April 2011

»Jesus hat Sie lieb« ist Kündigungsgrund

Kunden missionieren ist ein Kündigungsgrund, befand das Landgericht Hamm. Ein Callcenter-Agent hatte sich stets mit »Jesus hat Sie lieb« verabschiedet.

Mit religiösen Überzeugungen halten sich Arbeitnehmer Kunden und Kollegen gegenüber besser zurück. »Der Arbeitsplatz ist nicht der Platz, um religiöse Weltanschauungen zu verbreiten«, sagt der Arbeitsrechtler Michael Eckert aus Heidelberg. »Arbeitnehmer dürfen also nicht den Missionar spielen und versuchen, Kunden oder Kollegen zu bekehren«, erläuterte Eckert, der Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltvereins ist. Tun sie es dennoch und widersetzen sich damit dem Willen des Arbeitgebers, berechtige das zu einer Abmahnung und in der Folge zur Kündigung.

Das Landesarbeitsgericht in Hamm hat die fristlose Kündigung eines tief religiösen Callcenter-Agenten aus Bochum bestätigt. Der Versandhandel QVC hatte den Mann Anfang 2010 entlassen, weil er sich von Kunden am Telefon stets mit den Worten »Jesus hat Sie lieb« verabschiedet hatte.

Mehr hier: www.welt.de.

Moo: Justification in Galatians

understanding-the-times.jpgDer Crossway Verlag hat anlässlich des 65. Geburtstages von D.A. Carson eine Festschrift veröffentlicht. Das Buch Understanding the Times: New Testament Studies in the 21st Century (Essays in Honor of D. A. Carson) wurde von den beiden Neutestamentlern Andreas Köstenberger und Robert Yarbrough herausgegeben und enthält Beiträge von honorigen Autoren wie Eckhard J. Schnabel, Craig L. Blomberg oder Grant Osborne.

Zum Buch gehört auch ein Beitrag von Douglas J. Moo (Autor des berühmten Aufsatzes »›Law‹, ›works of the law‹, and legalism in Paul«, Westminster Theological Journal, vol. 45, no. 1, 1983).

Der Aufsatz »Justification in Galatians« kann zusammen mit der Titelei des Buches hier gratis heruntergeladen werden: understanding-the-times-download.pdf.

Manson: »Man muss sich selbst als Gott akzeptieren«

In einem Interview mit der spanischen Ausgabe von Vanity Fair gab Charles Manson aus dem Corcoran State Gefängnis nach Auskunft der SZ einige für seine Verhältnisse vernünftige Einsichten zum besten:

»Jeder ist Gott, und wenn wir das nicht endlich einsehen, gibt es kein Wetter mehr, weil unsere Polkappen schmelzen, weil wir Mist mit unserer Atmosphäre machen«, erläuterte er. »Wenn wir das nicht sofort ändern, jetzt, während ich mit Ihnen spreche, wenn wir das Grün nicht zurückbringen auf unseren Planeten und die Bäume, die wir abgeschlachtet haben, wenn wir diesem Problem nicht den Krieg erklären ..«.

»Man muss sich selbst als Gott akzeptieren« ist wohl eine Hybris, die dabei helfen soll, keine Verantwortung für die eigene Schuld zu übernehmen. Susan Atkin hat kurz vor ihrem Tod erklärt, wie finster Charles Manson tatsächlich ist.

Hier der Artikel von der SZ: www.sueddeutsche.de.

Was Christen (noch) glauben

Heute erscheint die Oster-Ausgabe von DIE ZEIT mit dem Thema: »Was Christen (noch) glauben«. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo stellt die Ausgabe kurz vor:

Die Kultivierung der Auslese

Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in seinem Aufsatz »Warum nicht PID?« in der FAZ vom 14. März 2011 für den uneingeschränkten Schutz des menschlichen Lebens plädiert. Damit fand Bockenförder erwartungsgemäß nicht nur Zustimmung.

In einem am 24. März veröffentlichten Brief distanzierte sich ein Leser nicht nur von dem christlichen, sondern auch von dem kantschen Begriff der Menschenwürde, demnach der Mensch in sich selbst Zweck ist und niemals Mittel zum Zweck sein darf. Unter Berufung auf die postmoderne Kommunikationstheorie von Niklas Luhmann forderte der FAZ-Leser einen Würdebegriff der Performance. Würde verdient demnach eine Person dann und nur dann, wenn sie sich selbt als souveräne und individuelle Person darstellen kann. Die Würde für einen Embryo spiele also keine Rolle, »weil er sich noch nicht selbst darstellen« könne. Menschenwürde solle nur jemand für sich in Anspruch nehmen, der sinnvolles Kommunizieren beherrsche (siehe FAZ vom 24. März 2011, Nr. 70, S. 34).

Am 26. März veröffentlichte die FAZ ein weiteres Schreiben. Diesmal brachte ausgerechnet ein Theologieprofessors den darwinistischen Zugang ins Spiel, der an Nietzsches »Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf!« erinnert (KSA, Bd. 2, S. 90). Wir hätten, so der Autor, in den letzten 150 Jahren viel dazugelernt, was das Wesen des Lebens anbeträfe. Eine Betrachtung des Einzelnen ohne Einbeziehung der Leben ermöglichenden Population sei sinnlos. Wenn es einen ethischen Referenzpunkt gäbe, so sei das »die Tatsasche des übergreifenden Lebensprozesses, der sich seit mehr als drei Milliarden Jahren auf dieser Erde behauptet hat, innerhalb dessen wir Menschen die Fähigkeit erlangt haben, den Prozess der genetischen Entwicklung durch die seit etwa hundert tausend Jahren verfügbare Intelligenz und die seit etwa sechstausend Jahren verfügbaren Sprachen und die seit zehn Jahren verfügbare – allerdings noch recht primitive – Technologie der Gentechnik gezielt zu beschleunigen.« »Wir selbst existieren nur«, schreibt der Verfasser weiter, »weil ungeheuerlich viele Arten auf dem Weg in die Zukunft sterben mussten, aber wir verbieten den Umgang mit genetischen Änderungen, weil einzelne Zellen eliminiert werden, deren Strukturen nachweisbar zu Krankheiten und Beeinträchtigungen bei einzelnen Menschen führen.« Ein möglicher Missbrauch von Freiheit dürfe uns »nicht daran hindern, die übergreifende Bestimmung des Menschen als Teil eines planetarischen Lebensauftrages zu sehen. Und dieser Lebensauftrag sagt ganz klar, dass wir noch keinesfalls am ›Ziel‹ sind« (siehe FAZ vom 26. März 2011, Nr. 72, S. 8).

Schließlich meldete sich in einem Leserbrief, der am 5. April veröffentlicht wurde, auch noch ein Mediziner zu Wort. Auf persönliche Erlebnisse mit lebensmüden Schwerstbehinderten anspielend, fragt er, ob nicht »bei einigen genetisch geschädigten Embryonen die Menschenwürde nur dann erhalten geblieben wäre, wenn sie nicht ausgetragen worden wären?« Die Aussortierung nach PID wäre – so gesehen – »eine Möglichkeit, die Menschenwürde von Embryonen zu bewahren« (siehe FAZ vom 5. April 2011, Nr. 80, S. 17).

Düstere Stellungnahmen. Ich kann nur hoffen, dass die Autoren selbst nie in Umstände hineingeraten, die es ihnen schwer machen, ihr personales Wesen positiv unter Beweis zu stellen. Mir scheint diese Kultivierung der Auslese die Ablösung vom christlichen Menschenbild zu spiegeln. Georg Simmel schrieb in seiner Philosophie des Geldes (Georg Simmel: Philosophische Kultur, Frankfurt am Main 2008, S. 590, zitiert nach einem Newsletter des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie):

Tatsächlich ruht die ganze vom Christentum beherrschte Entwicklung der Lebenswerte auf der Idee, dass der Mensch einen absoluten Wert besitzt; jenseits aller Einzelheiten, aller Relativitäten, aller besonderen Kräfte und Äußerungen seines empirischen Wesens steht eben »der Mensch«, als etwas einheitliches und unteilbares, dessen Wert überhaupt nicht mit irgendeinem quantitativen Maßstab gewogen und deshalb auch nicht mit einem bloßen Mehr oder Weniger eines anderen Wertes aufgewogen werden kann.

Der evangelische Bonner Ethikprofessor Ulrich Eibach hat treffend zwischen Person und Persönlichkeit unterschieden. Persönlichkeit ist das, was uns konkret von einem anderen Menschen entgegentritt. Person jedoch ist der unzerstörbare Wesenskern, den auch Personen haben, deren »Persönlichkeit« für uns nur schwer feststellbar ist: z. B. Ungeborene, geistig Behinderte oder im Koma Liegende. Die unantastbare Würde der Person hängt gerade nicht am Beweis ihrer Persönlichkeit, also an dem Vorhandensein aller Körperteile, an bestimmten geistigen Fähigkeiten oder an der Fähigkeit, sich selbst verteidigen zu können.

Nach biblischem Verständnis ist ein Mensch auch dann eine unantastbare Person, die als »Ebenbild Gottes« geschaffen wurde, wenn das Menschliche kaum noch zu erkennen ist. So war die Persönlichkeit des besessenen Geraseners, der wie ein Tier lebte, fraß und brüllte, kaum noch menschlich zu nennen (vgl. Lk 8, 26–39). Doch Jesus sah in ihm ein Ebenbild Gottes. Durch die Befreiung aus der Macht des Bösen erschien die Persönlichkeit des Mannes wieder und er saß da und redete vernünftig, als wäre nie etwas gewesen. Hätte man ihn als Tier einstufen dürfen, nur weil das Menschliche kaum noch zu erkennen war? Und wer legt dann fest, welche äußeren Kennzeichen und Verhalten einen Menschen zum Menschen zu machen?

In der biblischen Ethik ist dem Menschen die Definitionsgewalt dafür, wer Mensch ist und Menschwürde genießt, entzogen. Wenn der Mensch anfängt zu definieren, welche seiner Mitmenschen Personen sind und welche nicht, ist letztlich niemand mehr sicher.

Ausmischung?

Der evangelische Pfarrer Jochen Teuffel hat heute in der FAZ den Artikel »Man höre doch mal dem Heiland zu« publiziert. Wieder kann ich Teuffel in vielen Punkten zustimmen, z.B. dort, wo er die Trennung von Kirche und Staat oder die Religionsfreiheit für alle Religionen fordert. Richtig ist zudem sein Verweis darauf, dass zum Christuszeugnis auch das Leiden gehört.

Doch dann lese ich:

Die Provokation des christlichen Glaubens besteht im letzten Wort Jesu am Kreuz: »Es ist vollbracht (tetelestai!« Der stellvertretenden Lebenshingabe des Gottessohnes ist menschlicherseits nichts hinzuzufügen. Was für Christen zu tun bleibt, ist die gottesdienstliche Feier des Pascha-Mysteriums Christi, das missionarische Namenszeugnis sowie der Dienst am fremden Nächsten. Im Übrigen gilt Toleranz, was nichts anderes heißt, als »Zuwiderliches« zu ertragen, weil man es weder abwenden noch ignorieren oder gar für sich akzeptieren kann.

Was Teuffel fordert, ist die »Ausmischung«. Christen, so verstehe ich Teuffel, sollten den Glauben vollständig privatisieren (also außerhalb der persönlichen Bekehrung keinen gesellschaftlichen Anspruch auf Einschluss erheben). Christen feiern Gottesdienst und mischen sich sonst nicht ein, auch dort nicht, wo sich Unrecht ausbreitet oder Freiheit erstickt wird. So hat es Luther nicht gemeint! Auch ich bin gegen die Gleichsetzung von Reich Gottes und Gesellschaft. Die Alternative zur Ideologisierung des Glaubens ist aber nicht die Ausmischung, sondern die friedliche Einmischung. »Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll«, hat Bonhoeffer einmal gesagt.

Hier der Artikel von Jochen Teuffel: www.faz.net. Mehr zu der Frage: »Sollen sich Christen in die Gesellschaft einmischen?« hier: diesseits.pdf.

Missionarisch Volkskirche gestalten

Die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland hat vom 16.-18.2.2011 zum Thema »Missionarisch Volkskirche gestalten – Möglichkeiten der mittleren Leitungsebene« getagt.

Interessenten können eine epd-Dokumentation mit den Vorträge für 6,40 Euro beim Evangelischen Pressedienst erwerben: www.epd.de.

Don Carson: Was steckt hinter dem Universalismus?

D.A. Carson hat anlässlich der von Rob Bell angestoßenen Diskussion über den »Universalismus« auf der Gospel Coalition-Konferenz (12.–14. April in Chicago, USA) einen ungeplanten Vortrag mit dem Titel »God: Abounding in Love, Punishing the Guilty« gehalten. Carson stellt in dem Vortrag verschiedene Konzepte des Universalismus vor und zeigt auf, dass hinter den aktuellen Diskussionen Verschiebungen in der Gotteslehre stehen. Es geht nicht nur um den Universalismus, sondern auch um Gottes Heiligkeit, seine Gerechtigkeit und das stellvertretende Sühneopfer von Jesus Christus.

Ein Mitschnitt des Vortrags kann hier gehört werden:

[podcast]http://tgc-audio.s3.amazonaws.com/2011-conference/sessioncarson_lovewins.mp3[/podcast]

Eine Podiumsdiskussion zum Thema, an der neben Carson auch Kevin DeYoung, Tim Keller, Stephen Um und Crawford Loritts teilnahmen, kann hier gehört werden:

[podcast]http://tgc-audio.s3.amazonaws.com/2011-conference/sessionpanel_lovewins.mp3[/podcast]

Zeit für Gottes Gegenwart

Kürzlich habe ich mal wieder ein älteres Buch aus dem Regal genommen, um ein wenig darin zu stöbern. Die Festschrift zum 70. Geburtstag von Jürgen Moltmann erschien 1996 unter dem Titel Die Theologie auf dem Weg in das dritte Jahrtausend (Gütersloh: Chr. Kaiser).

Das Buch enthält Aufsätze renommierter Theologen, darunter Christian Link, Wolfhard Pannenberg, Nicholas Woltersdorff oder Hans Küng. Die Qualität der Beiträge ist schwankend. Der gelehrte Beitrag von Miroslav Volf spiegelt den Einfluss von George Lindbeck, Michael Foucault und Nancey Murphey auf seine Theologie. Im Zeichen der Heiligen Geistin steht der Aufsatz von Elisabeth Moltmann-Wendel, der Ehefrau von Jürgen Moltmann (die übrigens über den Theologiebegriff von Hermann Friedrich Kohlbrügge promovierte). Der Titel »Wohnt in meinem Fleisch nichts Gutes?« verrät viel. Die Zeit sei gekommen, dass der feministische Spiritualismus die frauen- und körperfeindlichen Bahnen der paulinischen Theologie aufbreche und an der anfänglichen Jesusbewegung anknüpfe. »Wir brauchen eine Frauenkirche« (S. 323).

Bemerkenswert finde ich den Aufsatz »Zeit für Gottes Gegenwart« von Ingolf U. Dalferth (Universität Zürich). Sein Text enthält so viele gute Anstöße, dass ich einige längere Zitate wiedergebe:

Wir leben in einer schnellebigen Zeit. Keine andere Generation hat so viele Aufbrüche in die Zukunft erlebt wie wir, und keine hat ihre Aufbrüche in so schneller Folge wieder korrigieren und revidieren müssen. Trägt morgen noch, was heute gilt, wenn doch schon heute kaum mehr hilft, was gestern galt? Immer schneller entschwindet die Vergangenheit, und unsere Schwierigkeiten wachsen, aus ihr für Gegenwart und Zukunft zu lernen. Wir sind skeptisch geworden und trauen unseren Traditionen nicht mehr. Erweisen sie sich doch zunehmend als untauglich, die Probleme unserer Gegenwart zu begreifen oder gar zu lösen, weil sie in Lebenserfahrungen gründen, die nicht die unserer Zeit und Epoche sind. Uns haben sie daher immer weniger zu sagen. Sie werden uns täglich fremder. (S. 146)

Gott ist gegenwärig und in seiner Liebe hier und jetzt wirksam – aus dieser Einsicht lebt der Glaube, und das und nichts anderes ist das wirklich Wesentliche, das die Kirchen auch heute den Menschen in aller Deutlichkeit zu sagen schuldig sind. Das ist keine harmlose Botschaft, denn diesen Glauben gibt es nicht ohne die permanente Anfechtung, die der oft unerträgliche Widerspruch unserer faktischen Wirklichkeitserfahrung zu diesem Glauben darstellt: Wenn Gott als Liebe gegenwärtig wirksam ist, wie kann unsere Welt und unser Leben dann so sein, wie sie sind? Ohne von Sünde und von einer Schöpfung zu reden, die noch nicht ist, was sie sein soll und sein wird, läßt sich die Glaubenswahrnehmung der gegenwärtigen Wirksamkeit von Gottes Liebe nicht öffentlich verantworten. Wer auf die Rede von Sünde, Schuld und Verhängnis verzichten will, verharmlost den Glauben und spricht ihm gerade das ab, was ihn auszeichnet: daß er aufgrund seiner Wahrnehmung der Gegenwart von Gottes Liebe höchst sensibel macht (oder doch machen sollte) für die vielfältigen offenen und verdeckten Widersprüche gegen Gottes Liebe in unserer Erfahrungswelt. Glaubende leiden an diesen Widersprüchen, suchen sie zu beseitigen und wissen doch, daß sie diese Widersprüche durch ihr eigenes Tun nicht aus der Welt schaffen können, weil sie weder die Folgen ihres Handelns zureichend kontrollieren noch die Voraussetzungen ihres Lebens umfassend in den Griff bekommen können. Glauben gibt es deshalb auch nicht ohne die Hoffnung auf Gottes eigene Vollendung dessen, was als Gegenwart seiner Liebe wahrgenommen wird und doch oft nur kontrafaktisch bekannt werden kann. (S. 151)

Die Bedeutung des Glaubens ist seine Wahrheit, und diese Wahrheit gilt für alle oder für niemand. Wenn Gott so gegenwärtig ist, wie die Christen glauben, dann haben es alle mit Gott zu tun, ob das von allen wahrgenommen wird oder nicht.

Einwände, die auf die Kontextualität des christlichen Glaubens, die angebliche Relativität seiner Wahrheit oder den autoritären Charakter seines Absolutheitsanspruchs verweisen, verwirren wohl zu unterscheidende Sachverhalte. Daß christlicher Glaube nur konkret und damit in kontextueller Bestimmtheit gelebt werden kann, macht seine Gültigkeit nicht abhängig von bestimmten Kontexten: Die Wahrheit christlichen Glaubenslebens hängt an der Wahrheit des Evangeliums, dem sich der Glaube verdankt, nicht umgekehrt. Es macht auch keinen Sinn zu sagen, dieser Glaube sei ›für mich wahr‹, aber nicht notwendig auch für andere. Was immer unter ›Wahrhei‹ verstanden wird: Wer sagt ›Das ist für mich wahr‹, sagt damit ›Ich glaube, daß es wahr ist‹, und beansprucht eben damit, daß es nicht nur für ihn, sondern auch für andere gilt. Die Wahrheit des Glaubens hängt nicht daran, daß sie geglaubt wird, sondern daß die Wirklichkeit so ist, wie geglaubt wird. Wenn aber wahr ist, daß Gott so gegenwärtig ist, wie der Glaube bekennt (nämlich als erbarmende und alles neu machende Liebe), dann gilt das universal, überall und immer und unbeschadet dessen, was wir davon halten oder wie wir uns dazu verhalten.

In diesem Sinn impliziert der Glaube an Gott eine realistische Einstellung zur Wirklichkeit. Damit ist er von grundlegend anderer Art als die postmoderne Attitüde, die vorgibt, zwischen Konstruktion und Wirklichkeit, Gott und unseren imaginativen Gottesbildern und Gottesvorstellungen nicht sinnvoll unterscheiden zu können. Wie immer, wenn eine halbe Wahrheit zur ganzen erklärt wird, wird damit alles falsch. Die richtige Einsicht in das unbegrenzte Diskurspotential der Sprache verführt dazu, sich von einer realistischen Einstellung zu den Wirklichkeiten, in denen wir leben, zu verabschieden. Daß damit eine der zentralen Errungenschaften aufgeklärten Denkens, die kritische Unterscheidung von Wahrheit und Macht, zunehmend unterminiert wird, wird meist nicht gesehen. Doch seit Sokrates gegenüber den Sophisten deutlich machte, daß die Wahrheit zu wissen etwas anderes sei als sich eine Meinung einreden zu lassen, war die Unterscheidung von Wahrheit und Macht für das europäische Denken grundlegend. An ihr hängen nicht nur Wissenschaft, Philosophie und Theologie im uns bekannten Sinn, sondern auch Moral, Politik und das Funktionieren demokratischer Gesellschaften. Auch wenn es in kaum einem Bereich völlig verläßliche Methoden zur Gewinnung von Wahrheitsgewißheit gibt, bedeutet das keineswegs, daß auf die kritische Frage nach der Wahrheit, nach dem, was unter allem Möglichen wirklich ist und in der Vielfalt des Gemeinten mit Recht Geltung beanspruchen kann, verzichtet werden könnte. Wo die damit anvisierten Unterscheidungen nicht mehr gemacht werden, wird verantwortliches Handeln und damit menschliches Leben unmöglich. Wo gehandelt wird, werden solche Unterscheidungen in Anspruch genommen, und in allen lebensrelevanten Bereichen wissen wir sie auch mehr oder weniger gut zu gebrauchen, was immer uns konstruktivistische Theoretiker einreden möchten. Versuchen wir aber nicht selbst nach bewährten Kriterien zwischen wahr und falsch, gültig und ungültig, möglich und wirklich zu unterscheiden, sondern überlassen das andern, wird Wahrheit mit der Meinung derer gleichgesetzt, die die Macht besitzen, oder – wie in unseren Gesellschaften – mit dem, was Mehrheiten glauben oder Medien glauben machen. Und wir sollten uns dann nicht wundern, daß in unseren Gesellschaften nicht mehr die Bemühung um Wahrheit und Wissen, sondern vor allem die Fähigkeit zählt, Sprache und Medien so zu benützen, daß Mehrheiten für die eigene Meinung oder die eigenen Interessen gewonnen werden. Wo die wirklichkeitserschließende Kraft der Sprache bestritten und ihr die Fähigkeit zur Referenz auf sprachunabhängige Wirklichkeit abgesprochen wird, steht zu befürchten, daß Wahrheit von Mehrheiten und Marktgesetzen abhängig gemacht wird. Selbst Religionen werden zunehmend nach diesem Muster betrachtet: als ein Markt der Möglichkeiten für Sinnangebote, aus denen wir nach unseren individuellen Wünschen und Bedürfnissen, aber nicht unter dem Gesichtspunkt von Wahrheit und Unwahrheit auswählen. (S. 154–156)

Die Theologie der vergangenen Jahrzehnte hat nicht unwesentlich zu diesen Entwicklungen beigetragen. Sie hat weithin das methodologische Dogma übernommen, daß nicht Gottes Wirklichkeit und wirksame Gegenwart, sondern allein die religiösen Phänomene menschlicher Existenz und Geschichte auf rational vertretbare und akademisch respektable Weise erforscht werden können, und sie hat – oft ohne dies zu merken – mit den Methoden der entsprechenden Wissenschaften auch deren Vorurteile übernommen. Was sich nicht auf empirischem und historischem Weg thematisieren lasse, sei Sache privater Überzeugungen, individueller Wünsche und Vorstellungen oder vielleicht noch sozialer Bedürfnisse, auf jeden Fall etwas, das allenfalls Gegenstand sozialwissenschaftlicher, nicht aber theologischer Untersuchungen sein könne. Es ist höchste Zeit, daß sich die Theologie von diesem irreführenden methodologischen Dogma verabschiedet. Es gibt nichts, wovon sie reden oder was sie erforschen könnte, wenn es Gott nicht gibt. (S. 156)

Du sollst nicht töten

Daniel Deckers schreibt am 16. April in einem FAZ-Kommentar zur PID:

Im Fall der PID reichen weder der Wunsch nach einem gesunden Kind noch die Verpflichtung, größeres Leid zu lindern, aus, um dieses Verfahren a priori oder auch nur in bestimmten Extremfällen als sittlich geboten erscheinen zu lassen. Denn die PID ist auch deswegen umstritten, weil sich auf dem Weg der Technikfolgenabschätzung – analog zu der sittlichen Bewertung der Kernenergie – Gesichtspunkte ergeben, die die Vermutung nahelegen, es könne zu einer irreversiblen Veränderung der Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens kommen: von der Unterscheidung zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben bis zu der Wahrnehmung von Schwangerschaft als einem Geschehen auf Probe, das die emotionale Bindung der Mutter an das werdende Leben wesentlich beeinträchtigt. Der stärkste Einwand gegen die PID ergibt sich noch immer aus der Abwägung von Rechtspflichten gegen Tugendpflichten. Wie kann es zulässig sein, in der Erfüllung der Tugendpflicht zu helfen eine unabdingbare Rechtspflicht (»Du sollst nicht töten«) zu verletzen?

Die Antwort auf diese Frage hängt indes von der Prämisse ab, ob der Embryo auch in vitro jener Schutzverpflichtung der Rechtsordnung unterliegt, die die Verfassung in der Achtung und im Schutz der Menschenwürde jeder Person zuspricht. An der Auslegung von Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes durch das Parlament und womöglich durch das Bundesverfassungsgericht wird sich im konkreten Fall der PID zeigen, welches Bild sich unsere Gesellschaft von sich selbst macht: Ob man in ihr von Beginn an als Mensch gleichberechtigter Teil der menschlichen Gemeinschaft ist oder ob man erst nach von der Gesellschaft festzulegenden Kriterien zum Menschen werden darf.

Hier der sehr lesenswerte Kommentar: www.faz.net.

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