Philosophie

„Die wahre Quelle allen Rechtes“

Nach Auffassung des sogenannten Rechtspositivismus gilt als Recht allein das, was der Gesetzgeber als solches verabschiedet hat. Eine Beurteilung des Rechts an moralischen Maßstäben verbietet sich in rechtspositivistischen Gesellschaften, weil es keine einheitlichen Moralvorstellungen gibt. Jegliches Recht ist von Menschen gemacht. Falls diese meinen, wir brauchen ein neues Ehe- und Familienverständnis, dann wird eben ein „Ehe für alle“-Gesetz beschlossen.

In Abgrenzung zu diesem Rechtspositivismus vertritt das Naturrecht, dass Recht und Moral nicht so einfach voneinander getrennt werden kann. Etwas ist Recht oder Unrecht, weil es uns mit der Natur gegeben ist. Eltern die Kinder wegzunehmen, ohne das es dafür schwerwiegende Gründe gibt, ist demnach Unrecht – egal was das positive Recht dazu sagt. Alle vom Menschen gemachten Gesetze müssen an der Moral gemessen werden. Nur Gesetze, die diesen moralischen Ansprüchen des Naturrechts genügen, können den Anspruch erheben, befolgt zu werden. So waren viele Gesetze der Nationalsozialisten – etwa die Rassengesetze – objektives Unrecht.

Die „modernen Gesellschaften“ haben sich weitgehend von einem höheren Gesetz oder einer höheren Ordnung verabschiedet. Der Mensch tritt als alleiniger Gesetzgeber auf. Das macht es Despoten leicht, ihre eigenen Interessen auch rechtlich durchzusetzen. Sie haben in den Augen der Positivisten schlichtweg andere Werte. Mangels eines übergeordneten Maßstabs ist es im strengen Sinne unmöglich, zu behaupten, irgendein Wertsystem sei besser als ein anderes.

Der Philosoph Robert Spaemann (1927–2018), selbst Verfechter einer Naturrechtsposition, hat einmal anhand eines persönlichen Erlebnisses demonstriert, dass der Rechtspositivismus eine „Schönwettertheorie“ ist. Spaemann schreibt in „Warum gibt es kein Recht ohne Naturrecht?“ (in: Hanns-Gregor Nissing (Hg.), Naturrecht und Kirche im säkularen Staat, 2016, S. 27–34, hier S. 27):

Nach dem Krieg hörte ich in Münster auf dem Domplatz eine Predigt des Kardinals von Galen vor dem zerstörten Dom. Der Domplatz war schwarz vor Menschen, und der damalige Bischof, Clemens August, sagte: „Eurer Liebe verdanke ich mein Leben.“ Dann fügte er mit donnernder Stimme hinzu: „Was wir jetzt erlebt haben, die Tyrannei, die Unterdrückung, die Zerstörung, das alles war die Strafe Gottes für das, was die Deutschen 1919 an den Anfang ihrer Verfassung gestellt haben: ‚Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.’ Jetzt haben wir die Staatsgewalt kennen gelernt, die vom Volke ausgeht. Es wird Zeit, dass wir uns besinnen auf die wahre Quelle allen Rechtes.“

Nach den grauenhaften Tyranneien des 20. Jahrhunderts ist der Rechtspositivismus eigentlich kaum zu retten. Er ist eine Schönwettertheorie. Er entzieht der Verurteilung von Staatsverbrechen jede objektive Grundlage. Wenn der Wille des Gesetzgebers an keinen ihm vorgegeben Maßstab des Richtigen und des Falschen, des Guten und des Schlechten gebunden ist, und wenn die Verkündigung im Gesetzblatt eines Staates die höchste Legitimation der Gesetze ist, dann kann es keine Rechtfertigung geben, die den Bürger auf irgend eine Weise im Gewissen binden kann.

Der große Bluff

Sind wir mal ehrlich: Pippi Langstrumpf mochten wir sehr, da ihre Lebensphilosophie neue Möglichkeiten eröffnet hat:

Zwei mal drei macht vier,
widewidewitt und drei macht neune,
ich mach mir die Welt,
widewide wie sie mir gefällt.

Inzwischen spüren wir mit allen Sinnen und dem Verstand, dass sich die Wirklichkeit nicht nach Belieben verbiegen lässt. Im Gegenteil: Wir müssen uns – zumindest langfristig – nach ihr richten.

David Signer schildert für die NZZ den Fall des Hochstaplers George Santos, der es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weit gebracht hatte, aber dann – weil seine Lügen aufflogen – mit seinem Storytelling scheiterte.

Signer schreibt:

Vor allem aber vermischt sich die uramerikanisch-christliche Vorstellung, dass der Glaube Berge versetze, heutzutage mit einer postmodernen Relativierung der Wirklichkeit als blossem «Konstrukt» und «Diskurs». Dazu passt, dass selbst das Geschlecht fluid und eine Frage der Wahl wird. Wer wollte es dem «kreativen» Santos also verargen, wenn er noch einen Schritt weiter geht und auch die eigene Biografie zur Erfindung erklärt? Damit schafft er es zu allem anderen auch noch, das eher republikanische Mantra vom Selfmademan mit einem eher demokratischen und woken Touch von Diversität zu versehen. Mehr «American Dream» geht kaum.

Mehr: www.nzz.ch.

VD: LR

Die Tyrannei der Tugendhaften

Jürg Altwegg skizziert in seinem FAZ-Beitrag „Die Tyrannei der Tugendhaften“ die Kritik des französischen Philosophen Pierre-André Taguieff am Postmodernismus. Interessant dabei ist, dass sich auch der russische Nationalist Alexander Dugin bei der französischen Postmoderne bedient, um den Umsturz der Diktatur des Westens zu fördern. Jürg Altwegg schreibt:

Der Ideenhistoriker Pierre-André Taguieff deutet den „militanten und ideologisierten Hass auf die europäische Kultur“, den Woke predige, als „Diabolisierung des Westens“. Die „Dekonstruktion“ führt er auf den Einfluss von Heidegger und Nietzsche in Frankreich zurück. Taguieff kennt die philosophische und politische Wirkungsgeschichte der französischen Postmoderne in beiden Ländern. „Black Lives Matter wurde 2013 von drei militanten Marxistinnen begründet“, hält er in „Pourquoi décon­struire?“ fest. Aus dem Antirassismus wurde ein Rassismus. Die Umschreibung der Geschichte belegt er mit dem Hinweis auf Historiker, die den Anfang der Demokratie nicht in Athen, sondern in Afrika situieren. Woke versteht Taguieff als Wiedergeburt der „revolutionären Utopie“.

Nebenbei weitet er seine Darstellung auf den russischen Nationalisten und Ideologen Alexander Dugin aus. Dugin kennt die französische Postmoderne und zitiert ihre Autoren. Die Dekonstruktion der westlichen Hegemonie unterstützt er laut Taguieff „ohne Einschränkung“. Sie entspricht dem Willen „zum Umsturz der Diktatur des Westens“. Dugin benutzt das „Arsenal der postmodernen Kritik“. Verworfen aber wird das von Woke angerichtete „allgemeine Chaos“ mit der „Umkehrung der Hierarchie“ und der „Auflösung ihrer Komponenten“: Geschlecht, Wissen, Gesellschaft, Politik.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): https://www.faz.net.

Spätmoderne in der Krise

Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa schreiben in ihrem Vorwort zum Buch Spätmoderne in der Krise über die Partikularisierungsthese von Jean-François Lyotard (Suhrkamp, 2021, S.11):

Von Jean-François Lyotard stammt bekanntlich die 1979 in Das postmoderne Wissen entfaltete These, dass wir am „Ende der großen Erzählungen“ der Moderne und der Modernisierung angelangt seien. Die großen Theorien gesellschaftlicher Entwicklung, welche die klassische Moderne prägten, hätten in der Postmoderne an Kredit verloren, gefragt seien nur mehr die „kleinen Erzählungen“, die spezifischen Analysen: lokal, zeitlich und sachlich begrenzt. Lyotards Kritik am Erbe der Geschichtsphilosophie und an deren aus heutiger Sicht naiv und einseitig anmutenden Fortschrittsgeschichten war sicherlich berechtigt – aber mit seiner Prognose, dass damit die umfassenden theoretischen Deutungsversuche überflüssig werden, lag er letztendlich falsch. Genau das Gegenteil ist inzwischen eingetreten.

Sogar die Zahlen sind politisch

In den USA kursiert seit Jahren der Verdacht, Mathematik sei eine europäische und damit weiße Erfindung und müsse daher völlig neu bewertet werden. Nun geht es auch in Großbritannien der Mathematik im Namen der Wokeness-Bewegung an den Kragen.

Die FAZ schreibt: 

Die jüngsten Empfehlungen fordern eine von den Studenten mitbestimmte multikulturelle und entkolonialisierte Sicht auf die Fächer. Studenten müssten auf problematische Fragen in der Entwicklung der ihnen beigebrachten Inhalte aufmerksam gemacht werden, wie etwa darauf, dass Pioniere der Statistik die Rassenhygiene gefördert hätten und dass Mathematiker mit dem Sklavenhandel, dem Rassismus oder dem Nationalsozialismus verstrickt gewesen seien.

Die Mathematik steht als Ziel für Forderungen nach Gleichheit, Vielfalt, Zugänglichkeit und Inklusivität keineswegs allein da. Ähnliche Feststellungen und Anregungen finden sich in den jüngsten „Benchmark-Statements“ der QAA für fünfundzwanzig Fächer. So wird Informatikern nahegelegt, sich damit zu befassen, wie „Spaltungen und Hierarchien von kolonialem Wert“, was immer das heißen mag, in ihrem Fach vervielfältigt und bekräftigt würden.

Zurecht sehen einige Professoren die Gefahr der Verdummung und einer ideologischen Vereinnahmung durch aktivistische Akademiker.

Weiter heißt es zu Cancel-Culture: 

An den Hochschulen beanspruchen Studenten das Recht, nicht gekränkt zu werden, wie die Rektorin der Universität Oxford unlängst bedauerte. In Cambridge teilt die Rektorin eines Colleges den Studenten schriftlich mit, dass sie einen Vortrag der sich zur binären Geschlechterordnung bekennenden „Economist“-Journalistin Helen Joyce boykottieren werde, weil deren Ansichten „beleidigend und hassenswert“ seien. Kein Wunder, dass Studenten sich ermutigt fühlten, die wegen ihrer „genderkritischen“ Haltung geschasste Philosophieprofessorin Kathleen Scott durch Trommelprotest zu übertönen. Die Mentalität, die solchen Initiativen zugrunde liegt, hat die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in der vergangenen Woche in ihrem Beitrag zur diesjährigen Vortragsreihe zu Ehren des BBC-Gründers John Reith aufgegriffen. Sie sprach im Zusammenhang mit dem Recht der freien Rede von einer durch die Cancel-Kultur verursachten „Epidemie der Selbstzensur“, die dazu führe, dass die Literatur zunehmend durch die ideologische Brille gesehen werde, statt nach literarischen Maßstäben bemessen zu werden.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Die empathischen Menschen sind die neuen Narzissten

Kaum eine Fähigkeit wird heute so gehypt wie die Empathie. Einfühlung ist Trend, jede Krise wird mit einem Gang zum Therapeuten beantwortet. Doch die Schattenseiten der Tugend blieben bislang weitgehend unthematisiert. 

Marie-Luise Goldmann stellt für DIE WELT den Roman Die Markierten der Isländerin Frida Ísberg vor, in dem der Tugend der Empathie der Kampf angesagt wird: 

Denn unsere Gegenwart ist nicht nur von handfesten Krisen geprägt, zu denen ein Krieg, eine Pandemie und ein Energiemangel gehören. Sondern es ist auch die Ära, in der psychologische Diagnosen wie Zauberpilze aus dem Boden schießen. So wie die Kategorien „toxisch“, „narzisstisch“, „traumatisch“ und „depressiv“ im Zweifel auf jede Störung passen, avanciert gleichzeitig das positive Gegenkonzept zum Patentrezept: die Empathie. Wer empathisch ist, sich also in andere Menschen hineinfühlen kann, befinde sich auf dem besten Weg zur Rettung der Welt und der eigenen Psyche – so der Tenor.

Das Problem: Der Hype um die Empathie führt zu einer bedrohlichen Aufspaltung in Partikularinteressen, aus denen kein gemeinsamer Nenner gebildet werden kann, weil alles bloß „eine persönliche Meinung“ ist, die man vor dem eigenen subjektiven Erfahrungshorizont zu begreifen habe. In der Kommentarfunktion auf sozialen Medien liest man Dinge wie „Nicht böse gemeint, ist nur meine Meinung“ oder „Sehe ich anders, aber du kannst ja deine Meinung haben, das ist okay“. Mit der Einsicht in die Begrenztheit menschlicher Perspektiven wird jedes Gespräch im Keim erstickt. Argumente werden als Waffen verunglimpft, Diskussionen als Kampf.

Mehr hier (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Interview mit Carl R. Trueman

VM Trueman DerSiegeszugDesModernenSelbst Webseite01 1080xEvangelium21 hat ein Interview mit Carl Trueman zu seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst veröffentlicht. Hier ein Auszug:

Was ist denn die moderne Sicht des Selbst und des Personseins?

Trueman: Das Selbst wird weitgehend mit inneren, psychologischen Gedanken und Gefühlen identifiziert. Nur so konnte die Trans-Ideologie so plausibel werden. Das Personsein wird mit dem Selbstbewusstsein gleichgesetzt. So setzt sich zunehmend durch, dass Babys im Mutterleib oder Menschen mit Demenz nicht länger als Personen angesehen werden und man ihnen deswegen auch Rechte abspricht.

Wie hat diese Sicht das Denken über die Ethik geformt?

Trueman: Der Verlust einer allgemein anerkannten Sicht der menschlichen Natur und wofür Menschen leben hat dazu geführt, dass Ethik zu einer Sache konkurrierender individueller Rechte wurde, bei denen typischerweise nach den jeweiligen kulturellen Vorlieben über richtig und falsch entschieden werden kann. Der Anspruch, ob etwas moralisch richtig oder falsch ist, ist nun wesentlich zu einer Aussage über kulturelle Vorlieben und Nützlichkeit geworden. Was auch immer den Einzelnen glücklich machen kann, wird zum bestimmenden ethischen Anspruch.

Wie konnten die Ideen der sexuellen Revolution den öffentlichen Diskurs der westlichen Zivilisation so dominieren und den Weg in die Kirchen finden?

Trueman: Wenn Sexualität erst einmal mit menschlicher Identität gleichgesetzt wird – was plausibel scheint, weil sexuelle Wünsche für die meisten von uns zu den stärksten Erfahrungen gehören –, werden Gesetze und Sitten, die mit sexuellem Verhalten verbunden sind, unvermeidlich politisch. Sie schränken das Sexualverhalten ein, sodass die Gesellschaft schließlich bestimmt, wer wir sein dürfen – und bekanntlich gilt: Sex sells. Kinofilme und Fernsehserien, das Internet und die Werbung – alles drängt uns, über uns selbst in sexuellen Kategorien zu denken. Das verstärkt die politische Tendenz der sexuellen Revolution. Für die Kirche gilt, dass wir in dieser Welt leben und viele ihrer Entwicklungen in uns aufnehmen, ohne dass wir es wirklich merken. Denken wir an die einvernehmliche Scheidung. Dabei geht man davon aus, dass die Ehe eine gefühlsmäßige Verbindung zwischen zwei Menschen ist, die aufgelöst werden kann, wenn sie die beiden Vertragspartner nicht mehr länger glücklich macht. Das ist die Sicht der Welt auf die Ehe, nicht die der Bibel. Aber wie viele unserer Kirchen haben noch einen klaren Standpunkt zum Thema einvernehmliche Ehescheidung?

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Wie die woke Sprache die Welt verzerrt

Der Philosoph Peter Boghossian erklärt für das Magazin spiked, wie gesellschaftliche Diskurse durch die Einführung woker Begriffe unterminiert oder gar zerstört werden:

Zum Beispiel gibt es im Ungarischen kein spezifisches Wort für „Gender“. Folglich importieren und verwenden die Ungarn das englische Wort „Gender“ und damit auch den woken Diskurs, der mit diesem Begriff einhergeht … Das Gleiche ist mit anderen Sprachen wie Mandarin geschehen, wo es ebenfalls kein Wort für „Gender“ gibt … Der ideologische Inhalt dieser Worte ist im ausländischen Kontext viel deutlicher zu erkennen.

Mehr: www.spiked-online.com.

VD: CR

Das Gerede vom „sozialen Geschlecht“

Nachdem die Biologin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard explizit festgestellt hat, dass es nur zwei Geschlechter gibt, wird jetzt von interessierter Seite behauptet, man könnte doch „Geschlecht“ auch in einem gänzlich anderen Sinne verstehen. Aber in welchem? Auf diese Frage bleiben die Verfechter der Vielgeschlechtlichkeit eine klare Antwort schuldig, meint Uwe Steinhoff in dem Cicero-Artikel: „Das Gerede vom ‚sozialen Geschlecht‘“:

Ein grundsätzliches Problem der Debatte ist sicherlich, dass Apologeten der Vielgeschlechtlichkeit und Sozialkonstruktivisten nicht begreifen, dass das wilde Umdefinieren von Begriffen und somit Neuetikettieren von Dingen nicht dasselbe ist, wie eine wissenschaftliche Entdeckung zu machen. Die wissenschaftliche Begriffsexplikation eines alltäglichen Begriffs hat nämlich dem Wissenschaftstheoretiker Rudolf Carnap zufolge eine Ähnlichkeit mit dem Alltagsbegriff aufzuweisen, sowie exakt und einfach und vor allem fruchtbar zu sein, das heißt sich für wissenschaftliche Erklärungen und Voraussagen zu eignen. Der oben definierte Geschlechtsbegriff ist ein Paradebeispiel für die Erfüllung dieser Kriterien. Die Geschlechterinflation des Ethikrates und der „gender studies“ ist es nicht. Und so haben wir hier eine Seite, welche aus einer klaren, nämlich auf die Biologie zurückgreifenden Definition von Geschlecht und einer empirisch bestätigten Tatsache logisch gültig die Zweigeschlechtlichkeit ableitet. Das heißt, sie hat ein Argument. Und wir haben eine andere Seite, die nicht einmal erklären kann, was sie mit „Geschlecht“ überhaupt meint. Das freilich macht ihre Verkündigung der „Vielgeschlechtlichkeit“ zu nichts als leerem Gerede.

Warum hat dann die These von der „Vielgeschlechtlichkeit“ in gewissen Kreisen solch großen Erfolg? Ganz einfach: Wissenschaftliche Fruchtbarkeit und publizistische Ausschlachtbarkeit müssen nicht notwendig konvergieren. Klare Begriffe nämlich machen bullshitting, um einen englischen Ausdruck zu benutzen, um einiges schwieriger. Um ein Beispiel anzuführen: Der Biologe geht mit einem klaren Begriff von Geschlecht nach Papua-Neuguinea, stellt wenig überraschend fest, dass es auch dort kein drittes gibt, erzählt das einem Journalisten, und dieser verzichtet ebenso wenig überraschend auf die Schlagzeile: „Immer noch nur zwei Geschlechter.“

Der in der „Methodik“ der gender studies Geschulte hingegen geht mit einem unklaren oder gar keinem Begriff von Geschlecht in den Dschungel, entdeckt dort zölibatär lebende bogenschießende Lesben, sagt sich, „Ach, die nenne ich mal ein Geschlecht“, erzählt das einem Journalisten – und wird prompt als innovativer und „progressiver“ Zeuge der Vielgeschlechtlichkeit gefeiert, nicht zuletzt von Aktivisten, die „neue Geschlechter“ „sichtbar“ machen wollen und dafür im gegenwärtigen politischen Klima auf Fördergelder hoffen dürfen.

Mehr: www.cicero.de.

Carl Trueman: Der Siegeszug des modernen Selbst

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Das Buch Der Siegeszug des modernen Selbst ist inzwischen in deutscher Sprache erschienen und kann bei dem Verlag Verbum Medien oder im Buchhandel bezogen werden.

Professor Stephan Holthaus, Rektor der Freien Theologischen Hochschule in Gießen, schreibt über das Buch:

»Carl Trueman, Professor für Bibel- und Religionswissenschaft am Grove City College, analysiert unsere westliche Kultur unter der Fragestellung: ›Was macht eigentlich den Menschen aus?‹ Die ›Identitätsfrage‹ durchzieht nach Trueman die neuere Geistesgeschichte vom Individualismus bis hin zur Genderdebatte und der LGBTQ+-Bewegung. Die ›sexuelle Revolution‹ begann schon mit der Infragestellung unseres ›Selbst‹ durch Rousseau, dann folgten Marx, Darwin, Shelley, Nietzsche, Freud und zuletzt die ›Neuen Linken‹. Weil wir Gott verloren haben, haben wir auch uns selbst verloren, so Trueman. Die Sexualisierung unserer Gesellschaft und die Suche nach Authentizität sind dabei Ausdruck einer kollektiven Verunsicherung des Menschen, der auf der Suche nach seinem echten Wesenskern ist. Diese geniale Gegenwartsanalyse bleibt nicht beim Lamentieren stehen, sondern zeigt auf, wie unglaublich wichtig der christliche Glaube und unsere Identität in Gott in der modernen Zeit sind. Summa: Eine sehr spannende, tiefgründige und hochaktuelle Lektüre. Absolut empfehlenswert!«

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Professorin em. für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft am Institut für Philosophie der Technischen Universität Dresden, schreibt:

»Das Buch ist eine Augenöffnung – somit ein großer Dienst in verwirrten Zeiten. Es stellt sich der großen Aufgabe, vom Faktenwissen zum Orientierungswissen überzuleiten. Sofern heute Vernunft vielfach dehumanisiert wird, wird sie hier wieder in ihre Aufgabe eingesetzt: den Geist wahrheitsfähig zu machen.«

Harald Seubert, Professor und Fachbereichsleiter für Philosophie und Religionswissenschaft an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (Schweiz) sagt zum Buch:

»Carl Trueman hat ein augenöffnendes Buch über die Bewusstseinslage eines Maß und Mitte verlierenden Individualismus vorgelegt. Er klärt schonungslos auf und zeigt, wie dieser Individualismus sich selbst abschafft. Die globale sexuelle Revolution hat tiefe Hintergründe: Hier werden sie souverän ausgeleuchtet und entschlüsselt. Wer wissen will, was in unserer Zeit vorgeht und wie sich proklamierte Freiheiten in ihr Gegenteil verkehren, muss dieses Buch lesen. Gerade Orientierung suchenden evangelikalen Lesern und Leserinnen wird das Buch Argumente und neue Klarheit geben. Ein Must-have!«

Im Geleitwort zur deutschen Ausgabe heißt es:

Carl Trueman zeigt in seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst, dass wir in einer »entschöpflichten« (engl. decreated) und »entsakralisierten« (engl. desacralized) Welt leben. Mit Rückgriff auf Untersuchungen von Charles Taylor, Philip Rieff und Alasdair McIntyre zeichnet er kenntnisreich die Entwicklung nach, die zum »modernen Selbst« geführt hat. Die Fragen, die er stellt, sind von Gewicht und aktuell: Warum haben wir jenen metaphysischen Rückbezug verloren, der der menschlichen Identität und Moral über Jahrhunderte hinweg den nötigen Rückhalt gegeben hat, um Festigkeit und Bedeutung zu entwickeln? Wie ist es dazu gekommen, dass die stabile menschliche Natur sich verflüssigt hat und nun mehr und mehr verdampft? Woher stammt das Konzept eines Selbst, dass sich vor allem als psychologische und modellierbare Größe begreift? Woran liegt es, dass Sexualität – ja eigentlich eine zutiefst persönliche Angelegenheit – heute ein bemerkenswert öffentliches und machtpolitisches Thema geworden ist? Warum erscheint der Transgenderismus so vielen Leuten plausibel und unterstützenswert?

Der Historiker Carl Trueman geht in seiner Untersuchung zum »modernen Selbst« diesen Fragen und den zugrundeliegenden geistesgeschichtlichen Entwicklungen in einer Weise nach, die erkennen lässt, dass er verstehen möchte, was geschehen ist. Der Versuchung, vorschnelle oder polemische Kommentare und Antworten zu geben, widersteht er erfolgreich und liefert somit insbesondere christlichen Lesern einen nüchternen und zugleich erhellenden Beitrag zur Standortbestimmung. Die Kirchen brauchen dringend »ein tieferes und ganzheitlicheres Verständnis der modernen und postmodernen Gesamtlage«. Die spätmoderne Denkweise ist nämlich das Wasser, »in dem wir schwimmen, die Luft, die wir atmen«, wie Rod Dreher in seinem Vorwort schreibt. Wir können uns dem Einfluss dieser Kultur nicht nur nicht entziehen – allzu oft sind wir geneigte Teilhaber und Produzenten ihrer Lebensart.

Von mir gibt es für das Werk eine starke Empfehlung. Wer sich für das Thema interessiert, kommt an dieser Studie nicht vorbei. Wer sich für das Thema nicht interessiert, aber geistliche Leitungsverantwortung wahrnimmt, wird das Buch nicht ignorieren können, da uns Fragen um »Selbstverständnis«, »expressiven Individualismus«, »sexuelle Revolution« oder »Identität« in den nächsten fünfzehn Jahren intensiv beschäftigen werden.

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