Hegel und die Theologie

Im Gegensatz zu Wolfhart Pannenberg (1928–2014) stand der Lutheraner Hans Joachim Iwand (1899–1960) dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) ausgesprochen kritisch gegenüber. Für Iwand war Hegel ein Hauptvertreter jener Denkbewegung im 19. Jahrhundert, die Geschichte, Geist, Kultur und menschliche Selbstentfaltung viel zu stark mit Gottes Offenbarung identifizierte. Iwand warf der Theologie im Fahrwasser Hegels vor allem vor, die reformatorische Sicht der radikalen Sündhaftigkeit des Menschen, der Unverfügbarkeit Gottes und der Rechtfertigung allein aus Gnade zu verniedlichen.

Zugleich war Iwand kein naiver Anti-Hegelianer. Er hatte erkannt, dass wir im 20. Jahrhundert mehr oder weniger hegelianische Luft atmen und uns gar nicht so ohne weiteres von seinem Einfluss losreißen können. Man muss Hegel zunächst einmal verstehen, um zu erkennen, wie allgegenwärtig er ist.

Sehr hilfreich wird das deutlich in seiner Vorlesung zur „Geschichte der protestantischen Theologie“, aus der ich hier gern mal einen längeren Abschnitt zitiere (Hans Joachim Iwand, Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: „Väter und Söhne“, 2001. S. 188–191):

Schleiermacher ist ganz gewiß der Theologe des neunzehnten Jahrhunderts geworden und gewesen. Hegel, sein großer Berliner Rivale, hat ihn nicht „aufzuheben“ vermocht. Hegel ist zwar nicht wegzudenken aus der Geschichte der Theologie, aber er wirkt wie ein Meteor, der einen Moment ein unerhört helles Licht ausstrahlt und dann wieder sich dem Auge entzieht. Ob er wohl wiederkommt? Ob etwa das zwanzigste Jahrhundert ihm die Reverenz erweisen wird, die ihm das neunzehnte versagte? Ob nicht Nietzsche, ob nicht Croce – ob nicht Spengler, ob nicht Heidegger, – ob nicht der östliche Marxismus wenn auch nicht Geist von seinem Geist, so doch sicher Fleisch von seinem Fleisch sind? Ob wir Deutschen nicht gut daran täten, uns diesen Mann ein wenig genauer anzusehen, zumal er wohl zur Zeit noch einiges mehr zu sagen hat als – Kant? Vielleicht hat der Neukantianismus uns allzulange den Aufmarsch der längst totgesagten Hegelschen Philosophie verborgen, bis sie auf einmal – wie eine Rachegöttin – als Tat und Ereignis über denen stand, die meinten, sie für immer beerdigt zu haben. Es gibt ein paar Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unser Verstand nichts träumen läßt. Ich würde fragen: Wissen wir eigentlich, daß wir Hegel die Dogmengeschichte verdanken, dieses spezifische Phänomen, wie es Ferdinand Christian Baur und Isaak August Dörner, auf anderer Ebene Gottfried Thomasius und Nathanael Bonwetsch ausbilden? Wissen wir, daß Hegels großer Schatten – freilich sehr verdünnt – hinter der Theologie Reinhold Seebergs steht? Wissen wir, daß auch eine scheinbar so innertheologische Erscheinung wie der Schriftbeweis von Johann Christian Konrad von Hofmann sich in Wahrheit nur im Hegelschen Denkraum vollziehen konnte? Und auch David Friedrich Strauß, auch Ludwig Feuerbach, auch all diese gescheiterten theologischen Existenzen bis hin zu Bruno Bauer und den „Freien“, jenen Berliner Radikalen – sie sind im Grunde genommen alle einmal von jenem Gipfel angezogen, vielleicht nur auf jene Höhe gezogen worden, um im Nebel irgendwo abzustürzen.

Wie der große Mann rechts und links von seinem Wege die zerbrochenen Versuche seiner Nachfolger und Weggenossen aufweist, so ist auch der Weg Hegels umsäumt von solchen Katastrophen – man weiß nicht, ob eine spätere Zeit auch Marx dazu rechnen wird. Aber auch noch die Katastrophen sind Ereignisse, sind nicht leere Nichtigkeiten, sondern sind Fehlzündungen gleich, die immerhin Zündungen sind und eine bestimmte Dynamik zur Entladung bringen. Die Theologiegeschichte jener Tage ist dadurch bestimmt, daß Hegel, der Tübinger Stiftler – der in seinen Frühschriften eigentlich nur theologische Probleme kennt, der schließlich immer wieder auf seinen Höhepunkten zur Geheimsprache der Theologie zurückkehrt – durch sie hindurchgegangen ist. Aus Tübingen und Erlangen ist Hegel nun einmal nicht wegzudenken. Aber schließlich ist seine Wirkung innerhalb der engeren Theologie immer noch begrenzt, immer noch domestiziert. Selbst Strauß, selbst Bruno Bauer haben nicht allzuviel bedeutet: Sie haben das Problem der Mythologisierung aufgeworfen, haben schießlich die Christusmythe als letztes halten wollen – aber da sie zu wenig vom eigentlichen Hegel in sich tragen, da sie nur die Destruktion, nicht die Konstruktion begriffen haben, bleiben sie schließlich doch ephemer. Immerhin, auch die großen Theologen wie I. A. Dörner und F. C. Baur sind Hegelianer – jedenfalls in gewissem Sinne. Hegel wirkt überall da stark, wo seine Idee von Dogma verstanden wird. Das Dogma ist ja jene Einheit, in der Denken und Gedachtes eins sind. Das Dogma hat zum Subjekt nicht den einzelnen Frommen, nicht dessen Erleben, nicht sein Erlösungsbedürfnis – sondern den Gesamtgeist, die Christenheit bzw. die Kirche. Hegel kann sich kein theologisches Denken vorstellen, das nicht vom Dogma herkäme und auf das Dogma hinzielte. Wie seine Methode endgültig ist, so ist ihr Inhalt dogmatisch. Freilich so dogmatisch, daß er die Kritik in sich aufgenommen, daß er auch die Negation seiner selbst umgreift. Was später ein Theologe wie Erik Peterson geschrieben hat: Das Dogma ist die Elongation des Leibes Christi – würde in dem Munde der Hegelianer lauten: Das Dogma ist die Elongation des Geistes Christi.


Denn mit der Erdenwanderung Christi hat – nach ihnen – erst die Offenbarung begonnen. Sie schreitet fort, in der Lehre expliziert sich durch ständige Negation die Wahrheit. Das Dogma ist also das Fortwirken, das eigentliche Leben des Geistes der Offenbarung. Kein Wunder, daß die Orthodoxen in Hegel einen Bundesgenossen sahen, der nicht nur dem Dogma seinen Platz zurückgab, sondern es auch zum Fundament der Philosophie machte. Hegel hat wieder gewagt, den Gottesbeweis in die Philosophie einzubeziehen und ihn zum Angelpunkt seines Ansatzes zu machen (das dürfte ein heimlicher Spinozismus, also dessen Axiomatik sein). Aber ob die Theologen ihn damit wirklich verstanden haben, ob sie nicht zu früh gejubelt haben, daß nun durch Hegel der Satz des finitum capax infiniti (Endliches vermag Unendliches zu fassen) gerechtfertigt sei, daß man endlich die philosophische Berechtigung der Inkarnation gefunden habe? Ob sie sich nicht ebenso geirrt haben, wie der preußische Staat, der sich schmeichelte, mit Hegel den rocher de bronce gefunden zu haben, auf den man in unsicheren Zeiten Dynastien gründen kann?


Denn andere haben es anders erlebt: Sie haben sich von Hegel losgerissen und sind erst, mit abgekehrtem Angesicht, Christen geworden – das größte Beispiel ist vielleicht Friedrich Julius Stahl. Der Pietismus roch hier, daß die Sache nicht stimmen konnte; ein Mann wie Kähler kannte eigentlich nur einen theologischen Antipoden, den er für gefährlich hielt – der Begriff des absoluten Geistes von Hegel, der Gott zum X da droben macht. Die Theologen, die – wie Kähler – am Dogma festhielten, ohne doch Hegelianer zu werden, sahen, daß hier der Gedanke einen Rang erhielt, den er in der Schrift nicht hat, und Kählers Gebet:


Führ aus den Gedanken ins Leben hinein,

ganz ohne Wanken dein Eigen zu sein 


liest sich wie die Bitte eines, der sich von Hegel mit Mühe losgerissen hat.


Aber es kommt noch eine andere Überlegung hinzu: Wir werden sehen, wie nahe uns manches von dem erscheint, was Hegel sagt. Ist es nicht doch seltsam, wie Gedanken Geschichte machen? Wir stehen heute in einer für die meisten von uns kaum übersehbaren Katastrophe. Wir gleichen zunächst noch den Schiffbrüchigen, die ins Wasser gestürzt und so stark mit ihrem endlichen Dasein beschäftigt sind, daß ihr Denken zunächst ganz davon bestimmt wird – also von dem praktischen Endzweck ihrer Handlungen. Aber wenn wir uns einmal erheben würden, wenn wir ein wenig Distanz dazu gewinnen könnten, ein wenig objektiver und härter das Gestern und vielleicht auch das Morgen der europäischen Katastrophe ins Auge faßten, dann würden wir wahrscheinlich immer wieder auf Hegels Spuren stoßen, würden sehen, daß dies sein Jahrhundert ist, würden erschrecken, daß die Orthodoxie auch heute noch nicht darüber hinausgekommen ist – wie sie auch heute noch nicht abgehen will von der These, daß der Staat das Allgemeine und darum das dem einzelnen Dasein Überlegene sei. Wer von uns weiß, wie tief wir alle in Hegel selbst drinstecken – und sei es nur in der Gewißheitsfrage, denn was suchen wir, wenn nicht die Identität des Glaubenden mit dem Geglaubten? Oder in der Frage der Mythologisierung – denn was heißt das, wenn nicht der Rückgang hinter die Vorstellungen auf den reinen Begriff? Oder in der Frage der politischen Moral – denn wie könnten wir sonst mit dem Gewissen (mit unserem bürgerlichen Gewissen) bei der Demokratie, mit dem Herzen aber (mit unserem eigentlichen Glauben) bei dem Staat von morgen, dem omnipotenten Staat stehen, der Macht und Recht in einem – also die eigentliche Manifestation Gottes ist?


Wenn wir heute – nach den Erkenntnissen und Erschütterungen, durch die wir gegangen sind, und angesichts derer, die uns bevorstehen – Hegel lesen, dann spüren wir förmlich, daß vor hundert Jahren die Entscheidungen fielen, die wir heute als unsere auszugeben belieben – daß wir nur die faktischen Auswirkungen jener Phänomene erfahren, die sich als gewaltige Ereignisse im Reiche des geistigen Lebens vollzogen und die im Namen und in der Sache, die Hegel vertrat, eine noch nicht absehbare Entwicklung eingeleitet haben.

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