Evangelikal, weiblich, befreit – Beth Barrs Buch über „Biblische Weiblichkeit“

51kJBZidb4S SY264 BO1 204 203 200 QL40 ML2Beth Allison Barrs einflussreiches Buch The Making of Biblical Womanhood versucht, die historischen Wurzeln der „biblischen Weiblichkeit“ aufzuzeigen. Es ist alles in allem eine polemisch-kritische Abrechnung mit dem Komplementarianismus (bedeutet vereinfacht so viel wie: die beiden Geschlechter ergänzen einander in ihrer Unterschiedlichkeit). Nach Barrs sind die Bibeltexte in einer patriarchalischen Kultur entstanden und kommunizieren daher auch die Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau sowie eine Ordnung, in der der Mann das Oberhaupt der Familie ist und die Kirchengemeinden von Männern geleitet werden. Allerdings transportiere die Bibel diese Vorstellungen nur, weil sie von Menschen geschrieben sei. Die kulturbedingten Annahmen seien nicht das, was Gott kommunizieren wolle. Gott möchte etwas anderes sagen, nämlich, dass wir Menschen uns zum Guten hin entwickeln sollen.

Dass dieses Buch sowohl in Nordamerika wie auch in Europa großen Zuspruch erfährt, kann kaum überraschen. Die Dekonstruktion konservativer Werte (die übrigens nicht per se biblisch sein müssen) ist in einer emanzipativen Kultur in der Regel sehr willkommen. Der semi-emergente Scot McKnight schreibt etwa: „Barrs sorgfältig ausgewählten historischen Beispiele, vor allem die aus dem Mittelalter, fügen sich zu einer brillanten, donnernden Erzählung zusammen, die das komplementäre Narrativ entlarvt. Ich konnte dieses Buch nicht aus der Hand legen.“

Ein sehr gutes Beispiel für die völlig unkritischen Aufnahme der Thesen von Beth Allison Barrs ist ein Beitrag, den der Deutschlandfunk kürzlich veröffentlicht hat. Barrs wird dort euphorisch als eine Wissenschaftlerin und Historikerin gefeiert, die erfolgreich gegen die Unterdrückung der Frauen in den evangelikalen Kirchengemeinden kämpft. Nicht eine kritische Frage wird gestellt. Es kommt niemand zu Wort, der die Dinge anders beurteilt. Keiner macht sich die Mühe, herauszufinden, ob ihr hermeneutischer Ansatz redlich ist. Beth Allison Barrs setzt sich für emanzipierte Glaubensvorstellungen ein und deshalb muss das Buch einfach gut sein. Punkt.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin der Meinung, dass Vertreter der komplementären Sichtweise immer in der Gefahr stehen, Gepflogenheiten der Gegenwartskultur oder eigene sündhafte Begierden mit einem biblischen Mandat zu verwechseln. Ich selbst sehe manche Spielarten dieser Sichtweise skeptisch. Von daher ist es wichtig, dass sich jede Generation neu vergewissert, was die Heilige Schrift zu diesen Themen sagt. Gleichzeitig ist es jedoch möglich, dass Vertreter egalitärer Sichtweisen die Anliegen ihrer Gegenwartskultur in die Bibel hineinlesen. Und es ist nicht nur möglich. Es lässt sich zeigen, dass dies oft passiert.

Hier also erstens der Beitrag des DLF über das Buch The Making of Biblical Womanhood:


Für Leute, die herausfinden möchten, ob Beth Allison Barrs das Buch als Wissenschaftlerin oder als Aktivistin geschrieben hat, empfehle ich zweitens eine ausführliche Rezension von Kevin DeYoung (Themelios, Vol. 46 (2), 8/2021, S. 402–412). Sein Fazit:

Barrs historisches Argument „funktioniert“, weil es ausgeschlossen ist, dass es nicht funktioniert. Welche Beweise man auch immer vorbringen mag – aus der Bibel, von Theologen aus allen Epochen oder aus der menschlichen Natur selbst –, die für die männliche Leiterschaft in der Kirche und im Haushalt sprechen, oder für die hohe Berufung der Mutterschaft oder für den allgemeinen Grundsatz, dass Männer führen, beschützen und versorgen sollten, all das kann als Patriarchat abgetan werden. Im Gegensatz dazu kann jedes Zeugnis, das zeigt, dass Frauen andere lehren oder Führungsaufgaben wahrnehmen – ganz gleich, um welche Art von Führung oder Lehre es sich handelt, ganz gleich, in welchem historischen Kontext oder wie zuverlässig die historischen Quellen sind, und ganz gleich, wie sehr die Frauen selbst darauf bedacht waren, die Grenzen der Autorität nicht zu überschreiten – all das zählt als Widerstand gegen das Patriarchat. Angesichts dieser Hermeneutik und angesichts der gesamten menschlichen Geschichte, mit der man arbeiten kann, können Barrs These und ähnliche Thesen nicht scheitern. Sie ist nicht falsifizierbar. Jedes bisschen Patriarchat bedeutet, dass sie recht hat, und jedes bisschen Nicht-Patriarchat bedeutet, dass sie auch recht hat.

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Hans-Jörg Ronsdorf
Hans-Jörg Ronsdorf
1 Monat zuvor

Falls man ein Kapitel dieses Buches lesen möchte, hier findet sich eine (genehmigte) Übersetzung: http://www.frauen-vergebt-uns.de
Es gibt bessere Bücher als dieses, aber ein Wachmacher ist es auf jeden Fall.

Last edited 1 Monat zuvor by Hans-Jörg Ronsdorf
Hans-Christian Beese
Hans-Christian Beese
1 Monat zuvor

Ganz gleich, ob man Beth Allison Barr in jedem Punkt folgt oder nicht: Ich freue mich über jedes Buch, das aus bibeltreuer Perspektive stimmigere Deutungen (sei es des Genesis-Narrativs oder der einschlägigen Verse aus den Paulusbriefen) zur „Frauenfrage“ anbietet als die im US-Evangelikalismus und Neocalvinismus übliche. Der Begriff „Komplementarismus“ ist im Übrigen ein Paradebeispiel eines Euphemismus. Man denkt an wechselseitige Ergänzung und Begegnung auf Augenhöhe, während in Wirklichkeit einseitige Unterordnung der Ehefrau unter ihren Mann und allgemein der Frau unter den Mann gemeint ist.

Alex aus Cloppenburg
Alex aus Cloppenburg
1 Monat zuvor

Der DLF-Beitrag klingt aus meiner Sicht nicht wirklich euphorisch. Warum sollte man von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwarten, dass er konservative Werte verteidigt? 
Interessant ist doch, dass sich auch in relativ konservativen evangelikalen Gemeinden, egal ob in den USA oder bei uns, die Frage des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern eine große Relevanz hat. Und dass die „traditionelle“ Deutung der biblischen Texte gerade für die christlichen Frauen, von denen sich die wenigsten selber als „Emanzen“ bezeichnen würden, nicht mehr funktioniert. 
Das besagte Buch ist zumindest ein weiterer Beitrag den sogenannten Komplementarismus zu diskutieren. Am besten mehr mit und weniger über Frauen, was in diesem Blog aufgrund der überschaubaren weiblichen Beteiligung leider schwierig ist. 🙂 

Stephan
Stephan
1 Monat zuvor

Schon erstaunlich, plötzlich meldet sich dann noch jemand zu Wort, der sein Buch über seine Webseite verkaufen will, und von diesem meldet sich danach gleich noch ein Bekannter, dessen Namen auf einer Erklärung der verlinkten Webseite sieht. Zufälle gibt es …
Aber falls es der werbende Buchautor übersehen haben sollte:
a) wen ruft Gott zuerst in die Verantworung, Adam oder Eva?
b) was sagt Deborah zu ihrem König bzgl. der eigentlich von wem zu tragenden Verantwortung?

Zur aufrichtigen Ehrlichkeit gehört es, vollständig zu informieren. Sei es in Büchern, „Erklärungen“, in Beiträgen zu Artikeln usw..

Matze
Matze
1 Monat zuvor

Ich frage mich bei diesem Thema schon, was alles noch in jeder Kleinigkeit durchdiskutiert werden muss. Wenn ich nah an Jesus dran bin, werde ich meine Frau als großes Geschenk ansehen und sie mich auch. Dann wird der Umgang untereinander auch davon geprägt sein. Das ist zudem eines von den Themen wo Theorie und Praxis in den Gemeinden aber so weit auseinander liegen, da diese einfache Vorgehensweise ( siehe oben) nicht beachtet wird: mir ist es mehrmals begegnet, dass Pastoren preisend und mit viel schönen Reden die Unterordnung der Frau verkündet haben, die Richtung der Gemeinde aber am heimatlichen Küchentisch des Pastors vorgegeben wurde.;-)

Hans-Christian Beese
Hans-Christian Beese
1 Monat zuvor

# Stephan: Gott ruft beide zur Verantwortung. Lies mal 4 (!) Verse weiter. Da fragt Gott Eva: „Warum hast du das getan?“ Und dann vergleiche die Antworten der beiden. Adam nennt, im Beisein der Schlange (des Satans) Gott als Primärursache, während Eva (korrekt) die Schlange als Primärursache nennt, woraufhin Gott Feindschaft zwischen der Frau und der Schlange setzt und Eva die Urverheißung des Erlösers aus ihrem Samen gibt (die sie glaubt).