Lesen

Abschied vom Buch?

Zur Buchmesse wird James Marriotts Das Ende des Lesens erscheinen (#ad), über das der Verlag schreibt:

Weltweit geht die Zahl der Lesenden zurück, die Lese- und Schreibfähigkeit stagniert oder sinkt. Gleichzeitig haben digitale Unterhaltungstechnologien unsere Freizeit kolonisiert. In ›Das Ende des Lesens‹ beschreibt James Marriott diesen Wandel hin zu einem postliterarischen Zeitalter. Zum ersten Mal seit dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches beginnt die »goldene Kette des Wissens«, die Leser über Jahrhunderte miteinander verband, wieder zu reißen. Die Reading Revolution des 18. Jahrhunderts machte die Aufklärung, Wissenschaft und Demokratie erst möglich, denn Lesen erzwingt lineares, strukturiertes, argumentatives Denken. Mit seinem Rückgang verändern sich auch Debatten: Sie werden emotionaler, fragmentierter und anfälliger für Vereinfachungen. Die Folgen dieser Entwicklung für Öffentlichkeit und Politik sieht James Marriott in einer schleichenden Erosion politischer Mündigkeit. Er zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der der Verlust der Lesekultur eng mit Polarisierung, wachsender Anfälligkeit für Populismus und einem Wandel demokratischer Gesellschaften verbunden ist.

Richard Kämmerlings kommentiert: 

Im Diskurs über das Ende des Lesens lassen sich drei Argumente unterscheiden. Das erste ist das Suchtargument: Weil die Smartphones uns mit ihren teuflischen Algorithmen süchtig machen, verkümmern alle anderen Tätigkeiten: Freundschaften, Schlaf, Lektüre und sogar die Nahrungsaufnahme. In seiner dystopischen Variante hat dies David Foster Wallace in seinem Roman „Unendlicher Spaß“ (1996) auf die Spitze getrieben. Darin treibt ein Videofilm sein Unwesen, der so unterhaltsam ist, dass alle Betrachter in den katatonischen Zustand der „Stasis“ verfallen. Allerdings können passionierte Leser auch davon berichten, wie sie über einem Roman die Zeit vergessen. Der Gegenwart zu entfliehen und vollkommen in eine fiktive Welt einzutauchen, ist gerade das höchste Glück des Lesens.

Das zweite ist das Argument des historischen Zyklus. Gesellschaften vor der Schrift waren „mystisch, stammesorientiert und autokratisch“, wie James Marriott es zusammenfasst. Mit der Schrift entstanden Demokratie, eine politische Streitkultur und letztlich die Aufklärung. Doch was für den Zusammenhang von Buchdruck und Reformation und auch für die Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts gilt, wird im Verlauf der Moderne zwiespältig. Autokratie und Schriftkultur sind oft perfekt im Gleichschritt gewesen. Rechte wie linke Diktaturen stützten sich auf die Schriftkultur – von den von ihren Geheimdiensten produzierten Aktenbergen bis zur Propagandaliteratur. Schrift und Lektüre sind politisch weitgehend indifferent. Papier ist bekanntlich geduldig.

Nummer drei ist das Argumentier-Argument. Schrift gilt dann als notwendige Voraussetzung für Logik, Philosophie und kritische politische Debatten. Ohne Schrift, so geht das Argument im Anschluss an Postman, seien wir den wirrsten Verschwörungstheorien und Fake News hilflos ausgeliefert. Tatsächlich bieten das Fernsehen und heute Social Media den rhetorisch geschickten Manipulatoren und Polit-Clowns eine ideale Bühne. Doch gab es vor dem TV-Zeitalter etwa keine Demagogen? Wie haben sich eigentlich Verschwörungstheorien in früheren Zeiten verbreitet? Die „Protokolle der Weisen von Zion“ bezogen gerade als (gefälschtes) Schriftdokument ihre Autorität, mit der sie die Weltöffentlichkeit antisemitisch vergifteten.

Marriott zieht den weitreichenden Schluss, dass die Grundlagen der Demokratie ins Wanken geraten, weil mit dem Verlust der Fähigkeit zum „Deep Reading“, wie die Kognitionswissenschaftlerin Maryanne Wolf das genannt hat, auch das Denken selbst gefährdet ist. Denken ist Schlussfolgern, das Erkennen von Zusammenhängen, die Fähigkeit zur Analyse von Text- und damit Weltstrukturen. Übrigens geht es längst nicht nur ums Lesen. Die Künstliche Intelligenz nimmt dem Menschen auch das Schreiben ab, was mindestens ebenso gravierende Auswirkungen haben wird.

Lesen ist also wichtiger denn je.

Mehr hier: www.welt.de.

Neue Studie zum Leseverhalten im deutschsprachigen Raum veröffentlicht

In einer repräsentativen Studie wurden das Leseverhalten und die Geschmackspräferenzen bei Büchern im deutschsprachigen Raum untersucht. Der viel beklagte Niedergang des Lesens lässt sich empirisch nicht bestätigen – zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Am meisten Leute lesen übrigens junge Leute, wie die FAZ herausgelesen hat:

Bei unterer und mittlerer Bildung, wie die Studie sie definiert (von ganz ohne Abschluss bis zur Hochschulzugangsberechtigung, aber ohne höhere Berufsbildung oder Hochschulabschluss), unterscheidet sich die Leseintensität kaum; diese steigt aber bei den höher Gebildeten sprunghaft an: 48 Prozent von ihnen lesen mehr als drei Stunden wöchentlich in der Freizeit, bei den beiden anderen Gruppen sind es nur 35 beziehungsweise 36 Prozent. „Das Buch ist damit ein Medium der höher Gebildeten“, resümiert die Studie. Ebenso erwartbar fallen die Ergebnisse zu Unterschieden bei Frauen und Männern aus: Fast die Hälfte der Frauen sind Intensivleserinnen, nur ein Drittel der Männer greift an mehr als drei Stunden in der Woche zum Buch.

Unerwartet dürfte dagegen das Resultat bei Betrachtung der Altersgruppen sein: Am meisten lesen junge Menschen (im Alter bis 29), und sie haben gegenüber den älteren auch die größte Präferenz fürs gedruckte Buch. Das sie zudem häufiger als die anderen Gruppen in stationären Buchhandlungen erwerben und bei Internet-Buchkäufen Amazon weniger nutzen als weitere Netzanbieter.

Somit ist die stetige Klage vom Wegbrechen junger Buchkäuferschichten zu relativieren, wenn auch die Studie nichts Konkretes aussagt über den jeweiligen Umsatz, den die verschiedenen Altersgruppen generieren. Bibliotheken sind zwar für 27 Prozent der unter Dreißigjährigen ein Bezugsort für Bücher (Höchstwert, während Menschen in ihren Fünfzigern nur zu siebzehn Prozent und damit am seltensten Bibliotheken nutzen), aber die eigenen Käufe liegen bei allen Gruppen höher als die Entleihungen. Und drei Viertel der Befragten geben an, gekaufte Bücher auch oft oder sehr oft zu lesen. Das übliche Gerede von stark verkauften, aber wenig gelesenen Büchern erweist sich somit als nicht haltbar.

Ganz wichtig ist diese Beobachtung: „Wem als Kind nie vorgelesen wurde, der liest auch als Erwachsener weniger. 27 Prozent dieser Gruppe hat 2025 kein Buch zur Hand genommen; bei Befragten, denen als Kindern intensiv vorgelesen wurde, sind es nur acht Prozent.“

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net. Die Studie Das gelesene Buch: Lesen und Geschmackspräferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz kann hier frei heruntergeladen werden.

„Lesen als Kulturtechnik droht uns tatsächlich abhanden zu kommen“

Studenten kommen heute oft ohne ausreichende Lesetechniken an die Universität und scheitern bereits am nötigen Lektürepensum. Zwei Leseforscher der Universität Bern wissen, wie es besser geht. Sie wissen auch, was erfolgreiche Leser anders machen.

Zwei Zitate aus einem Interview mit Thomas Nehrlich und Oliver Ulbrich:

Thomas Nehrlich: Dabei nehmen wir Informationen weniger genau und weniger nachhaltig auf, wenn wir eine PDF-Datei durchscrollen, als wenn wir einen Text auf Papier beziehungsweise im Buch lesen. Einen Text wissenschaftlich, im Studium, zu lesen, bedeutet eigentlich, ihn kritisch zu analysieren, indem wir bestimmte Stellen unterstreichen, in verschiedenen Farben hervorheben, Anmerkungen hinzufügen, Auszüge aufschreiben. Das sind ganz praktische Fertigkeiten, die wir erlernen können: das Handwerk des Lesens.

Oliver Lubrich: Diese Tendenz beobachten wir auch. Texte werden kürzer, und sie werden immer mehr zu Bildergeschichten oder zu Kurzfilmen. Dabei sind wir – auch in den sozialen Medien – von immer mehr Texten umgeben. Es ist bisweilen schwer, nicht in Kulturpessimismus zu verfallen. Aber es setzt auch eine Gegenbewegung ein: zurück zur Lektüre als Erfahrung der Entschleunigung, der Achtsamkeit, der neuen Aufmerksamkeit. Die Schallplatte hat ja auch ein Comeback, Vinyl ist cool. Das könnte auch für das Buch gelten. Meine Studierenden haben mir den Modebegriff des „performative male reader“ beigebracht: Junge Männer zeigen sich mit Büchern, um gut anzukommen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Seminar: „Existenzielle Verzweiflung“

Studenten lesen keine Literatur mehr – außer bei Justin McDaniel. Der Professor erlöst sie vom Smartphone. Sein Rezept: Ausgerechnet „Bücher, die traurig anfangen, in der Mitte traurig sind und traurig enden“ machen die jungen Leute glücklich und frei. 

Die Story ist so lustig und schön, dass ich sie gern empfehle. Zwei Auszüge: 

Von einem säkularen Wunder ist zu berichten: Justin McDaniel, einem Professor an der University of Pennsylvania, ist es gelungen, seine Studentinnen und Studenten zu verführen, dass sie ihre Nasen in leibhaftige Bücher stecken. Nicht in irgendwelche Bücher, sondern in Romane. Nicht in irgendwelche Romane, sondern Literatur; keine leichte Kost, keine Strandlektüre, sondern Bücher über existenzielle Probleme. Dafür schalten die Kids sogar ihre Smartphones aus.

Justin McDaniels Seminar heißt: „Existenzielle Verzweiflung“. Er sagt den jungen Leuten: „Hier werden Bücher gelesen, die traurig anfangen, in der Mitte traurig sind und traurig enden.“ Warum das so ist? „Weil die Leute viel Selbsthilfebücher lesen, viel Malcolm Gladwell, Romane, in denen es darum geht, Schwierigkeiten zu überwinden und ähnlichen Blödsinn.“ In McDaniels Seminar geht es hingegen darum, dass Menschen komplizierte Wesen sind; dass es häufig keine Lösungen gibt. „Eigentlich“, sagt der vergnügte Mann mit der Hornbrille, „eigentlich will ich sie fürs mittlere Alter stählen. Dann sterben die Eltern. Man hat vielleicht schon eine Scheidung hinter sich. Die Karriere hat sich nicht so entwickelt, wie sie sollte. Man versucht, selber Kinder großzuziehen.“ Er selber habe vor ein paar Jahren einen schweren Herzinfarkt überlebt.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Neue Ökonomie des Wortes

KI-Tools zerlegen Texte in Häppchen, Videoclips und Podcasts dominieren das Internet: Der Medienwissenschaftler Christoph Engemann befürchtet, dass in Zukunft nur noch eine kleine Elite in der Lage sein wird, Bücher ohne digitale Hilfsmittel zu lesen. Das mündliche Wort wird wichtiger, das Lesen von Bücher gehört für viele junge Leute zur alten Welt.

Die FAZ stellt sein Buch vor und schreibt: 

Auch wenn es viele noch nicht wahrhaben wollen: Bildung und Wissen, einschließlich der Verfahren ihrer Überprüfung, sind infolgedessen völlig neu zu verhandeln.

Auf diese Weise verändert sich auch das Verhältnis von Schriftlichkeit und Mündlichkeit grundlegend: „Die Ökonomie des Internets ist eine Ökonomie des Wortes“, so Engemann. Längst haben sich soziale Medien, Videoclips und Podcasts als legitime Formate der Wissensvermittlung jenseits des klassischen Lesetextes etabliert. Mit der maschinellen Sprachverarbeitung verschwimmen die Grenzen zwischen Schrift und Rede; auch Gesprochenes wird jetzt adressierbar, verlinkbar, durchsuchbar.

Ob sich das Delegieren des Lesens langfristig als eine lohnende Abkürzung zur Texterschließung erweisen wird, mag man bezweifeln. Engemann befürchtet, dass es zwangsläufig zu einem Machtgefälle zwischen den Selbstlesern und den nur noch aus zweiter Hand Lesenden kommen wird. So gerate die Fähigkeit zum Selbstlesen früher oder später zum neuen Latein der wenigen, während die breite Masse häppchenweise und gefiltert ihre Kenntnisse von Chatbots und aus Podcasts bekäme.

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Zerhächseltes Lesen

Maryanne Wolf beschreibt in ihrem Buch Schnelles Lesen, langsames Lesen unter anderem die Transformation unserer Lesegewohnheiten. Da wir immer mehr Informationen verarbeiten müssen, fällt es uns immer schwerer, Texte ohne Unterbrechungen zu lesen und die Inhalte in einen Zusammenhang zu bringen. Sie spricht davon, dass wir die Informationen „zerhächselt“ aufnehmen (2019, S. 97–98):

Wie viel wir lesen ist eine Geschichte mit offenem Ende. Vor nicht allzu langer Zeit wurde am Global Information Industry Center der University of California in San Diego eine großangelegte Studie durchgeführt, mit der die Menge an Information erfasst werden sollte, die wir tagtäglich aufnehmen, und man kam zu dem Schluss, dass der Durchschnittsbürger sich täglich mit 34 Gigabyte, verteilt auf verschiedene Geräte, konfrontiert sieht. Das entspricht im Prinzip ungefähr 100 000 Wörtern pro Tag. Als man einen der Mitautoren der Studie, Roger Bohn, in einem Interview bat, etwas dazu zu sagen, gab er zur Antwort: „Ich glaube, eines ist klar: Unsere Aufmerksamkeit wird in immer kürzere Intervalle zerhäckselt, und das ist vermutlich nicht gut für das Entwickeln tiefschürfender Gedanken.“

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