Ich existiere, wenn ich bin, was ich sein will

Für seinen Debütroman Blutbuch hat Kim de l’Horizon den Deutschen Buchpreis 2022 erhalten. Das Buch erzählt die Familiengeschichte aus non-binärer Perspektive. Blutbuch sei von enormer Dringlichkeit und literarischer Innovationskraft, sagte Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels während der Preisverleihung. Sie schwärmte weiter: „Mit einer enormen kreativen Energie sucht die non-binäre Erzählfigur in Kim de l’Horizons Roman Blutbuch nach einer eigenen Sprache. Welche Narrative gibt es für einen Körper, der sich den herkömmlichen Vorstellungen von Geschlecht entzieht?“

Kim de l’Horizon will sich weder als Mann noch als Frau verstanden sehen. „Ich habe nie in diese Vorstellung von Geschlecht hineingepasst, in die Vorstellung, wie mein Körper aufwachsen soll, in was für einen Erwachsenenkörper ich hineinwachsen soll“, erklärter de l’Horizon gegenüber Deutschlandradio Kultur. Kim möchte sich der Unterdrückung, die vom eigenen Körper ausgeht, entziehen. „Geschlecht wird überall auf der Welt benutzt, um den Status quo beizubehalten, um die Macht bei den Körpern zu behalten. Und dagegen schreibe ich an“, so heißt es im Interview.

Hier spricht also jemand, der sich selbst von seinem eigenen Körper nicht mehr sagen lassen möchte, wer er ist. Der Gedanke: Körperlichkeit unterdrückt. Daher müssen wir Körper entmachten. Wir lassen uns durch unsere Leiblichkeit und das Geschlecht nichts mehr vorgeben, sondern erschaffen uns neu. Es gibt keine Essenz, die bestimmt, wer oder was wir sind. Es ist genau andersherum: Die Existenz geht unserem Wesen voraus. Ich erschaffe mich selbst und unterspüle und überschreite dabei die Kategorien, mit denen wir normalerweise sehen, hören, denken und fühlen.

Dieser Ansatz geht auf Lesarten Hegels zurück, die von Schülern Alexandre Kojéves (1902–1968) entwickelt worden sind. Jacques Derrida, Jacques Lacan (mit dem er befreundet war), Georges Bataille oder Michel Foucault bekannten sich zum großen Einfluss Kojèves auf ihr Denken. Sehr schön illustrieren lässt sich dieses Konzept des Selbst auch anhand des Existenzialismus, den Paul Sartre in seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts (1943) vorgelegt hat. Roger Scruton schreibt dazu (Narren, Schwindler, Unruhestifter, 2021, S. 124):

Philosophen des Mittelalters übernahmen von Aristoteles die Idee, dass wir die Frage danach, »was existiert«, beantworten können, indem wir die grundlegende Natur der Dinge erkunden. Wenn das, was ich vor mir sehe, existiert, dann ist es etwas. Wenn es etwas ist, dann gibt es etwas, was es ist. Und dieses etwas ein Mann, ein Hund, ein Stock, ein Haufen Sand – ist durch seine Essenz bestimmt. Deshalb heißt es, »die Essenz geht der Existenz voraus«: Wir erkennen die Welt, indem wir deren Wesen verstehen und nach den Dingen Ausschau halten, die sie beispielhaft veranschaulichen. Doch diese Art, Dinge zu betrachten, sagt Sartre, beruhe auf unhaltbarer Metaphysik. Es gibt keine menschliche Natur, weil es keinen Gott gibt, der eine Idee davon hätte. Das Wesen ist ein intellektuelles Konstrukt, das mit dem Geist, der es erdenkt, verschwindet. Deshalb ist unsere Existenz unsere begrifflich nicht gefasste Individualität, dessen Realität Freiheit ist – die alleinige Bedingung der Erforschung und der einzige sichere Punkt der Beobachtung einer Welt, der noch eine Bedeutung verliehen werden muss. Die wahre Voraussetzung von Philosophie ist deshalb »Existenz geht dem Wesen voraus«. Meine Existenz wird durch keine universelle Moralität bestimmt und hat kein vorhersagbares Schicksal, wie es in einer Vorstellung von der menschlichen Natur enthalten sein könnte. Der Mensch muss sein eigenes Wesen erschaffen, was eine Art Leistung ist: Er existiert nur dann vollständig, wenn er ist, was er zu sein beabsichtigt.

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2 Kommentare
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Udo
1 Monat zuvor

In der NZZ macht man ihn zur jesushaften Figur. „Kim de l’Horizon klagt kaum an, denkt und fühlt sich vielmehr in seine Widersacher hinein und versteht sie und ihre Motive am Ende vermutlich besser als sie sich selbst. Doch Kim de l’Horizon wird von beiden aus den gleichen Gründen angefeindet, nämlich dafür, sich ihrer Ordnung nicht zu unterwerfen. Kim de l’Horizon wird dabei zu einer jesushaften Figur und schreibt an Maurer: «Sie schicken mir Fäuste, ich küsse sie.» Den ganzen Text durchdringt der Wunsch nach Versöhnung und Verbindung. Aber auch dies bringt Kim de l’Horizon praktisch auf den Boden, indem er den Bundesrat einlädt, mit ihm ein Bier zu trinken.“ Und noch etwas zum Hintergrund: “Ausgangspunkt des Textes sind zwei Erlebnisse, die sich beide am 30. September dieses Jahres zugetragen haben. Am Morgen wird Kim de l’Horizon von einem Passanten in Berlin ein Faustschlag verpasst. Die Erklärung des Täters: «Normale Schwuchteln kann ich mittlerweile schlucken, aber du bist mir einfach zu… Weiterlesen »

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