Postmoderne

Denker ohne Punkt und Komma

Slavoj_Zizek.jpgSlavoj Žižek ist einer jener Berufsintellektuellen, die vor allem unerwartet sein wollen, ein Hysteriker wider den Zeitgeist. In dem Film »Žižek!«, der über ihn zu sehen war, erklärt er an einer Stelle, dass er nie aufhören könne zu reden. Wenn, so führt er aus, die Kette der Wörter abreißen würde, könnte das Publikum merken, dass dahinter nur ein großes Nichts zum Vorschein komme.

Weiter schreibt die FAZ:

Gestern ergoss sich Žižek orgiastischer Redestrom in die Leitartikelspalten der »New York Times«. Ein Denkanstoß zum 9. November unter der Überschrift »20 years of collaps«. Der gebürtige Slowene (und also ipse facto Osteuropa-Experte) greift zu diesem Anlass ins Repertoire des Unerwarteten und schüttelt den Kopf über den neu entflammten Anti-Kommunismus in Osteuropa – mit der pychoanalytischen Pointe, dass es sich bei diesem Anti-Kommunismus in Wahrheit um einen verdrängten Anti-Kapitalismus handele, weil – nun wieder ins Fach der politischen Theorie wechselnd – der Kapitalismus alle hässlichen Seiten des Kommunismus in sich trage: dessen Personal, dessen Korruption, dessen neue und alte Tricks.

Jemand, der bei Jacques Lacans studiert hat, muss das wahrscheinlich so sehen.

Hier der vollständige Artikel: www.faz.net.

Postmoderne – eine Definition

Zygmunt Bauman (Ansichten der Postmoderne, 1995, S. 9):

Postmoderne ist ein Freibrief, zu tun, wozu man Lust hat, und eine Empfehlung, nichts von dem, was man selbst tut oder was andere tun, allzu ernst zu nehmen.

P.S. Ich sollte hinzufügen, dass Bauman einer der großen postmodernen Denker ist.

Sind Sie neidisch auf »Infinite Jest«, Mr. Eugenides?

Wie froh wäre ich, könnte ich die FAZ abonnieren. Bei all dem dumpfen Wahlkampfgeplärr lässt die Zeitung nach wie vor hoffen, dass es um unsere Republik nicht ganz so schlimm bestellt ist, wie es gelegentlich scheint.

Felicitas von Lovenberg hat sich für die FAZ in Berlin-Kreuzberg mit dem erfolgreichen amerikanischen Schriftsteller Jeffrey Eugenides getroffen und über Infinite Jest (dt. Unendlicher Spaß) gesprochen. Sehr lesenswert: www.faz.net.

Empfohlen sei zudem die Rezension über Unendlicher Spaß von Richard Kämmerlings.

David Foster Wallace, der genialische Autor dieses Werks, der sich nach jahrelangen Depressionen im vergangenen September das Leben nahm, war ein ernsthafter Mensch, unendlich ernsthaft, möchte man heute, nach seinem traurigen Ende, sagen. »Infinite Jest« ist ein moralisches, ja moralistisches Buch über den gegenwärtigen American way of life und damit über den Entwicklungsstand unserer Kultur. Es ist ein Buch über die Leere im innersten Zentrum unserer Gesellschaft, die der Einzelne mit Süchten, Zerstreuungen, Obsessionen und Unterhaltungen aller Art ersatzweise füllt und so verdeckt und verdrängt. Unendlicher Spaß ist das Codewort einer düsteren Zukunftsvision, als Endpunkt menschlicher Evolution bedeutet er den Tod der Kultur und den Tod des Subjekts – und zwar in einem ganz konkreten, nicht übertragenen Sinne. Dieses anstrengende, schwierige, die Geduld des Lesers strapazierende Buch mit dem Titel »Unendlicher Spaß« ist ein Gegengift.

Hier die Buchbesprechung: www.faz.net.

Is There a Meaning in This Text?

0310324696.jpgAls ich vor ungefähr acht Jahren das Buch Is There a Meaning in This Text? von Kevin J. Vanhoozer bekam, war ich tief beeindruckt von der Gründlichkeit und Sachlichkeit, mit der Vanhoozer die Herausforderungen der postmodernen Hermeneutik darstellt und bearbeitet.

Auch wenn ich ihm nicht in allen Schlussfolgerungen folge, möchte ich sein Buch, das im September 2009 in einer Jubiläumsausgabe erscheint, sehr empfehlen.

D.A. Carson sagt zum Buch:

What starts off as contemporary hermeneutics to justify the move from biblical text to systematic theology becomes full-blown, highly sophisticated, theological hermeneutics in Is There a Meaning in This Text?. The decade this book has been in print has not diminished my enthusiasm for it. Vanhoozer is one of the few contemporary scholars who takes a balanced measure of postmodern thought within an unflinching Christian confessionalism. Here is neither mere traditionalism nor ephemeral faddishness. If in certain respects the discussion has moved on since Vanhoozer authored this book, that is merely a way of saying that his contribution toward pointing the way forward—the Christian way forward—out of several interpretive morasses has been seminal.

Hier eine Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis. Das Buch:

kann hier bestellt werden:

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Sloterdijk: »Uns hilft kein Gott«

21m+xPr6XmL._SL160_.jpgGuru Peter Sloterdijk stellt in einem Interview mit der FAZ sein neues Buch »Du musst dein Leben ändern« vor und erklärt uns, was sich ändern muss, damit die Menschheit überlebt.

Diesmal hat Sloterdijk die Weltrettungsformel gefunden und vermarktet sie unter dem Namen ›Ko-Immunismus‹.

Ich gehe von einer starken ontologischen These aus: Intelligenz gibt es. Aus ihr folgt eine starke ethische These: Intelligenz existiert in positiver Korrelation mit dem Willen zur Selbstbewahrung. Seit Adorno wissen wir, dass diese Korrelation in Frage gestellt werden kann – das war die suggestivste Idee der älteren Kritischen Theorie. Sie ging von der Beobachtung aus, dass die Intelligenz sich in der Richtung irren kann und Selbstzerstörung mit Selbsterhaltung verwechselt. Dies gehört zu den unvergesslichen Lektionen des zwanzigsten Jahrhunderts. Was jetzt auf der Tagesordnung steht, ist eine affirmative Theorie der globalen Ko-Immunität. Sie begründet und orientiert die vielfältigen Praktiken des gemeinsamen Überlebens.

Hier das Interview: www.faz.net.

Fortan wird Foucault die Wahrheit sagen

Vor 30 Jahren starb Michel Foucault. Jürg Altwegg hat für die FAZ die letzten Tage des französischen Philosophen nachgezeichnet sowie die merkwürdige Verdrängung seiner Fehlleistungen thematisiert.

Im Lob seiner intellektuellen Ethik und Philosophie der Sexualität, das jetzt angestimmt wird, erinnert aus Anlass von Foucaults Todestag wie des dreißigsten Jahrestags der islamischen Revolution in Iran kein Mensch an Foucaults Unterstützung der Ajatollahs. Das Buch von Janet Afary und Kevin B. Anderson über »Foucault and the Iranian Revolution« ist nie auf Französisch erschienen. Die Autoren erklären seine blinde Hymne auf Chomeini, der im Februar 1979 die Macht übernahm, mit dem Hass des Denkers auf die politischen und wirtschaftlichen Systeme, auf den Staat und den Kapitalismus. Sie wird bei den laufenden französischen Foucault-Fest-und-Trauerspielen genauso ausgeblendet wie die verschämte Verlogenheit, mit der nach seinem Tod um dessen Ursache herumgeredet wurde. Auch in den Debatten über die psychiatrischen Kliniken, die Sarkozy in Hochsicherheitstrakte verwandeln will, und die Gefängnisse, aus denen wöchentlich Selbstmorde gemeldet werden, ist er merkwürdigerweise überhaupt nicht präsent.

Hartnäckig wird Foucaults Faszination für Chomeinis Revolution verdrängt. Und fast ebenso systematisch die Reise der »Tel Quel«-Redaktion 1974 nach China verharmlost.

Über die zahlreichen Merkwürdigkeiten bei Foucault gäbe es so viel zu sagen.

Hier der vollständige Beitrag von Jürg Altwegg: www.faz.net.

Jetzt sind wir Großen dran

Da ich ungefähr zehn Jahre regelmäßig das Magazin DER SPIEGEL gelesen habe, wurde ich kürzlich mit einem freien Kurzabo belohnt.

(Nebenbemerkung: Natürlich war es keine Belohnung. Der Verlag wollte mich durch diese kleine Aufmerksamkeit »zurückholen«. Allerdings habe ich dem Anrufer aus Hamburg, der mich nach der Aktion kontaktierte, mitgeteilt, dass mir das MAGAZIN zu ›links‹ sei und ich inzwischen lieber CICERO lese.

Der nette Mann – nicht vergleichbar mit einem klassischen Telefonwerber – reagierte hörbar irritiert und erklärte, dass er über meine Aussage überrascht sei. Die meisten Leser würden sich darüber beschweren, dass das MAGAZIN inzwischen nicht mehr ›links‹ genug sei. Aber der Verlag habe reagiert und erste Schritte unternommen, um diesem Bedürfnis der Leserschaft entgegen zu kommen.)

Jedenfalls las ich vergnügt meinen SPIEGEL und entdeckte dabei, dass zwei Bücher des Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie Michael Winterhoff auf der Bestsellerliste ›Sachbuch‹ stehen.

Kurz:

Der postmoderne Mensch hat mit seiner strategischen Entgrenzung ein Identitätsproblem. Er weiß nicht, wer er eigentlich ist. Der Bonner Psychotherapeut hat erkannt, dass diese »Sinnlosigkeit« auf den Erziehungsalltag durchschlägt und Eltern vermehrt ihre Kinder als Kompensation für ihr eigenes Sinn-Defizit wahrnehmen und benutzen. Mit schwerwiegenden Folgen.

Vergangenes Jahr habe ich für das Journal factum das erste Buch Winterhoffs rezensiert. Freundlicherweise hat mir der Verlag erlaubt, den Text hier im Blog zu veröffentlichen.

Jetzt sind wir Großen dran

11nfrl9d-ql_sl160_Ein befreundeter Familientherapeut aus der Schweiz weihte mich im vergangenen Jahr in eine interessante Beobachtungen ein. »In immer mehr Familien«, so sagte er, »werden die Eltern von ihren Kindern erzogen«.

Für den jungen Herbert Grönemeyer, der sich 1986 »Kinder an die Macht« wünschte, mögen das paradiesische Verhältnisse sein. Für die Gesellschaft ist das ein Alptraum. Was Kinder nämlich brauchen, sind starke Eltern, die Geborgenheit vermitteln und Grenzen aufzeigen. Was Kinder vielerorts haben, sind überforderte Eltern, die nicht mehr erziehen können oder wollen. Pädagogen treffen so in den Klassenzimmern auf Schüler mit belastenden Konzentrationsschwächen und Verhaltensstörungen. Lehrkräfte in den Betrieben müssen Auszubildende mit ausgeprägter Anspruchshaltung und ohne Frustrationstoleranz bemuttern. Die Ich- und lustbezogene Lebenseinstellung macht viele Jugendliche praktisch arbeitsunfähig.

Wie erschöpft die Gesellschaft ist, kann man im Fernsehen bestaunen. In den allgegenwärtigen TV- und Reality-Shows sehen wir hochdosiert, was sich in vielen Häusern tatsächlich abspielt: kreischende Mütter, lethargische Väter, schlagende Kinder. Die Internetseite von »Teenager aus Kontrolle« beschreibt es so: »Sie saufen, sie kiffen, sie klauen und machen auch sonst alles, was der liebe Gott verboten hat.«

Was macht Kinder zu solchen Tyrannen? Der Bonner Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie, Michael Winterhoff, macht in einem viel beachteten Buch verunsicherte Erwachsene für die gesellschaftliche Fehlentwicklung verantwortlich. Demnach haben die Eltern selbst so zahlreiche Probleme, dass sie ihre Kinder nicht als Kinder, sondern wie ebenbürtige Partner behandeln. Die Erwachsenen kompensieren unbewusst eigene Defizite über Kinder und verhindern so, dass diese sich als zur Reife geführte Persönlichkeiten verantwortlich in die Gesellschaft einordnen können.

Winterhoff ist vor ungefähr 10 Jahren aufgewacht. Gab es früher pro Schulklasse 2 bis 3 auffällige Kinder, so findet er inzwischen bei einem Drittel der Schüler Auffälligkeiten in den Bereichen Motorik, Wahrnehmung, Sozialverhalten sowie Sprach- und Lernfähigkeit. Die zu Grunde liegende Störung ist dabei fast immer der Narzissmus. Selbstverliebte Kinder meinen, Mittelpunkt der Welt zu sein. Eltern nehmen die Verhaltensprobleme oft gar nicht wahr. Im Gegenteil: übertriebene Selbstgefälligkeit und mangelnde soziale Anpassungsfähigkeit werden als »Ich-Stärke« ausgelegt. Hauptsache, das Kind hat seinen Spaß.

Kleine Kinder leben mit der Annahme, sie seien allein auf der Welt und könnten rein lustbetont ihren Willen ausleben. Mit der Zeit müssen sie jedoch lernen, die Außenwelt und andere Menschen als Begrenzungen ihres eigenen Ichs zu respektieren. Da heute das Autoritätsgefälle zwischen Eltern und ihren Kindern weitgehend verschwunden ist, fehlen diejenigen, die helfen, diese Grenzen zu vermitteln. »Das Problem besteht darin, dass viele Eltern, aber auch Erzieher und Lehrer, das Gefühl dafür verloren haben, den Kindern diese Begrenzung zu vermitteln. Sie nehmen das Kind in seiner vermeintlichen Persönlichkeit wahr und bestärken es eher noch in den angenommenen Merkmalen. Damit wird eine altersgerechte Weiterentwicklung des Kindes verhindert, es verbleibt in einer frühkindlichen psychischen Phase und wird immer Schwierigkeiten haben, sich im Alltag zurechtzufinden, der ständig das Anerkennen von Grenzen fordert« (28–29).

31kmg-afg4l_sl160_Winterhoff diagnostiziert drei typischen Beziehungsstörungen zwischen Eltern und ihrem Kind. Die erste Form der Beziehungsstörung ist heute ein Regelfall und wird von ihm als Partnerschaftlichkeit bezeichnet (113). Kinder und Erwachsene begegnen sich vermeintlich auf Augenhöhe. Durch eine falsche Zurückweisung von Autorität und Hierarchie wird hierbei den Kindern das natürliche Recht auf Orientierung und Halt verweigert. Die zweite Beziehungsstörung nennt Winterhoff Projektion. Da die heutige Gesellschaft den Erwachsenen kaum noch Orientierung, Anerkennung und Sicher­heit vermittelt, stellt sich bei vielen Menschen ein »Verlorenheits- und Isolationsgefühl« ein. Eltern, die eigentlich die Projektionsfläche für die Liebe ihrer Kinder darstellen sollten, missbrauchen deshalb das Kind für die Abdeckung der eigenen emotionalen Bedürftigkeit. Kurz: Da die Eltern von ihren Kindern geliebt werden wollen, kommt es im Rahmen der Projektion zu einer Machtumkehr. Der Erwachsene wird bedürftig und ordnet sich dem Kind unter. Eltern, die dieser Projektion unterliegen, »geben ihre Steuerungsfunktion weitgehend auf«, weil sie die normale Gegenreaktion ihres Kindes als unerträglichen Liebesentzug deuten (118). Die folgenschwerste Beziehungsstörung wird von Winterhoff als Symbiose bezeichnet, da hier die Seelen von Eltern und Kind verschmelzen. Das Glück des Kindes ist das Glück des Erwachsenen. Das Kind kann seinerseits durch diese Verschmelzung nicht lernen, sich selbst und ein menschliches Gegenüber als Person wahrzunehmen. Symbiotische Beziehungen können ausgesprochen destruktiv sein.

Mit konkreten Lösungsvorschlägen hält sich Winterhoff zurück. Für ihn liegt das Hauptproblem darin, dass wir in einer weitgehend »Sinn freien« Welt leben, die uns keine ernst zu nehmende Perspektive für unser Leben eröffnet (182). »Wir müssen uns endlich wieder mit der Sinnfrage auseinandersetzen, nicht vor ihr davonlaufen und Kinder dann als Kompensation für unser Sinn-Defizit wahrnehmen und benutzen. Erst, wenn wir als Erwachsene in der Lage sind, zu erkennen, dass die kindliche Psyche der Formung durch ein älteres Gegenüber bedarf, versetzen wir uns wieder in die Lage, für eine zukunftsweisende Gesell­schaft zu sorgen, …« (184–185). Biblisch. Wir Großen sind jetzt dran!

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Die Rezension kann hier als PDF-Datei herunter geladen werden: jetzt-sind-wir-grossen-dran.pdf

Todessehnsucht

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Einige Wochen vor meiner Kreuzfahrt berichteten die Nachrichten in Chicago vom Selbstmord eines sechzehnjährigen Jugendlichen. Der Junge war vom Oberdeck eines Luxuskreuzers (entweder der Carnival- oder der CrystalLinie) in den Tod gesprungen, der Medienversion nach aus Liebeskummer, als Reaktion auf eine unglückliche Liebelei an Bord. Ich persönlich aber glaube, dass noch etwas anderes im Spiel war, etwas, über das man in einer Nachrichtenstory nicht schreiben kann.

Denn alle diese Kreuzfahrten umgibt etwas unerträglich Trauriges. Und wie bei den meisten unerträglich traurigen Sachen ist die Ursache komplex und schwer zu fassen, auch wenn man die Wirkung sofort spürt: An Bord der Nadir überkam mich – vor allem nachts, wenn der beruhigende Spaß- und Lärmpegel seinen Tiefpunkt erreichte – regelrecht Verzweiflung. Zugegeben, das Wort Verzweiflung klingt mittlerweile ziemlich abgegriffen, doch es ist ein ernstes Wort, und ich verwende es im Ernst. Für mich bedeutet Verzweiflung zum einen Todessehnsucht, aber verbunden mit dem vernichtenden Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit, hinter der sich wiederum die Angst vor dem Sterben verbirgt. Elend ist vielleicht der bessere Ausdruck. Man möchte sterben, um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen, der Wahrheit nämlich, dass man nichts weiter ist als klein, schwach und egoistisch – und dass man mit absoluter Sicherheit irgendwann sterben wird. In solchen Stunden möchte man am liebsten über Bord springen.

Dieses Zitat stammt aus dem Buch Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich, in dem David Foster Wallace festhielt, was er Mitte der 90er Jahre während einer siebentägigen Reise auf einer Luxuskreuzfahrt beobachtet hat.

Wallace, geboren 1962, zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern der Postmoderne. Sein Lektor Colin Harrison bezeichnete den Amerikaner als »Jahrhundert-Talent«. Seine unterschwellige Neigung zu Depressionen, viele ›Frauengeschichten‹ sowie üppiger Drogen- und Alkoholkonsum stürzten ihn allerdings Anfang der 90er Jahre in eine tiefe Lebenskrise. Wallace über diese Zeit:

Vielleicht kam es dem nahe, was in den alten Zeiten als spirituelle Krise bezeichnet wurde … Das Gefühl, dass sich alles, worauf du in deinem Leben gebaut hast, als trügerisch erweist. Nichts existiert wirklich, du selbst auch nicht, es ist alles eine Täuschung. Nur, dass du besser dran bist als die Anderen, weil du erkennst, dass es eine Täuschung ist, und schlechter, weil du so nicht funktionieren kannst.

dfwallaceWallace erholte sich, konnte seinen Zustand mit Hilfe eines Antidepressivums stabilisieren und schrieb neben kleineren Werken den pulverisierenden 1100-Seiten Roman Infinite Jest (wird gerade ins Deutsche übersetzt und soll mit dem Titel Unendlicher Spaß im Herbst 2009 erscheinen).

Der Roman gilt postmodernen Autoren als wegweisend. Es geht um die mediale Faszination und Ablenkung durch das Fernsehen, um die Frage, warum sich Menschen so viel Mist anschauen. Wallace konkretisiert: »Es geht um mich: Warum mache ich das?« »Charaktere werden entwickelt und verschwinden einfach, Kapitel folgen ohne erkennbaren Zusammenhang aufeinander«, bemerkt David Lipsky in seinem exzellenten Feature über den Romanautor (»Die letzten Tage des David Foster Wallace«, Rolling Stone, Dezember 2008, S. 68–76). »Denn wohin Entertainment letztlich führt, ist ›Infinit Jest‹, das unendliche Vergnügen – das ist der Stern, der den Kurs bestimmt«, erklärt Wallace selbst.

Für Andreas Borcholte war sein Thema die »Suche moderner Menschen nach Zugehörigkeit, Lebensinhalt und Kommunikation. Mit den Mitteln der Ironie und Absurdität und viel Sinn für den Jargon des Alltags versuchte der brilliante Stilist, das Dauerfeuer aus Informationen und Soundbites, das zu jeder Zeit aus Fernsehen, Radio und Internet auf die Menschen niederprasselt, zu durchbrechen, indem er es in seiner ganzen Bedeutungslosigkeit darstellte« (Spiegel online vom 14.09.2008) .

Mit Infinit Jest gelang Wallace der Durchburch und er erntete kolossalen Ruhm. Doch am 12. September 2008, in so einer Stunde, in der man am liebsten über Bord springen möchte (siehe Zitat oben), erhängte er sich (siehe den Beitrag hier im Blog). Seine Frau Karen Green fand ihn in ihrem gemeinsamen Haus, als sie vom Einkaufen zurückkehrte.

Wallace war nicht nur hochbegabt, sondern zerstörerisch kritisch, auch gegenüber sich selbst. Als Sohn eines Philosophieprofessors hatte er gelernt, Vordergründiges zu hinterfragen. Er, der Mathematik, Literatur und Philosophie studierte und zudem ein erfolgreicher Tennisprofi war, durchschaute entzaubernd, wie sehr die unendliche Entertainisierung der Gesellschaft die Menschen verfremdet. Wallace sah den Abgrund, keinen Ausweg.

Ich frage mich: Was hätte Wallace im evangelikalen Mainstream gefunden? Die ihm so vertraute Kultur der Zerstreuung, eben nur eine andere Spielart? Eine fromme Form der Idenditätskrisenbewältigung? Menschen, die sich durch geistliche Übungen vor der Härte der wirklichen Welt schützen? Eben all das, was einer eh kennt, wenn er aufgeweckt durchs Leben zieht?

Oder wäre Wallace bei uns dem frohmachenden Evangelium von der uns in Jesus Christus zugewandten Gnade Gottes begegnet? Hätte er vernehmen können, dass Jesus gern Sünden vergibt und kranke Seelen heilt. Das er genau die Menschen sucht, die an sich selbst verzweifeln, gern denen Ruhe schenkt, die »niedergedrückt und beladen« sind (Matthäusevangelium 11,28, vgl. auch 9,12)?

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