Der allgegenwärtige Glaube an die Psychologie und ihre Erlösungsversprechen ist laut Jens Bergmann die Religion unserer Gegenwart. In seinem neuen Buch Von achtsam bis toxisch nimmt sich der studierte Psychologe und Journalist Begriffe wie „toxisch“, „passiv-aggressiv“, „Daddy Issues“, „Inneres Kind“, „Mindset“ oder „Multiple Persönlichkeit“ vor. Er erklärt auch, welche Strategien damit verfolgt werden und wie man sich dagegen wehrt, als „Borderliner“ oder „Narzisst“ abgestempelt zu werden.
Einige Zitate:
Der Zeitgeist spielt eine extrem große Rolle. Und die Ambition von Fachleuten, sich mit der Krankheit, für die sie sich zuständig fühlen, in den Katalogen zu verewigen. So kommt es zur stetigen Ausweitung der therapeutischen Zone. Begünstigt wird das durch eine Besonderheit psychiatrischer Diagnosen: Es fehlen die objektiven Kriterien. Während man in anderen medizinischen Disziplinen zum Beispiel unregelmäßigen Herzschlag oder Entzündungswerte messen kann, ist das bei mentalen Leiden nicht möglich: Man kann anderen Menschen nicht in den Kopf schauen. Das erleichtert die Inflation der Diagnosen. Und es ist kein Zufall, dass Laien so freihändig mit dem Psychojargon operieren, wenn viele Profis ihnen das vormachen.
…
Generell verspricht die Psychologie Antworten auf das Leiden des Individuums an der Moderne. Das fing zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Sigmund Freud an, dem Erfinder des therapeutischen Denkens und Sprechens. Fatal ist, dass sowohl Probleme als auch Lösungen immer im Individuum gesucht werden. Wenn zum Beispiel ein Abteilungsleiter in einer Firma Schwierigkeiten mit seinem Team hat, bekommt er einen Coach an die Seite gestellt oder den Besuch eines Achtsamkeitsseminars nahegelegt. Auf diese Weise schützen sich Organisationen vor grundsätzlicheren Fragen zum Beispiel nach den Arbeitsbedingungen.
Die Antwort auf die Frage: „Auf Datingplattformen liest man zurzeit oft Zuordnungen wie ISFP, ESFP und ENTJ? Was taugt der Myers-Briggs-Typenindikator, auf dem diese Abkürzungen zum Teil beruhen?“, ist auch lustig:
Gar nichts. Diesen Persönlichkeitstest hat eine Hausfrau aus Philadelphia vor mehr als hundert Jahren erfunden. Sie wollte ihren künftigen Schwiegersohn analysieren und nutzte dazu die Archetypen von C. G. Jung. Die hat sie dann für ihren Test angepasst und harmloser gestaltet: Keiner ihrer Typen ist besser oder schlechter als der andere. Der Test ist reizvoll, weil man mit ihm Menschen sehr schnell in verschiedene Kästchen einsortieren kann. Ein Fachmann attestierte dem MBTI einmal den „intellektuellen Gehalt eines Glückskekses“. Auch mit der Zuverlässigkeit ist es nicht weit her: Bei drei Vierteln der Getesteten ändert sich der Persönlichkeitstyp, wenn sie sich dem MBTI ein weiteres Mal unterziehen.
Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.