Philosophie

Augustinus als Philosoph

PhiloGraig Bartholomew und Michael Goheen schreiben in ihrer Einführung zur christlichen Philosophie resümierend über Augustinus (Christian Philosophy: A Systematic And Narrative Introduction, Baker Academic, 2013, S. 72–73):

Augustinus ist ein philosophischer Gigant, dessen Einfluss tiefgreifend war und ist. Seine Bekenntnisse haben die Autobiographieschreibung zutiefst beeinflusst; seine Lehre von der Innerlichkeit hat Rene Descartes und Edmund Husserl inspiriert; sein Gottesstaat wurde immer wieder gedruckt und hat die Geschichtsphilosophie und das politische Denken geprägt. Und so könnte man fortfahren. Der zeitgenössische katholische Philosoph Alasdair MacIntyre identifiziert die Aufklärung, die aristotelisch-thomistische und die augustinische Tradition als die drei großen Strömungen, die uns heute zur Verfügung stehen. Und in der Tat würden wir uns in Bezug auf diese Traditionen als augustinisch positionieren.

Um Augustinus von einem christlichen Standpunkt aus zu bewerten, muss man jedoch zwangsläufig einschätzen, inwieweit seine Philosophie durch den heidnischen Neuplatonismus beeinträchtigt wurde. Es gibt unterschiedliche Ansichten, die von völliger Treue bis zu völliger Beeinflussung reichen. Wir schließen mit drei zusammenfassenden Bemerkungen.

Erstens ist es klar, dass Augustinus den Neoplatonismus nicht einfach unkritisch übernimmt. Tatsächlich wird ein Großteil des Neoplatonismus umgestaltet und die götzendienerischen Kategorien mit biblischen Inhalten gefüllt, wie oben erwähnt.

Doch zweitens werden viele biblische Akzente in Augustins Synthese des christlichen Glaubens und der platonischen Philosophie gedämpft, wenn nicht gar korrumpiert und in den Hintergrund gedrängt. Letztlich entwertet die Vertikalisierung, Individualisierung und Verinnerlichung der augustinischen Philosophie die Bedeutung der Geschichte als einer Geschichte der Wiederherstellung der Schöpfung durch Gott. Darüber hinaus wird die sapientia in diesem Kontext zu einer Fähigkeit, die nur dazu dient, Gott und die Seele zu erkennen, und nicht zur Untersuchung der Welt, die der niedrigeren Fähigkeit der scientia vorbehalten ist.

Schließlich müssen wir feststellen, dass Augustinus sich auf dem Weg hin zu mehr Schrifttreue befindet. Auch wenn eine neuplatonische Struktur bis zum Ende seines Lebens im Zentrum seines Denkens erhalten bleibt, so ist doch von seinem Dialog Gegen die Akademiker (386) über die Bekenntnisse (397-400) bis hin zum Gottesstaat (426) eine wachsende Einsicht zu finden, dass das Evangelium nicht umfänglich mit der platonischen Philosophie vereinbar ist.

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Das spurenlose Leben

Andreas Reckwitz hat in seinem Buch Die Gesellschaft der Singularitäten den Nachweis erbracht, dass in der Kultur der Postmoderne das Allgemeine und Standardisierte nicht mehr viel zählt. Der Durchschnittsmensch steht unter einem Konformitätsverdacht. Das Maß aller Dinge sind die Besonderen, die authentischen Subjekte mit originellen Biographien und Interessen. Die  spätmodernen Gesellschaften feiern jene, die sich von anderen unterscheiden (vgl. hier).

Timo Frasch bestätigt in einem FAZ-Kommentar die Gier nach Bedeutung und benennt damit verbundene Probleme. Viele Menschen gehe es wie Wladimir Putin: Sie wären gerne eine Großmacht. Sie wollen im Hier und jetzt „die Bewunderung, die Liebe oder die Angst der anderen“.

Und was er dann schreibt, klingt ein wenig nach der „Alles ist eitel“-Passage im biblischen Buch Prediger (vgl. bes. Pred 1,1–11):

Alles, was wir im Leben tun, tun wir im Bewusstsein, dass uns nicht unendlich viel Zeit dafür bleibt. In Wahrheit finden wir uns mit unserer Sterblichkeit aber gar nicht ab, sondern versuchen ihr ein Schnippchen zu schlagen, indem wir Kinder zeugen, Häuser bauen oder Bücher schreiben, von denen wir hoffen, dass sie „bleiben“. Alles vergebens. Denn je mehr Menschen auf der Welt gelebt haben, desto mehr konkurrieren um die knappen Ressourcen Erinnerung und Gedenken. Selbst wenn wir nach unserem Tod noch im Internet zu finden sind – keiner wird mehr danach suchen. Den meisten Literaturnobelpreisträgern geht es ja jetzt schon so. Die angeblich ganz Großen wie Cervantes oder Beethoven werden, sollte die Menschheit überleben, natürlich auch weiterleben. Doch als was? Als Projektionen, die vermutlich von Cervantes und Beethoven im Himmel, sollte es den denn geben, nicht wiedererkannt werden.

Während früher die Religion den Größenwahn noch relativieren konnte, will heute fast jeder – da die Ewigkeitsperspektive fehlt – die maximale Selbstverwirklichung in der Zeit: „Die Selbstermächtigung des Menschen, die natürlich auch viel Gutes gebracht hat, wurde seinerzeit noch abgefedert durch die Religion. Aber auch das könnte sich bald erledigt haben. Dann sagt keiner mehr, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück, sondern nur noch: Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst.“

Dabei, so das Fazit von Frasch, braucht es dringend mehr Menschen, die damit zufrieden sind, keine Spuren zu hinterlassen.

Hier mehr (allerdings hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Warum die Biologie nur zwei Geschlechter kennt

Auffällig viele Journalisten und Gender-Experten sind derzeit um den Nachweis bemüht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt (vgl. hier). So behaupten zwei Sprachwissenschaftlerinnen in der ZEIT, einen „Konsens, was definitiv und im Detail das Geschlecht festlegt“, gebe es „in der Forschung nicht“. Folglich existierten selbstverständlich mehr als zwei Geschlechter.

Es blüht die Pseudo-Expertise, meinen Uwe Steinhoff und Aglaja Stirn in einem Gastbeitrag für die FAZ und verteidigen die Expertise von Marie-Luise Vollbrecht:

Der Biologin wird von diesen Expertise abgesprochen und die besagte Wahrheit zur unwissenschaftlichen „Meinung“ erklärt. Es kommt einem der Kinderreim „Wer es sagt, der ist es auch“ in den Sinn. Denn Vollbrechts Kritiker sind entweder völlig frei von biologischer Expertise oder doch zumindest von dem Willen, diese gegen den genderideologischen Zeitgeist auch in Anschlag zu bringen.

So behaupten zwei Sprachwissenschaftlerinnen in der „Zeit“, einen „Konsens, was definitiv und im Detail das Geschlecht festlegt“, gebe es „in der Forschung nicht“. Dies belege „eine Vielzahl von Forschungsliteratur (etwa Nature: Ainsworth, 2015 oder Making Sex Revisited: Voß, 2011)“. Der Aufsatz in „Nature“ ist jedoch keine „Forschungsliteratur“, sondern lediglich ein Essay einer Wissenschaftsjournalistin. Die hat zudem auf die kritische Nachfrage: „Behaupten Sie, es gebe mehr als zwei Geschlechter?“ auf Twitter klargestellt: „Nein, nicht im mindesten. Zwei Geschlechter, mit einem Kontinuum von Variationen in der Anatomie/Physiologie.“ Ainsworth behauptet also genau dasselbe wie Vollbrecht. Unseren Sprachwissenschaftlerinnen ist das entgangen.

…

Das ZDF wiederum, dem eine Autorengruppe, der auch Vollbrecht und der Erstautor des vorliegenden Artikels angehören, die Verbreitung der Falschaussage der „Vielgeschlechtlichkeit“ vorgeworfen haben, bestätigt den Vorwurf abermals mit einem Interview, bei dem man sich fragt, wie lange das ZDF hat suchen müssen, um einen Evolutionsbiologen zu finden, der sich unklar genug ausdrückt, um die intendierte Botschaft zu senden. So redet der Interviewte von der „chromosomalen Geschlechtsbestimmung“ und erklärt, dass Männer „ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X-Chromosomen“ besitzen. Erstens sind Männer und Frauen evolutionsbiologisch keine Geschlechter, sondern die Geschlechter sind das männliche und das weibliche, und das gibt es nicht nur bei Männern und Frauen, sondern auch bei Jungen und Mädchen wie auch bei Spargel. Zweitens sind Menschen mit Turner- oder Klinefelter-Syndrom (beides chromosomale Anomalien) ebenfalls Frauen oder Männer. Er meint zudem: „Es gibt keine klaren Kategorien männlich/weiblich, es gibt nur einen Durchschnitt.“ Falsch. Um statistisch den Durchschnittswert einer Klasse bestimmen zu können, muss man zunächst einmal die Elemente der Klasse identifizieren können. Anders gesagt: Um zu berechnen, wie der Durchschnittsmann aussieht, muss man zunächst wissen, was ein Mann ist – dafür bedarf man klarer Kategorisierung. Als i-Tüpfelchen des Interviews bekommen wir dann auch noch sozialkonstruktivistische Slogans: „Wenn ich aber Geschlecht darüber definiere, wie ein Mensch reagiert und sich verhält, dann sind zwei Geschlechter nur ein soziales Konstrukt.“

Mehr hinter einer Bezahlschranke: www.faz.net.

Putin widerlegt Nietzsche

Wladimir Putin ist ein lebendiger Beweis dafür, dass Nietzsche mit seiner Philosophie des Stärkeren völlig falsch lag. Nietzsche sagte (Der Antichrist, § 17, KSA, Bd. 6, S. 183; § 7, S. 174):

Wo in irgend welcher Form der Wille zur Macht niedergeht, giebt es jedes Mal auch einen physiologischen Rückgang, eine décandence.

Nichts ist ungesunder, inmitten unsrer ungesunden Modernität, als das christliche Mitleid.

Sonst: Ich bin erschüttert über die Ereignisse in der Ukraine. Eines der größten Länder der Welt – mit einer der größten Armeen, die es gibt – zieht in einen brutalen Angriffskrieg. Meine Gedanken und Gebete sind bei den Ukrainern. Sie sind auch bei den vielen friedliebenden Russen, die sich für die Allmachtsphantasien Putins schämen und gegen seine Kriegspolitik Stellung beziehen. Und sie sind bei den Menschen in den Anliegerstaaten. Besonders sind sie bei den Bürgern und Freunden im Baltikum. Ich habe dort sechs Jahre gelebt und erinnere mich an die Tage, als sich die baltischen Länder von der russischen Besatzung befreien konnten. Was für Freudentage. Ich bin fassungslos, dass nun die alten Ängste zurückkehren. Möge Gott das Schlimmste verhindern.

Der blinde Fleck der Postmoderne

Objektivität? Gibt es nicht. Wirklichkeit? Die wird von Menschen sozial konstruiert. Wahrheit? Das ist eine Frage der Perspektive. Dieses postmoderne Denken fällt der poststrukturalistischen liberalen Elite jetzt auf die Füße, meint der Schriftsteller und Kolumnist Alexander Estis. Die Verzauberung der Welt durch das postmoderne Denken führt dazu, dass vernünftige Diskurse Seltenheitswert haben. Estis sagt: 

Die Rechte hält uns einen hässlichen Zerrspiegel vor: Schaut nur! Ihr sagt ja selbst, dass die Naturwissenschaften keinerlei Objektivität für sich geltend machen können. Dass deren Allgemeinheitsanspruch nur aufgrund einer logozentrischen, eurozentrischen, kulturrelativistisch betrachtet unhaltbaren Monopolstellung behauptet werden kann. Dass die Naturwissenschaft also nur eine unter vielen möglichen Sichtweisen auf die Welt darstellt.

Wenn das so ist, brauchen wir den Naturwissenschaftlern keinen Glauben zu schenken – und können uns beispielshalber Impfungen ohne Weiteres verweigern. Wenn alles nur gesellschaftliches Konstrukt ist, dann mag auch die Pandemie konstruiert sein. Wenn es keine absolute Wahrheit gibt, dann habe ich eben meine eigene Wahrheit und meine alternativen Fakten.
Viele Linksintellektuelle echauffieren sich jetzt zurecht über Fake News, Verschwörungstheorien und grassierenden Antiszientismus. Auch wenn sie diesen Phänomenen gewiss nicht den Boden bereitet haben, können sie ihnen doch auch kein philosophisch fundiertes Bekenntnis zu Rationalität, Aufklärung und Wissenschaftlichkeit entgegensetzen. Sie haben ihr erkenntnistheoretisches und logisch-kritisches Rüstzeug freiwillig auf dem Altar vermeintlicher Fortschrittlichkeit niedergelegt und mit ihm die regulative Idee der Wahrheit verspielt. So verloren sie jegliche Wehrhaftigkeit gegen die Handlanger der Lüge und Unvernunft.

Hier der Einwurf von Alexander Estis, veröffentlicht beim DLF:

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Der Siegeszug des modernen Selbst

Daniel stellt in seiner ausführlichen Rezension sein Lieblingsbuch aus dem Jahr 2021 vor. Es geht um The Rise and Triumph of the Modern Self von Carl R. Trueman. Daniel schreibt: 

Um verstehen zu können, warum die Aussage “Ich bin ein Mann gefangen im Körper einer Frau” heutzutage zutiefst die Identität einer Person ausmacht, oder etwas allgemeiner formuliert, warum Sexualität in unseren Tagen für den Großteil der Menschen Identität ist, bedient sich Trueman der Frameworks der Philosophen Charles Taylor und Alasdair MacIntyre sowie des Soziologen Philip Rieff. Besonders hilfreich bei Taylor ist der von ihm geprägte Begriff der sozialen Idee (social imaginary), der beschreibt, wie sich Individuen die Welt, in der sie leben, und ihre Beziehung zu ihr vorstellen. Hier gilt es zwei Arten der Weltanschauung zu unterscheiden: während Mimesis die Welt als einen Ort ansieht, in dem Sinn von außen vorgegeben ist oder zumindest gefunden werden kann, beschreibt Poiesis eine Welt als Ort, der letzlich allein von Atomen bestimmt wird und den es in einer anderen Konstellation des Zufalls nie gegeben hätte. Eine erste Beobachtung von Trueman ist diejenige, dass die Welt in unserer Zeit von einer vormals mimetischen zu einer mehr und mehr poetisch aufgefassten geworden ist.

Rieffs Arbeit hilft uns zu verstehen, dass der Mensch lernt, wer er ist, wenn er lernt, wie er zu seiner Gesellschaft passen kann. Die Auffassung hat hierbei im Zeitablauf einen signifikanten Wandel erlebt: hat früher der political man sich selbst als Teil eines antiken/mittelalterlichen Stadtstaates gesehen, dem gegenüber man loyal sein musste, spürte der religious man in der Folge eine starke Beziehung zu seinem Glauben. Die Unterscheidung zwischen dem economic man und dem heutigen psychologic man lässt sich gut anhand eines Beispiels beschreiben: der economic man war dann zufrieden mit seiner Arbeit, wenn er sich und seine Familie ernähren und Schuhe für seine Kinder kaufen konnte – unabhängig davon, wie schmutzig und hart sein Job war. Dem heutigen psychologic man jedoch ist es wichtig, Erfüllung, Verantwortung und Spaß in seiner Arbeit zu finden, auch wenn das negative Folgen für seine Außenwelt bedeuten würde – individuelles psychologisches Wohlbefinden triumphiert.

Trueman zeigt auf, dass eine frühere Gesellschaft bildende Institutionen (Schulen, Universitäten) dahingehend nutzte, Einzelne zu formen und sie ihren Werten und Normen gerecht zu erziehen. Infolge des Shifts zum psychologic man jedoch sind externe Muster zur Repression geworden und Schüler gehen heute in die Schule um zu performen, nicht um geformt zu werden. Das Individuum ist zum König mutiert. Wenn Identität jedoch eine Sache allein der social imaginary des Einzelnen geworden und das Denken des Menschen als souverän angesehen wird, so wird Identität so unendlich wie die menschliche Vorstellungskraft. Jeder kann jeder werden und sein. 

Mehr hier: philemonblog.de.

Übrigens: Der Verlag Verbum Medien arbeitet derzeit in Kooperation mit dem Netzwerk Evangelium21 an einer deutscher Ausgabe des Buches.

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Alles Einstellungssache

Alles eine Sache der Perspektive, meinen die Postmodernen. Bei der Abtreibungsfrage klingt das dann so (FAS vom 14.11.2021, Nr. 45, S. 15): Die Zeichnerin Julia Zejn zeigt Schwangerschaftsabbrüche so, wie viele Frauen sie empfinden: Als Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen wird, aber mit der sie im Reinen sind. Ich zitiere:

„Ihre Protagonistin sagt bei der Beratung, sie habe kein schlechtes Gewissen dem Embryo gegenüber. War das bei Ihnen auch so?
Ja. Ich habe das nicht als Wesen gesehen, sondern als ungewollte Schwangerschaft. Wenn man gewollt schwanger ist, hat man einen ganz anderen Bezug dazu. Gerade am Anfang einer Schwangerschaft sind Muttergefühle eine Einstellungssache.“

Jetzt stellen wir uns mal vor, wir reden mit einem, der eine Tankstelle brutal überfallen hat. Das geht dann so:

Haben Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Tankstellenwärter, den sie ermordet haben?

Ich habe den Tankstellenwart nicht als menschliches Wesen gesehen, sondern als ein Ereignis, das in meine aktuelle Lebenssituation und meine Pläne nicht hineinpasst. Das ist letztlich eine Einstellungssache.

Charles Taylor wird 90

Der kanadische Philosoph Charles Taylor wird heute 90 Jahre alt. Christian Geyer würdigt ihn mit dem Artikel „Zauber der Vernunft“ (FAZ, 05.11.2021, Nr. 258, S. 13). Zwei Zitate: 

Warum Taylor zu den großen Säku­la­ri­sie­rungs-Theo­re­ti­kern gehört, hat damit zu tun, dass er die Frage nach Gott moder­ne­kri­tisch einfach umdreh­te. Nicht nach Art von Subs­trak­ti­ons­theo­ri­en wollte er die Moder­ne denken, also nicht so, dass der Mensch sich erst seiner Tran­szen­den­zen entle­digt hätte, bevor er das Licht der Vernunft erblickt. Sondern um­gekehrt erklär­te Taylor die Tran­szen­denz­lo­sig­keit zu einer Schwund­stu­fe der Vernunft, zur Minus-Vernunft.

…

Die Verleug­nung der Tran­szen­denz oder besser: den Verlust ihrer Selbst­ver­ständ­lich­keit macht Taylor verant­wort­lich für die libe­ra­lis­ti­schen Fehl­ent­wick­lun­gen der Mo­derne. Von diesem Verlust her er­kennt er ein Versie­gen von mora­li­schen Quel­len, ohne welche das Selbst- und Welt­ver­ständ­nis des Menschen defi­zi­tär bleibe, wie er in seinem Haupt­werk „Quel­len des Selbst. Die Entste­hung der neuzeit­li­chen Iden­ti­tät“ darzu­le­gen suchte. Es ist dieser reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Kern, um den herum Taylor seine An­thropologie baute, über Jahr­zehn­te in etli­chen Büchern und Aufsät­zen entfal­te­te, dabei durch­gän­gig den psycho­lo­gi­schen Beha­vio­ris­mus als Fehl­an­zei­ge brand­mar­kend. „Wie wollen wir leben?“ – diese bewusst volun­ta­ris­tisch formu­lier­ten, vom aufge­klär­ten In­di­viduum her gestell­te Frage nimmt die Sinn­fra­ge in die eigene Regie.

Habermas: Abschied von der Metaphysik

Hin und wieder treffe ich auf Leute, die bei Habermas eine gewisse Hinwendung zum Religiösen vermuten. Das kann damit zusammenhängen, dass er sich im Jahr 2004 mit Joseph Ratzinger getroffen hat. Seine Dankesrede zum Thema „Glauben und Wissen“ anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels mag auch eine Rolle gespielt haben. Und freilich haben einige Denker und Autoren aus seiner Philosophiegeschichte herausgelesen, die Philosophie sei irgendwie doch auf die Religion angewiesen.

Auf einer ihm gewidmeten Tagung in Tutzing hat der 92 Jahre alte Jürgen Habermas nun mit diesem Gerücht Schluss gemacht. Der Abschied von der Metaphysik entlocke ihm keine Träne. Die FAZ berichtet:

Angesichts etlicher Vorträge, die nach der sozialen Bindekraft religiöser Riten in säkularen Gegenwartsgesellschaften fragten (Thomas Schmidt) oder seiner Luther-Interpretation auf den philologischen Zahn fühlten (Micha Brumlik), legte Habermas Wert auf die Klarstellung, dass er ein „religiös unmusikalischer“ Denker geblieben sei. Er habe den Eindruck, das Buch aus anderen Motiven geschrieben zu haben, als bisher in dessen Diskussion hervorgetreten sei. Habermas charakterisierte seine Anliegen als „immanent philosophische“. Davon abgesehen, dass er ein Bild der Philosophiegeschichte berichtigen wollte, in dem das scheinbar „dunkle Mittelalter“ und die es beschäftigenden Probleme im Verhältnis von Glauben und Wissen noch nicht den gebührenden Platz einnehmen, habe er mit seiner drei Jahrtausende umfassenden Philosophiegeschichte „Tendenzen der Verengung und Spezialisierung des Faches performativ kritisieren“ wollen, dessen Abstraktionsniveau oft keinen Bezug mehr zu „maßgebenden Fragen“ erkennen lasse.

Ausdrücklich distanzierte sich Habermas damit auch von seinem eigenen, auf dem Hegel-Kongress 1981 vorgetragenem Verständnis der Philosophie als „Platzhalter“, wonach sie als Produzent substanzieller Fragestellungen unersetzlich sei, die Antworten aber den Wissenschaften überlassen müsse. Demgegenüber wollte er im aktuellen Werk einen anspruchsvollen Begriff der Philosophie erneuern, der sie nicht nur auf Begriffsanalyse oder wissenschaftliche Zubringertätigkeiten beschränkt, sondern in ihr Beiträge zu einer „rationalen Welt- und Selbstverständigung“ sieht.

Mehr hier: www.faz.net.

Postmodernismus: Eine Kritik von links

41t1Y mMVBL SX351 BO1 204 203 200Der zur SPD gehörende Politikwissenschaftler Nils Heisterhagen macht den postmodernen Pluralismus für die Krise der Moderne verantwortlich. Ich zitiere mal aus dem Fazit seines Buches Kritik der Postmoderne (Springer, 2017, S. 241ff.):

Der Sprengstoff, der das Zusammenleben bedroht, ist der Relativismus . Es ist die Auffassung der Absage an Begründbarkeit, es ist die Aufgabe von Allgemeinheit.

…

Der Relativismus regiert. Der Relativismus beherrscht den Zeitgeist. Der Blick für das Ganze geht so auch verloren. Das Subjekt schaut immer mehr auf sich. Das Wachsen des individualistischen Moments sorgt für eine Erosion der Moderne. Die Suche nach der Wahrheit und dem Gemeinsamen geht verloren. Der Neoliberalismus als hegemoniales Denken ist in so einem postmodernen Rahmennahezu logisch. Der Neoliberalismus passt zum postmodernen Zeitgeist. Es ist eine Hochzeit des Subjektivismus, die beide zusammengeführt hat. Die Postmoderne ist das Gerüst, wodurch der Neoliberalismus überhaupt erfolgreich stehen kann. Ohne die Postmoderne wäre der Neoliberalismus niemals so hegemonial. Der zusammengeführte postmoderne Liberalismus reklamiert für sich die Individuen befreit zu haben, aber er hat so gleichsam das Ganze geopfert. Der Blick für das Ganze ist verstellt. Das Allgemeine als Kategorie ist erodiert. Und die Postmoderne ist schuld. Die Schuld der Postmoderne liegt also darin, dem Relativismus alle Türen geöffnet zu haben, und sie liegt darin, dem Neoliberalismus zur Hegemonie verholfen zu haben.

Der postmoderne Zeitgeist ist aber ein Resultat eines Irrtums, eines Fehlers der Philosophiegeschichte. Und auch der Neoliberalismus ist eine Verirrung, auch er ist ein Fehler .

…

Ein neuer Konsens ist so gefordert. Findet er sich nicht, könnte auch zunehmend die Toleranz erodieren, die die postmodernen relativistischen Gesellschaften des Westens momentan noch einigermaßen befriedet. Ein Toleranzethos hält die relativistischen Gesellschaften noch zusammen. Als Toleranzdemokratien funktionieren die liberalen Demokratien noch. Aber sobald die Toleranz mehr und mehr schwindet, und der Antagonismus, der immer eine Möglichkeit des Relativismus ist, voll durchbricht, werden die liberalen Demokratien auch wieder zu Demokratien werden, wo Gewalt, Hass und Hetze als legitime Mittel des politischen Streits angesehen werden.

…

Wir müssen aufhören der Illusion zu erliegen, dass das „Ende der Geschichte“ (vgl. Fukuyama 1992) bereits erreicht sei. Denn das Ende ist nicht erreicht. Die Postmoderne darf nicht das Ende sein. Es muss weiter gehen. Der Relativismus ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Der Relativismus ist sogar das Ende der Philosophie. Dabei darf es nicht bleiben. Das war es einfach noch nicht. Das „goldene Zeitalter“ ist noch nicht erreicht.

Es braucht nun eine neue Philosophie.

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