Rezensionen

Christentum und säkularer Staat

Nachfolgend eine Rezension zum Buch:

rhonheimerDer säkulare Staat scheint sich gegenüber den christlichen Kirchen zunehmend auf Konfrontationskurs zu befinden. Aber ging das moderne Staatsverständnis nicht gerade aus der Scheidung von Politik und Religion hervor, die das Christentum als Novum in die Geschichte einführte? In mancherlei Hinsicht ist das moderne Staatengebilde zwar eine Antwort auf den christlichen Glauben und damit das Produkt der Emanzipation des Weltlichen vom Geistlichen. Gleichwohl ist ein modernes Europa ohne Christentum undenkbar, ja das moderne Staatsverständnis, einschließlich der Trennung von weltlicher und geistlicher Macht, hat selbst christliche Wurzeln.

Der Rechtsphilosoph und ehemalige Verfassungsrichter Böckenförde hat es einmal prägnant formuliert: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ (E.-W. Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, S. 60). Der katholische Gelehrte Martin Rhonheimer geht in einer sorgfältig angelegten Untersuchung der Frage nach, ob Aufklärung und Moderne auf dem Humus einer vom christlichen Glauben geprägten Zivilisation erwachsen sind. Als Einstieg projiziert er dabei ein eindrückliches Bild: „Stellen wir uns vor: Wir sitzen auf der Spitze eines Baumes mit wunderbaren Ästen und Früchten, genießen den Blick in die Weite. Dann wandert unser Blick hinab. Wir sehen andere, wunderbare und auch weniger wunderbare Äste, die dem Stamm entsprießen. Der Blick nach unten ist ein Blick in die Geschichte des Baumes. Wir erblicken da auch eine Menge knorriges, verwachsenes Geäst und am Boden einige herabgefallene, bereits angefaulte Früchte. Und nun – so stellen wir uns vor – rufen wir empört: ‚Was doch dieser Stamm nicht alles an Unrat hervorgebracht hat! Er taugt zu nichts mehr und muss umgehauen werden!‘“ (S. 15).

So ein Vorhaben wäre sehr töricht. Und doch – so der in der Schweiz geborene Philosoph Rhonheimer – finden wir derzeit eine Torheit, die den Sturz aus der Höhe provoziert: „Sie ist Menschen eigen, die ein demokratisches, pluralistisches, säkulares Europa wollen, in dem die Freiheit eines jeden anerkannt wird, seiner religiösen und moralischen Überzeugung gemäß zu leben, ein Europa, in dem Frieden, Rechtssicherheit und Wohlstand herrschen, in dem die Wissenschaft blüht, das sozial und zukunftsorientiert ist“ (S. 15). Das Buch ist in drei Teile aufgeteilt. Ergänzt wird es durch einen Anhang zum Thema Menschenrechte und ein Postskriptum zur Rede des Papstes vor dem Bundestag im Jahre 2011. Im ersten geschichtlichen Teil erzählt der Autor die Entwicklung des politisch-theologischen Dualismus nach. Er distanziert sich dabei sowohl von einem kirchenfeindlichen Laizismus als auch von einigen Formen der katholischen Apologetik. Rhonheimer greift auf anerkannte geschichtswissenschaftliche Forschungsergebnisse zurück, ohne dabei sein theologisches Vorverständnis an den Nagel zu hängen. „Wie ich es sehe, besteht zwischen der modernen Idee der Laizität (Trennung von Religion und politischer Macht, von Religion und weltlichem Rechtssystem, Gewissens-, Kult-, Religionsfreiheit usw.) und dem Wesen des Christentums nicht nur das Band des gemeinsamen Ursprungs und eine nicht geringe Geistesverwandtschaft, sondern auch eine Divergenz und prinzipielle Spannung, die ihrer Natur nach letztlich unüberwindbar sind. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich dabei jedoch um notwendige, schöpferische und fruchtbare Spannungen und Divergenzen. Sie schwächen keineswegs notwendigerweise die Laizität des säkularen demokratischen Verfassungsstaates, können diese sogar stärken. Diese grundlegende Divergenz ergibt sich gerade aus dem Wesen des Christentums selbst, daraus, was ich– da mir kein treffenderer Ausdruck in den Sinn kommt – das ‚christliche Paradox‘ oder ‚Paradox des Christentums‘ nennen möchte“ (S 34–35).

Worin besteht nun das christliche Paradox? Rhonheimer bringt den Widerspruch sehr schön auf den Punkt: „Dieses christliche Paradox besteht darin, dass das Christentum auf der einen Seite von den irdischen, der Schöpfungsordnung angehörenden Wirklichkeiten behauptet, sie seien in sich gut und vernünftig und deshalb weder erkenntnislogisch noch ontologisch noch in praktischer Hinsicht der religiösen Sphäre untergeordnet; sie könnten aus sich selbst heraus erkannt werden und besäßen eine eigene, ihnen innewohnende Konsistenz und Logik; als solche würden sie – wie etwa das Naturrecht – aus sich heraus, ohne Rekurs auf übernatürliche Offenbarung, erkennbar sein und bereits praktische Orientierung bieten. Andererseits ist jedoch nun für das Christentum gleichzeitig auch die Aussage wesentlich – und das genau führt zum ‚christlichen Paradox‘ –, dieselben irdischen Wirklichkeiten bedürften, um ihren eigentlichen und letzten Sinn zu verwirklichen, des Lichtes einer höheren Wahrheit und der übernatürlichen, erlösenden Gnade. Diese Verknüpfung einer Anerkennung von Autonomie auf der Ebene der Schöpfungsordnung mit der Behauptung gleichzeitiger Abhängigkeit auf der Ebene der Heilsordnung ist der Hauptgrund für die Komplexität, die Ambivalenz und die Konflikte auf theoretischer und praktischer Ebene, welche die Beziehungen zwischen ‚weltlicher‘ und ‚geistlicher Gewalt‘, wie sie traditionellerweise genannt werden, kennzeichnen“ (S. 35). Der Autor erörtert die Entwicklung der politisch-theologischen Struktur des christlichen Dualismus anhand bedeutender Vorgänge – von Augustinus bis zu Johannes Paul II. Die Reformation wird nur am Rande erwähnt (vgl. S. 116ff), obwohl sie erheblich zur Emanzipation des Politischen beigetragen hat. Der Bruch der Einheit des christlichen Europa ließ politische Lösungen zugunsten eines Ausgleichs konkurrierender Wahrheitsansprüche dringlich werden. „Das sich allmähliche Herausbilden eines klaren Bewusstseins der Notwendigkeit eines friedensstiftenden Primats der Politik über die Religion ist die Folge einer langen Reihe von Konflikten und blutigen Kriegen, der frühneuzeitlichen Erfahrung der Unfähigkeit friedlichen Zusammenlebens unter Bedingungen religiöser Uneinigkeit und tiefgreifender weltanschaulicher Divergenzen. Die Erfahrung des religiösen und ideologischen Pluralismus förderte damit die Entstehung moderner Territorialherrschaft“ (S. 116). Später erklärt Rhonheimer treffend: „Nicht zu bestreiten ist aber auch, dass manch für die politische Entwicklung entscheidendes christliches Ferment in der Neuzeit mehr durch das nichtkatholische Christentum gefördert wurde, so etwas das demokratische Prinzip durch Aspekte des angelsächsischen, vor allem nordamerikanischen Calvinismus, …“ (S. 317). Der zweite Teil ist dem Verhältnis von Christentum und säkularem Staat in der Gegenwart gewidmet.

Der Autor diagnostiziert eine spannungsvolle Koexistenz und wünscht eine schöpferische Zusammengehörigkeit von Staat und Christentum. Obwohl das sittliche Naturgesetz die faktischen Möglichkeiten und Kräfte des Menschen übersteigt und seinem Streben nach Erfüllung und Glück im Weg zu stehen scheint, gehört die Verteidigung des Naturrechts zu einer vordringlichen Aufgabe der Kirche im öffentlichen Raum. Erlösung von Sünde heißt auch „Rettung und Wiederherstellung der natürlichen Würde des Menschen und seiner mitmenschlichen Beziehungen … Insofern tritt die Kirche durch ihre Verteidigung des Naturrechts für einen spezifisch christlichen Humanismus ein“ (S. 303). „Unter solchen Voraussetzungen sind die Stimme der Kirche und generell jene der christlichen Verkündigung, aber auch die Lebens- und Handlungsweise authentischer Christen notwendigerweise Stimmen des Widerspruchs, die mit den weltlichen Gewalten, insbesondere derjenigen des säkularen Staates, nicht prinzipiell, aber doch potentiell in Konflikt stehen“ (S. 303–304). Der Christ, der sich von einem durch die Wahrheit erleuchteten Gewissen leiten lässt, wird aber zugleich die demokratischen Verfahrensregeln befolgen und versuchen, „der pluralistischen Logik der modernen Gesellschaft gerecht zu werden“ (S. 305). Es kann den Glaubenden also nicht darum gehen, die Fundamente der Laizität zu zerstören. „Das den modernen demokratischen Verfassungsstaat und seine Säkularität prägende Ethos des Friedens, der Freiheit und der Gleichheit sind zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften, die in einer erneut ‚christianisierten‘ Gesellschaft der Zukunft nicht nur zu erhalten, sondern in einer solchen Gesellschaft sogar von besonderer Wichtigkeit,  ja  von  zentraler  Bedeutung  wären. Sie sind  auch  dort unverzichtbar, damit gerade eine christliche Gesellschaft nicht der Versuchung erliegt, Religion und weltliche Zwangsgewalt erneut zu vereinen sowie die Freiheitsrechte der Bürger und legitimen gesellschaftlichen Pluralismus mit Füßen zu treten“ (S. 305–306). Das durch die historischen Erfahrungen geläuterte Christentum ist nach Rhonheimer „auch heute noch der natürliche Verbündete des säkularen Staates“ (S. 318). Im dritten Teil seiner Untersuchung widmet sich Rhonheimer zentralen Themen der Zukunft und damit der Moderne, dem Christentum und der Herausforderung des Islam. Die Moderne, die aus einer tiefen geistig-geistlichen Krise heraus geboren wurde und ihrerseits wieder eine moralische Krise provoziert hat, sieht Rhonheimer nicht nur, wie heute üblich, als Problem. Es stimme zwar, dass die Moderne mit ihrem Hang zum Subjektivismus in eine „Diktatur des Relativismus“ (so Kardinal Joseph Ratzinger kurz vor seiner Wahl zum Oberhaupt der Katholischen Kirche) geführt habe. Trotzdem sei diese verkürzte Selbstinterpretation der Moderne nicht aufrechtzuerhalten. „Denn auch wenn wir der Ansicht sind, Moderne und Aufklärung hätten die neuzeitliche religiöse und metaphysische Krise des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit nie wirklich zu überwinden vermocht, sie vielmehr nur verschleiert oder sogar verschärft, und habe deshalb zunehmend in einen Zustand der geistigen und metaphysischen Orientierungslosigkeit geführt, ja sogar wenn wir akzeptieren, dass es heute in mancher Hinsicht so etwas wie eine ‚Diktatur des Relativismus‘ tatsächlich gibt, so scheint mir die Diagnose doch in zwei wesentlichen Hinsichten nicht zuzutreffen: Sie trifft nicht zu auf die modernen Naturwissenschaften (inkl. Technik und Medizin) und auch nicht auf die moderne politischrechtliche Kultur des säkularen Staates in seiner Ausformung als freiheitlicher, demokratischer Verfassungsstaat“ (S. 322).

Wissenschaft und Politik sind für Rhonheimer die beiden Bereiche, die die Krise der Neuzeit produktiv verwertet haben. Er geht sogar noch weiter und behauptet, dass ihre „Wurzeln vormodern und, auch wenn dies vielen nicht ins weltanschauliche Konzept passt, genuin christlicher Natur“ sind (S. 324). Obwohl der säkulare Staat um religiöse Neutralität bemüht ist, stehen nicht alle Religionen im gleichen Verhältnis zu ihm. „Zwischen der politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates – dem säkularen, liberalen und demokratischen Rechtsstaat abendländischer Prägung – und dem Christentum besteht eine Ursprungsbeziehung, die für diese politische Kultur konstitutiv und prägend ist. Mit anderen, nichtchristlichen Religionen hingegen – dem Judentum als Wurzel, mehr noch: eigentlichem Stamm, auf den, wie Paulus im Römerbrief sagt, das Christentum aufgepfropft ist, kommt hier freilich eine Sonderstellung zu – existiert entweder keine innerliche Beziehung oder aber eine solche der fundamentalen Unvereinbarkeit. Eine solche Unvereinbarkeit ist genau dann gegeben, wenn eine Religion Elemente enthält, die für sie als Religion konstitutiv sind, sich aber mit politischen Wesensmerkmalen des säkularen demokratischen Verfassungsstaates westlicher Prägung nicht vereinbaren lassen, ja sogar zu diesen in direktem Gegensatz stehen“ (S. 328). Ohne in Klischees abzugleiten, beschreibt Rhonheimer den dominierenden Islam als eine Religion mit grundlegenden ideellen Divergenzen. „Der Islam ist seit seiner frühesten Ausprägung während Mohammeds Exil in Medina von seinem Wesen her mehr als einfach eine Religion; er ist ein politisch-religiöses Sozial-, Rechts- und Herrschaftssystem. Deshalb präsentiert er sich heute als eine – durchaus religiös begründete – Alternative zur säkularen und pluralistischen politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates westlicher Prägung. Christentum und Islam teilen zwar einen Universalanspruch, sie unterscheiden sich aber dadurch, dass der Islam einen Totalitätsanspruch erhebt. Der Autor zitiert den melkitisch-katholischern Theologen Adel Th. Koury (Der Islam, 2001, S. 30):  „Dieser Totalitätsanspruch bedeutet, dass der Islam den gesetzlichen Rahmen festsetzt, in den sich das Leben der einzelnen Gläubigen einfügt, und die Ordnung erlässt, an der sich das Familienleben, die Gesellschaft, die Struktur des Staates und die internationalen Beziehungen dieses Staates zu orientieren haben. In diesem Sinne wird der Islam bekanntlich als ‚Religion und Staat‘ zugleich bezeichnet. Und in diesem Sinn weigert sich der Islam, eine Trennung zwischen Religion, Gesellschaftsordnung und Staat zuzulassen“ (S. 329–330). Rhonheimer sieht hier eine neuralgische Spannung: „Wer im Rahmen des säkularen demokratischen Verfassungsstaates westlicher Prägung als Muslim lebt und sich in dessen Kultur wirklich zu integrieren bemüht, muss notwendigerweise Abstriche an dem machen, was der Islam von seinem religiösen Wesen her ist“ (S. 341). „Nicht nur ‚extreme‘ oder ‚fundamentalistische‘ Versionen des Islam, wie er zumeist auch in westlichen, aus saudi-arabischen, wahhabitischen Quellen gesponserten Koranschulen gelehrt wird, sondern der Islam als solcher bildet seinem innersten Selbstverständnis gemäß eine radikale kulturelle und politische Alternative zur säkularen politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates und zu den Gestaltungskräften der mehrtausendjährigen Geschichte, welche diesen hervorgebracht haben“ (S. 344).

Eine politische Gestaltung der Gesellschaft, die garantiert, dass Muslime in westlichen Gesellschaften in einer Minderheitsposition verbleiben, reiche – so der Autor – nicht aus. Es scheint nur einen Weg zu geben, der islamischen Herausforderung zu begegnen: „die der säkularen politischen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates zugrundeliegenden Werte im Bewusstsein aller Bürger zu stärken und sowohl die islamische Welt als solche wie auch unsere muslimischen Mitbürger von ihrer kulturellen Überlegenheit zu überzeugen. Das wiederum ist jedoch nur möglich, wenn wir selbst von der Überlegenheit dieser Werte überzeugt sind und – ein Tabubruch? – den weit verbreiteten Kulturrelativismus aufgeben, wie ihn uns Philosophen des Kontextualismus, wie etwa Richard Rorty, nahezulegen suchen. Zudem kann dies nur gelingen, wenn wir verstehen, welchen Wurzeln diese Werte letztlich entspringen. Denn ohne diese Wurzeln und die Herkunft dieser Werte zu kennen, ist es unmöglich, sie in ihrer historischen Einmaligkeit zu verteidigen“ (S. 346). Die Zukunft, so schlägt Rhonheimer vor, sollte einem vertieften Verständnis von Laizität und Säkularität gehören. Die Religion habe sich der reinigenden Vernunft zu stellen und der säkulare Staat müsse seine eigenen Grenzen achten. Nur so können der Gefahr der Totalisierung begegnet werden. Rhonheimer schlägt für dieses tiefere Verständnis den Ausdruck „christliche Säkularität“ vor (S. 415). „Christen, die Säkularität und den damit verbundenen Pluralismus gerade als christliche Aufgabe verstehen und dadurch mit Nichtchristen in fruchtbare Kooperation treten. Das wiederum wird jedoch nur möglich sein, wenn auch Nichtchristen und Nichtgläubige anzuerkennen vermögen, dass die Fundamente der politischen Kultur des freiheitlichen säkularen Staates sich nur auf christlichem Humus entfalten konnten und deshalb in der mit dieser politischen Kultur versöhnten Religion trotz aller nötigen und heilsamen kritischen Distanz der beiden zueinander keinen Gegner, sondern einen Verbündeten sehen“ (S. 416).

Diese Einstellung kann die christliche Kirche gegenüber der Staatlichkeit entwickeln und fördern, weil sie einerseits in die Geschichte eingegangen ist, diese aber zugleich auch transzendiert. „Die Kirche lebt nicht aus der Hoffnung, in und durch die Geschichte zu ihrer Erfüllung oder vollen Ausgestaltung zu gelangen. Das Reich Gottes, wie es die Kirche erwartet, ist nicht Produkt der Geschichte, sondern wird an deren Ende, – bei dem sich die immer unter dem Kreuz Christi stehende Kirche keineswegs unbedingt als triumphierende präsentieren wird –, als Gabe Gottes gänzlich Neues in die menschliche Geschichte hereinbrechen und an deren Stelle treten“ (S. 414). Es gibt viele Gründe, dieses Buch zu lesen, „sich von seinen Thesen und Argumenten in Zustimmung und Kritik anregen und herausfordern zu lassen und ihm weite Verbreitung zu wünschen“, schreibt Ernst-Wolfgang Böckenförde in seinem Vorwort (S. 12–13). Dieser Auffassung kann ich mich nur anschließen. Es handelt sich um einen substantiellen katholischen Beitrag zum Thema Christentum und säkularer Staat aus der Feder eines herausragenden Gelehrten.

Ron Kubsch

Die Grünen: Höhenflug oder Absturz?

güllner.jpgProfessor Manfred Güllner, Gründer und Geschäftsführer von Forsa, einem der führenden deutschen Meinungsforschungsinstitute, hat ein Buch über „Die Grünen“ geschrieben.

  • Manfred Güldner: Die Grünen: Höhenflug oder Absturz?, Verlag Herder, 2012, 180 S.

Wolfgang Jäger hat es für die FAZ besprochen:

Die Mehrheitsmeinung der Sozialwissenschaftler, dass die Grünen aus den „neuen sozialen Bewegungen“ herauswuchsen, bestreitet Güldner. Stattdessen sieht er als Antrieb der neuen Partei die „Bewegung an sich“, die wie in der Weimarer Republik bei Teilen eines radikalisierten Bürgertums eine Revolte gegen die Moderne sein will, mit dem Ziel, das gesamte System zu verändern. Die gesellschaftstheoretisch zugespitzte These übersieht aber doch die große Bedeutung des sozialen Wurzelgrunds der grünen Bewegung. Sie ist ohne die massenhafte und bunte Bürgerinitiativen-Bewegung sowie die vor allem von Wühl und Brokdorf symbolisierte Anti-Kernkraft-Bewegung und die vom Nato-Doppelbeschluss ausgelöste Friedensbewegung nicht zu denken. Hier entstanden Netzwerke und die für eine erfolgreiche Parteigründung so wichtigen neuen Milieus.

Der Wert des Buches liegt in der Anatomie der grünen Wählerschaft. Ausführlich seziert der Verfasser die Grünen von ihrer Gründung bis heute als Klientelpartei der oberen Bildungsschichten und zunehmend auch der oberen Einkommensschichten. Die Grünen verfügen über ein recht großes Potential an Stammwählern. Waren sie zum Zeitpunkt ihrer Gründung mehrheitlich eine Partei der unter 35-Jährigen, so unterscheiden sie sich im Hinblick auf die jungen Anhänger heute nicht mehr von den etablierten Parteien. Sie laufen sogar Gefahr, zu einer „Ein-Generationen-Partei“ zu werden. Von Anfang an dominierten unter den grünen Wählern die Frauen. In Baden-Württemberg finden sich die höchsten Sympathien für die Grünen mit 40 Prozent bei den 30- bis 59-jährigen Frauen. Von Beginn an ordneten sich die Grünen im politischen Spektrum links ein – weiter links als die SPD.

Insgesamt ist der Rezensent eher zurückhaltend: „Güllners These findet allerdings in der von ihm nur am Rande erwähnten Forschung über die Nichtwähler keinen Rückhalt, wie überhaupt der Autor die Literatur zur Parteien- und Demokratieforschung nur sehr sparsam nutzt. Das Buch lebt von der polemischen Zuspitzung.“

Andere sind begeistert. Empfehlen kann ich die Rezension von J. Schneidereit. Dort heißt es:

Manfred Güllners Analyse der Grünen nimmt eine Sonderstellung in der sich mit den Grünen beschäftigenden Publizistik ein durch einen nüchternen Blick auf eine, wie Güllner sagt, kaum in Politik und Gesellschaft kritisierte Partei. Wie man später erfahren kann, sehen sich 39 Prozent der deutschen Journalisten als Anhänger der Grünen; vielleicht ein Fingerzeig auf die oftmals verklärende und sehr wohlwollende Sicht auf die Partei.

Güllner geht zunächst von den messbaren Tatsachen aus, dass die deutschen und österreichischen Grünen zum einen europaweit die höchsten Zustimmungswerte bei Wahlen erhalten, zum anderen aber auch einen weit über ihre Wählerschaft hinausgehenden politischen Einfluss. Güllner geht der Frage nach, wie sich diese Erfolge erklären lassen und welcher Methoden sich die Grünen dabei so erfolgreich bedienen. Kurz gesagt: Die Grünen vermochten es, in Zusammenarbeit mit Unterstützern aus Wissenschaft, Bildungswesen, Medien und Verwaltung, ihre Partikularinteressen als allgemeine Interessen der Gesellschaft darzustellen, obwohl sie oft nur eine Minorität der deutschen Bildungs- und Einkommenselite vertreten.

Seine Analyse beginnt mit der Feststellung, dass die Grünen in den siebziger Jahren nicht, wie oft behauptet, auf neue Zeit-Erfordernisse reagierten oder auf Versäumnisse anderer Parteien, sondern dass die fünf z.T. sehr unterschiedlichen Milieus, aus denen die Grünen hervorgingen, geeint wurden durch ihre Gegnerschaft zur modernen Gesellschaft der bestehenden Bundesrepublik.

Das Buch verkauft sich derzeit übrigens ausgesprochen gut.

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Die Ursachen des geistlichen Niedergangs

175px-OctaviusWinslow.jpgDen Geistlichen Niedergang beschreibt der englische Prediger Octavius Winslow (1808–1878) als Schwinden des geistlichen Lebens und der Gnade im Leben eines Gläubigen. Geistliche Regression beginnt latent und oft unbemerkt. Winslow möchte Christen mit seinem Buch Geistlicher Niedergang dabei helfen, Nachlässigkeiten rechtzeitig zu erkennen. Ein typisches Kennzeichen für die Schwächung der geistlichen Kraft ist für ihn ein entschwundenes Gebetsleben (S. 103–104):

 Was hat Ihr Auge getrübt, Ihre Hand gelähmt und Ihren Wandel im Glauben geschwächt? Vielleicht Wochen und Monate ohne Gemeinschaft mit Gott gelebt. Es gab kein beständiges und kostbares Aufsuchen Ihres Kämmerleins, kein Ringen mit Gott, keine Verbundenheit mit Ihrem Vater. Verwundern Sie sich nicht, Geliebter, dass Ihr Glaube verschmachtet, erschlafft und verwelkt. Das größere Wunder ist, dass Sie überhaupt Glauben haben, dass er nicht völlig tot ist, ausgerissen mitsamt der Wurzel! Und gäbe es nicht die mächtige Kraft Gottes und die unaufhörliche Fürsprache von Jesus zu seiner rechten Hand, hätte er seit langem aufgehört, zu existieren. Doch was wird ihn erwecken? Eine unverzügliche Rückkehr zum Gebet! Suchen Sie neu Ihr Kämmerlein auf, richten Sie den zerstörten Altar wieder her. Zünden Sie das erloschene Feuer wieder an. Suchen Sie Ihren Gott, den Sie verlassen haben. Oh, wie kann bei der Vernachlässigung des täglichen, alleinigen und ringenden Gebets vor Gott Glaube erweckt werden und wachsen? Der ewige Geist, der Ihnen dies aufs Herz gelegt, Ihnen Ihr furchtbares Versäumnis gezeigt und Ihnen neu den Geist der Gnade und des Gebets eingehaucht hat, wird einen neuen und gesegneten Anstoß zum Glauben gewähren.

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Der Leser muss bei dieser Art Literatur natürlich aufpassen. So manchen kann diese Form der andächtigen Lektüre zu einer übertriebenen Selbstbeobachtung anleiten, die dem geistlichen Wachstum eher im Weg steht. Wer jedoch lauwarm geworden ist, bekommt mit dem Buch Geistlicher Niedergang ziemlich schonungslos den Spiegel vorgehalten.

Winslow zeigt auch einen Weg heraus. Wer spürt, dass sich Nachlässigkeit im Glauben eingeschlichen hat, finden bei Jesus Christus Zuflucht und Hilfe. Der Prediger schreibt: „Oh, gesegnete Tür der Umkehr, offen und niemals geschlossen für den, der von Gott abgewichen ist! Wie herrlich, wie frei, wie zugänglich! Hierher kann der Sündige, der Schändliche, der Schuldige, der Unwürdige, der Arme, der Mittellose kommen. Hierhin kann auch der beladene Geist seine Last, der gebrochene Geist seinen Kummer, der schuldige Geist seine Sünde und der abtrünnige Geist sein Abweichen bringen. Alle sind hier willkommen.“


Geschlossene Gesellschaften

51bCQxviOeL._SL500_AA300_.jpgTomas van Houtryve liefert in dem Bildband Geschlossene Gesellschaften. Eine Fotografische Reise durch kommunistische Länder (Benteli Verlag Bern, 288 S., 46 Euro) überwältigend düstere Bilder aus Kuba, Vietnam, China, Laos, Nepal, Nordkorea und Moldawien.

Der Verlag schreibt:

Nach Ende des Kalten Krieges warfen die meisten kommunistischen Staaten ihre marxistischen Prinzipien über Bord und etablierten ein neues Regierungssystem. Doch es gab einige wenige Länder, in denen es der kommunistischen Partei gelang, an der Macht zu bleiben. Genau diese Staaten bereiste der amerikanische Fotograf Tomas van Houtryve in den vergangenen sieben Jahren, wobei er bisweilen viele Hürden zu überwinden hatte, um an sein jeweiliges Ziel zu kommen. In Nordkorea zeigt sich der Kommunismus von seiner rigidesten und besonders grotesken Seite. In Moldawien und Kuba befindet er sich in der Auflösung, durchdringt aber immer noch das reaktionäre System. In China, Vietnam und Laos bemüht sich die kommunistische Regierung um eine Annährung an die westliche Marktwirtschaft. In Nepal hingegen herrscht eine völlig andere Situation: Statt sich vom Kommunismus zu lösen, strebt dieses Land nach seiner Einführung! Van Houtryves Fotografien zeigen deutlich den Unterschied zwischen vielversprechender kommunistischer Theorie und gelebter Praxis, der oft an die Grenzen des Menschlichen führt.

 

 

Thomas Nagel empfiehlt Plantingas neuestes Buch

418zJ1QUx-L._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-arrow-click,TopRight,35,-76_AA300_SH20_OU03_.jpgDer Philosoph Thomas Nagel (New York) hat Alvin Plantingas neustes Buch Where the Conflict Really Lies: Science, Religion, and Naturalism gelesen:

The interest of this book, especially for secular readers, is its presentation from the inside of the point of view of a philosophically subtle and scientifically informed theist—an outlook with which many of them will not be familiar. Plantinga writes clearly and accessibly, and sometimes acidly—in response to aggressive critics of religion like Dawkins and Daniel Dennett. His comprehensive stand is a valuable contribution to this debate.

I say this as someone who cannot imagine believing what he believes. But even those who cannot accept the theist alternative should admit that Plantinga’s criticisms of naturalism are directed at the deepest problem with that view—how it can account for the appearance, through the operation of the laws of physics and chemistry, of conscious beings like ourselves, capable of discovering those laws and understanding the universe that they govern. Defenders of naturalism have not ignored this problem, but I believe that so far, even with the aid of evolutionary theory, they have not proposed a credible solution. Perhaps theism and materialist naturalism are not the only alternatives.

Hier mehr: www.nybooks.com.

 

Judith Butler hat etwas bewegt

Die Stadt Frankfurt am Main hat am Dienstag Judith Butler mit dem Adorno-Preis geehrt. Der Tenor in der Medienberichterstattung war einhellig: Butlers Haltung gegenüber Israel ist anfechtbar, ihre Beiträge zur Gender-Problematik haben dagegen weitgehende Akzeptanz gefunden.

Eva Geulen, selbst Butler-Expertin und die Laudatorin des Abends, packte ihre Bewunderung für die Preisträgerin in den Satz: „Sie hat etwas bewegt.“ Der CDU Politiker Felix Semmelroth stellte vornehmlich ihre Leistungen für die Gender-Theorie heraus: „Ihre Stimme, und das macht auch ihre Verantwortung als öffentliche Intellektuelle aus, wird nicht nur gehört, sondern hat Gewicht, wird wahr- und ernstgenommen und dies natürlich nicht immer mit Zustimmung oder gar Wohlgefallen.“

Bei so viel Überschwang für Judith Butler bin ich gestern mit einem ihrer Standardwerke ins Bett gegangen. Ungefähr zwei Stunden habe ich mit dem Unbehagen der Geschlechter (Suhrkamp, 1991) verbracht.

Das Buch ist eine Streitschrift gegen die „Zwangsheterosexualität“ und den „Phallogozentrismus“, ein Versuch, Geschlechterordnungen zu (ver)stören. Konstruktionen von Geschlechtern sind für Butler Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Machtdiskurse. Sogar das Inzestverbot wurde erschaffen, um die herrschende heterosexuelle Geschlechterordnung zu verfestigen.

Über allem steht die Attacke auf die binäre Ordnung. Butler treibt die Unterscheidung von biologischem Geschlecht (sex) und „seelischer“ Geschlechtsidendität (gender) soweit, dass sie die Geschlechtstidentität nicht nur vom biologischen Geschlecht entkoppelt, sondern – in gewisser Weise konsequent – behauptet, dass Gender dem biologischen Geschlecht immer schon vorausgeht. So verflüssigen sich nicht nur biologische Grenzen, sondern auch sozial konstruierte Geschlechtsidentitäten erweisen sich als unbestimmt.

Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich (S. 23).

Butler will jeden Rest einer binären Unterscheidung wegspülen, um die Konfigurationen von Geschlechteridentitäten erweitern zu können. Dem humanistischen Feminismus wirft sie deshalb vor, dass er Geschlechtsidentität noch als „Attribut einer Person“ begreifen will (S. 28). „Als sich ständig verschiebendes (shifting) und kontextuelles Phänomen bezeichnet die Geschlechtsidentiät nicht ein substantiell Seiendes, sondern einen Schnittpunkt zwischen kulturell und geschichtlich spezifischen Relationen“ (S. 29).

Butler hat wirklich etwas bewegt. So manches Unbehagen der Geschlechter ist bereits in den Grundschulen angekommen. Das Konzept der Geschlechtsidentität soll in ein überarbeitetes Grundgesetz einfließen. Butler hat eben Gewicht, also Macht. Vielleicht sollte sich jemand die Mühe machen, ihre Thesen so zu formulieren, dass sie falsifizierbar, also überprüfbar, sind. Vermutlich würde sich schnell herausstellen, dass die Genderkönigin nichts an hat (vgl. hier).

Verdrängter Linksextremismus

51jl8Vjt0+L._SL500_AA300_.jpgHunderttausende waren in den 1970er Jahren in linksradikalen Gruppen organisiert. Sie versammelten sich in marxistischen, trotzkistischen, maoistischen oder – im Extremfall – terroristischen Gruppen (z.B. der RAF).

Warum brach in einer Zeit des Wandels hin zu mehr individueller Freiheit ein Großteil des intellektuellen Nachwuchses mit der Bundesrepublik? Faktenreich geht der 1973 geborene Gunnar Hinck dem Phänomen auf den Grund. Welche Bedeutung hatte es, dass viele Aktivisten aus Familien kamen, die durch den Nationalsozialismus beschädigt waren? Warum glorifizierten die Linken Diktatoren wie Lenin, Mao Tsetung oder Pol Pot? Und inwiefern wirkt die zentrale Erfahrung des Bruchs bis heute nach?

Frank Decker hebt in seiner FAZ-Buchbesprechung heraus, dass gängige Interpretationsmuster in diesem Buch aufgebrochen werden. Die einflussreichen Agitatoren der 68er-Generation „waren weder verwöhnte Wohlstandskinder, noch mussten sie sich in der Regel gegen die Nazi-Vergangenheit des Vaters beziehungsweise der Eltern auflehnen“ (FAZ vom 07.09.2012, S. 8).

Sehr Interessant:

‚Überdurchschnittlich häufig stammten sie aus dem Bürgertum, jedoch aus beschädigten, gebrochenen bürgerlichen Familien.‘ Oft wuchsen sie ohne Vater auf oder hatten ein Vertriebenenschicksal.

Ich zitiere weiter:

Leser des Buches werden erstaunt sein, wie viele Angehörige des „politisch-medialen Komplexes“ hierzulande eine kommunistische Vergangenheit haben. Hans-Jochen Vogels schönes Bonmot, wonach „der Marsch durch die Institutionen die Marschierer stärker verändert hat als die Institutionen“, lässt sich an der Vita bekannter Spitzenpolitiker belegen. Allein das Führungspersonal der 1998 ins Amt gekommenen rot-grünen Bundesregierung bestand zu einem erklecklichen Teil aus ehemaligen dogmatischen Marxisten, auf der SPD-Seite etwa Olaf Scholz, Klaus-Uwe Benneter und Ulla Schmidt, bei den Grünen Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Kerstin Müller, Andrea Fischer, Krista Sager, Angelika Beer und Reinhard Bütikofer.

Bei so viel „Marxismuserbe“ in Verantwortung fragt man sich, in welcher Welt Oscar Lafontaine lebt, wenn er sich heute (auch in der FAZ) über das strukturelle Untergewicht der Linken in der Öffentlichkeit beschwert.

 

 

Rezension: Durch Leiden geprägt

Nachfolgend eine Rezension zum Buch:

  • Ekkehard Graf: Durch Leiden geprägt: Die gegenwärtigen Leidenserfahrungen der indischen Nethanja-Kirche mit einem Blick auf die paulinischen Gemeinden, Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik 10, Lit Verlag, 344 S., ISBN 364-3-643-11595-9, Euro 29,90.

 

Durch Leiden geprägt

Die Christen der noch jungen Nethanja-Kirche in Ostindien erdulden seit Jahren Bedrängnisse und Verfolgungen wegen ihres Glaubens. Trotz dieser Widerstände wächst die Kirche unablässig. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der erfahrenen Repression und dem Gemeindewachstum?

Ekkehard Graf, Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitarbeiter beim „Arbeitskreis für Religionsfreiheit, Menschenrechte u. Verfolgte Christen“ der Evangelischen Allianz hat in seiner Promotion die Situation der indischen Kirche eingehend untersucht und sie mit der Verhältnissen der durch Paulus gegründeten urchristlichen Gemeinden verglichen.

Die von Professor Rainer Riesner betreute Arbeit enstand in den Jahren zwischen 2006 und 2011 und wurde 2012 von der Fakultät Humanwissenschaften und Theologie der TU Dortmund angenommen. Ekkehard Graf setzt drei Schwerpunkte. In einem ersten Teil wird die gegenwärtige Lage der indischen Nethanja-Kirche erfasst. Der Autor beleuchtet den gesellschaftlichen Hintergrund, auf dem die Kirche erwachsen ist, ihre Enstehung sowie Entwicklung und erfasst schließlich systematisch ihre Leidenserfahrungen. Da bisher nur spärlich über die Kirche publiziert wurde, musste die Lage der Christen aufwendig erschlossen werden. Graf konnte auf wenige schriflliche Quellen zurückgreifen, überwiegend auf das Mitteilungsblatt „Nethanja Post“ des deutschen Missionsvereins „Kinderheim Nethanka Narsapurt – Christliche Mission Indien“ e.V. und auf Liedgut, das 2007 erstmalig in einem Nethanja-Liederbuch gesammelt wurde. Das Buch enthält 489 Lieder, ungefähr 100 davon stammen von Pastoren und Musikern der Nethanja-Kirche. 12 dieser Lieder stehen in einem besonderen Zusammenhang mit aktuellen Leidenserfahrungen und wurden eingehend durchleuchtet. Darüber hinaus hat Graf Christen der Nethanja-Kirche aufwendig interviewt, Konversionsberichte ausgewertet und Gottesdienste beobachtet. Die narrativen Interviews sind im Anschluss an die Transkription statistisch verwertet und systematisch kategorisiert worden. Die Lektüre ist spannend und zugleich bedrückend. Geschildert werden unglaubliche Unterdrückungs- und Gewalterfahrungen, angefangen von sanfter Diskriminierung bis hin zu Familienausschlüssen, Massenvergewaltigungen und Mordanschlägen. Die dafür Verantwortlichen sind Familienangehörige, Hindus, Animisten, maoistische Naxaliten sowie staatliche Behörden.

Im zweiten Teil untersucht Graf die von dem Heidenapostel Paulus gegründeten Gemeinden. Die Leidenserfahrungen dieser Urgemeinden werden beschrieben und systematisch-theologisch betrachtet, um sie dann in ein Verhältnis zu den Erfahrungen der indischen Christen zu setzen. Graf zeigt einerseits, dass sich aufgrund der Lage der Nethanja-Kirche die paulinische Texte besser verstehen lassen (da vergleichbare Phänomene zugrunde liegen), sich andererseits auch zeigen lässt, wie „in Bedrängnis Glaube gelebt und Kirche gestaltet werden kann“ (S. 15). Es werden besondere Hilfe im Leiden herausgestellt. Dazu gehören die Hilfe durch die Gemeinde (S. 241–245), Hilfe durch das Gebet (S. 246–249), Hilfe durch Bibeltexte (S. 251–253), Hilfe durch die Christusbeziehung (S. 254–256) und sonstigen Beistand wie beispielsweise Wundererfahrungen (S. 258–260).

Die Bedrängnisse haben eminente Auswirkungen für das Leben der Christen. Graf untersucht diese zunächst im Bereich des Gemeindelebens (S. 263–278): „Die paulinische Aussage, dass Glaube, Liebe und Hoffnung Kennzeichen der bedrängten Gemeinde sind (lThess 1,3), lässt sich an der Nethanja-Kirche verifizieren, denn die Leidenserfahrungen prägen den von den indischen Christen praktizierten Glauben in hohem Maße. Die Bedrängnis führt zu stark frequentierten Gottesdiensten, in denen die Christen Gemeinschaft, Trost und Angenommensein erfahren. Im Gebet werden die Leiden vor Gott gebracht und [wird] gemeinsam für Erhörung gedankt. Die in der Nethanja-Kirche entstandenen Lieder helfen den Christen Gefühle und Überzeugungen in der ihnen eigenen Sprache und Melodik zum Ausdruck zu bringen. Im Singen von Lobliedern werden die Leiden in einem gewissen Maß relativiert und der Leidende wird zum Ertragen ermutigt. In Verkündigung und Lehre der Nethanja-Kirche spielen die Leiden Christi wie auch die Kreuzestheologie des Paulus eine große Rolle. Zudem sind alttestamentliche Personen von Bedeutung, die ein hohes Maß an Identifikation ermöglichen“ (S. 301). Die Leidenserfahrungen haben massive Konsequenzen für die Lebensführung der Christen (S. 281–292): „Das Leben in einer feindlich gesinnten Umwelt bringt die Christen zu einer Ethik, die orientiert an der christlichen Überlieferung, die richtige Balance von Abgrenzung und Zuwendung zur Gesellschaft sucht. Besonders in praktizierter Nächstenliebe tun sich die Christen der Nethanja-Kirche hervor und erfüllen damit die Weisung Jesu Christi. Für ihr Umfeld anstößig, aber motiviert vom Evangelium, überschreitet die Nethanja-Kirche bewusst die Grenzen der Kastenordnung, zudem wertet sie die Frauen in der Gemeinde auf. Trotz teils massiver Angriffe verzichten die Christen der Nethanja-Kirche konsequent auf Gewaltanwendung, selbst ehemalige Naxaliten in ihren Reihen entsagen einer Gegenwehr. Vielmehr beten sie für ihre Feinde und handeln an ihnen mit Taten der Barmherzigkeit. Gegenüber dem Staat verhält sich die Nethanja-Kirche in Distanz und Loyalität unterschiedlicher Nuancierung“ (S. 302). Schlussendlich schöpfen die Christen Hoffnung, indem sie inniglich die Wiederkunft ihres Herrn erwarten (S. 294–299): „Die Leidenserfahrungen prägen die Hoffnung der Christen, indem sie in Bedrängnis eine ermutigende Eschatologie entwickeln. Eine unmittelbare Erwartung der baldigen Wiederkunft Jesus Christi zeigt sich in der Nethanja-Kirche ähnlich wie schon bei Paulus. Diese Parusie-Erwartung prägt die Christen und wird zur Ermutigung inmitten der Bedrängnis. Geduldig werden Anfeindungen ertragen in der Gewissheit, dass die Leiden dieser Zeit begrenzt sind im Gegensatz zu dem zu erwartenden Reichtum des Himmels. So prägt und motiviert das Ziel, mit Christus aufzuerstehen (Rom 6,3–5) und im „Buch des Lebens“ eingetragen zu sein (Phil 4,3), die Christen in den paulinischen Gemeinden wie auch in der Nethanja-Kirche: Die Tränen des Leides werden in der Ewigkeit abgewischt werden, aber auch schon in der Gegenwart in Freudentränen verwandelt angesichts der zu erwartenden Herrlichkeit. Diese Freude findet im gottesdienstlichen Gesang der Nethanja-Kirche ihren Niederschlag und richtet sich auf die Person Jesu, mit der der Glaubende im Leiden wie auch in der zu erwartenden Herrlichkeit persönlich verbunden ist“ (S. 302).

Die Untersuchung von Ekkehard Graf liefert eine erste zusammenhängende Dokumentation zur Kirchen- und Leidensgeschichte der Christen in Andhra Pradesch. Sie erweitert darüber hinaus allgemein das Verständnis für die Nöte und Segnungen einer bedrängten Kirche. Die Tragweite der Gemeinschaft, der Verkündigung, der Paraklese und der daraus resultierenden Ethik werden eindringlich zur Geltung gebracht. Die Geschichte der Nethanja-Kirche zeigt, dass in geradezu paradox anmutender Weise „in der Schwachheit des Leidens die Kraft der Verkündigung zunimmt“ (S. 305). Mögen die vom Autor am Schluss entwickelten Anregungen für die Christen der westlichen Kirchen Gehör finden.

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PDF-Version der Rezension: EkkehardGraf.pdf.



Timotheus: Magazin für junge Christen

timo2012.pngDie aktuelle Ausgabe des Magazins Timotheus liegt auf meinem Tisch. Die wie immer ästhetisch gestaltete Publikation ist dem Thema „Demut“ gewidmet. Autoren sind bist auf Iain H. Murray junge Christen aus Deutschland. Murray ist Engländer und Mitbegründer des Verlags „Banner of Truth“. Bekannt wurde er durch seine Biografien über C.H. Spurgeon, Jonathan Edwards, A.W. Pink u.a. Kürzlich erschien seine Biografie über John MacArthur in deutscher Sprache beim Bethanien Verlag.

Mir hat besonders der Artikel „Spurgeons Demut“ von Simon Schuster gefallen, zeigt er doch, was für harte Lektionen der große Prediger zu durchleben hatte. Die vollmächtige Predigt ist nicht nur eine Frage der guten Hermeneutik, sorgfältigen Exegese und gewinnenden Rhetorik, sondern auch die Frucht der gehorsamen Hingabe an seinem HERRN. Was für ein Bekenntnis hat der noch junge Spurgeon nach der „Feuer-Krise“ gegenüber seiner Frau abgelegt: „Wenn Christus erhöht ist, so soll er mit mir machen, was ihm gefällt. Mein einziges Gebet soll es sein, dass mein Ich sterben möge und ich vollkommen für ihn und zu seiner Ehre lebe.“

Übrigens: Wie Waldemar Dirksen in seinem Beitrag „Mahnung zur Demut“ schreibt, soll Spurgeon einmal gesagt haben: „Es ist für uns von allergrößter Wichtigkeit, dass wir demütig gehalten werden.“ Lesen wir hier nicht: „dass wir für demütig“ gehalten werden. Hinter der gespielten Demut steckt meist nichts anderes als Stolz.

Das Magazin Timotheus braucht dringend weitere Abonnenten. Es kann für nur € 13,35 (inkl. Versandkosten) pro Jahr hier bestellt werden. Wer selbst keine Zeit zum Lesen findet, kann Timotheus gern als Geschenk-Abo unters Volk bringen.

N.T. Wright: Wie Gott König wurde

201204120533.jpgIn seinem neusten Buch How God Became King: The Forgotten Story of the Gospels votiert N.T. Wright für ein radikales Überdenken des Evangeliums. „Seit Jahren habe ich zunehmend den Eindruck, dass der Großteil der westlichen christlichen Tradition einfach vergessen hat, was die Evangelien sind“ (S. vii), schreibt er in dem für ihn charakteristisch selbstsicheren Stil. Wo liegt das Problem? Während die Glaubensbekenntnisse den Schwerpunkt darauf legen, dass Jesus Gott ist, zeigen die Evangelien, wie Gott König wird (vgl. S. 20). Es gilt, die politische Dimension des Evangeliums zu entdecken. Wright wird sehr politisch. Warum mussten wir bloß 2000 Jahre warten, bis endlich jemand erklärt, wie das Evangelium zu verstehen ist?

Matthew Barrett und Michael A.G. Haykin schreiben in ihrer Rezension:

God’s kingdom is not only in heaven but on earth. Therefore, Christianity cannot be just a religion. At the climax of his argument is this simple truth: first-century Jews would have balked at the separation of church and state. Consequently, though this is a word many fear, Wright believes we need to resurrect the word theocracy if we are to make proper sense of the Gospels and the reign of King Jesus on earth. Wright says, “It is, of course, the absence of any equivalent to Temple or Torah in our contemporary culture that makes our own way of posing the political questions so very different from those of the Jews of Jesus’s day” (173). And again, “Theocracy, a genuine Israel-style theocracy, will occur only when the other ‘lords’ have been overthrown” (206). A “new empire,” a “new theocracy” has been inaugurated that trumps Caesar’s empire. Exactly what this theocracy should look like, however, is undefined. Wright is clear, however, that it has no barriers between church and state and no government that bears the sword. But the divine right of rulers is reinstated.

In other words, for Wright the cross is not so much about vicarious substitution for the forgiveness of sins but bringing to earth social justice and a new and improved political agenda. “Those who are put right with God through the cross are to be putting-right people for the world. … From this there flows both a new missiology, including an integrated political theology, and the new ecclesiology that will be needed to support it, a community whose very heart will be forgiveness” (244). However, the NT never advocates such an “integrated political theology” supported by the church. To the contrary, the primary application of the cross is about “how to have your sins forgiven” (Acts 2:38). The gospel Christians proclaim to the nations is not a political one, but a message of salvation for sinners (Mark 16:15).

To conclude, Wright does a lot of blaming. The early church fathers, the orthodox creeds, evangelicals, democracy, Western Christianity, and others all get blamed for messing up Jesus. But fear not, Wright has come to the rescue after 2,000 years of misunderstanding and butchering Jesus to show us the true meaning of the life of Jesus that we have all missed. One begins to get the feeling by the end of the book that in Wright’s mind, everyone else has got it wrong. However, as this review has briefly sought to demonstrate, Wright’s way of looking at Jesus and the kingdom is not so much a return to the biblical text but the agenda of an Anglican churchman seeking to apply a political theology to the Gospel narratives.

Hier: thegospelcoalition.org.

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