Autorenname: Ron

Ein Gespräch über Natur, Gnade und Nominalismus

Jordan Cooper, Michael Horton und Gavin Ortlund diskutieren in diesem Gespräch über die reformatorische Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, den Einfluss des mittelalterlichen Nominalismus auf die Rechtfertigungslehre, Natur und Gnade und das „donum superadditum“ (die Lehre, dass Gott dem Menschen bei der Schöpfung über seine natürliche Ausstattung hinaus eine übernatürliche Zusatzgabe verliehen habe). Wenn man theologisch interessiert ist, lohnt es sich, in das Gespräch reinzuhören: 

Dane Orlund: 39 Predigtregeln

Dane Ortlund, Autor von Gütig und Sanft sowie Tiefer (#ad), hat seine 39 Predigtregeln, nach denen er jede Predigt zu gestalten versucht, veröffentlicht. Mit seiner freundlichen Genehmigung darf ich sie hier wiedergeben: 

  1. Jesus predigte Frieden (Eph 2,17); sei kein besserer Prediger als Jesus.
  2. Predige zuerst dir selbst.
  3. Predige aus deinem Herzen, nicht nur zu ihren Herzen.
  4. Nutze deine eigene Notlage.
  5. Wie sehr musst du die Menschen hassen, um sie beeindrucken zu wollen, anstatt ihnen zu helfen?
  6. Ein durchgängiger Ton der Ermutigung.
  7. Lebendige Bilder. Innerlich, sinnlich. Wenig Rot mit Analogien.
  8. Sie sind verzweifelter, als sie zeigen.
  9. Die Kraft liegt im Wort, nicht in deiner Klugheit.
  10. Der Geist wirkt mit deiner Schwäche und deiner Not, nicht mit deiner Stärke und Ihrer Vollkommenheit.
  11. Denke dich satt, bete dich strahlend.
  12. Sei konkret, nicht abstrakt.
  13. Konkretheit vermittelt Universalität.
  14. Sei klar. Lewis: Schafe. Wenn du ihnen einen Weg zum Missverständnis bietest, werden sie ihn nehmen.
  15. Sei einfach, aber nicht simplistisch.
  16. Streiche alles Überflüssige gnadenlos.
  17. Lächle. Und meine es ernst. Predigen ist ein Akt pastoraler Liebe.
  18. Lehre allein reicht nicht aus, aber die Menschen wollen die Lehre kennenlernen.
  19. Zeige regelmäßig etwas von deiner eigenen Schwäche.
  20. Teilen ihnen deine neuen exegetischen Entdeckungen mit.
  21. Verlange nicht von Adjektiven, die Arbeit zu leisten, die Verben leisten sollten.
  22. Mache das Evangelium an einer Stelle deutlich.
  23. Es sind sowohl Ungläubige als auch Gläubige anwesend.
  24. Es sind sowohl eifrige als auch stagnierende Gläubige anwesend.
  25. Denke an die Kinder und spreche sie direkt an.
  26. Spreche mit deiner natürlichen Alltagsstimme; widerstehe jeder Form der „Predigerstimme”.
  27. Gehe mit Einwänden um.
  28. Wenn du unsicher bist, ist kürzer besser.
  29. Höre mit der Predigt auf, solange du noch Zuhörer hast.
  30. Du siehst nicht so glücklich aus, wie du bist; strecke dich also nach Freude aus.
  31. Wenn sie sich von dir geliebt fühlen (vgl. Phil 4,1), werden sie mit dir leiden (vgl. Phil 4,14).
  32. „Wir werden dich noch einmal darüber hören“ (Apg 17,32). Wecke ihr Interesse an Jesus, auch wenn sie sich noch nicht in seine Arme geworfen haben.
  33. Lass deine Hauptpunkte nicht auf andere Texte in der Bibel übertragbar sein.
  34. Verlangsame das Tempo, um jedes einzelne Wort des Textes wahrzunehmen – was er sagt und was er nicht sagt.
  35. Beruhige dich und seien du selbst.
  36. Sei ein Landwirt, kein Penny-Stock-Händler. Crockpot (elektrischer Schongarer), keine Mikrowelle.
  37. Gebrauche keine Beredsamkeit, gebrauche lieber Ausstrahlung.
  38. T.F. Tenney: „Predige jede Predigt so, als säße dein Sohn in der letzten Reihe und gäbe der Kirche eine letzte Chance.“
  39. Tinktur. Gib ihnen einen Vorgeschmack darauf, wie Jesus selbst ist. Rutherford.

Zwei neue Serien über Mozart liefern politisch korrekten Nonsens

Derzeit sind zwei Serien über Amadeus Mozart im Gespräch, „Amadeus“ auf SKY/WOW und „Mozart/Mozart“ von der ARD. Und beide Serien illustrieren, dass der postmoderne Zeitgeist nicht nur an historischer Amnesie leidet (gemeint ist das Vergessen, Verdrängen oder Nicht-Wahrnehmen historischer Zusammenhänge, Ereignisse und Erfahrungen), sondern genüßlich und verführerisch Geschichtsverfälschung betreibt. Mühelos wird der woke und postkoloniale Geist in die Vergangenheit zurückprojeziert.

Beim Mozart der ARD sieht das laut FAZ so aus:

Zur Vorstellungskraft der Autoren gehört, dass Amadeus – er benutzte „Amadeus“ nie, sondern meist „Amadé“, wurde von Liebmeinenden gern „Wolferl“ genannt – drogensüchtig ist und in eine Entzugsklinik muss. Da litauische und lettische Geldgeber wichtige Ko-Produzenten dieser „Event-Serie“ sind, sieht diese Klinik aus wie das Schloss eines bal tendeutschen Barons aus dem späten 19. Jahrhundert (Mozart und dessen Frau trugen schon bei der Hochzeit Blumenkränze im Haar wie bei lettischen Jānis-Festen am Johannistag). Zur Vorstellungskraft der Autoren gehört auch, dass wegen dieser Drogensucht ihres Bruders Maria Anna das Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ komponiert. Amadeus konnte nämlich gar nicht komponieren, zuvörderst aus gesundheit lichen Gründen. Zur Vorstellungskraft der Autoren gehört ferner, dass Leopold Mozart, der Vater der Geschwister, vor 21 Jahren eine afroeuropäische Geliebte hatte, die aufgrund ihrer Hautfarbe – „Schauen Sie mich doch an!“ – keine Karriere als Opernsängerin machen konnte. Ausgerechnet diese Eleonora Maxim, kurz „Nora“ genannt (Ibsen, ick hör dir trapsen!), wird von Maria Anna überredet, im Ari enwettstreit mit dem fiesen, aber feschen Antonio Salieri um die Vergabe eines Auftrags von Kaiser Joseph II. zur neuen „Volksoper“ anzutreten.

Während uns der öffentlich-rechtliche Rundfunk einen Mozart präsentiert, der nicht komponieren kann und seine eigene Musik verachtet, hat sich die Produktion von SKY/WOW der Teilhabegerechtigkeit verschrieben: 

Allerdings muss auch bei Farino und Seabright rückwirkend in der Geschichte Teilhabegerechtigkeit für verschiedenste soziale Gruppen hergestellt werden. Deshalb ist Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr eine person of colour und Lorenzo da Ponte, Mozarts Lieblingslibrettist, nicht nur schwarz, sondern auch schwul. Dass der genetische Abstand Süßmayrs und da Pontes zu Afrika, der Mutter der Menschheit, geringer war als bei Mozart selbst, wäre ein neuer Befund, ist aber wahrscheinlich nur eine politisch korrekte historische Inkorrektheit.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net

Das Filme oft im Dienste des säkularen Missionsbefehls stehen und versuchen, unser Denken und Fühlen zu vereinnahmen, habe ich vor einigen Jahren in dem Artikel „Das Kino im Herzen“ zu zeigen versucht: www.evangelium21.net.

Die Wurzeln des Begriffs „evangelikal“

In den Kommentaren zu dem Beitrag „Das Problem mit der evangelikalen Elite“ hat sich eine Diskussion über den Begriff „evangelikal“ entwickelt. Anknüpfend daran zitiere ich hier aus dem Aufsatz „Reizwort ‚evangelikal‘ – und warum es sich trotzdem lohnt, am Begriffe ‚evangelikal‘ festzuhalten“ von Prof. Frank Hinkelmann (erschienen in: Marin P. Grünholz u. Frank Hinkelmann (Hrsg.), Die begründete Einheit der Evangelikalen Bewegung, aus: Christlicher Glaube in der Herausforderungen unserer Zeit, Bd. 4, Petzenkirchen: Verlag für Glaube, Theologie und Gemeinde, 2025, S. 75–110, hier S. 77–81):

Wo liegen die historischen Wurzeln des Begriffs „evangelikal“? Zuerst einmal gilt es festzuhalten: beim deutschen Begriff „evangelikal“ handelt es sich um ein Lehnwort aus der englischen Sprache. Daher gilt es zuerst, die historische Bedeutung des Begriffs im angelsächsischen Bereich näher zu betrachten. Der englische Begriff „evangelical“ ist ein Wort, das mit der Reformation im 16. Jahrhundert als Übersetzung des deutschen Begriffes „evangelisch“ bekannt wurde. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist es als Synonym zur englischen Bezeichnung „Protestant“ (protestantisch) verstanden und zur Bezeichnung von Anhängern der Reformation sowohl lutherischer als auch reformierter Prägung verwendet worden. Allerdings setzte sich im Englischen die Bezeichnung „Protestant“ im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte für die Anhänger der reformatorischen Kirchen durch.

Erst seit den 1730er Jahren erfuhr der Begriff „evangelical“ eine Umprägung bzw. Neuprägung. Im Zuge der Verkündigung von John Wesley und George Whitefield brach zuerst in Großbritannien und binnen kurzer Zeit auch in Nordamerika eine „evangelikale Erweckung“ auf, die nicht nur die englische Staatskirche erfasste, sondern auch auf Freikirchen und andere Gruppierungen Übergriff. In weiterer Folge galten „evangelicals“ als Christen, die die persönliche Aneignung des Heils, die Sammlung aller Gläubigen, einen geheiligten Lebenswandel und Evangelisation und Mission betonen.

Auch wenn der Begriff „evangelikal“ in die deutsche Sprache erst in den 1960er Jahre eingeführt wurde, gilt es trotzdem die engen wechselseitigen Verbindungslinien zwischen den geschilderten Entwicklungen in der angelsächsischen Welt und den Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent im Laufe der Geschichte zu beachten. Denn wer sich mit der kontinentaleuropäischen und der angelsächsischen Christentumsgeschichte im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert auseinandersetzt, wird im Umfeld von Pietismus, Erweckungsbewegung und aufkommenden Freikirchen eine durchaus bemerkenswerte sowohl transkonfessionelle als auch transnationale Dynamik beobachten können, die sich wechselseitig beeinflusste. Daher ist es zutreffend, die Wurzeln der heutigen Evangelikalen Bewegung im Puritanismus und Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts und den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts zu verorten, da die theologischen Gemeinsamkeiten groß waren.

Der Begriff „evangelikal“ als Bezeichnung für eine theologische Strömung innerhalb des Protestantismus im deutschsprachigen Bereich wurde erst in den 1960er Jahren ins Deutsche eingeführt. Eine erste Verwendung des Begriffs „evangelikal“ in einem deutschen Buch findet sich im Jahr 1964. Da erschien eine vom Methodisten Paulus Scharpff verfasste Geschichte der Evangelisation, zu der Billy Graham ein Vorwort schrieb. Scharpff verwendete darin mehrfach die Bezeichnung evangelikal zur Beschreibung der Entwicklungen im angelsächsischen Bereich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, allerdings mit einer bemerwerten Ausnahme: über die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Inter Varsity Fellowship (IVF) berichtet er, dass sich „Gemeinschaften evangelikaler Vereinigungen auf den Universitäten verschiedener Länder“ der IVF anschlossen. Einige Sätze weiter wird angemerkt: „In Deutschland arbeitet die lVF unter dem Namen ‚Studenten-Mission in Deutschland‘ (SMD)“ Indirekt wird damit die SMD als eine evangelikale Vereinigung bezeichnet.

Peter Schneider, Übersetzer Billy Grahams bei seinen Großevangelisationen in Deutschland und später Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, nimmt für sich in Anspruch, bei einer evangelistischen Veranstaltung im Jahr 1960 die Aufforderung Billy Grahams, sich einer ’^angelwal church. anzuschließen, mit der Bezeichnung „evangelikale Gemeinde simultan übersetzt zu haben. So wollte er einer vorschnellen Assoziation des Begriffs „evangelical church“ mit einer deutschen evangelischen Landeskirche entgegenwirken.

In einer deutschen Übersetzung der „Verfassung“ der World Evangelical Fellowship, der Weltweiten Evangelischen Allianz aus den frühen 1960er Jahren heißt es unter „Klausel 4 Mitgliedschaft“: „Die Gemeinschaft soll aus nationalen ‚evangelical‘ x) Gruppen bestehen, die von Zeit zu Zeit gewählt werden können, und deren Leitung die vorher beschriebene Glaubensgrundlagejährlich unterzeichnet.“

Zu dem „x)‘‘ hinter dem Wort „evangelical“ heißt es in einer Fußnote:
x) „Evangelical“ ist in engIischsprachigen Ländern ein Fachausdruck für die, welche

1. im Gegesatz zu den LiberaIen auf einen [sic!] konservativen Bibelglauben stehen;
2. im Gegensatz zu Ritualisten einen einfachen Gottesdienst vorziehen, in welchem das volle Evangelium gepredigt wird;
3. eine persönliche Bekehrung für notwendig halten.“

Leider fehlt auf dem Dokument jeglicher Hinweis auf die Entstehungszeit. Weitere Dokumente in dem Akt stammen aus dem Jahr 1962, was eine Datierung Anfang der 1960er Jahre nahelegt. Zumindest der zweite Punkt der Definition wirft Fragen nach dem Verfasser dieser Fußnote auf, die ja scheinbar extra für die deutsche Leserschaft eingefügt wurde.

Themelios 50 (3/2025)

SCR 20251216 jfxn.

Die theologische Zeitschrift Themelio 50 (3/2025) ist erschien und enthält wieder viele hilfreiche Aufsätze und Rezensionen. Besonders empfehlen möchte ich „From Logizomai to Luther: The Great Exchange and the Development of the Imputed Righteousness“ von Bradley Gray und „The Unchained Word: A Public Theology of Free Speech“ von Andrew T. Walker und Kristen Waggoner. 

Hier die Zusammenfassung (Abstract) des Aufsatzes „The Unchained Word: A Public Theology of Free Speech“:

Dieser Aufsatz entwickelt eine eindeutig christliche Theologie der Redefreiheit als Antwort auf die zunehmende Gefahr der Zensur in westlichen Gesellschaften. Wir argumentieren, dass Redefreiheit nicht nur ein politisches Zugeständnis liberaler Demokratien ist, sondern aus der Natur des Menschen als vernunftbegabtes Wesen hervorgeht, das nach dem Bild Gottes geschaffen wurde, um nach der Wahrheit zu suchen und sie zu verkünden. Die Sprache ist sowohl ein konstitutives Merkmal der menschlichen Selbstheit als auch ein instrumentelles Gut, durch das Individuen und Gemeinschaften moralische Güter und das Gemeinwohl anstreben. Nach einer Untersuchung der biblischen Zwecke der Sprache, der Grenzen der Autorität der Zivilregierung und der moralischen Logik der Menschenrechte vertreten wir die Auffassung, dass eine christliche Auffassung von Redefreiheit eine doppelte Bestätigung erfordert: positiv, dass Individuen die Pflicht haben, wahrheitsgemäß zu sprechen, und negativ, dass Regierungen eine schwere Beweislast tragen, bevor sie die Meinungsäußerung einschränken. Die freie Meinungsäußerung dient somit als Schutzschild gegen staatliche Übergriffe, als Schutz für die Fehlbarkeit des Menschen und als unverzichtbare Voraussetzung für die Suche nach Wahrheit in einer pluralistischen Welt. Auch wenn sie nicht absolut ist, muss die freie Meinungsäußerung eine Vermutung der Freiheit genießen, wenn Gesellschaften sich auf die Wahrheit ausrichten und der ständigen Versuchung der Tyrannei widerstehen wollen.

Mehr: www.thegospelcoalition.org.

Ralf Frisch: Gott

Frisch Cover.

In seinem neuen Buch Gott kritisiert Ralf Frisch die anthropozentrische Theologie unserer Zeit. Genauso wenig, wie Bäckereien überleben werden, wenn sie Hungrigen Steine statt Brot verkaufen, wird eine Kirche bestehen können, wenn der Mensch die Antwort auf alle Fragen ist.

Hier aus meiner Rezension: 

Aber wer ist dieser Gott, von dem die Kirche zu reden hat? Frisch verteidigt das „Deus semper maior“. Gott ist immer größer, als Menschen glauben und denken. Er übersteigt alle menschlichen Versuche, ihn mit der Vernunft zu fassen (vgl. S. 62). „Der Mensch ist Mensch. Und Gott ist Gott … Gott kann nicht das Wesen sein, dem die Welt überlegen sein könnte. Sonst wäre er nicht Gott“ (S. 63). Doch auch wenn sich Gott den positiven Definitionen entziehe, könne ausgeführt werden, was Gott nicht ist. Gott sei kein vergöttlichter Mensch und keine Chiffre für humanitäre Solidarität (vgl. S. 64 f.). Gott könne laut Frisch auch keine unpersönliche Macht, sondern müsse ein personales Wesen sein. Denn ein „Gott, der keine Person ist, verdient den Namen Gott nicht. Ein Gott, der nur irgendwie da wäre, aber nicht wissen und fühlen würde, wie es ist, ‚da‘ zu sein, wäre kein Gott“ (S. 71).

Es ärgert Frisch, dass die akademische Theologie verlernt hat, über Gott zu staunen. Sie duldet nicht, dass Gott die menschlichen Rationalisierungen aufbricht und „in den intellektuell, psychisch und moralisch abgeriegelten Raum der Welt eindringt“ (S. 85). „Dass Gott in irgendeiner Weise zu fürchten und ihm nicht mit Hochmut, sondern mit Demut zu begegnen sein könnte, ist eine Vorstellung, die von der humanistischen Theologie unserer Gegenwart nahezu rückstandslos entsorgt wird“ (S. 93).

„Eine erschreckend weltfremde Identifizierung von Gott und Natur und von Gottvertrauen und Naturvertrauen im Namen einer naturverklärenden Schöpfungsspiritualität inklusive der theologisch im Blick auf den HERRN längst verabschiedeten Demuts- und Ehrfurchtrhetorik greift immer unverhohlener und immer unwidersprochener um sich.“ (S. 98)

„Von Gottesfurcht und Gottesschrecken, die in der Bibel mit jeder Epiphanie einhergehen, ist vielleicht tatsächlich nur noch die Angst der aufgeklärten Christinnen und Christen übriggeblieben, Gott zum Thema zu machen“ (S. 85 f.). Unter Berufung auf Rudolf Otto und Ludwig Wittgenstein plädiert Frisch dafür, das Unaussprechliche dadurch zu ehren, dass man anbetend schweigt (vgl. S. 88): „Vielleicht herrscht im Protestantismus zu viel Ethos und zu wenig Sprachlosigkeit, also zu wenig Kultus und zu wenig Mystik“ (S. 87).

Mehr: www.evangelium21.net.

Das Problem mit der evangelikalen Elite

Gern wird in Deutschland das Narrativ verbreitet, die Evangelikalen hätten viel zu viel Macht und würden dadurch eine freie Gesellschaft gefährden. Zu einem ganz anderen Ergebnis kommt Aaeon M. Renn in seiner Analyse. Seiner Meinung nach gibt es, anders als bei den Katholiken, keine einflussreiche evangelikale Elitein Nordamerika:

Das Problem mit der evangelikalen Elite ist, dass es keine gibt. Nur sehr wenige evangelikale Christen bekleiden Führungspositionen in den kulturprägenden Bereichen der amerikanischen Gesellschaft. Evangelikale leiten keine Filmstudios, sind keine Chefredakteure großer Zeitungen und keine Präsidenten von Eliteuniversitäten. Es gibt keine Evangelikalen am Obersten Gerichtshof. Es gibt kaum führende evangelikale Akademiker oder Künstler. Es gibt nur wenige Evangelikale in den Führungsetagen der Finanzwelt. Die prominenten Evangelikalen im Silicon Valley lassen sich an einer Hand abzählen. Es gibt nicht einmal viele Evangelikale, die einflussreiche konservative Thinktanks und Publikationen leiten, obwohl die Evangelikalen eine der größten und wichtigsten Wählergruppen in der republikanischen Koalition sind.

Zwei Bereiche sind Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Politik und Wirtschaft. Viele Evangelikale sind in der Politik erfolgreich. Glenn Youngkin, der Gouverneur von Virginia (und einer der wenigen Evangelikalen, die eine Spitzenposition in der Hochfinanz innehatten, als Co-CEO der Carlyle Group), ist einer davon; Jim Banks, der Junior-Senator aus Indiana, ist ein weiterer.

Es gibt auch viele evangelikale Führungskräfte und Unternehmer. Diese sind jedoch eher in profitablen, aber prosaischen Branchen mit begrenztem kulturellem Einfluss zu finden: Gastronomie (Chick-fil-A), Einzelhandel (Hobby Lobby), Vertrieb (Gordon Food Service) oder Öl und Gas. Im Gegensatz dazu stehen Rupert Murdochs Medienimperium, Google oder BlackRock. Große Medien prägen Überzeugungen und kulturelle Narrative; die Algorithmen von Google bestimmen, was wir online sehen; die Investitionskriterien von BlackRock veranlassen CEOs zum Handeln. Nur wenige Unternehmen mit einem solchen Einfluss werden von Evangelikalen geführt.

Und: 

Ich habe R. R. Reno gefragt, und er hat darauf hingewiesen, dass die letzten beiden Chefredakteure des Wall Street Journal überzeugte Katholiken waren. Charles Taylor, wohl einer der drei oder vier einflussreichsten lebenden Philosophen, ist katholisch. Leonard Leo, der Architekt von Donald Trumps Umgestaltung der Justiz, ist katholisch. Und dann sind da noch der Vizepräsident und sechs der neun Richter des Obersten Gerichtshofs.

Die Evangelikalen selbst haben sich gefragt, warum sie unter ihrem zahlenmäßigen Gewicht bleiben. Der Historiker Mark Noll schrieb über „den Skandal des evangelikalen Geistes” und wies auf den Anti-Intellektualismus der Bewegung hin. Der Evangelikalismus ist stark populistisch, und diese Ausrichtung führt zu Misstrauen gegenüber Institutionen und Eliten.

Die evangelikale Theologie vernachlässigt die Schöpfung und hat im Gegensatz zum historischen Protestantismus keine Tradition des Naturrechts. Der Schwerpunkt liegt auf der Rettung von Seelen. Die evangelikale Kultur neigt auch dazu, die Rolle der Frau im Familienleben zu betonen, was der Entstehung weiblicher Eliten entgegenwirkt. Evangelikale sind allzu oft in ihren parallelen Institutionen, wie christlichen Hochschulen, eingeschlossen, die sie von den Wegen und Netzwerken der Elite fernhalten. Sie stehen Macht und deren Ausübung zutiefst misstrauisch gegenüber. In gewisser Weise kommt das Streben nach Elite-Status einem Verrat an der evangelikalen Kultur, wenn nicht sogar an den evangelikalen Überzeugungen gleich.

Mehr: firstthings.com.

Nochmal: Weihnachtsaktion 2025

Bald ist es soweit: Unter den Teilnehmern an der Weihnachtsaktion werden drei Gewinner verlost. Noch ist es möglich, mitzumachen. Daher hier nochmals die Einladung dazu: 

ch möchte mich bei allen TheoBlog-Lesern für das Interesse, die Dialoge sowie die vielen anregenden Kommentare bedanken! Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich bei Konferenzbesuchen oder sonstigen Terminen auf den Blog angesprochen werde. Schön, dass sich so viele Leute hier Anregungen und Denkanstöße einholen und Beiträge kritisch begleiten und ergänzen.

Die Arbeit für den TheoBlog kostet neben Zeit freilich auch Geld. Seit der Verabschiedung der Europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO) sind die Kosten für datenschutzkonforme Dienste in die Höhe geschossen. Auch Abos für Zeitschriften etc. haben ihren Preis. Daher bin ich dankbar für jeden, der mit einer Spende dem TheoBlog „unter die Arme greift“. Dafür gibt es eine Bankverbindung oder ein Paypal-Formular.

Vielen Dank für Deine Unterstützung!

Erneut darf ich mich durch eine Aufmerksamkeit erkenntlich zeigen. Es gibt in diesem Jahr eine Verlosungsaktion mit drei Preisen.

Der erste Preis ist ein Paket aus der LOGOS-Silberbibliothek in Kombination mit einem Jahr lang Zugang zu den erweiterten Funktionen von Logos Pro.

Logos ist eine führende Bibelsoftware und im deutschsprachigen Raum der größte Anbieter für digitale Literatur aus dem Bereich Theologie. Ich selbst arbeite seit vielen Jahren intensiv mit Logos und bin sehr zufrieden (siehe hier).

Das Paket eignet sich ideal für Bibelschüler, Älteste oder Laienprediger. Die Funktionen von Logos 10 Silber umfassen Studienhilfen, das Faktenbuch, einen Atlas, und vieles mehr. Die Software ist verfügbar unter Windows, Mac, Android, iOS und kann auch mit einem Internetbrowser genutzt werden. Weitere Informationen über das Paket gibt es hier.

Falls ein Teilnehmer gewinnt, der die Silber-Edition bereits besitzt, wird die Firma Faithlife großzügigerweise das vorhandene Abo um ein Jahr verlängern und ein Bibliotheks-Upgrade im Wert der Silber-Bibliothek freischalten.

Ich danke dem Produktmanagement von Faithlife Deutschland an dieser Stelle für seine hervorragende Arbeit und für die Unterstützung dieser Weihnachtsaktion!

Derjenige, der bei der Verlosung den zweiten Preis gewinnt, erhält die neue ELB-Studienbibel im Wert von 130,00 Euro (siehe die Beschreibung der Bibel hier). Möglich ist dies, da der TheoBlog-Leser Frank S. freundlicherweise diese Bibel gesponsert hat.

Der Gewinner des dritten Preises erhält einen Gutschein für den Online-Shop des Verlags Verbum Medien in Höhe von 25,00 Euro. Der Gutschein darf für alle Produkte im Online-Shop angewendet werden.

Die Teilnehmer der Verlosung sollten bitte folgende drei Punkte beachten:

  • Du musst TheoBlog regelmäßig lesen (Vertrauenssache).
  • Du musst mir über das Kontaktformular Deine E-Mail-Adresse mitteilen (und dabei unbedingt exakt das Stichwort: „Weihnachtsaktion 2025“ in der Betreffzeile erwähnen, da der Eingang automatisiert ist).
  • Am 22. Dezember 2025 werde ich von meiner jüngsten Tochter die drei Gewinner über ein Losverfahren auswählen lassen und die gewählte Person kontaktieren (Vertrauenssache).

Ich wünsche eine besinnliche Adventszeit!

Natürliche Freiheit versus moralische Freiheit

Robert Bellah, Richard Madsen et al. schreiben in Gewohnheiten des Herzens über den Puritaner John Winthrop (Bund-Verlag, 1987, S. 53):

Die Puritaner waren nicht uninteressiert an materiellem Wohlstand und werteten ihn unglücklicherweise als ein Zeichen der Belohnung durch Gott Dennoch war ihr grundlegendes Erfolgskriterium nicht der materielle Reichtum, sondern der Aufbau einer Gemeinschaft, in deren Mittelpunkt ein genuin ethisches und geistiges Leben stand. Während seiner zwölf Amtsperioden als Gouverneur widmete sich Winthrop, ein für die damalige Zeit relativ reicher Mann, vor allem der Aufgabe, für die Wohlfahrt der Kolonie zu sorgen. Er verwendete dazu oft auch eigenes Geld für öffentliche Zwecke. Gegen Ende seines Lebens mußte er sein Gouverneursamt aufgeben, weil sein vernachlässigtes Landgut vom Bankrott bedroht war. Die puritanischen Siedlungen des 17. Jahrhunderts können als der erste Versuch verstanden werden, eine utopische Gemeinschaft in Amerika zu schaffen. Viele ähnliche Projekte folgten. Sie gaben dem amerikanischen Experiment insgesamt eine utopische Färbung, die nie ganz verblaßte, auch wenn die Utopien scheiterten.

Für Winthrop war Erfolg viel ausdrücklicher an die Stiftung einer ethischen Gemeinschaft gebunden, als es für die meisten Amerikaner heute der Fall ist. Seine Freiheitsidee unterscheidet sich mehrfach von der unserer Gegenwart. Er wandte sich gegen die von ihm so genannte „natürliche Freiheit“, unter der er die Freiheit des Menschen verstand, zu tun, was er will, ob es nun böse oder gut sei. Dagegen sei wahre Freiheit, die er auch „moralische“ Freiheit nannte, „in Ehrfurcht vor dem Bund zwischen Gott und den Menschen, (…) dem Guten, Gerechten und Ehrenvollen“ verpflichtet. „Für diese Freiheit“, so sagte er, „müßt ihr mit dem Wagnis eures Lebens einstehen.“ Jede Autorität, die diese Freiheit verletzt, ist keine wahre Autorität und muß beseitigt werden. Hier betont Winthrop wieder den ethischen Kern seiner Freiheitsidee, den andere Traditionen in Amerika nicht anerkannt haben.

In ganz ähnlicher Form war Gerechtigkeit für Winthrop ein grundsätzliches Anliegen und nicht nur eine Frage des Verfahrens. Cotton Mather beschreibt Winthrops Regierungsstil folgendermaßen: „Er hat als Gouverneur äußerst gründlich ein Buch studiert, das, obwohl es vorgab, Politik zu lehren, nur drei Blätter enthielt. Auf jedem dieser Blätter stand nur ein Wort, und das hieß ‚Mäßigung‘.“ Als ihm während eines besonders langen und harten Winters berichtet wurde, ein armer Mann aus seiner Nachbarschaft hätte Holz bei ihm gestohlen, rief Winthrop ihn zu sich und teilte ihm mit, daß er wegen der Strenge des Winters und seiner Bedürftigkeit die Erlaubnis erhalte, für den Rest der kalten Jahreszeit Winthrops Holzvorräte mitzubenutzen. Freunden erzählte er, diesen Mann habe er gründlich vom Stehlen kuriert.

Die falschen Freunde der Linken

Ivo Goldstein, Professor für Geschichtswissenschaft an der Universität Zagreb, untersucht in seinem FAZ-Gastbeitrag „Die falschen Freunde der Linken“, weshalb der Islamismus so anziehend auf die westliche Linke wirkt:

In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Konzept der Dekolonisierung an westlichen Universitäten und Kulturinstitutionen zu einem intellektuellen und moralischen Imperativ. Der Gedanke, wonach moderne Ungerechtigkeiten auf die Kolonialgeschichte zurückgehen, ist in den Sozialwissenschaften, der feministischen Theorie und im politischen Aktivismus tief verwurzelt. Innerhalb dieses Diskurses wird der Kampf der Palästinenser oft als ein Dekolonisierungsprozess und Kampf gegen „Siedlerkolonialismus“ interpretiert.

Der radikale Islamismus übernahm diese Sichtweise sehr geschickt. Statt auf rein religiöse Rhetorik zu setzen, verwenden islamistische Narrative Begriffe wie „Befreiung“, „Gerechtigkeit“ und „Widerstand“. Ihre Vision ist zwar theokratisch und autoritär, doch die Möglichkeit, sich als die Stimme der Unterdrückten zu präsentieren, verleiht ihnen in den Augen mancher Linken eine zeitweilige moralische Legitimität.

Ein entscheidender Faktor ist die Logik, wonach „der Feind meines Feindes mein Freund ist“. Die liberale Linke und der radikale Islamismus haben gemeinsame Feinde: das kapitalistische System, die US-amerikanische Hegemonie und die israelische Militärmacht. Für Teile der Linken steht Israel für neoliberalen Militarismus und einen technokratischen Westen, der die globale Ungleichheit perpetuiert. Für Islamisten ist Israel der Feind des Islams und ein Anhängsel der „ungläubigen“ Zivilisation.

Michal Cotler-Wunsh und Nadav Steinman kommen in dem Artikel „How antisemitism is entering mainstream culture“, den sie für die Washington Post verfasst haben, zu einem ganz ähnlichen Urteil. Darin suchen sie nach plausiblen Erklärungen für das Phänomen, dass sich westliche Künstler für die Freilassung des palästinensischen Terroristen Marwan Barghouti einsetzen, der wegen 26 Fällen von Mord und versuchten Mordes angeklagt wurde. Sie schreiben:

Der Brief, in dem die Freilassung von Barghouti gefordert wird, muss vor dem Hintergrund dieses umfassenderen kulturellen Wandels verstanden werden. Er spiegelt ein Umfeld wider, in dem Gewalt gegen Israelis romantisiert und Antizionismus als moralische Pflicht dargestellt wird, verpackt in Menschenrechtssprache. Sobald Antisemitismus den Anschein von Legitimität erhält, verbreiten sich die Rechtfertigungen für Extremismus über dieselben Kanäle. Die Normalisierung eines sich ständig wandelnden Antisemitismus schafft die Voraussetzungen für Hass, der nicht bei Juden Halt macht, denn es geht nie nur um Juden. Was sich etabliert, ist eine brutale Mentalität, in der jede Zielgruppe dämonisiert und Menschen zu ihrer eigenen „Sicherheit“ aus dem öffentlichen Raum verbannt werden können. Die tiefere Bedrohung durch den zunehmenden Antisemitismus ist die allgemeine Aushöhlung grundlegender Prinzipien des Lebens und der Freiheit. Der Brief zu Barghouti zeigt nicht nur den moralischen Verfall (mehrerer Dutzend) Prominenter. Er ist eine Sirene, die sich vielen anderen anschließt und vor einem Feuer warnt, das noch lange nicht gelöscht ist. Die Feuerwehr braucht die Hilfe von Millionen Menschen, Juden wie Nichtjuden, die die Prinzipien des Lebens und der Freiheit schätzen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner