James Dunn

Der neue Paulus

Die neutestamentliche Wissenschaft diskutiert seit vielen Jahren ĂŒber die sogenannte „Neue Paulusperspektive“ (engl. „New Perspective on Paul“, abgekĂŒrzt meist als „NPP“, siehe dazu auch hier und hier). Die Bezeichnung, die auf einen Aufsatz von James D. G. Dunn aus dem Jahr 1983 zurĂŒckgeht, steht fĂŒr eine theologische Strömung, die die Paulusexegese heute durchdringend prĂ€gt und der von manchen Bibelauslegern eine epochale Bedeutung zugeschrieben wird. Die „Neue Paulusperspektive“ tritt mit dem Anspruch auf: Die Paulusauslegung hat bisher versĂ€umt, die Paulustexte innerhalb ihres historischen Kontextes zu deuten. Wenn wir die Brillen der theologischen Traditionen ablegen und zum Verstehen des Neuen Testaments das frĂŒhrabbinische Judentum heranziehen, begegnen wir dem wahren Apostel Paulus. Der Apostel, den wir bisher zu kennen glaubten, ist nicht viel mehr als eine Fiktion gewesen.

Bei der neuen Sichtweise geht es nicht allein um einen akademischen Diskurs. Neben strittigen Themen wie etwa Antijudaismus, Bundestheologie, Gesetzesfunktion oder Reich Gottes werden auch Kernaspekte der Rechtfertigungslehre verhandelt. Im Raum steht nicht weniger als die große Frage: „Haben wir zentrale Gesichtspunkte des Evangeliums bisher falsch verstanden?“

So manche Entwicklungen in der Praktischen Theologie und Missionswissenschaft, denken wir nur an den missionalen Ansatz, die Transformationstheologie oder die aktuelle Faszination fĂŒr die politische Theologie, haben mehr mit der NPP zu tun, als das auf den ersten Blick erkennbar ist. Die BefĂŒrworter der neuen Sicht betonen die InklusivitĂ€t des Evangeliums und das Herabkommen des Himmelreiches auf die Erde. Wir hören SĂ€tze wie: „In der Bibel bedeutet Erlösung nicht: Gott errettet die Menschen aus der Welt heraus, sondern Erlösung ist die Errettung der Welt an sich.“

Ich habe den diesjĂ€hrigen Sommerurlaub unter anderem dafĂŒr genutzt, einige VortrĂ€ge, die ich 2016 und 2017 zur „Neue Paulusperspektive“ gehalten habe, fĂŒr ein kleines Buch mit rund 70 Seiten zu ĂŒberarbeiten. Im ersten Teil stelle ich bedeutende Wegbereiter der „Neuen Paulusperspektive“ vor. Im anschließenden Kapitel mache ich die Leser mit zwei prominenten Verfechtern der neuen Sichtweise, die auch in bekenntnisorientierten Kreisen fleißig studiert werden und inzwischen eine entsprechende Wirkung entfaltet haben, vertraut. Im dritten Teil skizziere ich herausstechende Anliegen der neuen Paulusinterpretation. Der vierte Teil ist schließlich der kritischen WĂŒrdigung gewidmet. Ich versuche zu zeigen, dass die Strömung durchaus unser Bibelstudium stimulieren kann und uns zwingt, genauer hinzuschauen und unsere Exegese hier und da zu revidieren. Ich zeige allerdings ebenfalls, dass es allerlei gute GrĂŒnde dafĂŒr gibt, ErtrĂ€ge der „Neuen Paulusperspektive“ zu hinterfragen. Meine Kritik beschrĂ€nkt sich dabei nicht auf die kontroverse Sichtweise der Rechtfertigungslehre. Freilich schenke ich Themen rund um das „Evangelium“ und die „Glaubensgerechtigkeit“ mehr Aufmerksamkeit als anderen. Die Arbeiten von N.T. Wright bekommen dabei besonders viel Raum. Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis liefern zahlreiche AnstĂ¶ĂŸe zum Weiterdenken.

Die Abhandlung will nicht mehr als eine Handreichung sein. Der beibehaltende Vortragsstil nötigt, sich auf die „groben Linien“ zu konzentrieren. Gleichwohl hoffe ich, dass die AusfĂŒhrungen Interessenten, Theologiestudenten und lehrenden Mitarbeitern in den Gemeinden dienlich sind und zur eigenen Auseinandersetzung mit der Strömung der „Neuen Paulusperspektive“ anregen.

Bestellt werden kann die Handreichung als Paperback- und als Kindle-Buch.

Die Rechtfertigungslehre ĂŒberdacht

Die nachfolgende Besprechung des Buches:

wird in der nĂ€chsten Ausgabe von Glaube und Denken heute vollstĂ€ndig und mit ausfĂŒhrlichem Fußnotenapparat erscheinen. Hier also eine Vorschau:

NewImageAls Stephen Westerholm in den spĂ€ten 70er Jahren fĂŒr ein schwedisches Journal E. P. Sanders Werk Paul and Palestinian Judaism (1977) besprach, bemerkte er sofort, dass dieses Buch Zerrbilder des Judentums ausrĂ€umen und die Paulusforschung umstĂŒlpen wird. TatsĂ€chlich formierte sich unter dem Eindruck von Sanders insbesondere im angelsĂ€chsischen Raum eine intensive Diskussion ĂŒber die Theologie des Apostels. Dieser Wandel in der Paulusexegese, der heute unter dem Leitbegriff „The New Perspective“ zusammengefasst wird, ist von namhaften Gelehrten wie William Wrede (1859–1906), Albert Schweizer (1875–1965) oder Hans-Joachim Schoeps (1909–1980) vorbereitet worden. Aber erst durch Krister Stendal, E. P. Sanders, James Dunn, Heikki RĂ€isĂ€nen, Michael Bachmann oder auch N. T. Wright hat die neue Sichtweise so viel Fahrt aufgenommen, dass man nicht mehr an ihr vorbei kommt.

Womit löste E. P. Sanders das Erdbeben aus? Er widerlegte nach eingehender Sichtung der rabbinischen Literatur die insbesondere seit Ferdinand Weber oder Paul Billerbeck gefestigte Auffassung, das Judentum sei eine Religion der Werkgerechtigkeit gewesen. Kennzeichnend fĂŒr die Rabbinen ist – so Sanders – nicht das Leistungsdenken, sondern die Struktur des „Bundesnomismus“. Die ErfĂŒllung des Gesetzes darf nicht als eine menschliche Vorleistung fĂŒr den Eintritt in den Bund Gottes verstanden werden („getting in“), sondern lediglich als eine Bedingung fĂŒr das Bleiben im Bund („staying in“). Der Mensch, so Sanders ĂŒber die jĂŒdische Soteriologie, gelangt zum Heil durch Gottes Gnade (die sich in der ErwĂ€hlung zeigt) und verbleibt im Heil durch die Werke (bzw. Reue und Inanspruchnahme von SĂŒhnemitteln nach dem SĂŒndigen).

Unter diesen Voraussetzungen erhielte die Rechtfertigungslehre eine andere Bestimmung als in der reformatorischen Theologie. Paulus habe mit ihr nicht die jĂŒdische Heilslehre, sondern den jĂŒdischen Nationalismus angegriffen („Wir, und zwar nur wir, sind das auserwĂ€hlte Volk.“). Er plĂ€diert fĂŒr eine „Ausweitung des Bundes auf die nichtjĂŒdischen Nationen, dies aber gemĂ€ĂŸ dessen ursprĂŒnglicher und in der Tora selbst niedergelegten Intention“ (Strecker. „Paulus aus einer ‚neuen Perspektive‘“, S. 3–18, hier S. 13). Die paulinische Rechtfertigungstheologie zielt demzufolge nicht auf das Heil des Einzelnen ab, sondern ist vielmehr ethnisch ausgerichtet. N. T. Wright, der diese Neuinterpretation aufgreift, beschreibt ihr Anliegen beispielsweise so

„Bei der ‚Rechtfertigung‘ ging es im  1. Jahrhundert nicht darum, wie man eine Beziehung zu Gott aufbauen kann. Es ging um Gottes eschatologische gegenwĂ€rtige und zukĂŒnftige Definition derjenigen, die tatsĂ€chlich zu seinem Volk gehörten. In der Begrifflichkeit von Sanders: Es ging nicht so sehr um das ‚Hineingelangen‘ (getting in), auch nicht um das ‚Darinverbleiben‘ (staying in), sondern vielmehr darum, ‚wie man unterscheiden konnte, wer drin war‘. In der ĂŒblichen Theologensprache: Es ging nicht so sehr um Soteriologie, sondern um Ekklesiologie; nicht so sehr um Erlösung, sondern um die Kirche.“ (N. T. Wright. Worum es Paulus wirklich ging. 2010. S. 148)

Die NPP hat Westerholm seit seiner „Begegnung“ mit Sanders nicht mehr losgelassen. FrĂŒhzeitig erkannte der Kanadier den Stellenwert des „Paradigmenwechsels“, hat sich grĂŒndlich in das Themengebiet eingearbeitet und mit einigen BĂŒchern und AufsĂ€tzen substantiell zur Kontroverse beigetragen. Sein bisher umfangreichstes Buch, Perspectives Old and New On Paul aus dem Jahr 2004, gilt der Fachwelt als wichtiges Referenzwerk. Westerholms jĂŒngster Band Justification Reconsidered fasst nun den Ertrag seiner bisherigen Arbeiten zur Rechtfertigungslehre zusammen. Es enthĂ€lt Teile seines großen Buches sowie zwei bereits veröffentlichte AufsĂ€tze.

Er beginnt seine AusfĂŒhrungen mit der Kritik an einer prominenten These des schwedischen Exegeten Krister Stendahl (S. 1–22). Dieser behauptete 1963 in seinem Aufsatz „The Apostle Paul and the Introspective Conscience of the West“, dass unser PaulusverstĂ€ndnis zu Unrecht von der Rechtfertigungslehre vereinnahmt worden ist. „Einige Christen meinen“ – so Stendahl – „die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben sei die Antwort auf die Frage des geplagten Gewissens: Wie kann ich der Gnade Gottes gewiss sein? Antwort: durch Glauben. Aber das war nicht Paulus‘ Gedanke. Paulus hatte in diesem Sinn nie ein Problem mit dem Gewissen. Er wusste, dass er gemĂ€ĂŸ dem Gesetz vollkommen war“ (K. Stendahl, Das VermĂ€chtnis des Paulus, 2004, S. 37). Der paulinische Begriff von „der Rechtfertigung aus Glauben war keine Antwort auf die Frage, wie bekomme ich einen gnĂ€digen Gott“ (K. Stendahl, Das VermĂ€chtnis des Paulus, 2004, S. 37). Hauptthema des Apostels sei die Hereinnahme der Heiden in die Heilsgeschichte, nicht die Rettung des Einzelnen. Sein Verdienst sei der Gedanke, Heiden können Vollmitglieder der Gottesgemeinde werden, ohne dabei an die mosaischen Gesetzesbestimmungen gebunden zu sein.

Westerholm fragt nun, ob diese Interpretation dem paulinischen Befund nĂ€her kommt als die der „Alten Perspektive“. Bei seinen Erörterungen kommt eine StĂ€rke der „Kurzfassung“ besonders zum Tragen: Der Autor verliert sich nicht in den Details der ausgedehnten Debatte, sondern befragt Bibeltexte. Er will wissen: Geht es Paulus um Missionstheologie und Ekklesiologie oder geht es ihm um die Frage, die Luther spĂ€ter so zuspitzte: Wie bekomme ich einen gnĂ€digen Gott? (vgl. S. 5).

Westerholm konsultiert den Ersten Thessalonicherbrief und die Korintherbriefe und landet schließlich beim Galater- und Römerbrief (knapp auch bei dem Philipperbrief). Das Ergebnis ist fĂŒr Westerholm unstreitig: „‚Erlösung‘ meint im Thessalonicherbrief die Rettung vor dem Zorn Gottes und dem Gericht; es meint genau das ebenfalls im Korintherbrief“ (S. 7). Die grundsĂ€tzliche Stoßrichtung von Paulus‘ Mission ist es, SĂŒnder von dem verdienten Gericht zu retten. „Wenn Paulus ĂŒber die Rechtfertigung des SĂŒnders spricht, ob im Galaterbrief oder in anderen Briefen, spricht er darĂŒber, wie SĂŒnder als gerecht erfunden werden können“ (S. 15). „Paulus’ Botschaft der Rechtfertigung adressiert nicht nur die Not einiger Heiden, sondern die Not aller Menschen – die von Juden wie Petrus und Paulus nicht weniger als die der Heiden in Galatien – da nĂ€mlich alle SĂŒnder sind“ (S. 15).

Im zweiten Kapitel (S. 23–34) befasst sich Westerholm mit der Auffassung, Rechtfertigung aus Glauben sei bei den Juden vor und nach Jesus eine SelbstverstĂ€ndlichkeit gewesen. „An dem Punkt, bei dem viele den entscheidenden Kontrast zwischen Paulus und dem Judentum gefunden haben – nĂ€mlich bei dem von Gnade und Werke“, schreibt Sanders 1977, „befindet sich Paulus in Übereinstimmung mit dem palĂ€stinensischen Judentum 
 Errettung geschieht durch Gnade, aber das Gericht erfolgt gemĂ€ĂŸ der Werke; Werke sind die Bedingung dafĂŒr, „drin“ [also im Bund, R. K.] zu bleiben, bringen jedoch keine Errettung“ (E. P. Sanders, Paul and Palestinian Judaism, 1977, S. 543).

Wieder fragt Westerholm, ob das behauptete symbiotische VerhĂ€ltnis von Gnade und Werken bei Paulus wirklich vorliegt. Er arbeitet die These hauptsĂ€chlich am Römerbrief ab. Was meint der Apostel, wenn er beispielsweise in Röm 11,6 schreibt: „Wenn aber durch Gnade, dann nicht mehr aufgrund eigenen Tuns, da die Gnade sonst nicht mehr Gnade wĂ€re“? Sanders – so Westerholm – hat zurecht auf die bedeutsame Stellung der Gnade im Alten Testament verwiesen. Doch wĂ€hrend Sanders davon ausgeht, dass der Mensch grundsĂ€tzlich fĂ€hig ist, zu tun, was Gott verlangt, spricht Paulus dem Menschen diese FĂ€higkeit gerade ab. Die Werke eines Menschen können also das Bleiben im Bund nicht sichern. Die Lage des Menschen wird bei Paulus verzweifelter beschrieben, als die Rabbinen sich das vorstellen konnten (vgl. S. 32–33).




Schwerpunkt des vierten Kapitels ist die Rechtfertigungslehre von N. T. Wright (S. 51–74). FĂŒr Wright mĂŒssen die Begriffe „Gerechtigkeit“ und „Rechtfertigung“ bundestheologisch verstanden werden. Er unterstreicht seine Auffassung durch den Verweis auf die Gerichtssprache, der Paulus die SchlĂŒsselbegriffe entnommen habe. „Gerechtigkeit, dikaiosynē, ist der Status der Bundesmitglieder. Der Unterton stammt selbstverstĂ€ndlich von der Position her, die einem Angeklagten zukommt, nachdem das Gericht ihn oder sie freigesprochen hat (N. T. Wright, Justification, 2009, S. 113). Ein Gerechtfertigter ist also jemand, der von einem Gericht durch einen Sprechakt fĂŒr unschuldig erklĂ€rt wird, unabhĂ€ngig von seiner tatsĂ€chlichen moralischen QualitĂ€t. Die Vorstellung, man brauche eine fremde moralische Gerechtigkeit (denken wir beispielsweise an Luthers „fröhlichen Wechsel“), um vor Gott bestehen zu können, entstammt nach Wright nicht der Bibel, sondern den Kategorien der scholastischen Theologie.

Westerholm erkennt an, dass Wright insgesamt einen eindrucksvollen Gesamtentwurf geliefert hat, in dem alle Paulustexte ihren Platz finden (vgl. S. 59). Allerdings ist Wrights Interpretation der Gerechtigkeit auf dem Hintergrund des alttestamentlichen und paulinischen Gebrauchs unhaltbar. Wenn das Alte Testament von „Gerechtigkeit“ spricht, kann schwerlich die Mitgliedschaft im Bund Gottes gemeint sein. So wird beispielsweise Noah fĂŒr gerecht erklĂ€rt, bevor die Bibel ĂŒberhaupt von einem Bund spricht (vgl. 1Mose 6,9). „‚Gerechtigkeit‘ meint nicht und kann naturgemĂ€ĂŸ nicht die Mitgliedschaft in einem Bund bezeichnen. Genauso meint sie nicht und kann naturgemĂ€ĂŸ nicht den Status bezeichnen, der durch eine Gerichtsentscheidung herbeigefĂŒhrt wird“ (S. 63). Bundestreue kann durchaus Ausdruck von Gerechtigkeit sein, sollte aber nicht mit ihr selbst verwechselt werden (vgl. S. 71). „Die Betonung Wrights auf Christus als die ErfĂŒllung göttlicher Verheißungen, die Abraham und seinen Nachkommen gegeben wurden, steht ganz in der Linie von Paulus‘ Lehre (Röm 15,8). Aber wir können sogar noch weitergehen. Heutzutage sollten christliche Gelehrte so frei sein, in dem, was Paulus ĂŒber die Rechtfertigung lehrte, einen Grund zu finden, warum niemand aufgrund seiner Ethnie, seiner Klasse, seines Geschlechtes oder einer anderen Eigenschaft vor Gott bestehen kann. Paulus’ Sicht ist letzten Endes, dass menschliche Wesen jeglicher Couleur schuldhaft vor Gott sind und dass Gott jeden fĂŒr gerecht erklĂ€rt, der glaubt. Das Ergebnis unserer Diskussion ist allerdings, dass Paulus mit seiner Rechtfertigungslehre das vertreten hat, was dann auch Augustinus, Luther und andere vertreten haben: Nur durch den Glauben an Jesus Christus können SĂŒnder vor Gott gerechtfertigt werden“ (S. 73–74).

So hilfreich ich die AusfĂŒhrungen Westerholms in diesem Kapitel finde, ich hĂ€tte mir eine etwas grĂŒndlichere Erörterung ĂŒber das VerhĂ€ltnis von forensischer und effektiver Rechtfertigung gewĂŒnscht.

Das fĂŒnfte Kapitel (S. 75–85) ist dem Syntagma „Werke des Gesetzes“ (griech. áŒ”ÏÎłÎ± ÎœÏŒÎŒÎżÏ… [erga nomou]) gewidmet. Luther war es ein Herzensanliegen, die Glaubensgerechtigkeit vor jeglicher Vermischung mit den Werken zu schĂŒtzen. Obwohl ĂŒberzeugt, dass wahrhaftiger Glaube selbstverstĂ€ndlich Frucht und damit auch Werke hervorbringt, sollten die guten Taten nie als Grund fĂŒr die Rechtfertigung erscheinen, da allein der Glaube an Jesus Christus rettet. Doch gerade an diesem Punkt fordern die Vertreter der NPP die „Entlutherisierung“ der Glaubensgerechtigkeit. Luther, so der Vorwurf, habe seine eigene Gewissensnot auf den Befund projiziert, also nicht Exegese, sondern Eisegese betrieben. E. P. Sanders formuliert zum Beispiel Ă€hnlich wie Krister Stendahl

„Luther war von der Tatsache ĂŒberwĂ€ltigt, daß er, wiewohl Christ, sich gleichwohl als ‚SĂŒnder‘ empfand: Er litt unter Schuld. Paulus dagegen litt nicht unter einem Gewissen, das sich schuldig fĂŒhlte. Vor seiner Bekehrung zum Apostel Christi war er, wie wir sahen, ‚untadelig‘ hinsichtlich der ‚Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert‘ (Phil. 3,6). Als Apostel konnte er sich nicht vorstellen, daß beim JĂŒngsten Gericht irgend etwas gegen ihn vorgebracht werden könnte, obgleich er die Möglichkeit offenließ, daß Gott einen Tadel an ihm finden wĂŒrde (1. Kor. 4,4). Luther, von Schuld gepeinigt, interpretierte die paulinischen Stellen ĂŒber ‚Gerechtigkeit aus dem Glauben‘ so, als wĂŒrde Gott einen Christen fĂŒr gerecht erachten, selbst wenn er oder sie ein SĂŒnder ist. Luther verstand ‚Gerechtigkeit‘ juristisch, als eine UnschuldserklĂ€rung, doch auch als fiktiven Status, der Christen ‚durch bloße Zurechnung‘ zugeschrieben wird, weil Gott gnĂ€dig ist 
 Luthers Betonung des fiktiven, bloß zugerechneten Charakters der Gerechtigkeit ist, wiewohl oft als inkorrekte Interpretation des Paulus erwiesen, einflußreich geworden, weil sie einem weitverbreiteten GefĂŒhl der SĂŒndhaftigkeit entspricht und mit ihrem individualistischen und introspektiven Akzent ein wesentliches Element des abendlĂ€ndischen Persönlichkeitsbegriffs bildet. Luther suchte und fand Entlastung von Schuld. Doch seine Probleme waren nicht die paulinischen, und wir interpretieren Paulus falsch, wenn wir ihn mit Luthers Augen sehen.“ (E. P. Sanders, Paulus, 1995, S. 63–65. Dass Sanders weder die Theologie des Paulus noch die von Luther in ihren Tiefenstrukturen verstanden hat, zeigt Wilfried HĂ€rle in: W. HĂ€rle. „Paulus und Luther: Ein kritischer Blick auf die ‚New Perspective‘“. ZThK, Bd. 103 (2006). S. 362–393).

Um was ging es Paulus dann, wenn er von den „Werken des Gesetzes“ spricht? Die Exegeten, die der NPP nahe stehen, können sich nicht auf eine positive Bestimmung einigen. Unstreitig ist aber fĂŒr sie, dass Paulus mit den Gesetzeswerken nicht das bezeichnet, was in der Auslegungsgeschichte so lange angenommen worden ist, nĂ€mlich „gute Werke“. Es gehe im Kern darum, die Rolle der jĂŒdischen Gesetzesbestimmungen (auch Halakhot genannt) im Blick auf das VerhĂ€ltnis von Juden- und Heidenchristen zu klĂ€ren. James Dunn meint beispielsweise, dass Paulus, wenn er von Gesetzeswerken spricht, an Abgrenzungsbestimmungen (engl. ‚boundery markers‘) denkt, die die Juden von den Heiden trennen. Es war einer von James Dunns großen DurchbrĂŒchen in der Entwicklung der „Neuen Perspektive“ – schreibt N. T. Wright –, als er erkannte, dass die „Werke des Gesetzes“, vor denen Paulus warnte, „nicht gute moralische Taten waren, um Rechtfertigung (oder Erlösung) zu empfangen, sondern konkrete Gebote und Bestimmungen, welche Juden und Heiden voneinander trennten“ (N. T. Wright, Justification, 2009. S. 148).

Im Galaterbrief trennt vor allem die Beschneidung. Paulus ging es folglich nicht um eine Abhandlung zur Soteriologie, sondern um das Niederreißen von kultischen und nationalen GrenzzĂ€unen (also ein Thema, das eher in die Ekklesiologie gehört). Er wollte klarstellen, dass der Christusglaube alle JĂŒnger zusammenbringt und somit die Beschneidungspraxis oder kultische Speisevorschriften die Gemeinschaft nicht weiter beeintrĂ€chtigen dĂŒrfen.

Westerholm stimmt dahin gehend zu, dass im Galaterbrief die Stellung der Werke entlang der Beschneidungsthematik diskutiert wird. Aber das, worauf Paulus letztlich abzielt, wenn er von den Gesetzeswerken spricht, kommt Luthers guten Werken nĂ€her als den Grenzmarkierungen Dunns. „Im Römerbrief wie im Galaterbrief gebraucht Paulus die ‚Werke des Gesetzes‘ (Röm 3,20a.28) austauschbar mit dem ‚Gesetz‘ (3,20b.21), um von dem Weg zur Gerechtigkeit zu sprechen, den er ablehnt und er zeigt weiter (wie im Galaterbrief), weshalb das Gesetz als solches nicht zum Segen Gottes fĂŒhren kann“ (S. 79). Paulus beantwortet also nicht die Frage, ob Heidenchristen ohne Gesetzesobervanz Tischgemeinschaft mit den Judenchristen haben können, sondern zeigt, dass das Gesetz als Weg zur Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht taugt.

Vor dem letzten Kapitel, das die Ergebnisse der Untersuchung zusammenfasst, geht Westerholm noch kurz auf die apokalyptische Lesart des NeuseelĂ€nders Douglas Campbell ein (S. 87–94). In seinem 1200 Seiten umfassenden Werk Deliverance of God nimmt Campbell die traditionelle Rechtfertigungslehre, von ihm lieber als „Rechtfertigungstheorie“ bezeichnet, ins Visier. FĂŒr Campbell sind in ihr biblische SchlĂŒsselbegriffe auf verhĂ€ngnisvolle Weise fehlinterpretiert worden. Besonders die reformatorische Rechtfertigungslehre sei rationalistisch und individualistisch verengt und fördere mit ihren juridischen Kategorien Formen eines christlichen Faschismus. Campbell bemĂŒht diesen Begriff nicht nur im allegorischen Sinn, sondern lĂ€sst die Anfrage gelten, ob nicht Auschwitz auch die Frucht einer reformatorisch interpretierten Glaubensrechtfertigung sein könne.

Bezug nehmend auf Einsichten der NPP, bemĂŒht sich Campbell um eine rhetorisch-apokalyptische Neuinterpretation insbesondere des Römerbriefes. Sein Gegenentwurf hebt hervor, dass Rechtfertigung ein von Gott gewirktes völlig bedingungsloses Befreiungshandeln ist. Die so prĂ€sentierte Soteriologie kommt – wenig ĂŒberraschend – dann auch ohne stellvertretende SĂŒhne aus.




Das Buch von Stephen Westerholm habe ich mit großem Gewinn gelesen und kann es AnhĂ€ngern wie Gegnern der Alten Paulusperspektive sowie Unentschiedenen ans Herz legen. FĂŒr Experten, die sich bereits in die Debatte vertieft haben, wird es wenig Neues bringen. Allerdings haben sich – so jedenfalls mein Erfahrungswert – nur wenige Christen eingehend mit der Alten Perspektive beschĂ€ftigt. Der Kreis jener, die mit den Neuen Perspektiven vertraut sind, dĂŒrfte so insbesondere in Deutschland ĂŒberschaubar sein.

Die Auswirkungen der Verschiebung sind jedoch ĂŒberall zu sehen. Es lĂ€sst sich, ĂŒberzogen, aber nicht entstellend, auf folgende „Formel“ bringen: So, wie aus der Sicht der NPP die „HauptsĂŒnde“ des jĂŒdischen Volkes nicht die fehlende Liebe zu Gott, sondern die fehlende WertschĂ€tzung der Schöpfung und der heidnischen Völker gewesen ist, erscheint heute die dĂŒrftig Weltgestaltung unter der Herrschaft des Königs Jesus als „HauptsĂŒnde“ der Kirche. Dabei muss es – wie das Westerholm zeigt – diesen Dualismus gar nicht geben. Kirche, als mit Gott durch Jesus Christus versöhnte Gemeinschaft der Heiligen, lĂ€sst sich sehr wohl in die Weltverantwortung rufen. Sie weiß aber darum, dass es ihr wichtigster Auftrag ist, an Christi statt zur Versöhnung mit Gott aufzurufen (2Kor 5,20) und alle Völker zu JĂŒngern zu machen (Mt 18,20).

Schließen will ich mit einem Zitat von Simon Gathercole, der unter James Dunn seine Dissertation geschrieben hat und heute als Neutestamentler an der UniversitĂ€t in Cambridge lehrt. Er empfiehlt das Buch mit folgenden Worten: „Das Lesen von Stephen Westerholms Skizze der paulinischen Rechtfertigungslehre ist eine Pflicht und eine Freude. Dieser Band fĂŒhrt Studenten klar und elegant in das Thema ein. Und er wirft den Vertretern der Neuen Perspektive die Fehdehandschuhe vor. Wie werden sie antworten?“

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