Zeitgeist

Unser digitales Ich in der Doppelrolle

„Heutzutage verirren wir uns in einem Labyrinth aus Spiegeln, das unser Selbstbild verzerrt“1, schreibt der Anthropologe Thomas de Zengotita. Er behauptet, dass unsere Bildschirmtechnologie im digitalen Zeitalter einen neuen Gipfel der Sucht erreicht hat. Denn unsere Bildschirme ermöglichen es uns, Zuschauer und Star zugleich zu sein. Tony Reinke schreibt: 

Unsere Kultur, in der immer eine Kamera griffbereit ist, hat uns verändert. Bis zum Jahr 1920 hielt niemand es für nötig, für ein Foto zu lächeln. Heute müssen wir alle bereit sein, jeden Moment fotografiert zu werden und die perfekte Pose für ein Foto einzunehmen. Wahrnehmung ist alles, und in den sozialen Medien formen wir das Schauspiel um uns selbst. Während wir die von uns ausgewählte Rolle vor der Kamera spielen, stellen wir fest, dass uns die Magie computergenerierter Bilder (CGI) in die Hände gelegt wurde. Wir können unser digitales Selbst jetzt durch zahllose Filter, Linsen und Bitmojis bearbeiten – eine einzigartige Möglichkeit der Verformbarkeit unseres Ichs, die so noch keiner Generation in der Geschichte der Menschheit zur Verfügung stand.

Mehr: www.evangelium21.net.

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Gendern als Staatspflicht

Die Stadt Hannover hat vor drei Jahren in Deutschland die geschlechtergerechte Sprache zur verbindlichen Norm in der Verwaltung gemacht. Die Vorgaben der Stadt sind oft kritisiert worden. Die niedersächsische Landeshauptstadt hat deshalb ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Die Verfasserin ist Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Geschlechterstudien, insbesondere Intersektionalität und Postkategorialität, Gewalt im Geschlechterverhältnis, Antidiskriminierungsrecht und Rechtssoziologie. 2020 nominierte sie die Linksfraktion für die Wahl zur Richterin am Verfassungsgericht von Berlin. So kann das Ergebnis ihres Gutachtens kaum überraschen. Die FAZ schreibt:

Der 123 Seiten lange Text könnte die Debatte über die gendergerechte Sprache in Deutschland neu befeuern, denn die Professorin aus Berlin geht darüber hinaus, die neuen Sprachregeln in Hannover lediglich zu einer zulässigen Möglichkeit zu erklären. Lembke leitet aus dem Grundgesetz vielmehr eine Pflicht für staatliche Stellen ab, künftig gendergerechte Sprache zu verwenden und auch auf binäre Anreden wie „Sehr geehrte Damen und Herren“ zu verzichten. „Die Pflicht zur sprachlichen Nichtdiskriminierung besteht von Verfassung wegen und kann durch gesetzliche Regelungen oder durch Verwaltungsvorschriften, Erlasse und Weisungen konkretisiert werden“, schreibt Lembke

…

Die Berliner Professorin sieht auch nicht nur Verwaltungen im engeren Sinne in der Pflicht. Auch Gerichte und sonstige staatliche oder staatsnahe Einrichtungen sollen gendergerechte Sprache gebrauchen müssen. Zur Lage an den Schulen nimmt das Gutachten keine Stellung, dort stellt sich das Problem, dass die Sprachvorgaben mit geltenden Rechtschreibregeln kollidieren, besonders vehement.

Gendern darf benotet werden

Niemand wird gezwungen, in gendergerechter Sprache zu schreiben. Doch der Gebrauch von geschlechtergerechter Sprache darf laut einem Rechtsgutachten unter bestimmten Umständen in die Benotung einer Prüfung einfließen. Die Uni Kassel hat ein Rechtsgutachten dazu in Auftrag gegeben. Die Welt berichtet: 

Erstellt wurde das Gutachten von Rechtswissenschaftler Michael Sachs, ehemaliger Co-Direktor des Instituts für Deutsches und Europäisches Wissenschaftsrecht der Universität Köln. Er kommt zu dem Schluss, dass Gendern zwar nicht als formales Kriterium für eine Prüfungsleistung (wie etwa Rechtschreibung und Grammatik) festgelegt werden soll.

Dozenten dürften geschlechtergerechte Sprache jedoch „zu einem gewissen Anteil“ berücksichtigen, solange es dafür einen fachlichen oder berufsqualifizierenden Bezug gebe, heißt es in der Zusammenfassung des Gutachtens, welche die Uni Kassel am Mittwoch veröffentlichte. Die Bewertung müsse jedoch verhältnismäßig sein und dürfe nicht willkürlich erfolgen, betont Gutachter Sachs darin. Im Zweifel müsse der „Antwortspielraum des Prüflings“ respektiert werden.

Die Universität sieht mit den Ausführungen des Rechtsexperten ihre früheren Einschätzungen zur Bewertung geschlechtergerechter Sprache bestätigt. 

Ich hoffe auf weitere Gutachten, die zu einem anderen Ergebnis führen. 

Mehr hier: www.welt.de.

Apologetik der christlichen Sexualethik

Die christliche Sexualethik weise zu verteidigen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Evangelium21 hat eine Erklärung in deutscher Sprache veröffentlicht, die genau dieses Anliegen verfolgt. Die 47. Generalsynode der Presbyterian Church in America (PCA) beauftragte im Jahr 2019 einen Studienausschuss (zu dem u.a. Bryan Chapell, Kevin DeYoung und Tim Keller gehörten), eine Stellungnahme zum Thema der menschlichen Sexualität zu erarbeiten. Diese Stellungnahme wurde im Mai 2020 veröffentlicht und im Juni 2021 von der verspätet stattfindenden 48. Generalsynode entgegengenommen. 

Hier ein Auszug:

Zweitens sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die moderne Bewegung der sexuellen Befreiung in vieler Hinsicht ein Rückschritt ist. Sie dreht die Uhr zurück auf die zugrundeliegende Logik Roms. Die moderne Kultur hat die Verbindung zwischen Sex und Gott aufgehoben und Sex wieder mit der sozialen Ordnung verknüpft. Damit ist Sex wiederum losgelöst von der Forderung einer lebenslangen Bindung durch die Ehe. Erneut geht es beim Sex um Selbsterfüllung, nicht um Selbsthingabe. Doch wie Harper bemerkt, behält die moderne sexuelle Revolution einige der christlichen Gaben an die Welt bei: das Konzept der Einvernehmlichkeit und dass Sex etwas Gutes ist. Daher ist die heutige sexuelle Kultur zwar weniger brutal als die damalige heidnische Kultur (dank der verbliebenen christlichen Elemente), sie entpersonalisiert aber dennoch und macht zum Objekt. Es gibt zahlreiche Studien und Erfahrungsberichte, die zeigen, dass die Menschen deutlich einsamer sind, da Sex nun nicht nur von der Ehe abgekoppelt wird, sondern durch das riesige, raffinierte Reich der Pornografie von persönlicher Beziehung überhaupt. Im alten Rom gab es gewöhnlich einen Beteiligten – den mit der Macht –, der den anderen Beteiligten als Objekt benutzte, um seine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Heute benutzen sich die Beteiligten oft gegenseitig, indem sie den anderen als Objekt zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse gebrauchen – mit dem man nur so lange in Beziehung steht, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden.

Das Bemühen der modernen Kultur, einige Teile der christlichen Sexualethik beizubehalten, aber andere nicht, hat enorme Spannungen erzeugt.

Der Gedanke der Einvernehmlichkeit passt am besten zu einem Bund, nicht zu sexuellen Abenteuern. Insbesondere Frauen können sich als Objekt missbraucht fühlen. Die frühen Christen wurden mit dem gleichen Vorwurf wie wir konfrontiert – dass unsere Sexualethik erdrückend, eine Spaßbremse, negativ, repressiv und unrealistisch sei. Doch sie wussten auch: Selbst wenn sexuelle Selbstbeherrschung auf kurze Sicht schwer ist, ist doch die christliche Sexualethik auf lange Sicht erfüllender und weniger entmenschlichend. Wir müssen auch heute Wege finden, um zuversichtlich über die revolutionär gute Nachricht des Christentums bezüglich Sex zu sprechen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Die „Woke-Culture“ und die Evangelikalen

Markus Till hat auf seinem Blog den Artikel „The Failure of Evangelical Elites“ (erschienen bei First Things) von Carl Trueman zusammengefasst. Trueman fragt unter anderem, warum es trotz der Arbeiten von Mark Noll und George Marsden den Evangelikalen nicht gelungen ist, in der akademischen Welt Fuß zu fassen (siehe zu Noll und Marsden auch das Interview hier). Nach Trueman liegt es nicht an mangelhaften akademischen Fähigkeiten oder an den schlechten Argumenten. Vielmehr macht er die „Woke-Kultur“ an den Hochschulen für diese Entwicklung verantwortlich. „Woke“ bezeichnet eine Haltung, die „aufgeweckt“ nach fehlender sozialer Gerechtigkeit, Rassismus oder Ungleichbehandlung Ausschau hält und diese Dinge aktionistisch anprangert. Die „Woke-Kultur“ trägt mit dazu bei, dass nur noch bestimmte Meinungen als diskursfähig gelten. Theorien oder Überzeugungen, die dem „Mainstream“ nicht entsprechen, sollen am Besten gar nicht mehr zu Wort kommen (hier liegen die Schnittstellen zur Abbruchs-Kultur (engl. Cancel Culture). Die christlichen Wissenschaftlicher werden nach Trueman also gemieden, weil man ihren Glauben und ihre Ethik für ethisch verwerflich hält.

Markus Till schreibt:

Die Thesen von Noll und Marsden schienen anfangs gute Früchte zu tragen. Ihre Doktoranden erhielten Stellen an Hochschulen und Universitäten. Als Musterbeispiel diente viele Jahre der von Obama eingesetzte evangelikal geprägte Leiter des Nationalen Gesundheitsinstituts Francis Collins. Gerade an seinem Beispiel macht Trueman jedoch deutlich, wie schwer es offenkundig ist, als evangelikaler Christ in solche Positionen aufzusteigen, ohne seine christlichen Werte zu kompromittieren. Collins ist dies offenbar nicht gelungen. Und Trueman stellt fest, dass es heutzutage kaum noch möglich ist, konfliktfrei an wichtigen christlichen Überzeugungen innerhalb der intellektuellen Eliten festzuhalten:

„Obwohl Marsden und Noll ihre Argumente vor weniger als dreißig Jahren vorbrachten, fällt mir auf, dass ihre Argumente aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Die Vorstellung, dass eine Person, die sich zu Ehrlichkeit und Integrität in der Wissenschaft bekennt, Mitglied der heutigen Universitäten und anderer führender Institutionen werden kann, ist rückblickend betrachtet naiv. … Letztes Jahr habe ich am Grove City College einen Kurs über historische Methoden gehalten. Einer unserer Texte war Marsdens ‘The Outrageous Idea of Christian Scholarship’. Die Reaktion der Studenten auf das Buch war beeindruckend. Obwohl sie Marsden für einen nachdenklichen und engagierten Autor hielten, waren sie der Meinung, dass sein Argument – dass Christen einen Platz am Tisch der akademischen Welt finden könnten, wenn sie gute Gelehrte seien und ihre Kollegen mit Respekt behandelten – im heutigen Kontext nicht überzeugend ist. Kein Student glaubt heute, dass ein Professor einer Forschungsuniversität, der höflich und respektvoll zu einem schwulen Kollegen ist, auch seine Einwände gegen die Homo-Ehe äußern darf. So funktioniert das System nicht mehr.“

Aber warum ist das so? Trueman legt dar, dass die führenden Evangelikalen in ihrem Versuch, das Christentum in den intellektuellen Eliten gesellschaftsfähig zu machen, einen entscheidenden Punkt übersehen haben, der in den letzten 30 Jahren immer deutlicher zutage getreten ist:

„Das Hochschulwesen ist heute weitgehend das Land der „Woken“. Man mag ein brillanter Biochemiker sein oder ein profundes Wissen über die minoische Zivilisation haben, aber jedes Abweichen von der kulturellen Orthodoxie in Bezug auf Rasse, Sexualität oder sogar bei anderen Begriffen wird sich bei Einstellungs- und Bleibeverhandlungen als wichtiger erweisen als Fragen nach der wissenschaftlichen Kompetenz und sorgfältiger Forschung. … Meine Studenten können die Realität sehr genau einschätzen. Die kultivierten Verächter des Christentums von heute halten dessen Lehren nicht für intellektuell unplausibel, sondern für moralisch verwerflich. Und das war schon immer zumindest teilweise der Fall. Das war der Punkt, den Noll und Marsden übersehen haben – auch wenn er in den neunziger Jahren am Wheaton College oder an der Universität von Notre Dame vielleicht nicht so offensichtlich war wie heute fast überall im Hochschulbereich.”

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Evangelikal, weiblich, befreit – Beth Barrs Buch über „Biblische Weiblichkeit“

51kJBZidb4S SY264 BO1 204 203 200 QL40 ML2Beth Allison Barrs einflussreiches Buch The Making of Biblical Womanhood versucht, die historischen Wurzeln der „biblischen Weiblichkeit“ aufzuzeigen. Es ist alles in allem eine polemisch-kritische Abrechnung mit dem Komplementarianismus (bedeutet vereinfacht so viel wie: die beiden Geschlechter ergänzen einander in ihrer Unterschiedlichkeit). Nach Barrs sind die Bibeltexte in einer patriarchalischen Kultur entstanden und kommunizieren daher auch die Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau sowie eine Ordnung, in der der Mann das Oberhaupt der Familie ist und die Kirchengemeinden von Männern geleitet werden. Allerdings transportiere die Bibel diese Vorstellungen nur, weil sie von Menschen geschrieben sei. Die kulturbedingten Annahmen seien nicht das, was Gott kommunizieren wolle. Gott möchte etwas anderes sagen, nämlich, dass wir Menschen uns zum Guten hin entwickeln sollen.

Dass dieses Buch sowohl in Nordamerika wie auch in Europa großen Zuspruch erfährt, kann kaum überraschen. Die Dekonstruktion konservativer Werte (die übrigens nicht per se biblisch sein müssen) ist in einer emanzipativen Kultur in der Regel sehr willkommen. Der semi-emergente Scot McKnight schreibt etwa: „Barrs sorgfältig ausgewählten historischen Beispiele, vor allem die aus dem Mittelalter, fügen sich zu einer brillanten, donnernden Erzählung zusammen, die das komplementäre Narrativ entlarvt. Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen.“

Ein sehr gutes Beispiel für die völlig unkritischen Aufnahme der Thesen von Beth Allison Barrs ist ein Beitrag, den der Deutschlandfunk kürzlich veröffentlicht hat. Barrs wird dort euphorisch als eine Wissenschaftlerin und Historikerin gefeiert, die erfolgreich gegen die Unterdrückung der Frauen in den evangelikalen Kirchengemeinden kämpft. Nicht eine kritische Frage wird gestellt. Es kommt niemand zu Wort, der die Dinge anders beurteilt. Keiner macht sich die Mühe, herauszufinden, ob ihr hermeneutischer Ansatz redlich ist. Beth Allison Barrs setzt sich für emanzipierte Glaubensvorstellungen ein und deshalb muss das Buch einfach gut sein. Punkt.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin der Meinung, dass Vertreter der komplementären Sichtweise immer in der Gefahr stehen, Gepflogenheiten der Gegenwartskultur oder eigene sündhafte Begierden mit einem biblischen Mandat zu verwechseln. Ich selbst sehe manche Spielarten dieser Sichtweise skeptisch. Von daher ist es wichtig, dass sich jede Generation neu vergewissert, was die Heilige Schrift zu diesen Themen sagt. Gleichzeitig ist es jedoch möglich, dass Vertreter egalitärer Sichtweisen die Anliegen ihrer Gegenwartskultur in die Bibel hineinlesen. Und es ist nicht nur möglich. Es lässt sich zeigen, dass dies oft passiert.

Hier also erstens der Beitrag des DLF über das Buch The Making of Biblical Womanhood:


Für Leute, die herausfinden möchten, ob Beth Allison Barrs das Buch als Wissenschaftlerin oder als Aktivistin geschrieben hat, empfehle ich zweitens eine ausführliche Rezension von Kevin DeYoung (Themelios, Vol. 46 (2), 8/2021, S. 402–412). Sein Fazit:

Barrs historisches Argument „funktioniert“, weil es ausgeschlossen ist, dass es nicht funktioniert. Welche Beweise man auch immer vorbringen mag – aus der Bibel, von Theologen aus allen Epochen oder aus der menschlichen Natur selbst –, die für die männliche Leiterschaft in der Kirche und im Haushalt sprechen, oder für die hohe Berufung der Mutterschaft oder für den allgemeinen Grundsatz, dass Männer führen, beschützen und versorgen sollten, all das kann als Patriarchat abgetan werden. Im Gegensatz dazu kann jedes Zeugnis, das zeigt, dass Frauen andere lehren oder Führungsaufgaben wahrnehmen – ganz gleich, um welche Art von Führung oder Lehre es sich handelt, ganz gleich, in welchem historischen Kontext oder wie zuverlässig die historischen Quellen sind, und ganz gleich, wie sehr die Frauen selbst darauf bedacht waren, die Grenzen der Autorität nicht zu überschreiten – all das zählt als Widerstand gegen das Patriarchat. Angesichts dieser Hermeneutik und angesichts der gesamten menschlichen Geschichte, mit der man arbeiten kann, können Barrs These und ähnliche Thesen nicht scheitern. Sie ist nicht falsifizierbar. Jedes bisschen Patriarchat bedeutet, dass sie recht hat, und jedes bisschen Nicht-Patriarchat bedeutet, dass sie auch recht hat.

Universität Bonn distanziert sich von Leitfaden des Gleichstellungsbüros

Das Gleichstellungsbüro der Universität Bonn hat einen Leitfaden Informationen und Anregungen zum Umgang mit Inhaltshinweisen in der Lehre herausgegeben, in dem Dozierenden empfohlen wird, Studierende vor möglicherweise unangenehmen Lehrinhalten zu warnen. Studierende sollen vor verstörenden Inhalten geschützt werden oder, wo das nicht möglich ist, entsprechend vorbereitet werden. Das heißt dann Folgendermaßen:

Inhaltshinweise können auch für Dozent*innen hilfreich sein, um im Voraus zu überlegen, wie sie ihre Inhalte für die Studierenden aufbereiten und ob angemessene Anpassungen für Studierende mit einem eventuell erschwerten Zugang zu den Inhalten möglich sind. Inhaltshinweise geben Anstöße dazu, die Auswahl der eigenen Lehrinhalte zu reflektieren und auf kritische Diskussionen in den Lehrveranstaltungen gut vorbereitet eingehen zu können. Weiterhin schützen sie auch Dozent*innen, denn ohne fachliche psychologisch-therapeutische Kenntnisse kann eine Situation, in der ein*e Seminarteilnehmer*in einen Flashback erlebt, eine Überforderung darstellen. Im Anhang auf Seite 7 finden Sie eine Liste mit Themenbereichen, die häufig mit Inhaltshinweisen versehen werden. Bitte beachten Sie, dass diese Liste selbst Begriffe verwendet, die als beunruhigend empfunden werden können.

In der Liste stehen dann Begriffe wie Missbrauch, Essstörungen, Körperhass und Fettphobie, Tod oder Sterben, Fehlgeburten/Abtreibung, Rassismus und rassistische Beleidigungen, Klassenkampf oder auch Transphobie und Transfeindlichkeit. Anliegen der Verfasser ist es, die Universität zu einem sicheren Ort zu machen. Thomas Thiel hat dieses Vorhaben für die FAZ im September kritisch reflektiert: 

Nun ist die Universität schon per se das Gegenteil eines sicheren Orts. Sie konfrontiert mit Dimensionen, die ein selbstzentriertes Weltbild durchschütteln. Ganz im Gegensatz dazu um­schmeichelt der Leitfaden das studentische Ego. Dozenten werden zu Psycho-Coaches umfunktioniert, die Seminarteilnehmer vor seelisch belastenden In­halten warnen und ihnen die Möglichkeit geben sollen, in solchen Fällen den Raum zu verlassen. Der Or­well’sche Neusprech reicht bis in den Ti­tel des Leitfadens hinein: Man will nicht wie an amerikanischen Hochschulen von Trigger-Warnungen, sondern neu­tral von Inhaltshinweisen sprechen, als hätte der Hinweis eine an­­dere als eine warnende Funktion. Ideologie beginnt bekanntlich dort, wo man Dinge nicht mehr beim Namen nennen darf.

Thiel fragt weiter: 

Der Leitfaden entwirft Studenten als Affektbündel, die nicht über die Fähigkeit verfügen, Dinge intellektuell zu dis­­tanzieren. Schon persönliches Beleidigtsein reicht als Grund, sich in der Tat verstörenden Themen wie Klassenkampf, Kriminalität oder sexuelle Ge­walt zu entziehen. Was drückt sich da­rin anderes aus als die Aufkündigung der Solidarität mit jenen, die davon be­troffen sind? Und welchen Wert hat ein Bildungsabschluss, der auf selektiver Wahrnehmung beruht?

Die Universität hat sich Ende September offiziell von diesem Leitfaden distanziert. Das Portal Forschung & Lehre informiert: 

Die Hochschulleitung erklärte sich über den „Umgang mit Inhaltshinweisen“ generell diskussionsbereit. Lehrende dürften jedoch nicht in der Auswahl ihrer Lehrinhalte eingeschränkt werden. Auch dürften bestimmte Themen nicht von vorneherein aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgeschlossen werden.

Ich kann nur hoffen, dass sich auch andere Universitäten von der Woke-Kultur distanzieren. 

VD: DV

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