Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt

Gestern, am 27. Mai 2026, hat sich der Todestag von Paul Gerhardt zum 350. Mal gejährt. Mein Kollege Dirk Störmer hat zu diesem Anlass einen Artikel über sein Leben verfasst. In „Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön“, heißt es:

Die große Bekanntheit Gerhardts wäre heute sicher nicht mehr vorhanden, wäre er lediglich ein lutherischer Theologe gewesen, der eisern an seiner Prägung und Überzeugung festgehalten hat. Tatsächlich ist die Nachhaltigkeit seiner großen Bekanntheit allein auf sein dichterisches Schaffen zurückzuführen. Es ist nicht der Theologe, sondern der ausgesprochen beliebte Liederdichter, dessen 350. Todestag in diesem Jahr mit zahlreichen kirchlichen und anderen Veranstaltungen und Aktionen gedacht wird.

Dabei wird sicher auch an den glücklichen Umstand erinnert, dass Gerhardt 1643 auf den Kantor der Berliner Nikolaikirche Johann Crüger traf, der als Komponist Texte von Gerhardt vertonte und als Gesangbuchherausgeber Lieder von Gerhardt veröffentlichte. Auch Crügers Nachfolger Johann Georg Ebeling vertonte als Komponist Gerhardts Texte und veröffentlichte Dichtungen von Gerhardt. Die Verbindung der großartigen Texte von Gerhardt mit den großartigen Liedkompositionen von Crüger und von Ebeling ist einer der Gründe für den enormen Erfolg der Lieder von Paul Gerhardt. Ein anderer Grund für diesen Erfolg ist die Lebensnähe der Liedtexte, die stark geprägt wurden von Gerhardts Durchleiden des Dreißigjährigen Krieges, der Pest und der hohen Kindersterblichkeit. Die Realität des Leidens wird in den Werken Paul Gerhardts nicht verleugnet, sondern findet einen die Jahrhunderte überdauernden, sprachmächtigen Ausdruck. Nicht zuletzt aber ist der enorme Erfolg der Lieder auf ihre in Sprache gegossene Glaubenstiefe, auf die häufig genutzte Gebetsform und auf die in ihnen vorfindlichen Bibelparaphrasen zurückzuführen. Paul Gerhardts Texte „atmen“ Gottes Wort.

Trotz allem nachhaltigen Erfolg der Lieder werden sie in der Gegenwart infragegestellt. Manchmal bezieht sich diese Ablehnung lediglich auf die alte Musik. Ist diese Kritik konstruktiv, werden kreativ neue Kompositionen für die Originaltexte geschaffen, was durchaus bereichernd sein kann. Die Ablehnung geht aber oftmals über die Musik hinaus und bezieht sich auf die Liedtexte selbst. Manche Gemeinden möchten den Gottesdienstbesuchern die Texte wegen ihrer partiellen Unverständlichkeit nicht mehr zumuten. Offenbar halten sie es nicht mehr für möglich und sehen auch keine Aufgabe darin, Unverständliches zu erklären.

Die Ablehnung der Liedtexte hat noch eine andere Ursache: In manchen Gemeinden entsprechen die Verse nicht mehr den dortigen Kriterien für eine gendergerechte und rassismusfreie Sprache. Man ist deshalb bestrebt, die Texte von vermeintlich patriarchalen und kolonialen Lasten zu befreien – sie also zu säubern. Dabei scheut man sich nicht davor, die Inhalte sprachlich und theologisch ins Gegenteil zu verdrehen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

3 Kommentare
Stephan
13 Tage vor

Offenbar halten sie es nicht mehr für möglich und sehen auch keine Aufgabe darin, Unverständliches zu erklären.“

Man kann das Kind auch mal beim Namen nennen: Die allermeisten Gemeinden verfügen über kein theologisches Grundlagen- und Bibelwissen mehr, und können sich die Texte nicht mal mehr selbst erklären.
Weitergehend: auch die Leiterschaft ist nicht mehr das, was sie mal war. Wenn dann ein frischgebackener Prädikant noch der Meinung ist, dass man (Pfingst-) Gottesdienste doch auch ganz ohne Bibellesung machen könnte, und ein Gemeindekirchenrat das dann goutiert, dann weiß man, wo das Haus Gottes oder zumindest einige Gemeinden derzeit stehen.
In manchen Freikirchen sieht es nicht besser aus (aus eigenem Erleben): da werden die Angebote so niederschwellig gelegt, dass der Raum nur noch mit Milchtrinkern gefüllt ist, aber kein Schwarzbrotesser mehr da ist. Der erhoffte Mitgliederzugewinn bleibt natürlich trotzdem, oder gerade deswegen, aus.

Matze
12 Tage vor

Paul Gerhardt war einer der Personen, die christliches Leben so geprägt hat, dass man an ihnen nicht einfach so vorbeikommt. Es ist einzigartig und genial, was er uns geschenkt hat. Wenn wir dagegen versuchen um ihn und die anderen wie Luther und Bach herumkommen, geht so viel geistlicher Reichtum verloren, den wir geschenkt bekommen haben. Die Gemeinden, die meinen nur Lobpreislieder aus den letzten 10 Jahren singen zu müssen und sich auch darüber hinaus dem Erbe aus der Vergangenheit so umgehen sind nur zu bedauern. Die Leiter dort sind sich leider oft nicht klar darüber wie sie ihre Schafe berauben

Kommentator
12 Tage vor

Man kann das ganze ja auch einfach empirisch angehen, wie es auch das Finanzamt tut: Wer ein Gewerbe nur anmeldet, um sich Jahr für Jahr für Buchverluste die Steuer erstatten zu lassen, der wird recht schnell vom Gewerbetreibenden zum Spinner runtergestuft.

Wer sich Kirchengemeinde nennt, aber Kirchenlieder ablehnt, ist eben keine solche, sondern ein Karnevalsclub mit feinen Kostümen. Ich behaupte jetzt einfach mal, alle relevanten Kirchen haben irgendwann in der Mitte des 20. Jahrhunderts schlichtweg aufgehört zu existieren. Die Theologen diskutieren hier nur noch das Post-Mortem.

Irgendwelche „freien“ Minigruppierungen und ihre Vorbilder Mega-„Churches“ bestätigen das letztlich nur. Die hätte vor ungefähr 350 Jahren niemand jemals mit den echten Kirchen verwechselt.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner