Die Wurzeln des Begriffs „evangelikal“

In den Kommentaren zu dem Beitrag „Das Problem mit der evangelikalen Elite“ hat sich eine Diskussion über den Begriff „evangelikal“ entwickelt. Anknüpfend daran zitiere ich hier aus dem Aufsatz „Reizwort ‚evangelikal‘ – und warum es sich trotzdem lohnt, am Begriffe ‚evangelikal‘ festzuhalten“ von Prof. Frank Hinkelmann (erschienen in: Marin P. Grünholz u. Frank Hinkelmann (Hrsg.), Die begründete Einheit der Evangelikalen Bewegung, aus: Christlicher Glaube in der Herausforderungen unserer Zeit, Bd. 4, Petzenkirchen: Verlag für Glaube, Theologie und Gemeinde, 2025, S. 75–110, hier S. 77–81):

Wo liegen die historischen Wurzeln des Begriffs „evangelikal“? Zuerst einmal gilt es festzuhalten: beim deutschen Begriff „evangelikal“ handelt es sich um ein Lehnwort aus der englischen Sprache. Daher gilt es zuerst, die historische Bedeutung des Begriffs im angelsächsischen Bereich näher zu betrachten. Der englische Begriff „evangelical“ ist ein Wort, das mit der Reformation im 16. Jahrhundert als Übersetzung des deutschen Begriffes „evangelisch“ bekannt wurde. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist es als Synonym zur englischen Bezeichnung „Protestant“ (protestantisch) verstanden und zur Bezeichnung von Anhängern der Reformation sowohl lutherischer als auch reformierter Prägung verwendet worden. Allerdings setzte sich im Englischen die Bezeichnung „Protestant“ im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte für die Anhänger der reformatorischen Kirchen durch.

Erst seit den 1730er Jahren erfuhr der Begriff „evangelical“ eine Umprägung bzw. Neuprägung. Im Zuge der Verkündigung von John Wesley und George Whitefield brach zuerst in Großbritannien und binnen kurzer Zeit auch in Nordamerika eine „evangelikale Erweckung“ auf, die nicht nur die englische Staatskirche erfasste, sondern auch auf Freikirchen und andere Gruppierungen Übergriff. In weiterer Folge galten „evangelicals“ als Christen, die die persönliche Aneignung des Heils, die Sammlung aller Gläubigen, einen geheiligten Lebenswandel und Evangelisation und Mission betonen.

Auch wenn der Begriff „evangelikal“ in die deutsche Sprache erst in den 1960er Jahre eingeführt wurde, gilt es trotzdem die engen wechselseitigen Verbindungslinien zwischen den geschilderten Entwicklungen in der angelsächsischen Welt und den Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent im Laufe der Geschichte zu beachten. Denn wer sich mit der kontinentaleuropäischen und der angelsächsischen Christentumsgeschichte im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert auseinandersetzt, wird im Umfeld von Pietismus, Erweckungsbewegung und aufkommenden Freikirchen eine durchaus bemerkenswerte sowohl transkonfessionelle als auch transnationale Dynamik beobachten können, die sich wechselseitig beeinflusste. Daher ist es zutreffend, die Wurzeln der heutigen Evangelikalen Bewegung im Puritanismus und Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts und den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts zu verorten, da die theologischen Gemeinsamkeiten groß waren.

Der Begriff „evangelikal“ als Bezeichnung für eine theologische Strömung innerhalb des Protestantismus im deutschsprachigen Bereich wurde erst in den 1960er Jahren ins Deutsche eingeführt. Eine erste Verwendung des Begriffs „evangelikal“ in einem deutschen Buch findet sich im Jahr 1964. Da erschien eine vom Methodisten Paulus Scharpff verfasste Geschichte der Evangelisation, zu der Billy Graham ein Vorwort schrieb. Scharpff verwendete darin mehrfach die Bezeichnung evangelikal zur Beschreibung der Entwicklungen im angelsächsischen Bereich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, allerdings mit einer bemerwerten Ausnahme: über die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Inter Varsity Fellowship (IVF) berichtet er, dass sich „Gemeinschaften evangelikaler Vereinigungen auf den Universitäten verschiedener Länder“ der IVF anschlossen. Einige Sätze weiter wird angemerkt: „In Deutschland arbeitet die lVF unter dem Namen ‚Studenten-Mission in Deutschland‘ (SMD)“ Indirekt wird damit die SMD als eine evangelikale Vereinigung bezeichnet.

Peter Schneider, Übersetzer Billy Grahams bei seinen Großevangelisationen in Deutschland und später Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, nimmt für sich in Anspruch, bei einer evangelistischen Veranstaltung im Jahr 1960 die Aufforderung Billy Grahams, sich einer ’^angelwal church. anzuschließen, mit der Bezeichnung „evangelikale Gemeinde simultan übersetzt zu haben. So wollte er einer vorschnellen Assoziation des Begriffs „evangelical church“ mit einer deutschen evangelischen Landeskirche entgegenwirken.

In einer deutschen Übersetzung der „Verfassung“ der World Evangelical Fellowship, der Weltweiten Evangelischen Allianz aus den frühen 1960er Jahren heißt es unter „Klausel 4 Mitgliedschaft“: „Die Gemeinschaft soll aus nationalen ‚evangelical‘ x) Gruppen bestehen, die von Zeit zu Zeit gewählt werden können, und deren Leitung die vorher beschriebene Glaubensgrundlagejährlich unterzeichnet.“

Zu dem „x)‘‘ hinter dem Wort „evangelical“ heißt es in einer Fußnote:
x) „Evangelical“ ist in engIischsprachigen Ländern ein Fachausdruck für die, welche

1. im Gegesatz zu den LiberaIen auf einen [sic!] konservativen Bibelglauben stehen;
2. im Gegensatz zu Ritualisten einen einfachen Gottesdienst vorziehen, in welchem das volle Evangelium gepredigt wird;
3. eine persönliche Bekehrung für notwendig halten.“

Leider fehlt auf dem Dokument jeglicher Hinweis auf die Entstehungszeit. Weitere Dokumente in dem Akt stammen aus dem Jahr 1962, was eine Datierung Anfang der 1960er Jahre nahelegt. Zumindest der zweite Punkt der Definition wirft Fragen nach dem Verfasser dieser Fußnote auf, die ja scheinbar extra für die deutsche Leserschaft eingefügt wurde.

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4 Kommentare
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Kommentator
20 Tage zuvor

Erst seit den 1730er Jahren erfuhr der Begriff „evangelical“ eine Umprägung bzw. Neuprägung. Im Zuge der Verkündigung von John Wesley und George Whitefield brach zuerst in Großbritannien und binnen kurzer Zeit auch in Nordamerika eine „evangelikale Erweckung“ auf, die nicht nur die englische Staatskirche erfasste, sondern auch auf Freikirchen und andere Gruppierungen Übergriff.  Und genau an dieser Stelle von einer „evangelikalen Erweckung“ zu sprechen, ist ebenso anachronistisch wie Mose zum Christen zu erklären. Das hat weder im deutschen Pietismus des 19. Jahrhunderts, noch im 20. Jahrhundert vor 1950 irgendjemand so genannt. Peter Schneider, Übersetzer Billy Grahams bei seinen Großevangelisationen in Deutschland und später Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, nimmt für sich in Anspruch, bei einer evangelistischen Veranstaltung im Jahr 1960 die Aufforderung Billy Grahams, sich einer ’^angelwal church. anzuschließen, mit der Bezeichnung „evangelikale Gemeinde simultan übersetzt zu haben. Berlin gehört erst seit dem 2+4-Vertrag (warum heißt der wohl so?) zum wiedervereinigten Deutschland. Und genau diese Situation im kalten Krieg haben… Weiterlesen »

Stephan
20 Tage zuvor

@Kommentator: Warum dieser Kommentar? Wo soll es überhaupt hingehen? Ich ahne zwar so manches, was Sie als Botschaft (unterschwellig) rüberbringen wollen, aber gleichzeitig versuchen Sie, die eigentliche Intention zu verbergen. Den Begriff „evangelical“ in Frage stellen, falsche Verwendungen usw. unterstellen: warum doktern Sie an einem Begriff herum, wenn in der Welt ein überwiegender Konsenz zu Verständnis und Verwendung dieses Begriffes vorhanden ist? Abdriften in die Weltpolitik: was hat das mit 2+4 – Verträgen zu tun? „Graham und seine Verbündeten“ haben „genutzt“: klingt nach unlauterem Vorgehen, so wie Sie es formulieren, aber nicht darlegen. Und es ist falsch, von „Graham“ und seinen „Verbündeten“ zu sprechen: diese Leute dienten nicht sich selbst, sondern Jesus. Zeitweise zusammen, zeitweise getrennt mit unterschiedlichen Aufgaben. Also was soll dieser Einwurf überhaupt? „Aber haben sie damit auch den deutschen Christen geholfen?“ Das Ziel von Mission ist nicht Christen zu helfen, der Arzt (Jesus) ging ja auch nicht zu den Gesunden, sondern zu den Kranken. Das Ziel ist… Weiterlesen »

Matze
19 Tage zuvor

Ob der Begiff „evangelikal“ heute noch hilfreich ist ist eine gute Frage. Dies war über viele Jahrzehnte sicherlich der Fall, wo man sich mit diesem Begriff von liberalem Glaubensverständnis abgegrenzt hat. Und heute? Da benutzen Leute wie Faix, Zimmer, Malessa, Hossa Talk und andere ihre Bekanntheit im evangelikalen Bereich, um liberale Theologie unter das Volk zu bringen. Da es dagegen nicht genügend Widerstand aus dem bibeltreu evangelikalen Bereich gibt wird der Begriff ausgehöhlt und fast schon wie es in den USA geschieht fast schon missbraucht. Deshalb muss hier Hinkelmann, auch wenn er Professor ist schon alleine auf Grund der Logik und der Lebenspraxis ganz klar widersprochen werden. Evangelikal ist vielerorts zur leeren Hülle geworden. Es geht doch darum, dass Menschen zu einer klaren Wiedergeburt kommen. Dafür braucht man sich nicht evangelikal zu nennen genauso wenig wie für ein glaubhaftes Lebenszeugnis für Jesus. Gerüchteweise sollen sich Menschen sogar zu Jesus bekehrt haben, bevor es den Begriff evangelikal überhaupt gab. Manchmal habe… Weiterlesen »

Kommentator
18 Tage zuvor

Dies war über viele Jahrzehnte sicherlich der Fall, wo man sich mit diesem Begriff von liberalem Glaubensverständnis abgegrenzt hat. Hier müsste ein Geschichtswissenchaftler erstmal historisch-kritisch analysieren, was da überhaupt passiert ist. Wenn heute „Evangelikale“ einen amerikanischen Prediger hinstellen, der kein Wort Deutsch spricht und ihn dann „übersetzen“, dann legt meist der Übersetzer dem Amerikaner seine eigene Doktrin in den Mund. Das habe ich schon oft genug erlebt, wenn man beide Sprachen fließend spricht. Das ist ja auch nichts Neues, das passiert ja auch laufend beim „kommunikativen“ Übersetzen der Bibel. Billy Grahams Aufforderung einer „evangelical church“ beizutreten, ist in die historische Situation der 1950er hinein völlig unsinnig. Über 90 % der berlin-brandenburgischen Bevölkerung waren (noch) in der evangelischen Kirche, warum sollten sie dort eintreten? Peter Schneider hat offenbar etwas anderes gewollt und dann auch „übersetzt“: Sie sollten aus der evangelischen Landeskirche austreten und in seine „evangelikalen“ Freikirchen eintreten, nicht wahr? Drehte es sich nicht ums Proselytieren? Das ist Problem, wenn man… Weiterlesen »

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