Klotz. Offenbar hat er mit seinem lieblosen Erziehungsstil das Leid des Kindes doch erst hervorgerufen! Dass er nie „Ich liebe dich“ gesagt hat, darunter leidet man schließlich noch heute, wird der inzwischen Erwachsene seinen Freunden sagen. Und die nicken im Takt und sagen unisono: „Jetzt ist auch klar, warum du dich in zwischenmenschlichen Beziehungen so verdammt schwer tust.“
Wer in diese Gruppendynamik „Und was ist mit Eigenverantwortung?“ hineingerufen hätte, wäre einem Strahl des Zorns ausgesetzt gewesen. Und tatsächlich ist klar, dass das Elternhaus die Beziehungen ein Leben lang prägt. Damit Härten der Kindheit abgefedert werden, braucht es Resilienz – und die lässt sich in Teilen entwickeln. Das aber ist bei der Überbetonung des Opferstatus etwas unter den Tisch gefallen.
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