Kinderfrei

Menschen, die sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden, bezeichnen sich nicht mehr als kinderlos, sondern als „kinderfrei“. Damit ist (irgendwie) vorausgesetzt, dass Kinder vor allem eine Belastung sind.

Hier wird, so meine Meinung, der radikale Individualismus auf die Spitze getrieben. Es geht nur noch um mich. Und die Folgen für die Gesellschaft werden desaströs sein. Genau die Leute, die sich selbst genügen, solange sie jung und gesund sind, werden dann, wenn sie alt und krank sind, schreien: „Kümmert euch um mich!“

Zitat:

Der Begriff „kinderfrei“ hat eine seltsame Doppelbedeutung. Eltern sagen „Ich habe kinderfrei“, wenn sie ohne ihren Nachwuchs ins Kino gehen, weil die Großeltern auf ihn aufpassen. Das Wort verwenden aber auch immer mehr Menschen zur Selbstbeschreibung – vor allem Frauen –, die sich bewusst gegen eigene Kinder entschieden haben. Das bislang übliche Wort „kinderlos“ klingt für sie zu sehr nach Verlust und Mangel, mit dem Suffix „-frei“ wollen sie ausdrücken, dass ein Dasein ohne eigenen Nachwuchs für sie keinen Verzicht bedeutet, sondern Lebensglück.

Nun steht vor der Nachsilbe „frei“ üblicherweise etwas, das man als Belastung empfindet und gerne los wäre: Wer nicht grübelt, ist sorgenfrei, Raucher wären gerne nikotinfrei und Hauseigentümer schuldenfrei. Im Jahr 1933 wurde überall in Deutschland der Erfolg nationalsozialistischer Unrechtspolitik mit dem Wort „judenfrei“ bejubelt.

Nun also kinderfrei. Ob jemand eigene Kinder oder auch nur den Gedanken daran als Last empfindet, ist höchst individuell und deswegen nicht diskutabel. Doch haben viele der Ich-Texte und Essays, die Kinderlosigkeit als persönliches Lebensmodell beschreiben und zuletzt im Wochentakt in allen großen Publikationen, auch der F.A.Z., erschienen sind, seltsam schrille Untertöne, was den Blick auf das Leben mit Kindern betrifft. Es wird unterstellt, Mütter seien unglücklicher als Frauen ohne Kinder, Eltern hätten schlechteren Sex, und das Bild der einsamen Greisin sei ein Versuch des Patriarchats, Frauen zum Kinderkriegen zu erpressen – und nicht Ausdruck einer demographischen Realität, weil Frauen im Schnitt vier bis fünf Jahre länger leben als Männer. Fast scheint es, als würde sich das über Jahrhunderte geprägte Bild, dass eigene Kinder eine notwendige Bedingung für eine gelungene Biographie sind, langsam umkehren: Ein glückliches Leben genügt sich selbst.

Mehr: www.faz.net.

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4 Kommentare
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T.C.
1 Tag vor

Ich vermute, es wird eher so sein: In Alter und Krankheit wird der radikale Individualismus dieser Leute auf die Sp(r)itze getrieben. Die Euphemismen „Kinderfreiheit“ und „Sterbehilfe“ entspringen derselben ideologischen Wurzel.

Erich Lerber
22 Stunden vor

Rein rechnerisch – so habe ich es gelesen – werden schon in einer Generation die Deutschen um ⅓ abnehmen. Das wird zu einer beispiellosen Überfremdung führen. Die deutsche Kultur steht schon in ein, spätestens in zwei Generationen vor dem Aus. Sie werden im eigenen Land zum Randphänomen. Mit allen sozialen Folgen. Was wir sehen ist nur der zaghafte Anfang.
Der beschriebene Narzissmus wird sie aber ihr ganzes Leben über Benachteiligung jammern lassen. Sie werden nicht mehr durch die Anstrengenungen der Elternschaft positiv geprägt, die Generationen entfremden sich noch viel mehr.
Und die Einsamkeit, die psychischen Probleme werden immer weiter zunehmen, weil der Spassgesellschaft der Sinn fehlt. Diese Form und Art der Apokalypse kommt nicht von aussen.
Einfach mal spontan laut gedacht.

Kommentator
18 Stunden vor

Die drei christlichen Lebensformen sind Ehe, Familie und Agamie, siehe die Arbeit von Matthias Becker, Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg. Wenn man eine Präferenz aus der Bibel lesen möchte, dann liegt sie wohl klar auf der Agamie. Wer Ehe und Agamie aber a priori ausschließt, dessen Theologie hat Schlagseite und der wird mit seinem „Evangelium“ auch nur Eltern von Kleinkindern erreichen – wie die typische Freikirche eben. Wenn deren Kinder aus dem kleinen 2010er-Geburten-Peak dann groß sind, sind sie auch wieder weg. Dann bleiben noch die Alten über. Die deutsche Kultur steht schon in ein, spätestens in zwei Generationen vor dem Aus. Die ist bereits sicher tot. Die demographischen Zahlen bis 2025 sind abschließend bekannt und ändern sich nicht mehr rückwirkend. Insbesondere werden keine potentiellen Eltern mehr rückwirkend ab 1990 geboren. Der Rest kann schon jetzt mit mathematischer Sicherheit berechnet werden. Deshalb ist es auch komplett überflüssig sich mitten in einer schweren Weltwirtschaftskrise über die übrigen winzigen… Weiterlesen »

Kommentator
24 Minuten vor

Und die Folgen für die Gesellschaft werden desaströs sein. Genau die Leute, die sich selbst genügen, solange sie jung und gesund sind, werden dann, wenn sie alt und krank sind, schreien: „Kümmert euch um mich!“ Übrigens kann auch ein Kind behindert und krank sein und schreien „Kümmert euch um mich!“. Die komplett segregierte „Gesellschaft“ juckt das dann aber genauso überhaupt nicht. Insbesondere nicht die feine Gesellschaft, die sich noch in den Kirchen findet. Die sind gerade so vollauf damit beschäftigt, ihre Unternehmen im Betreuungsgeschäft mit Staatsmitteln zu füttern, dass sie der lohnabhängigen Mittelschicht die letzten Mittel genommen haben, ihre Familien zu versorgen. Deshalb ist dort jetzt auch Ende Gelände. Der neuerliche „Geburtenknick“ ist keine soziologische, sondern eine ökonomische Tatsache. „Kümmern“ hat nämlich in Deutschland immer ein Preisschild. Die einzigen pro-natalistischen Kommentare in dieser Diskussion stammen alle offensichtlich von KI-Textgeneratoren. Da wird dann von den Schachtürken so offensichtlich von „Disney“, „Baseball“, „Meilen“ und „College“ schwadroniert, dass völlig klar ist, dass der… Weiterlesen »

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