Evangelikale

Evangelikale in der Bush-Ära: Nicht gebraucht, nur benutzt

Wolfgang Thielmann hat für den Rheinischen Merkur einen Beitrag über die Evangelikalen in den U.S.A. verfasst.

Warum sind die rund 20 Millionen Evangelikalen in den etwa 200 evangelischen Kirchen der USA keine sichere Bank mehr für Bush und Nachfolger? Dass es so ist, wurde in der vergangenen Woche überdeutlich. Da rechnete David Kuo per Buch mit seinem früheren Dienstherrn Bush ab, unmittelbar vor den Wahlen. Zweieinhalb Jahre lang war der Evangelikale zweiter Mann im Büro des Weißen Hauses für die »Faith-Based Initiatives«, also die christlichen Hilfsorganisationen. Bush wollte ihnen erstmals Geld geben, viel Geld. Daraus ist fast nichts geworden. Bush habe die Evangelikalen nicht gebraucht, sondern nur benutzt, sagt Kuo in seinem Titel »Verlockender Glaube» (»Tempting Faith«). Bushs Team mache sich intern darüber lustig, wie simpel sie mit ein paar Auftritten zu gewinnen seien. Bush selbst habe sein Wahlversprechen glatt gebrochen, den Hilfswerken in seinem ersten Jahr acht Milliarden Dollar zu geben, um gegen Armut und Benachteiligung im eigenen Land anzugehen. Aber gerade einmal eine Milliarde in vier Jahren sei auch geflossen, »ein Hauch dessen, was versprochen wurde«. Demokraten hätten das Projekt zu Fall gebracht, weil Republikanern Rückgrat fehle, um es durchzusetzen …

Hier geht es zum Artikel: rheinischer-merkur.de.

Glauben und Denken heute 2/2008

Am 23. Oktober ist die zweite Nummer von Glauben und Denken heute erschienen. Die aktuelle Ausgabe der Online-Zeitschrift enthält folgende Beiträge:

  • Ron Kubsch: Die falsche Innerlichkeit
  • Michael Horton: Moderne Reformation – Christentum ohne Christus
  • Thomas Schirrmacher: Gerüchte trocken legen
  • Titus Vogt: Zur Frage der Speisegebote
  • Thomas Schreiner: Überrascht durch Hoffnung – Rezension des Buches Surprised by Hope von N.T. Wright

Großes Interesse weckte der vorab angebotene Auszug Christus den Weg versperren aus dem Artikel von Michael Horten. Hier noch ein weiteres Zitat aus seinem Aufsatz:

In Dienstanweisung an einen Unterteufel lässt C. S. Lewis den Teufel (Screwtape) seinen Lakaien (Wormwood) unterweisen, die Christen von Christus als dem Erlöser von Gottes Zorn abzulenken. Statt seine Gegenwart durch direkte Angriffe plump bekannt zu machen, soll Wormwood versuchen, die Kirchen zu interessieren für »Christentum und …« – »Christentum und der Krieg«, »Christentum und Armut«, »Christentum und Moral« und so weiter. Natürlich meinte Lewis damit nicht, dass Christen kein Interesse für solche dringenden und aktuellen Fragen haben sollten. Sein Argument war vielmehr, dass dann, wenn die grundlegende Botschaft der Kirche weniger davon handelt, wer Christus ist und was er ein für allemal für uns vollbracht hat, und stattdessen mehr davon, wer wir sind und was wir zu tun haben, um all diesen Aufwand zu rechtfertigen, dass dann diese Religion, die nun »relevant« gemacht worden ist, nicht länger das Christentum ist. Indem wir nicht denken, dass »der gekreuzigte Christus« mindestens genauso bedeutsam ist, wie »Christus und Familienwerte« oder »Christus und Amerika« oder »Christus und der Welthunger«, passen wir das Evangelium am Ende dem Gesetz an. Ich wiederhole: Es ist nichts Falsches am Gesetz, an den moralischen Geboten, die unser moralisches Versagen bloßlegen und uns als Gläubige auf dem Weg der Jüngerschaft leiten. Die gute Nachricht dessen, was jemand anderes getan hat, zu einer Wegbeschreibung für unsere eigenen Taten zu machen, ist jedoch katastrophal. Mit den Worten von Theodore Beza: »Das Durcheinanderbringen von Gesetz und Evangelium ist die Hauptquelle aller Missbräuche, die die Kirche verderben oder sie jemals verdorben haben.« Wenn Gottes Gesetz (und nicht unser eigenes inneres Gefühl) uns tatsächlich ansprechen, dann sollte unsere erste Reaktion sein: »Gott sei mir Sünder gnädig« – und nicht die Antwort des reichen Jünglings: »Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend an«.

Die vollständige Ausgabe Glauben und Denken heute 2/2008 kann hier herunter geladen werden: www.bucer.eu.

Christus den Weg versperren

horton.jpgMichael Horton, J. Gresham Machen-Professor für Apologetik und Systematische Theologie am Westminster Theological Seminary (Escondido, Kalifornien), hat einen aufrüttelnden Artikel über das »Christentum ohne Christus« geschrieben, der demnächst in der Zeitschrift Glaube und Denken heute erscheinen wird.

Hier schon Mal ein Auszug:

Wir sind vollkommen abgelenkt rechts, links und in der Mitte. Kinder, die in evangelikalen Kirchen aufwachsen, wissen genauso wenig über die Grundlagen des christlichen Glaubens, wie Jugendliche ohne kirchliche Bindung. Sie bewohnen zunehmend eine kirchliche Welt, die aber immer weniger vom Evangelium durch christozentrische Katechese, Predigt und Sakramente (die Mittel, die Jesus einsetzte für die Jüngerschulung) geformt wird. Die Lieder, die sie singen, sprechen meist das Gefühl an, statt dazu zu dienen, »das Wort Christi reichlich unter ihnen wohnen« zu lassen (Kol 3,16). Und ihre privaten Andachten sind weniger von der Praxis gemeinsamen Gebets und Bibellesens geformt als in vergangenen Generationen. Auf dem Papier muss sich nichts verändern: Sie können noch immer »konservative Evangelikale« sein. Doch das spielt eigentlich keine Rolle mehr, weil die Lehre egal ist. Und das bedeutet, dass der Glaube egal ist. Es funktioniert – das ist alles, was für den Augenblick zählt. Also macht euch an die Arbeit!

So sind nun Menschen dazu aufgerufen, die »gute Nachricht« zu sein und die Mission Christi dadurch erfolgreich zu machen, dass sie »in Beziehungen« und »authentisch« leben. Wo das Neue Testament ein Evangelium verkündigt, das Leben verändert, ist nun unser verändertes Leben das »Evangelium«. »Wir predigen nicht uns selbst, sondern Christus« (2Kor 4,5) ist ausgetauscht worden gegen einen beständigen Appell an unsere persönliche und kollektive Heiligkeit als die Hauptattraktion. Der Guru des Kirchenmarketing George Barna ermutigt uns, auf die Menschen ohne kirchliche Bindung auf der Grundlage unseres Charakters zuzugehen: »Wonach sie suchen, ist ein besseres Leben. Kannst du sie zu einem Ort oder zu einer Gruppe von Menschen führen, die ihnen die Bausteine eines besseren Lebens liefern? Bringe nicht das Christentum als ein System von Regeln ein, sondern als eine Beziehung mit dem Einen, der durch Vorbild führt. Dann suche nach bewährten Wegen, um Bedeutung und Erfolg zu erreichen.« Ich unterstelle ganz und gar nicht, dass wir nicht dem Vorbild Christi folgen sollten oder dass die Kirche nicht Vorbilder und Mentoren haben sollte. Was ich aber nahe lege ist, dass Jüngerschaft bedeutet, andere zu lehren, und zwar sie so gut zu lehren, dass selbst dann, wenn wir als Vorbilder schwanken, die Reife ihrer eigenen Jüngerschaft nicht versagen wird, weil sie in Christus und nicht in uns gegründet ist.

Es ist egal, was wir über unseren Glauben an die Person und das Werk Christi sagen, wenn wir nicht ständig in diesem Glauben baden, dann wird das Endergebnis zu H. Richard Niebuhrs Beschreibung des protestantischen Liberalismus führen: »Ein Gott ohne Zorn brachte Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht durch einen Christus ohne Kreuz.« Laut Christian Smith, Soziologe an der Universität von North Carolina, ist die Religion der Teenager Amerikas, seien sie evangelikal oder liberal, kirchlich gebunden oder nicht, in der Praxis »ein moralistischer, therapeutischer Deismus«. Und die Antwort darauf ist laut vielen Megakirchen und Emerging Churches: »Tue mehr, sei authentischer, lebe transparenter.« Ist das die gute Nachricht, die die Welt ändern wird?

Os Guinness

Os Guinness wurde 1941 während des II. Weltkrieges als Sohn eines Missionsarztes und als Nachkomme des berühmten Bierbrauers Arthur Guinness geboren. Wegen der Chinesischen Revolution unter Mao Tsetung musste die Familie 1951 China verlassen. Nach England zurückgekehrt, studierte Guinness in London und Oxford und promovierte anschließend im Fach Sozialwissenschaft (Peter Berger).

In Deutschland wurde Guinness besonders durch sein Buch:

  • Os Guinness: Asche des Abendlandes, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler Verlag, 1972

bekannt.

Guinness lebte und arbeitete mehrere Jahre zusammen mit Francis und Edith Schaeffer in L’Abri. Mark Dever hat kürzlich mit Os Guinness über L’Abri, Franky Schaeffer, die Sozialwissenschaften und den geistlichen Status evangelikaler Kirchen gesprochen.

Das außerordentlich spannende Interview kann hier als mp3 herunter geladen werden: resources.christianity.com.

Christus und die Kultur

Mein Kollege Thomas K. Johnson ist 2006 in einem Vortrag der bedeutsamen Frage nachgegangen, wie sich christlicher Glaube und Kultur zueinander verhalten. Hier ein Auszug:

Das Wort Gottes leistet einen bereichernden Beitrag zur säkularen Kultur. Was bedeutet das? Auch wenn ein großer Teil des säkularen Europas das christliche Erbe, das es geformt hat, verleugnet und außer Acht lässt, gibt es viele Elemente in der europäischen Kultur, die unter dem Einfluss der biblischen Botschaft hervorgebracht und entwickelt wurden. Dies sind Aktivitäten, Institutionen oder Denkweisen, die kaum mit einer ungläubigen Weltsicht im Einklang zu stehen scheinen, und die, historisch gesehen, das Resultat des Einflusses der biblischen Botschaft auf die europäische Zivilisation zu sein scheinen. Als Gläubige können wir das als eine Art des Handelns Gottes sehen, durch die er diese Welt zu einem sehr viel schöneren und lebensfreundlicheren Ort gemacht hat.

Der Vortrag »Christus und die Kultur« kann frei herunter geladen werden: mbstexte100.pdf.

Gemeinsam für das Evangelium

Im Frühjahr 2006 luden vier Pastoren und Freunde zu der Konferenz »Together for the Gospel – Gemeinsam für das Evangelium« nach Louisville/Kentucky ein (www.t4g.org). Trotz ihrer ganz unterschiedlichen denominationellen Herkunft eint sie das gemeinsame Bekenntnis zum Evangelium Jesu Christi. Im Einzelnen sind das:

Eine theologische Erklärung von »Together for the Gospel« kann hier auf Amerikanisch und Deutsch herunter geladen werden: mbstext084.pdf.

Marjoe Gortner

Wenn ich sehe, wie selbsternannte Apostel, Propheten und Heilungsprediger Menschen verführen, erfüllt mich das jedes Mal mit Traurigkeit und Unverständnis. Traurig machen mich die vielen Menschen, die sich willenlos den respektlosen und selbstsüchtigen Experimenten der »vollmächtigen« Prediger ergeben. Nicht verstehen kann ich, warum es diesen Leuten so einfach gemacht wird, gesellschaftlichen und geistlichen Schaden anzurichten. Lieben es manche Menschen, betrogen zu werden? Wo sind die Mündigen, über die Dietrich Bonhoeffer so viel geschrieben hat?

Wer meint, dass sich lautes Predigen, Heilungswunder, Zungenrede oder das »Umgeworfen werden im Geist« (engl. »slain in the spirit«) nur als Wirkung des Heiligen Geistes erklären lassen, sollte sich einmal mit dem Leben von Hugh Marjoe Ross Gortner befassen.

Gortner, der als Marjoe Gortner bekannt wurde, trat schon als vierjähriges Kind auf Erweckungsveranstaltungen auf. Nachdem er sich als junger Mann vom christlichen Glauben gelöst hatte, veranstaltete er 1971 »erfolgreiche« Erweckungsfeldzüge unter Einbeziehung eines Filmteams. In den Pausen und nach den Events erklärte Gortner, der damals schon Atheist war, den Dokumentarfilmern die Wirkungsweise seiner rhetorischen und hypnotischen Tricks. Kurz: Der ganze »Feldzug« war ein »fake«.

Mitschnitte aus der preisgekrönten Dokumentation Marjoe können bei youtube.com eingesehen werden:

  1. www.youtube.com
  2. www.youtube.com
  3. www.youtube.com

Weitere Mitschnitte lassen sich bei youtube.com unter dem Stichwort »Marjoe« finden.

Zurück nach Rom

ReturntoRome.jpgIm Jahre 2004 traf ich Francis Beckwith auf der Jahrestagung der Evangelical Theological Society (ETS) in Texas. Wer konnte ahnen, dass der damals schon designierte Präsident der ETS über eine Konversion zum Katholizismus nachdachte?

In seinem neuen Buch beschreibt der Philosoph (University of Notre Dame), warum er seinen Protestantismus bereut und in den Schoß der einen wahren Kirche zurückgekehrt ist. Ich ahne, dass es neben einem anderen Sakramentsverständnis nicht zuletzt etwas mit der Profillosigkeit der Evangelikalen in ethischen Belangen zu tun hat.

Wir dürfen auf das Buch, dass in wenigen Wochen erscheint, gespannt sein.

Evangelikale und die Demokratie

Demokratie.jpgMehrfach wurde in den letzten Jahren der Eindruck erweckt, evangelikale Christen hätten ein ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie. Das Martin Bucer Seminar und der Verein ProMundis e.V. (Bonn) haben in einer idea-Dokumentation das Verhältnis der Evangelikalen in Deutschland zur Demokratie dargestellt. Als Autor dafür wurde der Kölner Jurist Thomas Zimmermanns gewonnen. Der Rektor des Martin Bucer Seminars, Thomas Schirrmacher, erklärt dazu:

Millionen überzeugte Christen haben sich in allen demokratischen Ländern als gute Staatsbürger erwiesen, die rechtsstaatliche Verhältnisse stützen und zugleich das demokratische Recht auf eine eigene Meinung gerne und gewaltlos in Anspruch nehmen. Zudem verteilen sich überzeugte Christen in vielen Fragen auf das gesamte politische Spektrum, denn nicht jede politische Entscheidung berührt zentrale ethische Grundsatzfragen und aus vielen ethischen Grundwerten folgt nicht automatisch eine bestimmte konkrete Umsetzung – wenn man etwa an das soziale Netz eines Staates denkt.

Gleichzeitig sind überzeugte Christen keine netten Mitläufer und Befehlsempfänger, sondern halten eine gesunde Distanz zu allen politischen Utopien und allzu optimistischen Sichtweisen, dass sich alle Probleme durch Politik lösen lassen. Zudem folgen sie einem Wertesystem, das außerhalb der Reichweite des einzelnen Staates liegt und handeln »in Verantwortung vor Gott und den Menschen«. Sie fühlen sich an ihr von Gottes Offenbarung her gebundenes Gewissen stärker gebunden, als an Mehrheiten oder die augenblickliche politische Faktenlage.

Diese Bindung an höhere Werte gilt selbst für die Demokratie. Historische Erfahrung lehrt, dass Demokratie besser als jede andere Staatsform Tyrannei, Menschenrechtsverletzungen und einen zu großen Machtmissbrauch verhindern kann. Ja, es gibt schwerwiegende christliche Gründe für die Gewaltenteilung, etwa, dass Christen immer von der Neigung des Menschen zum Bösen ausgehen und es deswegen für weise halten, dass kein Einzelner eine zu große Machtfülle erlangt. Zudem befürworten Christen, dass auch die Herrschenden dem Gesetz unterstehen, nicht selbst das Gesetz sind.

Aber Demokratie ist kein Selbstzweck in sich. Wenn die Demokratie keine höhere Werte mehr verteidigt, kann sie sich selbst abwählen. Man kann auch Massenmörder demokratisch wählen und Rassismus legal in Gesetzesform gießen. Zudem leben wir in einer Parteiendemokratie, so dass sich letztlich politische Auffassungen nur durch wenige Nadelöhre kanalisieren lassen. Die Macht der Parteien lässt oft die Macht des Volkes schrumpfen, ja kann sogar die eigentlichen Regierungsfunktionen marginalisieren. Auch das werden Christen bei aller Unterstützung der Demokratien, in denen sie leben, immer wieder kritisch zur Sprache bringen.

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