Wer in die Abgründe spätmoderner Ethik hineinschauen möchte, der kann sich mal mit den Arbeiten der kanadischen Philosophin Kimberley Brownlee beschäftigen. Kürzlich hielt sie an der Universität Oxford Vorträge über die – wie sie es sagt – gebärbehinderten Männer. Da Männer keine Kinder austragen können, sind sie sozusagen evolutionär benachteiligt. Das habe allerlei Konsequenzen.
Was sie über Schwangerschaften von Minderjährigen lehrt, scheint mir besonders tragisch zu sein. Sie betrachtet Schwangerschaften wie eine schwere Krankheit, wie dieser Auszug aus einem FAZ-Artikel zeigt:
In ihrer letzten Vorlesung stellte Brownlee klar: Was für Männer eine Behinderung ist, ist für Jungen ein Privileg. Denn als Kind schwanger zu werden birgt schwerste gesundheitliche Gefahren. Brownlee rügte, dass Abtreibungsverbote wie im amerikanischen Bundesstaat Alabama, die pauschal von Schwangeren als Frauen sprächen, über die besondere Verwundbarkeit von Mädchen hinweggingen. Die Schwangerschaft von Minderjährigen möchte Brownlee wie eine schwere Krankheit behandelt sehen.
Bei ihrer Hörerschaft hätte Brownlee offene Türen eingerannt, wenn sie lediglich behauptet hätte, dass Schwangerschaften Minderjähriger zu verhindern seien und über Risiken aufgeklärt werden müsse. Doch sie ging weit darüber hinaus. Ärzte sollten Minderjährigen niemals die üblichen drei Optionen unterbreiten: abzutreiben, das Kind zur Adoption freizugeben oder es selbst aufzuziehen. Für Minderjährige sei ein medizinisches Protokoll einzuführen, das als richtige Behandlung die Abtreibung vorsieht – und zwar nicht nur während der ersten Wochen der Schwangerschaft.
Außerdem lud Brownlee zu einem Gedankenexperiment ein. Man stelle sich vor, der vierzehnjährige Sohn wolle sich seinen gesunden linken Arm amputieren lassen, während die gleichaltrige Tochter schwanger werden möchte. Welchem Vorhaben sollte man heftiger entgegentreten? Brownlee hält die Amputation für deutlich weniger riskant. Dieses Urteil lässt hellhörig werden: Wie weit sollten Eltern gehen, um eine Schwangerschaft zu verhindern oder zu beenden? Dürften sie ihr Kind sogar sedieren?
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