Ludwig Feuerbach

Das Wesen des Christentums unter der Lupe

Der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804–1872) behauptete, dass der Mensch seine eigenen Eigenschaften – Liebe, Macht, Weisheit – auf ein göttliches Wesen ĂŒbertrĂ€gt und dieses dann verehrt. Gott sei also eine Projektion des menschlichen Selbstbewusstseins. In seinem Hauptwerk Das Wesen des Christentums (1841) sagt er beispielsweise: 

Die Religion, wenigstens die christliche, ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst, oder richtiger: zu seinem Wesen, aber das Verhalten zu seinem Wesen als zu einem andern Wesen. Das göttliche Wesen ist nichts andres als das menschliche Wesen oder besser: das Wesen des Menschen, abgesondert von den Schranken des individuellen, d.h. wirklichen, leiblichen Menschen, vergegenstĂ€ndlicht, d.h. angeschaut und verehrt als ein andres, von ihm unterschiednes, eignes Wesen – alle Bestimmungen des göttlichen Wesens sind darum Bestimmungen des menschlichen Wesens.

Feuerbach hat mit dieser These maßgeblicher europĂ€ische Denker fasziniert, so etwa Karl Marx, Friedrich Engels oder Sigmund Freud. Leider gibt es nur wenige Theologen, die sich fundamentalkritisch mit Feuerbach auseinandergesetzt haben. Emil Brunner, Wolfhart Pannenberg und Horst-Georg Pöhlmann haben sich grĂŒndlich mit Feuerbachs Religionskritik befasst. Einer der begabtesten Theologen, der Feuerbach grĂŒndlich studiert und widerlegt hat, ist Klaus BockmĂŒhl.

Hier gibt es Gelegenheit, in ein englischsprachiges Seminar ĂŒber Feuerbachs Christentumskritik hineinzuhören (1981):

Welchen Gott haben wir getötet?

Ich habe eine Frage an die Nietzsche-Experten. Nietzsche beeindruckt mich immer wieder neu durch seine rigorose Aufrichtigkeit. In seiner Darstellung des Gottesmordes fasst er sprachmĂ€chtig das Verschwinden Gottes am Ende der Neuzeit zusammen (Die fröhliche Wissenschaft, KSA, Bd. 3, 1999, S. 480–482). Der Abschnitt geht unter die Haut, lĂ€sst doch erst die „GrĂ¶ĂŸe“ des Gottesmordes den Menschen groß werden. Hier:

„Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzĂŒndete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ‚Ich suche Gott! Ich suche Gott!‘ – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes GelĂ€chter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hĂ€lt er sich versteckt? FĂŒrchtet erch vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ‚Wohin ist Gott?‘ rief er, ‚ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? StĂŒrzen wir nicht fortwĂ€hrend? Und rĂŒckwĂ€rts, seitwĂ€rts, vorwĂ€rts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kĂ€lter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? MĂŒssen nicht Laternen am Vormittage angezĂŒndet werden? Hören wir noch nichts von dem LĂ€rm der TotengrĂ€ber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und MĂ€chtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche SĂŒhnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden mĂŒssen? Ist nicht die GrĂ¶ĂŸe dieser Tat zu groß fĂŒr uns? MĂŒssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer wĂŒrdig zu erscheinen? Es gab nie eine grĂ¶ĂŸere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‘– Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, daß sie in StĂŒcke sprang und erlosch. ‚Ich komme zu frĂŒh‘, sagte er dann, ‚ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehn und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!‘ – Man erzĂ€hlt noch, daß der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. HinausgefĂŒhrt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: ‚Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die GrĂŒfte und GrabmĂ€ler Gottes sind?‘“

Ernst Benz ist nun der Auffassung, dass dieser Gedanke nur im Zusammenhang mit Feuerbachs „Projektionshypothese“ zu verstehen sei. Nietzsches Satz vom Tode Gottes „setzt voraus, daß Gott selbst nur als eine mythische Setzung des menschlichen Bewusstseins verstanden wird, deren irrealen Charakter der Mensch inzwischen selbst erkannt hat“ (Nietzsches Idee zu Geschichte des Christentums und der Kirche, 1956, S. 168). Kurz: Der Gott, den wir ermordet haben, ist der Gott, den wir zuvor nach unserem eigenen Bilde geschaffen haben.

Ich habe diese These von Benz bei Wolfhart Pannenberg gefunden (Grundfragen systematischer Theologie, 1967, S. 353f). Pannenberg selbst schließt sich ihr an. Ich halte sie auch fĂŒr plausibel. Meine Frage lautet: Ist diese Interpretationen heute gelĂ€ufig (also com­mu­nis opi­nio)?

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