Rezensionen

Das Böse, der Teufel und Dämonen

Folgende Rezension erschien zuerst in Glauben und Denken heute (Nr. 20, 11. Jg., 2/2017, S. 63–64):

  • Jan Dochhorn, Susanne Rudnig-Zelt u. Benjamin Wold. Das Böse, der Teufel und Dämonen – Evil, the Devil, and Demons. WUNT II 412. Tübingen: Mohr Siebeck, 2016. 84,00 Euro

8527 00 detailIm Zentrum des Sammelbandes steht die Frage nach dem Bösen in den monotheistischen Religionen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Judentum und Christentum sowie insbesondere dem Alten Testament als dem Buch, das beide Religionen entscheidend geprägt hat. Berücksichtigt werden aber auch neutestamentliche Passagen, Texte aus Qumran und mittelalterliche Überlieferungen.

Die Beiträge des Bandes zeigen, dass es in den antiken jüdischen und christlichen Traditionen eine Vielfalt von Vorstellungen und Verkörperungen des Bösen gibt. Wir finden etwa das Böse als Dämonen oder den Teufel. Etliche Texte deuten das Böse auch als menschliches Vermögen. Prinzipiell sind schon in der Antike beide Sichtweisen zu finden. Das Böse wurde sowohl internalisiert als auch externalisiert.

In der alttestamentlichen Forschung ist seit Langem umstritten, ob dort ein Dualismus zwischen Gut und Böse vorliegt. Ein Schlüsseltext in der Debatte ist zweifellos der Prolog des Hiobbuches (1,6–12). Der Text, der bei unvoreingenommener Lektüre einen Dialog zwischen Gott und Satan schildert, wird heute zumeist nicht­dualistisch interpretiert. Demnach spiegele dieser Text ein widersprüchliches Gottesbild. Satan repräsentiere nicht eine selbstständige Macht jenseits eines allmächtigen Got­tes, sondern vielmehr die dunkle Seite dieses einen Gottes. Dämonen und ihr schädliches Wirken seien in Jahwe integriert worden und folglich habe dieser einen dämonischen Charakterzug bekommen. Der Teufel sei maximal ein Beamter Gottes.

Susanne Rudnig­Zelt hinterfragt genau diese prominente Deutung und zeigt in ihrem Aufsatz „Der Teufel und der alttestamentliche Monotheismus“, dass der Satan im Buch Hiob und anderswo als „weitgehend selbstständige Größe“ erscheint und auch nur so seine theologische Funktion erfüllen könne. „Es scheint, dass die alttestamentliche Forschung zum Satan zu sehr von einer modernen Sicht des Monotheismus bestimmt wurde, nach der Gott nicht nur der einzige Gott, sondern auch die

einzige Macht ist“ (S. 3). „Einen Monotheismus im modernen Sinne, der die Existenz aller Mächte außer Gott ausschließt, wird man im Alten Testament folglich nur schwer finden“ (S. 17). Allerdings ist der alttestamentliche Dualismus nicht mit manichäischen Konstellationen vergleichbar, in denen Gott und dem Satan vergleichbare Machtfülle zukommt. „Vielmehr scheint man von der Herrschaft Jahwes über andere Himmelsmächte auszugehen, seien das Götter oder der Satan. Ähnliche Vorstellungen finden sich in zwischentestamentlichen Texten und im Neuen Testament (vgl. z. B. 1 Kor 8,5f; Phil 2,10; Kol 1,16), so dass hier eine größere Kontinuität zwischen dem Alten Testament und jüngerer Literatur besteht, als die bisherige Forschung gesehen hat“ (S. 17).

Im Sammelband werden viele andere Fragen behandelt, etwa geht Ryan E. Stokes in „What is a Demon, What is an Evil Spirit, and What is a Satan?“ der Frage nach, ob die heute geläufige Gleichsetzung von Dämonen und bösen Geistern durch die frühjüdische Literatur gedeckt ist. Stokes belegt, dass bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zwischen Dämonen und bösen Geistern unterschieden wurde. „In Anknüpfung an das Alte Testament wurden die falschen Götter, die die Heiden verehren, meist als Dämonen bezeichnet. Böse Geister waren dagegen dafür zuständig, die Menschen zu quälen, mit Krankheiten zu schlagen und zu bösen Taten zu verführen“ (S. XI).

Oda Wischmeyer favorisiert in ihrem Beitrag „Zwischen Gut und Böse: Teufel, Dämonen, das Böse und der Kosmos im Jakobusbrief“ eine internalisierte Sichtweise. Zwar lasse der Brief eine Verselbständigung des Bösen erkennen. Diese Tendenz werde freilich zugleich abgebremst (S. 167):

„Das Böse spielt im Jakobusbrief eine entscheidende Rolle, in gewisser Weise kann man das Böse als die Größe beschreiben, die für den Verfasser die eigentliche Realität im Kosmos und auch in den christlichen Gemeinden darstellt. Die Kategorie des Bösen ist für die Anthropologie des Briefes von entscheidender Bedeutung. Der Brief endet mit der Schlussklausel: ‚die Menge der Sünden‘ (5,20). Die Sünden sind die konkrete Erscheinungsform des Bösen, so wie die guten Taten die konkrete Erscheinungsform des Glaubens sind. Demgegenüber sind die Dämonen Staffage des von der Religion des Judentums bestimmten Weltbildes des Verfassers, Teil des als negativ erlebten Kosmos und haben keine eigene positive Bedeutung. Auch der Teufel hat keine eigene Rolle. Ex negativo macht das religiös korrekte Bekenntnis der Dämonen aber deutlich, dass sie zur Welt des Bösen gehören, die destruktiv und zu guten Taten unfähig ist. Das Böse selbst liegt weder im Teufel noch in den Dämonen, sondern im Menschen, und der Mensch muss es bekämpfen, indem er das königliche Gesetz bzw. das Gesetz der Freiheit hält, das Gebot der Nächstenliebe nach Lev 19,18 (2,8.12).“

Eine aus meiner Sicht befangene Deutung, schreibt doch der Autor des Briefes (Jak 4,7): „So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch.“ Dass der Teufel und die Dämonen bei Jakobus nur als polemische Strategie im Kampf gegen Ängste und Sünde in Anschlag gebracht werden und das Dämonische letztlich zur Sphäre des Psychischen gehört, ist eine Anschauungsweise, die von der Annahme: Satan oder Dämonen kann es aus heutiger Sicht nicht geben, bestimmt ist.

Obwohl so manche präsentierte These kritische Rückfragen oder sogar Einspruch provoziert, ist es erfreulich, dass durch das Buch ein neues Interesse an der theologischen Durchdringung des Bösen erkennbar wird. Es ist tragisch, dass die christliche Theologie angesichts der grauenhaften Präsenz des Bösen bei dieser Frage so zurückhaltend auftritt. Bleibt zu wünschen, dass man sich nicht nur religionswissenschaftlich und religionshistorisch dem Thema nähert, sondern es auch wieder biblisch­theologisch aufarbeitet. Die Heilige Schrift hat zu dieser Thematik erstaunlich viel zu sagen.

Sehr erfreulich finde ich, dass trotz divergierender Auffassungen im Resümee zum Ausdruck gebracht wird: a) die jüdisch­christliche Literatur kennt sehr wohl den Dualismus und zugleich ist b) das Böse dem souveränen Gott deutlich untergeordnet (vgl. XIII).

(rk)

 

Rezension: Der neue Paulus

Andreas Münch hat freundlicherweise das Buch Der neue Paulus – Handreichung zur Neuen Paulusperspektive (ISBN: 978-1522077107, Taschenbuch 7,85Euro, Kindle 3,99 Euro) rezensiert (Glauben und Denken heute, Nr. 20, 2/2017, S. 58–59):

Der neue Paulus – Handreichung zur Neuen Paulusperspektive

41SMFXcovuL SX311 BO1 204 203 2002017 feiert die protestantische Christenheit das 500. Reformationsjubiläum und gedenkt dabei auch an die Wiederentdeckung der biblischen Wahrheiten durch Männer wie Luther oder Calvin. Gerade Martin Luther gilt ja allgemein als der Initiator der Reformation und seine alles entscheidende Frage lautete bekanntlich: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott, oder anders formuliert: Wie kann der Mensch vor Gott gerecht werden? Der Römerbrief des Apostels Paulus verhalf Luther zu einer befreienden Antwort, nämlich der Gerechtigkeit aus Glauben allein, und prägte die protestantischen Kreise bis in die heutige Zeit.

Dieses reformierte „Erbe“ wird in der neutestamentlichen Wissenschaft, insbesondere in der Paulusexegese, und mittlerweile auch im evangelikalen Mainstream, durch die sogenannte Neue Paulusperspektive (kurz NPP) kritisch hinterfragt. Da es mittlerweile viele Vertreter, Publikationen und verschiedene Ansätze der NPP gibt, hat der Laie es nicht leicht, einen konstruktiv-kritischen Überblick über diese theologische Bewegung zu haben. Das Buch von Ron Kubsch Der neue Paulus – Handreichung zur „Neuen Paulusperspektive“ möchte da Abhilfe schaffen. Mit seinen knapp 76 Seiten ist das Buch nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein erster Einstieg in die Thematik, wie der Autor, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte am Martin Bucer Seminar, im Vorwort betont.

Für wen die NPP vollkommen neu ist, der erfährt in der Einleitung, worum es eigentlich geht. Der Autor schreibt: „Die NPP tritt mit dem Anspruch auf: Wenn wir die Brillen der theologischen Traditionen ablegen und zum Verstehen des Neuen Testaments das frührabbinische Judentum heranziehen, begegnen wir dem wahren Apostel Paulus. Der Apostel, den wir bisher zu kennen glaubten, ist nicht viel mehr als eine Fiktion. Alles, was wir bisher über Paulus wussten oder zu wissen meinten, muss neu untersucht werden.“ (S. 10). Das es hier nicht um ein paar Nebenaspekte der Auslegung geht, verdeutlicht Kubsch direkt zu Anfang: „Im Raum steht nicht weniger als die große Frage: ‚Haben wir zentrale Gesichtspunkte des Evangeliums bisher falsch verstanden?‘“ (S. 11).

Das Buch ist übersichtlich in 3 Hauptteile gegliedert. In einem ersten Teil erläutert Kubsch die Vorgeschichte der NPP und skizziert kurz deren Wegbereiter und nennt die zwei bedeutendsten aktuellen Vertreter, James D. G. Dunn und N. T. Wright.

Im zweiten Teil erklärt Kubsch bedeutsame Anliegen der NPP und geht näher auf folgende Aspekte ein: 1) Die achtsame Wahrnehmung des literarischen Kontextes, 2) Das Judentum ist eine Gnadenreligion, 3) Paulus als jüdischer Evangelist, 4) Das Evangelium als Botschaft vom Sieg Jesu und 5) Die Glaubensgerechtigkeit. Die einzelnen Punkte sind recht kurz gehalten, da auf sie in der kritischen Würdigung (Teil 3) eingegangen wird. Hier erhält der Leser einen allgemeinen Überblick über das Anliegen der NPP.

Im dritten und größten Teil geht es um eine kritische Würdigung der NPP. Kubsch zeigt zunächst auf, wo die NPP unser Bibelstudium und unsere Auslegung bereichert und macht darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, dass wir Traditionen immer wieder kritisch hinterfragen müssen: „Die neue Perspektive stellt zwar die traditionelle und insbesondere die reformatorische Paulusexegese auf den Prüfstand, so dass wir durch die Lektüre hin und wieder verunsichert werden. Aber das darf sie! Tradition gibt Festigkeit und Sicherheit, ist aber keine Garantie dafür, auf dem richtigen Weg zu sein“ (S. 35).

Er nennt folgende Punkte: 1) Die NPP zwingt uns zum intensiven Bibelstudium, 2) Die NPP regt dazu an, die Alte Paulusperspektive zu studieren, 3) Die NPP stimuliert exaktere Definitionen von theologischen Begriffen und Konzepten, 4) Die NPP erzielt Fortschritte bei der Suche nach der Einheit der Schrift, 5) Die NPP deutet die neutestamentlichen Schriften zielstrebig vom Alten Testament her, 6) Die NPP leistet einen Beitrag zur Überwindung des „Konflikts“ zwischen Offenbarung und Geschichte, 7) Die NPP korrigiert ein individualistisches Verständnis der Jüngerschaft und 8) Die NPP betont das Primat der Gnade schon im Alten Testament.

Natürlich darf der Anspruch der NPP auch kritisch hinterfragt werden. Kubsch hinterfragt die NPP, indem er verschiedene Anfragen an sie stellt und diese näher erläutert: Ist die NPP die ultimative Perspektive? Gibt es ein einheitliches palästinisches Judentum? Was sind die „Werke des Gesetzes“? Was verstehen wir unter „Gerechtigkeit Gottes“? Was verstehen wir unter „Evangelium“? Was verstehen wir unter Glaubensgerechtigkeit? Abschließend folgt ein Fazit im Schlusswort: „Die Bewegung stimuliert durchaus unser Bibelstudium und zwingt uns, genauer hinzuschauen und unsere Exegese hier und da zu revidieren. Aber es gibt daneben allerlei Gründe, Erträge der NPP kritisch zu hinterfragen“ (S. 55).

Mit diesem Buch hat Ron Kubsch eine hilfreiche Einführung in die recht komplizierte Thematik der NPP dargelegt, die auch für Neulinge leicht verständlich ist. Bei aller Kritik bleibt Kubsch sachlich und fair. Wer sich über diese Handreichung hinaus für die NPP interessiert findet im Anhang ausreichend Literaturhinweise, sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache.

 

Biblisch-theologische Einführung in das AT

51Qv3wJbZmL SX348 BO1 204 203 200In Glauben und Denken heute (Ausgabe 18, 2/2016, S. 51) wurde bereits das von Michael J. Kruger herausgegebene Buch A Biblical Theological Introduction to the New Testament: The Gospel Realized vorgestellt. Die biblisch­-theologische Einführung in das Alte Testament ist die dazu passende Ergänzung.

  • Miles V. Van Pelt (Hrsg.). A Biblical-Theological Introduction to the Old Testament: The Gospel Promised. Wheaton (Illinois): Crossway, 2016. ISBN-13: 978-1-4335-33464. 601 S., ca. 36,00 Euro

Der Herausgeber Miles V. Van Pelt ist Alan Belcher Professor für Altes Testament und biblische Sprachen am Reformed Theological Seminary (RTS) in Jackson, Mississippi. Er konnte 10 bewanderte Autoren für das groß angelegte Projekt gewinnen, darunter Mark D. Futato (Psalmen, Esra­Nehemia), Willem A. VanGemeren (Jesaja) und John D. Currid (Genesis, Exodus).

Wieder geht es nicht um eine gewöhnliche Einleitung in das Alte Testament. Wie der Buchtitel andeutet, geht es um eine Einführung, die die Einheit der Bibel betont und davon ausgeht, dass zum richtigen Verständnis des Ersten Testaments das Neue Testament heranzuziehen ist. Die Interaktion mit historisch­-kritischen Ansätzen wird auf ein Minimum reduziert. Immerhin werden in kleineren Exkursen Probleme wie etwa „Das 1. Buch Mose und die Archäologie“ (S. 57–59) oder „David und die Psalmen“ (S. 215216) behandelt. Die biblisch­-theologischen Zusammenhänge werden im Gegenzug umfassend und herausragend dargelegt und erläutert. So kann dieses Buch wie schon der Band zum Neuen Testament für Studenten und Pastoren ein exzellentes Hilfsmittel bei der Predigtvorbereitung sein. Graeme Goldsworthy kommentiert trefflich: „Für auslegende Prediger und Lehrer der Bibel ist das Buch wirklich eine Goldmine. Aktive und ehemalige Mitglieder der Fakultät des Reformierten Theologischen Seminars (RTS) haben einen Band produziert, der längst überfällig ist. Die klugen biblisch­-theologische Behandlungen eines jeden alttestamentlichen Buches, verbunden mit guten historischen und literarischen Kommentaren, münden alle in der Erfüllung genau jener Texte in der Person und dem Werk von Jesus. Mit diesem Band sollte kein Prediger das Gefühl haben, dass Predigen von Christus aus dem Alten Testament sei zu schwer und spekulativ.“

Ich kann das Buch sehr empfehlen.

 

Reformation: Zentren – Akteure – Ereignisse

Nachfolgend ein Buchhinweis:

51aH9zozqbL SY346Die Reformation, die auf eine umfassende theologische Erneuerung abzielte und zugleich tiefgreifende Wirkungen in Kultur, Gesellschaft und Politik hervorbrachte, war für Europa ein einschneidendes Ereignis. Als maßgebliches Datum gilt das Jahr 1517. Mit der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers erhielt nicht nur das Nachdenken über zentrale theologische Fragen, sondern auch der Ruf nach Neuausrichtung der Kirche, bedeutsame Impulse. Allerdings beschränkte sich die Reformation nicht auf Thüringen. Die Prozesse dort wurden von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sowie weiteren reformatorischen Ansätzen in Europa begleitet. So entwickelte etwa die Reformation in Straßburg oder in Genf eine enorme Wirkung.

Das Buch von Irene Dingel, Direktorin des Leibnitz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz, versucht, die vielfältigen Prozesse der Etablierung und Entfaltung der Reformation im Spannungsfeld der politischen Entwicklungen in Europa nachzuzeichnen. Es ist in drei große Teile gegliedert: Hintergründe (S. 15–44), Reformation (S. 45–248) und Ausstrahlung (S. 249– 276). Ergänzt wurden die Kapitel durch ein Quellen und Literaturverzeichnis und mehrere Register.

Ein erster Blick auf die spätmittelalterlichen Strukturen in Politik, Gesellschaft und kirchlichem Leben dient dazu, die Voraussetzungen zu erklären, auf denen sich die Reformation entfaltete. Nicht nur Wittenberg und die von dort ausgehende Reformation kommt zur Sprache, sondern auch weitere reformatorische Zentren und ihre herausragenden Akteure, deren Ausstrahlung nicht nur den Westen, sondern auch den Osten Europas erreichte. Im zweiten Teil werden die bedeutendsten Zentren und Akteure der Reformation beschrieben. Behandelt werden ausführlich neben Wittenberg auch Zürich, Straßburg und Genf. Die Autorin legt ebenfalls die inhaltlichen Auseinandersetzungen um Taufe, Spiritualismus und antitrinitarische Strömungen blendend dar. Der dritte Teil erörtert die Ausstrahlungen der Reformation in Europa (Niederlande, Nordeuropa, Preußen und Baltikum, Ungarn und Siebenbürgen, Böhmen und Mähren, Frankreich, England, Schottland, Spanien und Italien).

Irene Dingel ist es alles in allem gelungen, über historische Darstellungen hinaus theologische Ideen und Kontroversen verständlich auf dichten Raum präzise zu vermitteln. Ein empfehlenswertes Buch zur Reformationsgeschichte! (rk)

Identitätsfindung in der Postmoderne

41Il9gIBcQL SX311 BO1 204 203 200Jonas Erne hat das Buch Das komponierte „Ich“: Identitätsfindung in der Postmoderne rezensiert:

Der Untertitel lautet „Identitätsfindung in der Postmoderne und das christliche Menschenbild“. Der Inhalt basiert auf zwei Vorträgen, die Ron Kubsch 2010 und 2011 gehalten hat. In der Einleitung geht es um die Frage nach dem Subjekt. Wer bin ich? Diese Frage ist in unserer Zeit sehr wichtig geworden. Lange Zeit war die Identität keine so große Frage. Sie wurde durch die Einbettung in die Familie, den Ort und die Kirche von außen vorgegeben. Durch die Industrialisierung und später die Globalisierung wurde das Leben in immer mehr Teile aufgespalten, und an jedem dieser Teile, wie Beruf, Gemeinde, Familie, Vereine, und so weiter, wurde (und wird) erwartet, dass jeder eine bestimmte Rolle spielt. So stellt sich halt schon immer mehr diese Frage: Wer bin ich? Die Persönlichkeit wird plötzlich als etwas „Flüssiges“ gesehen, was sich ständig verändern kann, und der Gestalter dieser Persönlichkeit ist das einzelne Subjekt.

Im zweiten Teil beschreibt Ron Kubsch „Postmoderne Identitätserfahrungen“. Hier schreibt er von einer „Bastel-Mentalität“, also dass Menschen anfangen, ihre Identität zu basteln und im Laufe der Jahre ständig überarbeiten. Er zitiert den Leiter des Berliner Jugendkultur-Archivs, welcher schreibt, dass junge Menschen immer wieder zwischen den verschiedenen Subkulturen wechseln. Zygmunt Bauman, einer der wichtigsten Soziologen der Postmoderne, spricht von einem „Nomadentum“, also dem ständigen Umherreisen zwischen verschiedenen Subkulturen und Identitäten. Es werde jegliche Festlegung bewusst vermieden, so Bauman.

Mehr: jonaserne.blogspot.de.

„Silence“

Wer den Skandalfilm „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) oder „Shutter Island“ (2010) und zuletzt „The Wolf of Wall Street“ (2013) gesehen hat, dürfte überrascht sein, zu hören, dass sich der Regisseur Martin Scorsese von Jugend an suchend mit dem christlichen Glauben auseinandersetzt. Ein nachhaltiger Impuls zur Suche stammt aus dem Jahr 1988. Nach einer Sondervorführung von „Die letzte Versuchung Christi“ (in dem Film wird Jesus eine Beziehung zu Maria Magdalena unterstellt), überreichte Erzbischof Paul Moore dem Filmemacher eine Ausgabe von Shūsaku Endōs historischem Roman „Schweigen“. Das Buch hinterließ einen tiefen Eindruck. „Das Thema, das Endō hier behandelt, ist in meinem Leben seit meiner frühesten Jugend präsent“, so der Regisseur. „Ich wurde in einer streng katholischen Familie groß und beschäftigte mich stark mit Religion. Die Spiritualität des römischen Katholizismus, in die ich als Kind eintauchte, ist das Fundament meines Lebens, und diese Spiritualität hing mit dem Glauben zusammen.“ Während Scorsese den Roman las, fand er sich zu seiner eigenen Überraschung mit tiefgreifenden Fragen des Christentums konfrontiert, mit denen er „noch immer“ ringt, wie er sagt. „In der heutigen Phase meines Lebens grüble ich ständig über Themen wie Glauben und Zweifel, Schwäche oder das Schicksal des Menschen nach – und Endōs Buch berührt diese ganz direkt.“

„Silence“

Mit dem Film „Silence“, der auf dem Buch von Endō beruht, hat der Meisterregisseur nun ein Werk in die Kinos gebracht, das fast keine große Frage ausläßt. Der Film thematisiert, was Theologen, Religionsphilosophen oder Missionare umtreibt. Um einige Themen zu nennen: Was ist Wahrheit? Wie können wir das Evangelium kontextualisieren? Wie sollen sich Christen in Verfolgungssituationen verhalten? Zerstört die christliche Mission fremde Kulturen? Gibt es nach dem Abfall vom Glauben eine weitere Chance zur Umkehr? Und natürlich die übergroße Frage: Warum schweigt Gott?

Die Handlung

Der Film dreht sich um Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver), die 1638 von Portugal ins für die westliche Welt völlig abgeschottete Japan aufbrechen, um der Wahrheit hinter den Gerüchten nachzugehen, dass ihr berühmter Lehrer Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) seinem Glauben abgeschworen habe. Ferreira, ein Vorbild für viele junge Priester in Portugal, soll nicht nur dem Christentum den Rücken zugekehrt, sondern sogar zum Buddhismus übergetreten sein und eine Japanerin geheiratet haben.

Nachdem Rodrigues und Garpe im Hafen Macaus angekommen sind, zeichnet sich das Bild der christlichen Mission in Japan durch Gespräche mit Augenzeugen immer düsterer. Christen sind in Japan von ständiger Verfolgung der Feudalherren bedroht und werden durch Folter zum Glaubensabfall gezwungen.

In einer Kneipe finden die Priester den einzigen Japaner von Macau. Obwohl Kichijirō ein zwiespältiger Trunkenbold ist, scheint nur er sie unentdeckt nach Japan führen zu können. Angeblich stammt Kichijirō aus einer christlichen Familie. Während diese ihrem Glauben treu blieb und grausam hingerichtet wurde, verleugnete er das Christentum und wurde von seinen Peinigern in seinem Heimatdorf zurückgelassen. Er hatte es dann fluchtartig wegen plagender Schuld- und Schamgefühle verlassen. Nun betäubt er sein schlechtes Gewissen im Rausch.

Doch Kichijirō tut scheinbar alles, um sich zu rehabilitieren: Kurz nach der Landung in einer entlegenen Küstenregion nahe Nagasaki bringt er die beiden Jesuiten mit den ärmlichen Dorfbewohnern Tomogis zusammen, die alle dem von den Missionaren gebrachten Katholizismus treu geblieben sind und ihren Glauben im Geheimen praktizieren. Für sie sind die beiden Priester sprichwörtlich ein Geschenk Gottes: Endlich haben sie Geistliche, die ihnen die Sakramente spenden. Die Jesuiten selbst sind von dieser Aufgabe tief bewegt, auch wenn sie zunehmend begreifen, dass die Dörfler eine Art improvisiertes Christentum praktizieren und womöglich nicht alle Inhalte des Glaubens voll verstehen.

Tagsüber müssen sich die Priester verstecken. Erst in der Dunkelheit können Rodrigues und Garpe ihre seelsorgerischen Aufgaben wahrnehmen. Nach katholischer Lehre braucht es für den Zuspruch der Vergebung die Beichte bei einem Priester. Endlich sind sind sie da. Die Bauern bekennen ihre Sünden. Auch wenn die Priester nicht immer verstehen, um was es geht, erteilen sie die Absolution. (Als Protestant musste ich während dieser Szene an Luther denken. Dieser schrieb: Gott „schüttet also seine Christen noch viel reichlicher und decket ihnen mit Vergebung der Sünden alle Winkel voll, auf dass sie nicht allein in der Gemeinde Vergebung der Sünden finden sollen, sondern auch daheim im Hause, auf dem Felde, im Garten, und wo einer nur zum andern kommt, da soll er Trost und Rettung haben.“)

Als sich die befreundeten Priester auch bei Tageslicht hervorwagen, werden sie Zeuge eines grausamen Zwischenfalls: Samurai-Truppen marschieren in Tomogi ein und zwingen die Bewohner zur Glaubensprüfung. Sie müssen auf Bildern von Jesus, Maria oder Kruzifixen herumtrampeln, um damit zu beweisen, dass sie nicht dem Christentum folgen. Kichijiro, dem Pater Rodrigues erst zuvor noch die Beichte abgenommen hatte, verleugnet seinen Glauben erneut und läuft eilig davon. Letztlich werden drei aus dem Dorf, die sich der zynischen Kontrolle verweigert haben, zum Tod durch Kreuzigung verurteilt. Fassungslos sehen die beiden Pater mit an, wie die Märtyrer in der Meeresbrandung gekreuzigt werden. Sie sterben unter dem Anprall der Wellen langsam und unter großen Qualen vor Erschöpfung. Ihre Leichen werden verbrannt und die Asche wird verstreut, um sie einer kultischen Verehrung zu entziehen. Verzweifelt beginnt Rodrigues in seinen Gebeten angesichts des erlebten Leidens seiner Glaubensbrüder das Schweigen Gottes ins Feld zu führen.

Die eigentliche Aufgabe der Jesuiten ist allerdings noch nicht erfüllt: Das Schicksal von Pater Ferreira ist weiterhin ungeklärt. Gegen das sehnliche Bitten der Dorfbewohner verlassen Rodrigues und Garpe das Dorf Tomogi und teilen sich auf, um jeder für sich, weiter ins Land vorzudringen. Hier spitzt sich dann die Handlung dramatisch zu.

Erste Eindrücke

(1) Um es gleich zu sagen: „Silence“ ist ein beeindruckender Film. Ich kann mich nicht daran erinnern, einen Kinosaal jemals beklommener verlassen zu haben (und Spielbergs Film „Schindlers Liste“ hatte mir schon einiges abverlangt). Die Wucht der Bilder, die kurzen aber präzisen Dialoge, die offenbarten leiblichen und seelischen Qualen, haben mir fast den Atem genommen.

(2) Die Schauspieler glänzen durchweg. Ob Adam Driver (Garpe), Liam Neeson (Ferreira, er spielte Oskar Schindler in Schindlers Liste) oder Yōsuke Kubozuka (Kichijirō), sie spielen grandios. Andrew Garfield (Rodrigues) hat einen Oscar verdient.

(3) Für den Film braucht es Nerven wie Stahl. Schon die Eingangsszene zeigt die Brutalität, mit der die Inquisition die Christen gefoltert und gemordet hat. Die einheimischen Gläubigen werden mit kochend heißem Wasser aus Vulkanquellen übergossen. Besonders grausam war die Technik des ‚ana-tsurushi’, die im Film zu sehen ist: Das Opfer wurde von einem Gerüst mit dem Kopf nach unten in eine Grube gehängt, der Körper fest verschnürt, um die Blutzirkulation zu hemmen. Während es unerträglichen Druck auf den Kopf litt, tropfte ihm langsam Blut aus Mund und Nase oder einer Schnittwunde. Bis der Tod eintrat, dauerte es oft bis zu einer Woche. Ich kann nicht nachvollziehen, dass der Film ab 12 freigegeben wurde.

(4) Die problematische Theologie und die Missionsmethodik von Franz Xaver (1506–1552) und den Jesuiten will ich hier nicht erörtern. Es ist jedoch einen Hinweis wert, dass die Bibel – zumindest im Film – so gut wie keine Rolle spielt. Obwohl ich Filmen gern eine zweite Chance gebe, ist das schon jetzt für mich die Erklärung für das vorgebliche Schweigen Gottes. Ich kann mich sogar an eine Szene erinnern, in der (vermeintlich) Jesus doch spricht. Im Schweigen vernimmt Rodrigues seine Stimme, die zum Glaubensabfall aufruft. Die Heilige Schrift, die ja Verfolgung und Martyrium deutlich anspricht, bezeugt auf breiter Grundlage, dass es gerade das Wort Gottes ist, dass in Stunden schwerster Anfechtung und Not Orientierung, Halt und Trost gibt. Gott spricht durch sein Wort.

(5) Der Film stellt Fragen, viele gute Fragen. Antworten gibt er nicht. Deutet er Antworten an, sind sie unorthodox und mystisch. Trotzdem kann „Silence“ zum tiefschürfenden Gespräch anstiften.

(6) Wieder einmal ist deutlich geworden, wie wichtig solide Begründungen der Religionstoleranz sind und das sie geschützt werden muss.

(7) Die japanische Inquisition hat den Gläubigen einen „Abfall vom Glauben“ leicht gemacht. Die Apostasie wird scheibchenweise serviert: „Das ist nur eine Formsache. Es reicht eine Geste, mehr wollen wir nicht.“ Doch die erste Überschreitung hat die Herzen der Menschen gebrochen und weitere Schritte vorbereitet.

(8) Mehr als einmal habe ich mich während des Films gefragt: Was hätte ich wohl in dieser Situation getan? Wäre ich standhaft geblieben?

Als der Film „Taxi Driver“ 1976 in New York uraufgeführt wurde, war das ein Ereignis der amerikanischen Popkultur. Aus dem jungen Robert de Niro wurde über Nacht ein großer Darsteller und Scorsese gilt seit dem als gefeierter Kultregisseur. „Taxi Driver“ entwickelte sich zum Referenzwerk postmodernen Filmstils und die Kritiker haben sich beim Ringen um die richtige Interpretation die Finger wundgeschrieben. Diese Aufmerksamkeit wird „Silence“ nicht bekommen. Ein Ereignis ist der Streifen über Glaube, Zweifel, Martyrium und Apostasie allemal.

Ron Kubsch

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Der Film kommt am 2. März 2017 bundesweit in die Kinos.
FSK ab 12 freigegeben.
162 Minuten.
Internet: www.silence-film.de.

 

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Bild: © 2017 Concorde Filmverleih GmbH

Partnerschaft: Was überzogene Erwartungen anrichten

Wir haben uns auseinandergelebt, heißt es beim Zerbruch einer Partnerschaft immer wieder. Was damit genau gemeint ist, können die Paare oft nicht beschreiben. Die Psychiaterin Heidi Kastner hat die Erfahrung gemacht, dass dann oft Banalitäten wie Haare im Waschbecken oder schmutzige Socken im Bad genannt werden.

Die Gerichtspsychiaterin und Chefärztin einer Landesnervenklinik in Österreich hat viele zerbrechende Beziehungen studiert und ihre Beobachtungen in dem Buch Tatort Trennung. Ein Psychogramm publiziert. Das Ergebnis überrascht. Sie warnt vor einer Überbetonung von Romantik und Sex und der Flucht aus der Partnerschaft.

Livia Gerstner, die das Buch für die FAZ vorstellt, schreibt:

Man kann Heidi Kastners Buch als Kampfansage an die romantische Liebe lesen oder als Kritik an einer Gesellschaft voller Egomanen, deren Drang nach Selbstverwirklichung und individuellem Glück wenig Kompromisse zulässt. Worum es ihr aber vor allem geht, ist Schadensminimierung. Der Verlust einer emotionalen Bindung, sagt Kastner, sei das belastendste Ereignis im Leben eines Menschen. Für Kastner ist daher jede Trennung ein Tatort. Hier werden Menschen in Verzweiflung gestürzt, in Verbitterung getrieben und in ihrer Selbstdefinition erschüttert. Ein Tatort, den es zu vermeiden gilt.

J. Frame: Geschichte der westlichen Philosophie und Theologie

51foGIlO8QL SX354 BO1 204 203 200Was macht ein Buch lesenswert und hilfreich? Neben seinem Inhalt sicherlich die Tatsache, dass komplexe Dinge leicht verständlich und trotzdem nicht allzu simpel dargestellt werden.

John Frame, Professor für Systematische Theologie und Philosophie am Reformed Theological Seminary in Orlando (USA), wird seit Jahrzehnten – über reformierte Kreise hinaus – dafür geschätzt, genau diese Art von Büchern zu schreiben. Da sind u.a. zwei Titel zur Apologetik, eine vierbändige Dogmatik (Lordship-Series), eine kürzere Systematische Theologie und neuerdings auch ein Buch zur Philosophie- und Theologiegeschichte:

Zum Inhalt: Nach einem Vorwort von Albert Mohler und Frame selbst, bietet er im ersten Kapitel auf 36 Seiten eine Einführung zu den Fragen: Was ist Philosophie und wieso sollte man sich als Christ mit ihr beschäftigen? Welche größeren Teilbereiche umfasst die Philosophie (Metaphysik, Epistemologie und Ethik, wobei Frame sich auf die ersten beiden konzentriert)? In welcher Beziehung stehen sie zueinander? Welche Sichtweisen bietet die Bibel zu diesen Themen? Was kann der Mensch eigentlich von sich aus wissen und was hat die Sünde damit zu tun?

In den darauffolgenden zwölf Kapiteln beschreibt Frame die unterschiedlichen Epochen, ihre einflussreichsten Vertreter, die wichtigsten Fragestellungen jener Zeit und welche biblischen Perspektiven es dazu gibt. Die Kapitel und Themenbereiche sind im Einzelnen:

  • Griechische Philosophie
  • Frühe christliche Philosophie
  • Philosophie des Mittelalters
  • Das Denken der frühen Neuzeit
  • Theologie in der Aufklärung
  • Kant und seine Nachfolger
  • Theologie im 19. Jahrhundert
  • Nietzsche, Pragmatismus, Phänomenologie und Existenzialismus
  • Liberale Theologie des 20. Jahrhunderts, Teil 1
  • Liberale Theologie des 20. Jahrhunderts, Teil 2
  • Sprachphilosophie im 20. Jahrhundert
  • Die jüngste christliche Philosophie

Damit hört Frames Buch allerdings noch nicht auf. Ab Seite 579 findet man noch einen Anhang mit 20 Ressourcen, d.h. Rezensionen zu wichtigen Büchern und Artikel zu besonderen Themen, die in den vorigen Kapiteln angerissen wurden (z.B. ontologischer Gottesbeweis, Determinismus und freier Wille, menschliche Sprache und göttliche Offenbarung, Wissen von Nichtgläubigen über Gott, usw.).

Einige Beobachtungen zum Aufbau des Buches: A History of Western Philosophy and Theology ist nicht nur äußerst klar und verständlich geschrieben, es ist auch didaktisch vorbildlich strukturiert: Auf das normale Inhaltsverzeichnis mit Seitenangaben folgt zur besseren Übersicht ein detailliertes Inhaltsverzeichnis mit allen Unterthemen (analytical outline); danach findet der Leser einen Verweis auf die dazugehörigen Vorlesungen Frames, die man gratis über iTunes nachhören kann. Am Ende gibt es ein Glossar mit Begriffserklärungen, eine kommentierte Bibliographie mit weiterführender Literatur, ein ausführliches Quellenverzeichnis der verwendeten Bücher und Onlineartikel, ein Namensverzeichnis, ein Schlagwörterverzeichnis, ein Verzeichnis der zitierten Bibelstellen und schließlich eine kurze Übersicht der großen Wendepunkte in der Geschichte der Philosophie bzw. der Theologie. Man sieht: Das Buch ist darauf ausgelegt, nicht bloß ein einziges Mal gelesen zu werden.

Auch die einzelnen Kapitel sind didaktisch gut aufgebaut: Auf jeder geraden Seitenzahl ist noch einmal der Kapitelaufbau abgedruckt und der Unterabschnitt markiert, den man gerade vor sich hat. Grafiken erleichtern das Verständnis abstrakter Konzepte; zentrale Aussagen sind am Rand noch einmal extra abgedruckt; Fotos der jeweiligen Philosophen und Theologen machen die bloßen Namen lebendiger. Immer wieder erinnert Frame auch an die Inhalte der vorherigen Kapitel, um thematische Querverbindungen und manchen roten Faden nachzuzeichnen. Am Ende eines jeden Kapitels sind noch einmal die behandelten Themen als Schlagworte aufgelistet, zusätzlich gibt es eine Liste mit Fragen zur Wiederholung und Vertiefung des Gelesenen, ebenso eine kommentierte Bibliographie mit Büchern, Onlineressourcen und Primärquellen zum jeweiligen Kapitel, sowie eine Auflistung wichtiger Zitate. Für weitere Artikel und vertiefende Exkurse verweist Frame stets auf die jeweiligen Kapitel seiner Lordship-Series und auf seine Homepage, die er zusammen mit seinem Kollegen, dem Neutestamentler Vern Poythress führt.

Was sind Schwachpunkte von A History of Western Philosophy and Theology? Zwar ist der Band durchaus umfassend, doch kann er letztlich nur ein Überblick bzw. eine solide Einführung sein. Denn wer auf knapp 580 Seiten eine Geschichte der westlichen Philosophie und Theologie vorlegen möchte, muss sich zwangsläufig auf eine Auswahl beschränken. Daher ist Frames Buch längst nicht so ausführlich wie Störigs Klassiker Kleine Weltgeschichte der Philosophie dem jedoch die biblisch-theologische Perspektive fehlt. Einzelne Schlüsselfiguren und ihre Denksysteme untersucht Frame eingehend auf mehreren Seiten (z.B. Augustinus, Thomas von Aquin, Kant, Schleiermacher, Barth, Pannenberg und auch Moltmann), andere Denker und Strömungen werden wiederum relativ kurz abgehandelt (z.B. Luther, Calvin und die Reformation). Römisch-katholische oder orthodoxe Denker kommen höchstens am Rande vor.

Obwohl Frames Darstellungen der ausgewählten Philosophen und Theologen stets nachvollziehbar und gehaltvoll sind, folgt er in der Regel der Mehrheitsmeinung der Forschung. In der Auswertung untersucht er zentrale Schwachpunkte und unbiblische Gedankengänge der einzelnen Denker und Strömungen, konzentriert sich dabei aber immer auf das Wesentliche. Leser mit Vorwissen hätten sich da wahrscheinlich etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht.

Grundsätzlich stützt sich Frame auf die vollkommene Verlässlichkeit und Irrtumslosigkeit der Bibel als Gottes Wort, darüber hinaus nutzt er den Ansatz der voraussetzungsbewussten Apologetik (presuppositionalism) im Sinne von Cornelius Van Til (siehe hier).  Trotz hilfreicher Erklärungen hätte mancher Leser auch hier detailliertere Begründungen erwartet, warum gerade dieser Ansatz der Apologetik – obwohl äußerst passend und sinnvoll – die richtige Lesebrille für den Rest des Buches bietet.

Letztlich merkt man in seiner Argumentation, dass Frame vor allem Systematischer Theologe ist und die Exegese bei ihm bereits vorher im Hintergrund stattgefunden hat. Wie auch in seinen anderen Bücher nutzt er ausführlich sein Modell der Lordship-Theologie, um verschiedene, „dreifaltige“ bzw. „drei-polige“ Verständnishilfen zu entwickeln: Ausgehend von Gottes trinitarischem Charakter offenbart er sich „drei-polig“ in seiner Autorität, Macht und Gegenwart. Jegliches Wissen des Menschen als Gottes Geschöpf und Diener sieht Frame ebenfalls auf drei Ebenen (normativ, situativ und existenziell). Dann wiederum nutzt er vier-polige Konzepte, um biblische Denkmuster mit unbiblischen zu vergleichen (z.B. Gottes Transzendenz und Immanenz gegenüber Wittgensteins perfekter Sprache und seinem Konzept des Mystischen). So didaktisch wertvoll diese drei- und vier-poligen Verständnishilfen auch sein mögen, an manchen Stellen wirken sie etwas willkürlich und abstrakt.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis offenbart einen ungewöhnlichen Schwerpunkt, den ich persönlich jedoch nicht als Manko wahrgenommen habe: Frame bietet den letzten 300 Jahren der Philosophie- und Theologiegeschichte außergewöhnlich viel Raum und zeigt, welche gedankliche Basis hinter den Themen und Fragen steckt, die uns gerade heute relevant erscheinen.

Zugegeben –  viele einflussreiche Denker werden nicht behandelt (z.B. J. Butler, M. Nussbaum, J. Habermas), u.a. weil sie in der philosophischen Ethik arbeiten, die Frame hier nicht schwerpunktmäßig behandelt. Und der Postmoderne gesteht Frame wie selbstverständlich nur 2,5 Seiten zu. Trotzdem weist er nach, wo unsere heutigen Fragen, Ideologien und „Erkenntnisse“ herkommen, auf welche Theorien sie aufbauen und dass sie oft gar nicht so revolutionär sind, wie wir vielleicht dachten. Augenöffner sind auf jeden Fall die Kapitel zur Liberalen Theologie in ihren unterschiedlichen Ausführungen, aber auch Frames konstruktiv-kritische Kommentare zu den mittlerweile zahlreichen christlichen Philosophen unserer Zeit. Das macht A History of Western Philosophy and Theology letztlich unglaublich „aktuell“.

Welches Fazit bleibt? John Frames Buch ist nicht perfekt, dafür aber äußerst lesenswert und hilfreich. Wer solide Englischkenntnisse mitbringt, wird auf den ersten Blick eine gut verständliche Einführung in das philosophische und theologische Denken der westlichen Welt vorfinden und auf viel Stoff zum Weiterdenken stoßen. Ich würde das Buch jederzeit Hauptamtlichen im christlichen Dienst empfehlen, weil es ihre Arbeit und auch die missionarische Verkündigung ohne Frage stärken wird. Ebenso werden engagierte Ehrenamtliche in der Gemeindearbeit und Studierende unterschiedlicher Studienrichtungen (Geschichte, Soziologie, Theologie, Philosophie, Lehramt allgemein, usw.) von dem Buch profitieren.

Auf den zweiten Blick hingegen ist A History of Western Philosophy and Theology ein Weckruf und Ansporn. John Frame zeigt auf bescheidene und zugleich direkte Art und Weise: Gottes verlässliches und unfehlbares Wort vermag den philosophisch-kritischen Anfragen der Menschheit nicht nur standzuhalten, sondern bietet selbst das tragfähigste Weltbild. Wer sich im Gegensatz dazu von postmodernen, liberal-christlichen oder entschieden nichtchristlichen Konzepten Antworten erhofft, wird mehr als enttäuscht werden. Alles in allem also ein wichtiges Buch, das hoffentlich bald in deutscher Sprache erscheint und vielen weiterhelfen wird, das Evangelium von Jesus Christus treu und „vernünftig“ weiterzugeben.

Daniel Vullriede

Die Unterwerfung der Welt

Die folgende Rezension ist zuerst in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE erschienen (Nr. 18, Ausgabe 2/2016. S. 49):

61OdCK20GEL SX326 BO1 204 203 200Der Historiker Wolfgang Reinhard, emeritierter Professor für Neue Geschichte an der Universität Freiburg, ist ausgewiesener Experte für die Geschichte der Päpste und der Konfessionalisierung. In den achtziger Jahren veröffentlichte er eine viel beachtete Geschichte der europäischen Expansion in vier Bänden (Stuttgart: Kohlhammer, 1983–1990). 2001 erhielt er den renommierten Historikerpreis (Preis des Historischen Kollegs).

Nun hat er sein Hauptwerk gründlich überarbeitet und als Gesamtdarstellung aus einem Guss beim Verlag C. H. Beck herausgegeben. Das Buch enthält 1648 Seiten, wobei das Quellen- und Literaturverzeichnis über 300 Seiten zählt.

Unterwerfung der Welt führt durch die Anfänge Europas in der Antike über das Mittelalter bis hin zu den Dekolonisationsprozessen im 20. Jahrhundert. Der Autor beherrscht den Stoff souverän und kann ihn hervorragend an den Leser bringen. Obwohl immense „Wissensmengen“ zu vermitteln sind, liest sich das Buch anregend und flüssig, egal ob es um Sklavenhandel, die Handelswege oder die Vereinnahmung der Polargebiete geht. Die zahlreichen eingearbeiteten Karten, Tabellen und Grafiken erleichtern den Zugang.

Dass Reinhard bei aller Liebe zu den groben Zügen die Details im Blick behält, merkt man besonders, wenn er zu Gebieten schreiben, mit denen man sich als Leser schon eingehender auseinandergesetzt hat. Im Zusammenhang der von Jonathan Edwards und George Whitfield ausgelösten Erweckungsbewegung berichtet er etwa über die Welle der Hochschulgründungen, die damals ausgelöst wurde. Sogar auf die theologischen Unterschiede zwischen lutherischer, katholischer und reformierter Heidenmission geht er ein, „ist doch eine reformierte Bekehrung eine intellektuell sehr viel anspruchsvollere Angelegenheit als das, was die Katholiken für die Taufe vorauszusetzen pflegten“ (S. 528).

Immer wieder erhalten die Eroberten die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. So beschreibt er den islamischen und atlantischen Sklavenhandel in seiner Tragik und Grausamkeit. Der Autor verfällt allerdings nicht in den Stil, der in postkolonialistische Theoriebildung verbreitet ist, sondern bleibt bei einer nüchternen Darstellung.

Das monumentale Buch wird meines Erachtens für lange Zeit ein Standardwerk zur Globalgeschichte bleiben.

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Der Buchhinweis kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden: W.Reinhard.Unterwerfung.pdf.

Der Atlas zur Reformation in Europa

Rezension zum Buch:

  • Tim Dowley: Der Atlas zur Reformation in Europa, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Aussaat, 2016, Euro 19,90.

978 3 7615 6331 1„Eine Karte erschließt Welten und erschafft Bedeutung. Sie formt eine Brücke zwischen dem Hier und dem Dort“, hat Reif Larsen, der Schriftsteller, einmal gesagt (vgl. S. 3). Da uns die Welten der Reformation heute so fremd sind, hat der in London lebende Tim Dowley einen außergewöhnlichen Atlas entwickelt. Entstanden ist eine reizvolle Brücke zu „dem Dort“, die zu Überqueren so viel Vergnügen macht, dass man gar nicht mehr aufhören möchte, sie zu beschreiten.

Der Atlas informiert auf seinen 160 Seiten über Ursprünge, Hintergründe und die Ausbreitung der Reformation und ihre Folgen für Europa und den Rest der Welt. Nun existieren freilich schon etliche Atlanten zur Kirchengeschichte. Aber keines der mir bekannten Werke ist so explizit der Reformation gewidmet und so wunderschön gestaltet wie diese Sammlung.

Der erste Teil des Atlas behandelt den Zeitabschnitt vor der Reformation einschließlich diverser vorreformatorischer Bewegungen wie die Waldenser oder die Hussiten. Der zweite Teil beginnt mit dem Beginn der Reformation unter Martin Luther und endet mit den reformarischen Aufbrüchen in England, Schottland und Polen. Der dritte Teil dreht sich um die Gegenreformation und die Konfessionalisierung. Der letzte Teil veranschaulicht die Ausbreitung der Reformation in der Frühmoderne bis hin nach Nordamerika oder Japan.

Die großen Reformatoren werden jeweils auf zwei Buchseiten vorgestellt. Auf der dazugehörigen Karte sind immer die wichtigsten Wirkungsstätten eingezeichnet. Dabei ist vorteilhaft, dass große Ereignisse direkt eingetragen sind, in Marburg beispielsweise die Diskussionen um die Bedeutung des Abendmahls zwischen Zwingli und Luther im Jahre 1529. Erfreulicherweise wurden oft vernachlässigte Themen wie die Täuferbewegungen, die radikalen Reformer oder die Judenverfolgungen aufgenommen. Auf der Karte 19 (S. 63) sind sowohl die Routen der vertriebenen Juden, die größeren Verfolgungen und eingerichtete Ghettos sowie Neubesiedelungen zu finden. Im Verlauf des Mittelalters wurden die Juden immer wieder verfolgt, nicht nur von der Inquisition.

Inhaltlichen Schwerpunkten wie der Schweizer Reformation oder die Ausbreitung des Calvinismus sind ein bis drei Seiten gewidmet. Mitunter erfährt der Leser feine Details, über die von Johannes Calvin gegründete Akademie wird berichtet, dass sie bereits 1559 162 Studenten hatte. 1564 waren es bereits mehr als 1500 Studenten, die meisten von ihnen stammten aus dem Ausland. Die Akademie muss damals allein logistisch unvorstellbar viel geleistet haben.

Der Atlas zur Reformation enthält 60 liebevoll angelegte Karten, die durch meist farbige Abbildungen und Zeitstrahlen ergänzt werden. Ein Orts- und Stichwortverzeichnis ist ebenfalls enthalten. Das Buch ist was für Liebhaber der Kirchengeschichte und eignet sich vorzüglich zum Verschenken an Leute, die sich für die Geschichte der Reformation begeistern.

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Die Rezension erschien zuerst in Glauben und Denken heute und kann in der PDF-Version heruntergeladen werden: AtlasRef.pdf.

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