Martin Luther schreibt zu: „Was soll dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt“ (Gal 3,19b):
Aber wozu ist denn diese Erniedrigung, diese Zerstoßung und Zerschlagung durch den Hammer des Gesetzes gut? Dazu, daß die Gnade bei uns Eingang finden kann. So ist das Gesetz Diener und Türhüter für die Gnade. Denn Gott ist ein Gott der Niedrigen, der Elenden, der Angefochtenen, der Bedrückten, der Verzweifelten und aller derer, die völlig zunichte geworden sind. Es ist ja Gottes Natur, die Niedrigen zu erheben, die Hungrigen zu speisen und die Blinden zu erleuchten, die Elenden und Angefochtenen zu trösten, die Sünder zu rechtfertigen, die Toten lebendig zu machen, die Verzweifelten und Verurteilten zu retten etc. Er ist ja ein mächtiger Schöpfer, der alles aus Nichts macht. Zu diesem seinem eigentlichen und natürlichen Werk läßt Gott nicht kommen diese allerschädlichste Pestilenz, nämlich die Einbildung eigener Gerechtigkeit, die nicht sündig, unrein, elend und verdammt sein will, sondern gerecht, heilig etc. Darum muß Gott jenen Hammer, das Gesetz anwenden, der zerbricht, zermalmt und zerschlägt und völlig zunichte macht. Da gehts diesem Untier mit seinem eitlen Selbstvertrauen, Weisheit, Gerechtigkeit, Macht etc. ans Leben, so daß es schließlich aus seinem Unglück lernen muß, es sei verloren und verdammt. Wenn denn das Gewissen so durch das Gesetz erschüttert ist, hat die Lehre des Evangeliums und die Gnade Raum, richtet auf und tröstet, denn Christus ist nicht gekommen in die Welt, das zerstoßene Rohr zu zertreten, oder den glimmenden Docht auszulöschen, er ist gekommen, den Armen das Evangelium zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu heilen, den Gefangenen die Freiheit zu verkündigen etc.
Martin Luther beschreibt das Gesetz als einen „Hammer“, der die menschliche Selbstgerechtigkeit zerbricht. William Kelly zeigt in Galater 3, warum das so ist. https://www.bibelkommentare.de/kommentare/k-3198/einfuehrender-vortrag-zum-galaterbrief/kapitel-3 Die Verheißung an Abraham beruht auf Gottes Gnade. Gott selbst gibt die Zusage und erfüllt sie in Christus. Beim Gesetz ist es anders: Es gibt zwei Parteien. Gott fordert Gehorsam, und der Mensch ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten. Genau daran zeigt sich seine Sünde und Unfähigkeit. Darum ist das Gesetz wie ein Hammer: Es zerbricht den Stolz des Menschen und seine Vorstellung, sich durch eigene Leistung vor Gott rechtfertigen zu können. Das Gesetz rettet nicht, sondern zeigt, dass wir einen Retter brauchen. So wird das Gesetz zum Diener und Türhüter für die Gnade: Es führt den Menschen dahin, seine eigene Schuld zu erkennen und zu Christus zu kommen. Besonders wichtig ist Galater 3,14: In Christus empfangen wir „die Verheißung des Geistes durch den Glauben“. Der Heilige Geist ist kein Lohn für Gesetzeserfüllung, sondern Gottes… Weiterlesen »
Martin Luther erhebt aber auch das menschliche Individuum (also primär sich selbst) zur obersten Instanz in Glaubensdingen. Und damit wiegen die Worte des Reformators prinzipiell nicht schwerer als die jedes anderen Individuums vor und nach ihm. Luthers Sicht auf das Gesetz könnte zutreffend sein, es könnte sich aber genauso auch um (s)einen menschlichen Irrtum handeln. Außerhalb einer streng-religiösen Prägung ist die Position jedenfalls schwer vermittelbar. Kein Mensch der Gegenwart fühlt sich in irgendeiner Weise durch das Gesetz „überführt“, wie einst der Augustinermönch Luther im Mittelalter. Karl Barth sah das ebenso und drehte Luthers Kausalität kurzerhand um. Und während Luther nur einen zweifachen Gebrauch des Gesetzes kennt, geht Calvin gleich noch einen Schritt weiter und verordnet einen dreifachen Gebrauch (usus in renatis), womit die Reformierten dann bei ihren modernen gesetzlichen Gemeindeordnungen gelandet waren. Wer noch unter solchen Umständen aufgewachsen ist, gehört zu den letzten, die Luthers Position überhaupt noch nachvollziehen können. An diesen dogmatischen Widersprüchen werden sich alle Christen weiter abarbeiten… Weiterlesen »
@Kommentator „Martin Luther erhebt aber auch das menschliche Individuum (also primär sich selbst) zur obersten Instanz in Glaubensdingen.“ Wirklich? Woraus leiten Sie diese These ab? In welchem seiner Werke vertritt Luther eine solche Position? M.E. ist für Luther die Heilige Schrift als norma normans oberste Instanz in Glaubensdingen. Sie ist „durch sich selbst am sichersten, offenkundigsten und ihr eigener Ausleger“ (vgl Luthers Antwort auf die päpstliche Bannbulle). Als lebendige Stimme Gottes spricht sie zu allen Menschen. Als die Zwickauer Propheten und ähnliche Gruppen sich auf eine ihnen persönlich zuteil gewordene Offenbarung beriefen und sich so in der Tat als Individuen zur besonderen Instanz in Glaubensdingen beriefen, hat Luther ihnen aufs schärfste widersprochen. Um noch einmal die Assertio, Luthers Antwort auf den päpstlichen Bann, zu zitieren: „Die Schrift allein soll herrschen“, nicht das menschliche Individuum! Ferner, im unfreien Willen: „Ich habe so wenig Gefallen an der Meinung der Skeptiker, daß ich, wo es auch immer wegen der Schwäche des Fleisches nur… Weiterlesen »
Lieber Kommentator, du bist ein Meister des Problematisierens. Kannst du auch konstruktive Beiträge liefern? Ansonsten haben deine Beiträge aus meiner Sicht keinen wirklichen Mehrwert.
Der Kernaspekt des Arguments ist von Max gar nicht verstanden worden: Die Allgemeinverständlichkeit der lutherischen Lehre. Die Lehre selbst ist in auch sogenannten „evangelisch-lutherischen“ Kirchen spätestens nach dem zweiten Weltkrieg so gut wie gänzlich vom „Gesetz“ verdrängt worden, natürlich nicht von Mosaischen, sondern vom selbstgemachten protestantischen Gesetz ganz nach amerikanischen Vorbild. Von den Freikirchen ganz zu schweigen, die waren ja schon etwas länger ähnlich drauf. Diese Belehrungskirchen hat das Volk dann schlicht verlassen und Europa ist dadurch erfolgreich entchristianisiert worden, zumindest dort wo es mal lutherischen Protestantismus gab. Die Folge dessen ist, dass ein paar Generationen später niemand mehr Luthers Rechtfertigungslehre versteht, weil eben kein Gewissen mehr von einem „Gesetz“ erschüttert werden kann. Wer damit ankommt, wird sich fragen lassen müssen, wofür jemand ein Evangelium braucht, wenn das von der Kanzel verkündete „Gesetz“ schon als offensichtlicher Unfug erkannt worden ist. Diese Chance ist schlicht für immer vertan. Dabei beißt nämlich die Pfadabhängigkeit zu: Nicht jede Fehlentwicklung kann einfach später nach… Weiterlesen »