Apologetik

Ist das Christentum die wahre Religion?

Wenn ich im Unterricht versuche, den Neuansatz Friedrich Schleiermachers zu erklären, provoziert das hin und wieder verwundertes Fragen. „Wie ist das genau gemeint?“ „Muss ich das verstehen?“

Kurz: Für den Theologen Schleiermacher steht das fromme Selbstbewusstsein des Menschen, jenes „Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit“ (F. Schleiermacher, Der christliche Glaube (1830/31), Bd. 1, 1984, S. 3–6) im Zentrum der Theologie. Die Glaubenslehre beruht für ihn auf zweierlei, „einmal auf dem Bestreben die Erregung des christlich frommen Gemüthes in Lehre darzustellen, und dann auf dem Bestreben, was als Lehre ausgedrückt ist, in genauen Zusammenhang zu bringen“ (Der christliche Glaube (1821/22), Bd. 1, 1984, S. 16). An die Stelle der Heiligen Schrift tritt das Erleben des Gläubigen. „Der Mensch war das Subjekt seiner Theologie, Gott das Prädikat“ (H. Zahrnt, Die Sache mit Gott, 1996, S. 39). Jan Rohls schreibt dazu (J. Rohls, Protestantische Theologie der Neuzeit, Bd. 1, 1997, S. 396):

Gott ist uns also im Gefühl auf eine ursprüngliche Weise gegeben, so daß das schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl nicht erst sekundär aus einem Wissen von Gott entsteht. Das Bewußtsein unserer selbst als in Beziehung zu Gott stehend ist daher ein unmittelbares Selbstbewußtsein, nämlich das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit, das das sich selbst gleiche Wesen der Frömmigkeit ausmacht. Und Gott bedeutet zunächst nur dasjenige, was in diesem Gefühl als das mitbestimmende Woher unseres Soseins mitgesetzt ist.

Während also zuvor Frömmigkeit verstanden wurde als eine subjektive Reaktion auf objektive Lehrinhalte, dreht Schleiermacher die Ordnung um und setzt beim Gemüt an. Die Glaubensdogmen sind nicht Ursprung, sondern Frucht der Glaubenserfahrung. Sätze des Glaubens sind Ausdruck des frommen Gefühls. Schleiermachers Glaubenslehre möchte deshalb nicht mehr objektive Glaubensinhalte beschreiben, sondern den Glauben der Menschen begrifflich ordnen und darstellen.

Da sich das religiöse Bewusstsein in jedem Menschen findet, also auch bei Gläubigen anderer Religionen, kennt Schleiermacher den qualitativen Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und anderen „Glaubensformen“ nicht mehr. Religionen werden von ihm auf ihr Entwicklungsstadium befragt, da sie die Entfaltung des religiösen Bewusstseins auf verschieden fortschrittliche Weise spiegeln. Weil alle drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) derselben höchsten Entwicklungsstufe der Frömmigkeit angehören, können sie sich nur durch ihre Art der Frömmigkeit quantitativ unterscheiden. Im Christentum kommt nach Schleiermacher freilich die Frömmigkeit zu ihrer „reifsten Erfüllung“.

Der Religionskritiker Ludwig Feuerbach hatte bei seiner Kritik des Christentums damit ein leichtes Spiel. Er drehte den Spieß einfach um und sagte: „Ist z.B. das Gefühl das wesentliche Organ der Religion, so drückt das Wesen Gottes nichts Anderes aus, als das Wesen des Gefühls … Das göttliche Wesen, welches das Gefühl vernimmt, ist in der Tat nichts anderes als das von sich selbst entzückte und bezauberte Wesen des Gefühls – das wonnetrunkene, in sich selige Gefühl“ (L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums, in: Sämtliche Werke, Bd. 7, 1883, S. 8). Das Selbstbewusstsein projiziert die eigenen Wünsche, Ängste und Sehnsüchte auf den Himmel. Der Mensch ist nicht das Geschöpf Gottes, sondern Gott ist das Geschöpf des Menschen. So dürfen wir Feuerbachs Projektionsthese zusammenfassen.

Schleiermacher wollte eigentlich den Glauben vor der Kritik der reinen Vernunft (Kant) schützen, als er ihn in den Raum der Gemütserfahrung verlagerte. Gelungen ist ihm das nicht.

Nun ist das wirklich nicht so einfach zu verstehen. Vielleicht hilft ja das nachfolgende Video eines Pastors, den Ansatz nachzuvollziehen. Er erörtert in wenigen Minuten das Verhältnis von Glauben und Wahrheit  und bewegt sich dabei im Fahrwasser Schleiermachers. Feuerbach hätte mit großer Freude und geschliffenen Klingen auf die Projektionen der beiden von ihm angeführten Personen, ein Christ und eine Muslimin, reagiert.

VD: JS

Reformation und Islam

Ich habe kürzlich das Impulspapier „Reformation und Islam“ der Konferenz für Islamfragen der EKD gelesen. Ein echtes Leseerlebnis. Wer wissen will, wie es um weite Kreise innerhalb der Evangelischen Kirchen bestellt ist, sollte sich diese Erfahrung gönnen. Es ist kein Vergnügen.

Nun gäbe es sehr viel über das Impulspapier zu sagen. Auffällig beispielsweise gleich zum Einstieg die für die Kulturwissenschaften bezeichnende (therapeutische) Sprache. Sie wurde gewählt, um die Empfindungen derer zu beschreiben, die sich seinerzeit mit der Frage befassen mussten, ob wohl bald auch Wien an die Türken fallen werde. „Zur Zeit Luthers sah Europa sich militärisch und politisch vom expandierenden Osmanischen Reich bedrängt.“ Die Betonung liegt auf „die Leute sahen es so“. Sie sahen eine Bedrohung, die ja vielleicht gar keine war. Konstantinopel war jedoch 1453 gefallen und die Türken waren auf dem Vormarsch nach Europa. „Man nahm sie wahr als die Anderen und Fremden, als die bedrohliche Macht aus dem Südosten“ (S. 7). Eigentlich, so könnte man vermuten, suchten die Türken nur florierende Handelsbeziehungen in gänzlich friedlicher Absicht. Aber da die Europäer die Schönheit des Fremden noch nicht angemessen zu schätzen wussten, haben sie das übersehen.

Aber lassen wir das. Wenden wir uns einer Argumentationsfigur zu, die heutzutage oft zu finden ist. Es geht um das „sowohl als auch“. Auf S. 24 wird das Argument sehr anschaulich entfaltet.

Zunächst heißt es:

Die anhand der Rechtfertigungslehre vor 500 Jahren gewonnenen zentralen Einsichten reformatorischer Theologie können heute in fünf Kernpunkten zusammengefasst werden: solus Christus – allein Christus, sola gratia – allein aus Gnade, solo verbo – allein  im  Wort,  sola  scriptura, – allein  aufgrund  der  Schrift  und  sola fide – allein  durch den Glauben.

Das klingt doch ganz gut. Aber dann geht es weiter. Ungefähr so: So schön diese Einsichten auch waren und vielleicht noch sind. Es gibt ein großes Problem! Die Reformatoren haben es damals tatsächlich so gemeint, wie sie es geschrieben haben. Oder anders formuliert: Die Schwierigkeit ist, dass mit dem „allein Christus“ die Vorstellung verbunden wurde und auch heute noch verbunden werden kann, dass außerhalb von Christus niemand das Heil findet. Wir müssen so von Christus sprechen lernen, dass die Heilsversprechen anderer Religionen nicht deklassiert werden.

Bezugnehmend auf den EKD-Grundtext „Rechtfertigung und Freiheit“ heißt das (S. 25):

Die Herausforderung besteht darin, von Christus zu sprechen, aber so, dass dabei nicht der Glaube des anderen abgewertet oder für unwahr erklärt wird. So wie für den Christen das Gehören zu Christus der einzige Trost im Leben und im Sterben ist, so ja auch für den Anhänger der anderen Religion sein spezifischer Glaube. Dies darf auf beiden Seiten des Gespräches anerkannt werden.

Die Reformatoren waren also damals der ungeheuerlichen Vorstellung aufgesessen, es handele sich bei der muslimischen Religion um eine Irrlehre. Heute haben wir, bedingt durch geistesgeschichtliche Entwicklungen, den Glauben, der zwischen wahren und falschen Lehren unterscheidet, glücklicherweise überwunden. Wenn also beispielsweise Petrus vor knapp 2000 Jahren der Meinung war, dass Jesus Christus der Eckstein ist und in keinem anderen als in diesem Namen unsere Rettung zu finden ist (vgl. Apg 4,11–12), dann hatte er zwar recht. Er übersah allerdings (falls er es überhaupt so gesagt hat), dass dies nicht so zu verstehen ist, als ob allein Jesus retten kann.

Das sei ihm aber verziehen. Schließlich kannte er die dialogischen Ansätze, die uns heute zur Verfügung stehen, noch nicht.

Kyrie eleison.

Francis Schaeffer erklärt seine Apologetik

Jemand hat sich freundlicherweise die Mühe gemacht, ein altes Interview mit Francis Schaeffer zu digitalisieren. Francis Schaeffer beantwortet in L’Abri Fragen von Frank und erklärt ausführlich seine apologetische Arbeitsweise, aber auch, weshalb das Christentum eine solide Grundlage für freie Gesellschaften ist. Im Teil 6 geht es übrigens um die Rechfertigungslehre und das Thema Bekehrung.

Ich liste nachfolgend die Teile des Gesprächs:

Teil 1 (46 Minuten):

Teil 2 (46 Minuten):

Teil 3 (46 Minuten):

Teil 4 (39 Minuten):

Teil 5 (30 Minuten):

Teil 6 (30 Minuten):

Teil 7 (30 Minuten):

Gordon Lewis (1926–2016)

Gordon Lewis ist am 11. Juni 2016 heimberufen worden. Douglas Groothius hat für Christianity Today einen Nachruf über den christlichen Philosophen geschrieben:

Lewis published seven books and many articles. His major work on apologetics is Testing Christianity’s Truth Claims (Moody Press, 1976). Along with Bruce Demarest, also a faculty member of Denver Seminary, he wrote Integrative Theology (1987–1992), a three-volume theology text that uniquely combines historical theology, biblical theology, doctrinal formulation, apologetics, and application.

His method for both theology and apologetics is verificationism (not to be confused with logical positivism), which he derived from evangelical philosopher and theologian, Edward John Carnell (1919–1967). This method puts forth a hypothesis (such as the existence of God) and tests it against rival hypotheses (such as atheism and pantheism) in order to determine which hypothesis best explains the matter in question. The best explanation will be logically consistent, supported by the facts, and existentially compelling. Lewis used this method in all his teaching and writing, making the corpus of his work extraordinarily consistent and compelling.

When Lewis retired from full-time teaching in 1993, I was hired in his stead to teach philosophy. I could not fill his shoes, but I followed in his footsteps. He encouraged me in his role as a senior professor. I knew Lewis as a generous, kind, peaceable, and deeply loving man. His impressive mind and academic achievements never led to pride or arrogance. He used his gifts for the glory of God through his teaching, writing, and mentoring.

After his retirement, Gordon Lewis was no longer household name in evangelicalism, but he should be remembered for his deep contributions to theological education, Christian philosophy, theology, and apologetics.

Das Buch Wahrheit und Liebe: Was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können enthält einen Beitrag von Gordon Lewis über die apologetische Arbeitsweise von Francis Schaeffer. Der Aufsatz enthält eine Tabelle, in der drei Ansätze der Apologetik gegenübergestellt werden. Hier:

Tabelle

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Nancy Pearcey: Die Wahrheit finden

420582Nancy Pearsey hat mit Finding Truth ein weiteres Buch geschrieben, das in der Tradition von Francis Schaeffer steht. Der Apologet Gregory Koukl schreibt in seiner Empfehlung:

Wonderful … Nancy Pearcey has the unique ability of getting to the heart of things in the cultural conversation. Pearcey’s penetrating critique of the worldview ‘idols’ of our age is chock-full of gems. Better, it equips us with an easy-to-follow game plan for assessing any worldview. This is one of those books that not only challenges the critics; it also gives a huge dose of confidence to the Christian who will catch himself walking away from its pages saying, ‘Gosh, this stuff really is true.’

Beim Durchblättern fand ich unter den Danksagungen übrigens einige Namen, die mir auf diesem Blog schon mehrfach begegnet sind. Freut mich, dass Kommentatoren des TheoBlogs zum Buch beigetragen haben! Weiter so!

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Das Buch kann ich übrigens Leuten empfehlen, die über so genannte „Entkehrungen“ schwärmen oder Zweifler im Freundeskreis haben. Das erste Kapitel heißt: „Wie ich meinen Glauben an einer evangelikalen Ausbildungsstätte verloren habe.“

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Christopher Hitchens und der Himmelhund

51rELKRwN+L SX322 BO1 204 203 200Christopher Hitchens war ein Intellektueller, der insbesondere für seinen glühenden Hass auf Religionen und ganz besonders auf das Christentum bekannt war. Seine große Abrechnung mit dem christlichen Glauben ist als Der HERR ist kein Hirte auch in deutscher Sprache erschienen und wurde nicht nur vom SPIEGEL gefeiert. Als Hitchens 2011 im Alter von 62 Jahren starb, schrieb DIE ZEIT:

In seinem Buch Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet aus dem Jahr 2007 argumentierte er wütend gegen jede Form des Glaubens. Religion führe zu Kriegen, zu sexueller Unterdrückung und stehe der Kultur und Wissenschaft im Weg. Aus dieser Überzeugung resultierte auch seine Befürwortung des zweiten Irak-Kriegs, den er für notwendig hielt, um die westlichen Werte des Säkularismus und Feminismus zu verteidigen.

Der in England geborene Hitchens studierte in Oxford und arbeitete als Literaturkritiker für die Londoner Zeitschrift New Statesman , bevor er 1981 in die USA zog. In den folgenden Jahren arbeitete er unter anderem als Korrespondent für die linksgerichtete Wochenzeitschrift The Nation . Im Jahr 2007 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Christopher Hitchens verfasste 25 Bücher und unzählige Artikel und Kolumnen . Zu seinen Büchern zählen Werke über Thomas Jefferson, Thomas Paine, George Orwell und Henry Kissinger . Die Übersetzung seiner Autobiografie The Hitch – Geständnisse eines Unbeugsamen erschien in diesem Jahr bei Blessing.

Unbeugsam blieb er selbst in den letzten Tagen seiner Krankheit. Einige seiner Gegner hatten darauf gewartet, dass Christopher Hitchens sich angesichts des bevorstehenden Todes doch noch zum Glauben bekennen würde. In einem vor Kurzem veröffentlichten Artikel schrieb er: „Ich habe beschlossen alles anzunehmen, was meine Krankheit mir entgegenstellen wird. Ich werde kampflustig bleiben, selbst angesichts meines unvermeidlichen Niedergangs.“

Nur wenige wussten, dass Hitchens mit dem christlichen Apologeten Larry Alex Taunton befreundet war. Dieser hat nun, nachdem sein Verlag ihn gedrängt hatte, ein Buch über seine Freundschaft mit ihm geschrieben und dabei Überraschendes erzählt. Brian Matson hat das Buch gelesen und besprochen:

Das insgesamt Geniale an diesem Buch ist die Tatsache, dass es eine Geschichte erzählt. Eine unheimlich fesselnde Geschichte, die einen zwingt, weiterzulesen und das Buch bis zum Schluss nicht aus der Hand zu legen. Es mag zwar viel intellektuell anregenden Stoff enthalten, aber letztlich geht es um zwei Freunde, die sich gegenseitig sehr respektierten: Den verhärteten Atheisten und den leidenschaftlichen Evangelisten.

Nachdem Hitchens die Diagnose Speiseröhrenkrebs bekommen hatte, die sein Todesurteil bedeutete, unternahm er zwei private Reisen mit Taunton: eine durch das Shenandoah Valley und eine weitere durch Montana und den Yellowstone Nationalpark. Der Zweck dieser Reisen war das gemeinsame Studium des Johannesevangeliums. Tauntons Erzählungen von diesen Reisen sind zeitweise urkomisch (der waschechte Südstaatenevangelikale fährt, während der kampferprobte Atheist mit offener Bibel, einem Glas Whisky und einer Zigarette auf dem Beifahrersitz sitzt), zeitweise voller Spannung und oftmals tief bewegend.

Wenn man auf der Suche nach einer melodramatischen Bekehrungsgeschichte oder einem Handbuch zur Apologetik ist, wird man hier nicht fündig. Sollte man aber nach einer großartigen Demonstration von Nächstenliebe, Freundschaft und Evangelisation Ausschau halten, so liegt man mit diesem Buch goldrichtig.

Mit seiner einzigartigen Kombination aus erstklassiger Erzählkunst, Intellekt und Leidenschaft verdient „Der Glaube des Christopher Hitchens“ schon jetzt den Status eines Klassikers.

Bei Evangelium21 mehr dazu: www.evangelium21.net.

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Worum es bei dem Kampf um sexuelle Orientierung wirklich geht

Mit freundlicher Genehmigung veröffentliche ich nachfolgend gekürzt einen Beitrag von Michael C. Sherrard zum Thema „Sexuelle Orientierung und Weltanschauung“. Kurt Vetterli hat großzügigerweise seine Übersetzung zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Worum es bei dem Kampf um sexuelle Orientierung wirklich geht

Fällt es dir schwer zu verstehen, dass rational denkende Leute wirklich meinen, geschlechtsneutrale Toiletten seien eine gute Idee? Bist du verwirrt darüber, was in unserer Kultur passiert? Macht es irgendeinen Sinn für dich, dass Gesellschaften politischen oder wirtschaftlichen Druck anwenden, um unser Verständnis von sexueller Orientierung zu verändern? Es sieht folgendermaßen aus:

Beim Kampf um Sexualität oder geschlechtliche Orientierung geht es um eine Sache: ein bedeutungsvolles Leben. Das ist es, worum sich die ganze Streiterei dreht und warum der Kampf so hitzig geführt wird. Dieser Streit ist Teil eines größeren, übergeordneten Kampfes: Wie bekommt man ein bedeutungsvolles Leben? Und dazu musst du verstehen: die Antwort auf die vorhergehende Frage ist bestimmt durch deine Weltanschauung. Eine Weltanschauung ist eine Reihe von Glaubenssätzen oder Überzeugungen, die dich veranlassen, das Leben in einer bestimmten Weise zu sehen. Wir alle haben eine Weltanschauung, du kannst nicht ohne eine leben …

Ich habe eine christliche Weltanschauung. Ich habe Überzeugungen bezüglich der Realität. Unter anderem glaube ich, dass Gott existiert, dass die Welt rational ist (d.h. verstehbar) und dass das Leben eine objektive Bedeutung und einen ihm innewohnenden Wert hat. Meine Existenz ist die Quelle meiner Bedeutung und meines Wertes. Weil ich in Gottes Ebenbild gemacht bin, habe ich unschätzbare Würde.

Ich lebe jedoch in einer Gesellschaft, in der praktisch jedermann eine naturalistische Weltanschauung hat. Der Naturalismus enthält eine Reihe von Glaubenssätzen oder Überzeugungen über die Realität. Der Naturalismus hält unter anderem für wahr, dass Gott nicht existiert, dass die Welt nicht rational ist (obwohl sie nicht rechtfertigen können, dass dieser Glaube vernünftig ist), und dass das Leben keine innewohnende Bedeutung oder Wert hat. Und das ist eine schwerwiegende Sache. Hast du das mitbekommen? Das Leben hat keine eigentliche Bedeutung oder keinen Wert an sich. Was macht nun dein eigenes Leben für einen Sinn? Was hat es für einen Wert? Das ist das große Problem für den Naturalisten.

Seit langem haben Naturalisten die Konsequenzen und Probleme, die aus ihrer Weltanschauung resultieren, erkannt. George Orwell bemerkte dies in seinem Essay Notes on the Way. Darin schreibt er über die Notwendigkeit, die Seele ‚wegzuschneiden‘. Du musst sehen, dass gemäss dem Naturalismus das Selbst oder die Seele gar nicht existieren. Einfach ausgedrückt: Du existierst nicht. „Der Mensch ist nicht ein Individuum, er ist nur eine Zelle in einem immerwährenden Körper“, sagt Orwell. Das Problem jedoch ist, wenn du die Seele ‘wegschneidest’, dann findest du dich in einer sehr trostlosen Welt wieder: Existenz ohne jede Bedeutung oder Wert. Orwell hat das gesehen. „Für zweihundert Jahre hatten wir an dem Ast, auf dem wir sitzen gesägt und gesägt und gesägt. Und am Ende, viel schneller als jemand vorausgesehen hatte, wurden unsere Bemühungen belohnt und wir stürzten hinunter. Aber unglücklicherweise war da ein kleiner Fehler. Die Sache am Boden, auf die wir fielen, war nicht ein Bett aus Rosen, sondern eine Grube voller Stacheldraht.“

Nun, wie erlösen sich Naturalisten aus diesem Dilemma? Wie finden sie Bedeutung im Leben? Sie produzieren sie selbst. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre war ein Pionier darin, dem Naturalisten aus seiner Zwangslage zu helfen. Er stellte die These auf, dass Existenz der Essenz (dem Wesen) vorausgeht. Das heißt soviel wie dass du ein unbeschriebenes Blatt bist, so kannst du dein Leben zu dem machen, was immer du willst. Weil deine Existenz keine innewohnende (ursprüngliche) Bedeutung oder Wert hat, kannst du damit tun, was immer du willst. Sei ein Drache. Werde eine Frau. Heirate deine Mutter oder deinen Computer. Definiere dein Leben wie du es für passend hältst. Dein autonomer Wille ist es, das deiner Existenz Wert oder Bedeutung gibt. Er ist deine Würde.

Das ist es, worum es in dem Kampf geht. Damit wir eine bedeutungsvolle Existenz haben, müssen wir vollkommene Freiheit haben, uns selbst einzig nach unserem Willen zu formen. So ist eine Bedrohung der Freiheit, das eigene Geschlecht oder die eigene sexuelle Orientierung zu wählen, die Bedrohung einer ganzen Gesellschaft, die den Naturalismus als Weltanschauung angenommen hat und Bedeutung und Wert durch unbegrenzte Freiheit der Wahl anfertigen muss.

Lasst uns darüber im Klaren sein, was hier passiert! Unsere Gesellschaft agiert kollektiv aufgrund der Annahme, dass Gott nicht existiert und der Naturalismus wahr ist. Sie kämpfen darum, eine Gesellschaft zu formen, die diesen Glauben reflektiert. Das ist wiederum der Grund, warum der Kampf so intensiv ist. Es ist eine radikale Verschiebung in unserer Gesellschaft. Aber ich frage mich, ob die Leute sich wirklich bewusst sind, was hier passiert. Ich frage mich, ob wir bereit sind, dies in solch einer Weise zu deklarieren, dass Gott tot ist. Sind wir wirklich bereit, offiziell die Christliche Weltanschauung mit der naturalistischen zu ersetzen?

Ich meine Folgendes, und das mag dich schockieren: wir sollten bereit sein. Wir sollten die Christliche Weltanschauung verwerfen, wenn der Naturalismus wahr ist. Aber er ist es nicht. Der Naturalismus ist eine schwache Weltanschauung, wenn es darum geht, die Realität zu erklären. Und er bietet in Wirklichkeit keine rationale Rechtfertigung für seine Glaubwürdigkeit. Aber das ist Stoff für einen weiteren Artikel. Trotzdem denke ich, wir können nur einen Aspekt der Position des Naturalisten untersuchen und sehen, warum sie etwas ist, das wir nicht annehmen können.

Gemäß dem Naturalismus existiert Gott nicht. Darum, forme dein Wesen selbst, um deiner Existenz Bedeutung und Wert zu geben. Aber, weil Gott nicht existiert, kann auch das Selbst nicht existieren, das muss der Naturalist zugeben. Aber wenn das Selbst nicht existiert, kann auch kein freier Wille existieren. Gemäss dem Naturalismus bin ich eine “Zelle in einem immerwährenden Körper.” Ich bin bloss Moleküle in Bewegung. Chemie und Physik diktieren, wie ich agiere, fühle und auf diese Welt antworte. Ich bin nicht mehr als eine Maschine. Schlimmer, ich bin der Sklave meiner Natur. Freies moralisches Handeln ist ein riesiges Problem für den Naturalisten. Es wäre genau die Sache, die ich bräuchte, um eine bedeutungsvolle Existenz zu haben, aber es ist eben die Sache, die es nicht gibt, wenn der Naturalismus wahr ist.

Wie jemand ein Naturalist sein und gleichzeitig an einen freien Willen glauben kann, geht über mein Verstehen. Es ist die Spitze intellektueller Unehrlichkeit. Und deshalb kann ich nicht verstehen, wie jemand tatsächlich ein Naturalist sein kann. Die wichtigste Sache in seiner Weltanschauung ist gemäß eben dieser Weltanschauung nicht möglich. Das ist doch die höchste Form der Ironie …

Um es deutlich zu sagen, der Naturalismus ist die Weltanschauung, die uns diesen Kampf gebracht hat. Aus ihm folgt der Kampf, in dem wir uns gegenwärtig befinden. Weil Gott nicht existiert, hat das Leben keine Bedeutung außer der, die du selber herstellst durch deinen autonomen Willen. Ein bedeutungsvolles Leben ist das, was hier auf dem Spiel steht. Deshalb tobt der Kampf.

Was bedeutet dies also für uns? Zuallererst bedeutet es, dass wir uns um die Wurzel des Problems kümmern müssen. Wir können nicht nur Symptome diskutieren. Zu leicht werden wir in Argumente über Regeln über Toilettenbenutzung und was nicht alles gezogen. Das ist in Ordnung, wir sollten uns auch in solchen Konversationen engagieren. Aber unsere Bemühungen werden nicht fruchtbar sein, wenn wir nicht das Herz der Sache ansprechen. Die Forderung geschlechtsneutralen Toiletten entspringt aus der naturalistischen Weltanschauung. Also, bedenke, wie du dem Naturalismus begegnest.

Englisches Original: www.michaelcsherrard.com.

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Drei Gründe für „auslegende Apologetik“

Voodie Baucham Jr. erklärt kurz und knapp, weshalb die Apologetik für den Verkündigungsdienst wichtig ist. Von ihm stammt die Formulierung „auslegende Apologetik“. Er will damit zum Ausdruck bringen, dass es eine Aufgabe der Christen ist, die Fragen der Menschen mit den Inhalten der Bibel zu beantworten.

Ob wir nun Evangelisten, Prediger, Lehrer oder Leiter sind, unser Ziel ist das gleiche. Als auslegende Apologeten zeigen wir den Leuten Jesus Christus und rufen sie zur Buße und zum Glauben auf. Wir zeigen ihnen unaufhörlich, wie töricht und gefährlich es ist, irgendjemand anderem außer Ihm zu vertrauen. Im Grunde ist der auslegende Apologet ein Evangelist.

Evangelisation ist mehr als der Versuch, die Leute von der Richtigkeit des Christentums zu überzeugen und sie dazu zu bringen, am Altar ein Gebet zu sprechen. In der Evangelisation geht es darum, Jünger zu machen, also demgemäß Leute aus dem Reich des Irdischen in das Reich Gottes zu rufen. Dieser ‚Herrschaftswechsel‘ steht im Zentrum der auslegenden Apologetik.

Der Evangelist kennt die wichtigsten Aspekte der auslegenden Apologetik. Er weiß also erstens, woher der Unglaube kommt. Zweitens versteht er, wie man eine Unterhaltung zum Einstieg für die auslegende Apologetik nutzt. Ironischerweise ist der Evangelist der offensichtlichste Kandidat für die auslegende Apologetik, aber er ist nicht der wahrscheinlichste Kandidat dafür, sie konsistent anzuwenden.

Hier mehr: www.evangelium21.net.

Glaube als Verdrängung?

Georg Huntemann geht in Angriff auf die Moderne der Frage nach, ob der Mensch, wie Freud behauptet hat, das Glück auch ohne Umweg über den Glauben finden kann (1966, S. 55–56):

Auf die Frage, ob die Religion dem Menschen irgendwie nützlich sein könnte, antwortet Freud: »Wenn der Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes unerforschlichem Ratschluss zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose Unterwerfung übrig geblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können.« Es stellen sich einige herausfordernde Fragen: Ist man nur »religiös«, weil man mit dem Leben nicht fertig wird? Sind nur diejenigen Christen, die sich in ihrem Leben nicht durchsetzen können?

Viele Schüler Freuds (sie bestimmen insbesondere in Amerika die psychologische Forschung) meinen: Die Triebe und Wünsche des Menschen müssen erfüllt werden. Wir müssen ihn locken und reizen, daß er seine Wünsche nicht unterdrückt. Der Mensch ist ein Triebwesen. Erfüllt ihm seine Wünsche, und die Religion wird überflüssig. Ist die Religion nicht schon überflüssig geworden, weil wir heute viel unbefangener unsere Wünsche aussprechen und erfüllen als in der »gläubigen«, letzten Endes »gehemmten« Welt unserer Väter und Großväter? Unsere Hobbys, unsere Reisen, unsere sexuellen Befriedigungen, die vielen Dinge auf dem Konsummarkt — die zunehmende Befreiung von der Qual der Arbeit — ist das alles nicht viel handfester als die letztlich ungedeckten Versprechungen der Religion? Haben wir nicht das Glück heute erfunden?

In vollem Ernst meinen viele Psychologen, den Menschen dadurch glücklich machen zu können, daß sie die Welt in einen riesigen Spielplatz für Erwachsene verwandeln und das Leben zu einem einzigen Vergnügen, in dem immer wieder neue Freuden ersonnen, geplant und geliefert werden.

Als Freud um die Jahrhundertwende seine Entdeckungen über die menschliche Seele verkündete, war man zunächst erschüttert. Man dachte, der Mensch sei ein moralisches und geistiges Wesen, das von Ideen, aber nicht von Trieben geleitet würde. Diese »Erschütterung« ist heute längst abgekühlt. Sie war eigentlich auch unberechtigt. In einem gewissen Sinne hatte Freud ja recht.

Die Bibel weiß seit je, daß der Mensch von der Gier nach Welt überfallen wird. Der Apostel Paulus gebraucht den Ausdruck »Fleisch«, wenn er die Zügellosigkeit der Weltverkrampfung meint. Stand nicht auf den ersten Seiten der Bibel, daß der Mensch — wissend geworden — sterben muß, daß Kain seinen Bruder Abel erschlägt, daß neben der Gier nach Leben die Lust am Zerstören und Morden steht?

In diesem Punkt aber unterscheiden wir uns von Freud und seinen Schülern: Die Kräfte der Seele können nicht wie die Wasser eines Stauwerkes manipuliert werden. Man kann dem Menschen keine restlose Triebbefriedigung »verschaffen«. Man würde ihn dadurch auch nicht glücklich machen können. Im Gegenteil: Wenn der Mensch alles bekommt, wonach er giert, dann hat er gar nichts mehr. Es ist noch etwas anderes in der Seele des Menschen. Es ist ein Verlangen, das die Welt nicht befriedigen kann, weil es über die Welt hinausgeht.

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Mit ungeteiltem Herzen

Ich bin am Samstag in Hamburg beim Christlichen Techniker-Bund (DCTB) und spreche über Apologetik und die gesellschaftliche Verantwortung der Christen. Zum Programm heißt es:

Christen denken in vielen Bereichen anders als Nicht-Christen. Diese Spannung zwischen der „Kultur der Christen“ und der „Kultur der Welt“ berührt das gesamte Leben. Wie antworten wir auf Fragen wie: Kannst Du beweisen, dass Gott existiert? Führen nicht alle Religionen zu Gott? Warum sollten wir der Bibel mehr Vertrauen schenken als anderen bewährten Büchern? Gibt es so etwas wie Gewissheit? Wie verhält sich der Glaube zur Vernunft, wie zur Erfahrung? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich der Vortrag zur christlichen Apologetik, der Verteidigung des Glaubens gegenüber Anfragen und Anklagen Andersdenkender. Christen sind darüber hinaus Wegbereiter mit Verantwortung. Wie können wir als Christen Weltverantwortung übernehmen, ohne dabei Profil und den Verkündigungsdienst aus den Augen zu verlieren?

Die Veranstaltung geht von 10.00 bis ca. 16.30 Uhr. Noch sind Anmeldungen möglich: www.dctb.de.

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