Philosophie

»Die Liebe überwindet alles«

Robert Spaemann gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen der Gegenwart. Im Gespräch mit Paul Baddespricht er über das Höchste der Gefühle, Homosexualität und Eros:

Liebe des Begehrens ist das, was die Antike Eros nennt – und der Eros ist bedürftig. Er sucht, was ihm fehlt. Darum liebt der Mensch Gott, aber Gott liebt nicht den Menschen. Die Liebe geht von unten nach oben, nicht von oben nach unten. Das Christentum aber lehrt eine Liebe, die auch von oben nach unten geht. Danach scheint mir die strikte Zweiteilung zwischen Begehren und Geben oder Wohlwollen nicht gerechtfertigt zu sein. Denn zur Liebe im vollen personalen Sinn gehört eben auch, dass man dem anderen die Möglichkeit gibt, selbst Geber zu sein. Einer, der immer nur geben und nicht nehmen will, der gibt nicht genug. Er muss auch dem anderen die Möglichkeit geben, seinerseits zu geben und zu schenken. Das scheint mir eine wichtige Erkenntnis zu sein, Liebe des Wohlwollens und Liebe des Begehrens hängen im Grunde tief miteinander zusammen.

Hier geht es weiter: www.welt.de.

Ist der Glaube an Gott basal?

Vor einigen Tagen habe ich darauf hingewiesen, dass der christliche Philosoph Alvin Plantinga in den Ruhestand gegangen ist. Wer sich mit dem Grundgedanken von Plantinga vertraut machen möchte, ist eingeladen, eine knappe Skizze zu lesen, die ich vor einigen Jahren verfasst habe:

Ist der Glaube an Gott basal?

Alvin Plantingas Kritik am klassischen Fundationalismus

Die Erkenntnistheorien der Neuzeit sind fundationalistisch (von lat. »fundatio« oder engl. »foundation« mit der Bedeutung Fundament). Der Begriff »fundationalistisch«sollte nicht in den Nähe der gegenwärtigen Fundamentalismusdebatte gerückt werden, obwohl der Begriff „Fundamentalismus“ in diesem Zusammenhang verwendet wird und einige Leute behaupten, fundationalistische Erkenntnistheorien erzwängen fundamentalistische Politik. Fundationalismus will einfach besagen, dass es sichere oder gewisse Grundlagen der Erkenntnis gibt.

Das, was unserem Wissen letzte Sicherheit gibt, wird auch Axiom genannt. Hans Albert bezeichnet eine erkenntnistheoretische Grundlage oder ein Axiom als archimedischen Punkt (Albert, Traktat über kritische Vernunft, S. 10) und knüpft damit an die Meditationen über die Grundlagen der Philosophie von René Descartes an (Meditationen, S. 20–21):

Die gestrige Betrachtung hat mich in so gewaltige Zweifel gestürzt, daß ich sie nicht mehr vergessen kann, und doch sehe ich nicht, wie sie zu lösen sind; sondern ich bin wie bei einem unvorhergesehenen Sturz in einen tiefen Strudel so verwirrt, daß ich weder auf dem Grunde festen Fuß fassen, noch zur Oberfläche emporschwimmen kann. Dennoch will ich mich herausarbeiten und von neuem eben den Weg versuchen, den ich gestern eingeschlagen hatte: nämlich alles von mir fernhalten, was auch nur den geringsten Zweifel zuläßt, genau so, als hätte ich sicher in Erfahrung gebracht, daß es durchaus falsch sei. Und ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgend etwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch wenigstens das für gewiß erkenne, daß es nichts Gewisses gibt. Nichts als einen festen und unbeweglichen Punkt verlangte Archimedes, um die ganze Erde von ihrer Stelle zu bewegen, und so darf auch ich Großes hoffen, wenn ich nur das geringste finde, das sicher und unerschütterlich ist.

Descartes hat das Bedürfnis nach Gewißheit. Mittels des methodischen Zweifels sucht er nach dem, was nicht mehr bezweifelt werden kann. Er scheint selbst überrascht darüber, dass man so gut wie alles begründet anzweifeln kann. Er sieht sich gezwungen, einzugestehen, »daß an allem«, was er früher für wahr hielt, »zu zweifeln möglich ist« (Meditationen, S. 41). Das Letzte, was er nicht mehr bezweifeln kann, entdeckt Descartes im Selbstbewusstsein (Meditationen, S. 22):

Da alle Gründe, die ich gegen meine Existenz vorbringen kann, zugleich für meine Existenz sprechen – denn ich bin ja der, der da denkt –, bin ich an einem Punkt angekommen, der nicht mehr bezweifelt werden kann, der deshalb notwending wahr ist. Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: »Ich bin, ich existiere«, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist.

Descartes hatte sein Fundament gefunden. Sein »cogito ergo sum« ist für ihn das Fundament, das eine feste, unerschütterliche Grundlage für das Wissen garantiert.

In der Ideengeschichte der Menschheit hat es viele solcher Fundamente gegeben. Für den auf Descartes zurückgehenden Rationalismus ist die selbstbewusste Vernunft der nicht mehr hinterfragbare Maßstab gesicherter Erkenntnis. Bei den Empiristen, wie z.B. bei Francis Bacon, gelten Sinneserfahrungen als ultimatives Kriterium für die Gewinnung zuverlässigen Wissens. Für Materialisten wie Marx und Engels soll alles eine uns vorgegebene Materie normieren. Arthur Schopenhauer oder später Hugo Dingler proklamierten aufgrund der Beobachtung, dass letzte Grundlagen immer durch Entscheidungen qualifiziert werden, den Willen als letztgültigen Gesetzgeber. Jürgen Habermas ist bescheidener. Das letzte Kriterium unserer Erkenntnis ist für ihn ein Konsens, der durch kompetente Redner innerhalb idealer Sprechsituationen kommunikativ ausgehandelt wird …

Hier geht es weiter: Plantinga.pdf

Gender Forschung: Und sonst? Nichts.

Ferdinand Knauß hat sich auf die Suche gemacht. Er wollte einfach mal wissen, was die Gender Studies über das »Kinderkriegen« zu sagen haben. Knauß:

Ich fand in einer halben Stunde Internet-Recherche sonst keine Publikationen aus dieser Disziplin, die die Fortpflanzung des Menschen (und nicht der Coli-Bakterien) in ihre Theorien der Geschlechtlichkeit zu integrieren versuchen. Die grundlegendste aller anthropologischen Tatsachen, dass nämlich Menschen sich fortpflanzen, und dass sie es auf geschlechtliche Weise tun, dass (nur) Männer zeugen und (nur) Frauen gebären, und dass dies uns Menschen mit unseren nächsten tierischen Verwandten verbindet, ist für die Geschlechterforschung ein blinder Fleck! Ausgerechnet! Da schreiben Geschlechterforscher die Bibliotheken voll über Geschlechterrollen und »Körper« (der »Körper«-Begriff in den Gender Studies wird mein nächster Beitrag, erinnern Sie mich daran!) – und das was doch der existentielle Grund für den Unterschied der Körper und Rollen der Geschlechter ist, spielt offenbar so gut wie keine Rolle. Wie kann diese Geschlechterforschung für ihre Thesen Plausibilität behaupten, wenn sie zum zentralen Urgrund der Geschlechtlichkeit so wenig erhellendes zu sagen hat?

Hier der Beitrag: www.brainlogs.de.

Der Gottesbetrug

21OvoyVso6L._SL160_.jpgIn Frankreich ist der legendäre »Traktat über die drei Betrüger« Moses, Jesus und Mohammed ein stiller Bestseller (siehe auch hier). In Deutschland bleibt er – so schreibt DIE ZEIT – noch zu entdecken. Christian Staas hat sich mit dem Herausgeber der deutschen Ausgabe, Winfried Schröder, unterhalten. Schröder stellt im Gespräch klar, dass die meisten Aufklärer Kreationisten waren:

Die allermeisten Aufklärer waren keine Atheisten. Nehmen Sie Voltaire. Er wurde für seine Kirchenkritik in Frankreich verfolgt, wandte sich aber ganz explizit gegen den Traktat! Wir können nicht, sagt Voltaire, ohne einen Gott leben, der am Ende die Bösen bestraft. Es gibt diesen bemerkenswerten Satz von ihm: »Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.« Die Aufklärung, die sich im öffentlichen Raum bewegt, geht maximal so weit, das Christentum abzulehnen. Voltaire war ja kein Christ mehr. Stattdessen vertrat er die Idee einer »natürlichen Religion«, also eines mit vernünftigen Mitteln begründeten Glaubens, der zugleich auch die Moral sichert. Ähnliches finden wir bei Kant. Auch an der Vorstellung eines göttlichen Weltschöpfers hielten die Aufklärer trotz aller Begeisterung für die Naturwissenschaften fest. Da die natürliche Welt über geordnete Strukturen verfügt, so meinten sie, ist es vernünftig, einen intelligenten Urheber dieser Ordnung zu vermuten. Wenn man so will, waren unsere großen Aufklärer – mit wenigen Ausnahmen wie David Hume – Kreationisten.

Hier das vollständige Interview: Interview-Urbuch-Atheismus.pdf.

David Hume: Der Metaphysik das Rückgrat brechen

180px-David_Hume.jpgDer Schotte David Hume (1711–1776) führte ein Leben an der Seite vieler hochgestellter Persönlichkeiten und lernte auf seinen ausgedehnten Reisen auch die französischen Enzyklopädisten einschließlich Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) kennen.

Hume konzentriert seine kritischen Arbeiten besonders auf die scholastische Metaphysik, da sie durch Eitelkeit und Aberglaube angestoßen und verdorben sei. Der Mensch ist für ihn ein vernünftiges Wesen und empfängt seine geistige Nahrung nicht von der Moral, sondern von der strengen Philosophie, von der Wissenschaft. Um Wissenschaft in diesem Sinne treiben zu können, sei »eine ernstliche Untersuchung der Natur des menschlichen Verstandes« notwendig. Hume schreibt weiter (Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, S. 10):

Wir müssen uns dieser Mühe unterziehen, um nachher für alle Zeiten in Ruhe leben zu können. Wir müssen die echte Metaphysik mit einer gewissen Sorgfalt pflegen, um die unechte und verfälschte zu zerstören.

Falsche Metaphysik entsteht dort, wo der Verstand in »Gegenstände eindringen will, die entweder dem Verstand unzugänglich oder das Werk eines listigen Aberglaubens sind«. Wenn der Verstand die Grenzen seiner Reichweite achtete, könne ernste Wissenschaft zu verlässlichen Ergebnissen kommen. Hume fordert also eine Vernunftkritik, die über die der deutschen Aufklärung hinausgeht. Das erkennende »Ich« ist für Hume nur imstande, Eindrücke von der Außenwelt aufzunehmen und auszuwerten. Es gibt keine Ideen, die der Erfahrung vorausgehen. Unsere Ideen sind immer das Ergebnis verarbeiteter Erfahrung. Wir können keine Erkenntnis über etwas haben, was über unsere Erfahrung hinaus geht (z.B. Gott).

Auch wenn wir hier nicht tiefer in Humes Wissenschaftsbegriff einsteigen können, seien zwei Konsequenzen aufgezeigt.

Die erste Konsequenz seiner Anschauung ist der sogenannte Psychologismus. Für die Philosophen der Antike und ebenso für große Denker der Neuzeit, wie z. B. Locke, korrespondierte das Denken mit einem Gegenüber, mit »einer Welt da draußen«. Hume versubjektivierte das Denken radikal und verlegte es ganz in die Psyche. Bei Hume bleibt nur der Mensch. Erfahrungssätze, zum Beispiel die der Naturwissenschaften, entstehen im Kopf des Menschen. Naturgesetze sind nicht irgendwelche Regelmäßigkeiten in unserem Sonnensystem, sondern Gedankenverbindungen, die durch Gewohnheit den Eindruck erwecken, Gesetze zu sein.

Das führt zwangsläufig zu einer zweiten Konsequenz, dem Skeptizismus. Gesetzmäßigkeiten wie das Gesetz vom freien Fall sind nur menschliche Erfahrungswerte. Erlebtes, zum Beispiel die Erfahrung, dass ein Apfel nach unten fällt, wenn ich ihn loslasse, weckt in uns einer Erwartungshaltung. Das Problem dabei ist, das diese Erfahrungssätze keine Grundlage für sicheres Wissen sein können (Induktionsproblem). Solange ich lebe, mache ich die Erfahrung, dass die Sonne morgens aufgeht. Aber ich habe keine Gewissheit dafür, dass dies auch morgen so sein wird. Dass die Sonne wieder aufgeht, weiß ich nicht, aber es ist wahrscheinlich. Hume operiert in seiner Erkenntnistheorie mit den Begriffen Wahrscheinlichkeit und Glaube (belief). Wissenschaftlichkeit unterscheidet sich von Unwissenschaftlichkeit durch den Grad des Glaubens. Bewährte Erfahrungssätze finden ihren angemessenen Ausdruck in von Menschen formulierten Gesetzen.

Hume war überzeugt, mit seiner Kritik der alten Metaphysik das Rückgrat gebrochen zu haben. Der Schlusssatz der Untersuchungen über den menschlichen Verstand lautet entsprechend (Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand, S. 153):

Wenn man, von solchen Grundsätzen erfüllt, die Bibliotheken durchsieht, welche Verwüstung müsste man darin anrichten? Nimmt man z. B. ein theologisches oder streng metaphysisches Werk in die Hand, so darf man nur fragen: Enthält es eine dem reinen Denken entstammende Untersuchung über Grösse und Zahl? Nein. Enthält es eine auf Erfahrung sich stützende Untersuchung über Thatsachen und Dasein? Nein. Nun, so werfe man es ins Feuer; denn es kann nur Spitzfindigkeiten und Blendwerk enthalten.

Damit kann Hume zu Recht als der Vater des neuzeitlichen Empirismus und Positivismus bezeichnet werden. Sein Ansatz unterbrach nicht nur den dogmatischen Schlummer bei Immanuel Kant (Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, S. 9), sondern hatte auch immense Auswirkungen für die Religionsphilosophie. Im Rahmen seiner Erkenntnistheorie kann es keine metaphysische Grundlage für eine göttliche Offenbarung geben. Jedes »religiöse Apriori« kann für Hume nur ideologische Setzung sein. Alles, was wir haben, sind Erfahrungen. Diese Erfahrungen sind nicht aus einer transzendenten Wirklichkeit abzuleiten, sondern durch und durch menschlich. Religion ist für ihn nichts anderes, als ein Gefühl, das hilft, das menschliche Leben angenehmer zu machen. Religion erfüllt eine Schutzfunktion. Sie entzieht sich dem rationalen Diskurs und ist ein nur psychoanalytisch auszuwertendes Phänomen. Feuerbach, Marx oder Freud konnten an dieser Religionskritik anknüpfen.

Heute gilt dieser Psychologismus als überwunden (vgl. z.B. Hegel, Husserl, Feyerabend o. Quine). Erkenntnis ist zwar an psychische und physiologische Prozesse gebunden, sie ist aber nicht mit diesen identisch (und somit auch nicht auf diese reduzierbar). Die Psychologie des 20 Jahrhunderts hat erkannt, dass die von den Empiristen behaupteten elementaren Sinneseindrücke oder Empfindungen, aus denen sich die Wahrnehmungen zusammensetzen, gar nicht gibt, da unsere sinnliche Aufnahmen bereits durch Erkenntnisinteressen und metaphysischen Voraussetzungen (z.B. der Annahme eines »Ich«) geleitet sind. Wahrnehmung wird im Lichte vorhandener Konzepte oder Fragen interpretiert.
Horkheimer hat mit seiner Positivismuskritik Recht (Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, S. 84):

Die durch quantitative Methoden ermittelten sogenannten Tatsachen, welche die Positivisten als die einzig wissenschaftlichen zu betrachten pflegen, sind oft Oberflächenphänomene, die die zugrundeliegende Realität mehr verdunkeln als enthüllen.

Um so merkwürdiger, dass viele prominente Religionskritiker (ich denke an Richard Dawkins & Co.) in der Tradition des Positivismus stehen und uns von dieser »Oberflächenperspektive« aus den tieferen Sinn unseres Lebens sichtbar machen und uns erklären, wer und was wir sind (oder zu sein haben).

Baudrillard: Im Schatten der schweigenden Mehrheiten

41UmTa5TduL._SL160_.jpgJean Baudrillard schrieb mit Der symbolische Tausch und der Tod ein Hauptwerk der Postmoderne. In seiner Medienkritik betonte er stets, dass die Bilder der Wirklichkeit mächtiger seien als die Wirklichkeit selbst. Mit seiner Theorie von der Herrschaft des Signifikanten über das Signifikat (»Simulation«) beeinflusste er auch Größen der Pop-Kultur, zum Beispiel die Rockband U2 (z.B. bei »Even Better Than the Real Thing«, siehe hier).

Thomas Assheuer schrieb in seinem Nachruf »Der letzte Prophet« über Jean Baudrillard:

Wenn es Jean Baudrillard nicht gegeben hätte, dann wäre die Welt um ein Epochengefühl ärmer gewesen. Nichts verbindet sich mit seinem Namen mehr als die Vorstellung von der »Postmoderne«, der Zeit nach dem Ende der Zeiten und dem Abschied von der Geschichte. Die Rede von der Postmoderne war die suggestive Zauberformel der achtziger Jahre, und sie hat die Köpfe verhext wie kaum eine zweite. Postmoderne hieß für Baudrillard: Die Zivilisation hat ihren Siedepunkt überschritten, von nun an wird sie erkalten. Sie tritt auf der Stelle, und es wird viel passieren, aber nichts mehr geschehen. Die Ereignisse finden nicht mehr statt, und wenn, dann nur noch als Simulation auf dem Bildschirm. In der neuen Ära, der Ära der Nachgeschichte, gibt es weder Wahrheit noch Politik. Nietzsche, so Baudrillard, habe sich noch mit dem Tod Gottes herumgeschlagen; wir, die endgültig Modernen, aber hätten es mit dem Verschwinden der Geschichte und dem Ende der Politik zu tun. Die Achtundsechziger waren die letzte Zuckung im historischen Lauf der Dinge, danach begann die »Agonie des Realen«, die »große Absorption«, das elende Verschwinden.

Nun ist nach gut dreißig Jahren erstmals auf Deutsch Jean Baudrillards massenkritisches Werk Im Schatten der schweigenden Mehrheiten erschienen.Thomas Thiel schreibt in seiner Rezension für die FAZ:

Die Geschichte der Massen kennt nur eine kurze Phase der Euphorie. Taub für den geschichtlichen Appell, resistent gegenüber den marxistischen Versuchen, sie zum revolutionären Subjekt zu machen, sank die Masse bald wieder zurück ins Unförmige und Verachtete. Unter dem Eindruck neuer Medien ist ein neues Lob des Massenhaften ausgebrochen, das digital belebten Kollektiven eine eigene Form der Intelligenz attestiert und die überall mitmachende, sendende, kommentierende Masse als Hoffnungsträger egalitärer Utopien feiert.

Im Reich der unzähligen Sender, Freunde und Gesprächspartner herrscht die Tendenz, Quantität als Qualität zu bewerten. Wenn das Ausgezeichnete schon nicht in die Masse diffundiert, dann kann Quantität immerhin – Stichwort Emergenz – in Qualität umschlagen. Demgegenüber dräut mehr und mehr das Bewusstsein, dass auch die digitale Utopie der von ihr produzierten Masse erliegen könnte.

Das Buch:

  • Jean Baudrillard: Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder das Ende des Sozialen, Verlag Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010. 160 S., 14,80 €.

kann hier bestellt werden:

Sexueller Missbrauch und Heuchelei

C.S. Lewis hat in seiner Autobiografie Überrascht von Freude (Brockhaus 1982) die organisierte Päderastie in seinem Jungeninternat ausführlich beschrieben. Die jungen, hübschen und feminineren Jungs mussten oft in die Rolle einer Hausdirne schlüpfen, um einem oder mehreren der älteren Jungs als Lustknabe zu dienen (vgl. S. 74–76). Das war damals der Schulbetrieb.

Für Lewis ist klar, dass bei diesem Thema viel geheuchelt wird (S. 93). Ich vermute, er hat Recht. Drei aktuelle Beispiele:

(1) Kaum jemand spricht in diesen Tagen darüber, dass wahrscheinlich mehr als zwei Drittel aller Missbrauchsfälle innerhalb der Familien vorkommen. Besonders Patchwork-Familien begünstigen den Missbrauch (Quelle mit weiteren Hinweisen):

In seiner Studie »Die dunkle Seite der Kindheit« belegt der Autor [Dirk Bange], daß Religionszugehörigkeit keinen Einfluß auf die Mißbrauchs-Häufigkeit hat: sexueller Mißbrauch kommt in katholischen, evangelischen oder konfessionslosen Familien im wesentlichen im gleichen Ausmaß vor. Dasselbe schreibt Clara Wildschütte in ihrer Studie »Psychodynamik einer Mißbrauchsfamilie«. Von großer Bedeutung für die Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs ist jedoch die Frage, ob der Täter ein biologischer oder »sozialer« Vater (neuer Liebhaber der Mutter, Stiefvater, Pflegevater) ist.

(2) Während wir einerseits eine Welle medialer Empörung erleben, scheint fast unter zu gehen, dass Roman Polanski wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer Minderjährigen viele Sympathien erhalten hat. Das Erste berichtete:

»Das ist lächerlich«, sagt Claudine Wilde. »Das ist einfach nur schlimm.« Auch Peter Lohmeyer hat kein Verständnis. »Arme Sau, mit über 70 noch dahin transportiert zu werden«, sagt er. »Ich denke, Guido Westerwelle sollte mal Obama anrufen. Das ist seine Aufgabe. Er hat seine Schuld eingestanden, mehrmals.« Auch international bildet sich eine breite Unterstützerfront für Polanski. Auf dem Filmfest in Zürich gab es großen Protest gegen seine Verhaftung. Mehr als 100 prominente Weggefährten haben eine Erklärung unterschrieben, auf der sie die sofortige Freilassung Polanskis fordern, darunter auch Kult-Regisseur Woody Allen, die deutschen Regisseure Wim Wenders und Tom Tykwer sowie die Schauspielerin Tilda Swinton. Sie alle nehmen den großen Künstler Polanski in Schutz und vergessen nach Meinung von Medienexperte Jo Groebel, dass der Mensch Polanski immerhin wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen verhaftet wurde.

(3) Als Heuchelei empfinde ich es auch, dass in unserer postmodernen Lebenskultur übersehen wird, dass etliche Väter der Postmoderne die »Grenzüberschreitung« erkenntnistheoretisch begründet haben. Verweisen ließe sich hier z.B. auf Marquis de Sade, Georges Bataille oder manche Prominente der 68er-Generation (siehe auch hier). Zitieren möchte ich Michel Foucault, der sich als Übervater der Postmoderne-Debatte theoretisch und praktisch für eine Sexualität »ohne Gesetz« stark machte. In einem späten Gespräch mit Edmund White sagte Foucault (Interview mit Edmund White , 12. Mai 1990, in: James Miller, Die Leidenschaft des Michel Foucault, Kiepenheuer und Witsch 1995, S. 81):

In einem gewissen Sinne habe ich während meines gesamten Lebens versucht, intellektuelle Dinge zu tun, um schöne Knaben anzuziehen.

Der Protest gegen den Missbrauch von Kindern stützt sich auf ein christliches Menschenbild, nach dem die Würde jedes Menschen nicht durch eines sozialen Konsens erzeugt wird. Durch die Ebenbildlichkeit wird im jüdisch-chrisltichen Kontext dem Menschen eine ihm eigene Würde zuerkannt. Diese Würde ist unveräusserlich und unbedingt zu schützen.

Foucault bezeichnete solche Vorstellungen als humanistisch und falsch und plädierte für ein Denken, dass sich von den abendländischen Strukturen löst. Er wollte die Destruktion des Subjekts, »d.h. eine ›kulturelle‹ Attacke: Aufhebung der sexuellen Tabus, Einschränkungen und Aufteilungen; Praxis des gemeinschaftlichen Lebens; Aufhebung des Drogenverbots; Aufbrechung aller Verbote und Einschließungen, durch die sich die normative Individualität konstituiert und sichert. Ich denke da an alle Erfahrungen, die unsere Zivilisation verworfen hat oder nur in der Literatur zuläßt« (Michael Foucault, »Gespräch zwischen Michel Foucault und Studenten« in: Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, Fischer Wissenschaft, 1987, S. 95).

Der Protest gegen den Missbrauch von Kindern atmet die Asche des Abendlandes, nicht die der Verheißungen poststrukturalistischer Theorien.

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