Neues Testament

„So ist das Gesetz Diener und Türhüter für die Gnade“

Martin Luther schreibt zu: „Was soll dann das Gesetz? Es wurde hinzugefügt um der Übertretungen willen, bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gilt“ (Gal 3,19b):

Aber wozu ist denn diese Erniedrigung, diese Zerstoßung und Zerschlagung durch den Hammer des Gesetzes gut? Dazu, daß die Gnade bei uns Eingang finden kann. So ist das Gesetz Diener und Türhüter für die Gnade. Denn Gott ist ein Gott der Niedrigen, der Elenden, der Angefochtenen, der Bedrückten, der Verzweifelten und aller derer, die völlig zunichte geworden sind. Es ist ja Gottes Natur, die Niedrigen zu erheben, die Hungrigen zu speisen und die Blinden zu erleuchten, die Elenden und Angefochtenen zu trösten, die Sünder zu rechtfertigen, die Toten lebendig zu machen, die Verzweifelten und Verurteilten zu retten etc. Er ist ja ein mächtiger Schöpfer, der alles aus Nichts macht. Zu diesem seinem eigentlichen und natürlichen Werk läßt Gott nicht kommen diese allerschädlichste Pestilenz, nämlich die Einbildung eigener Gerechtigkeit, die nicht sündig, unrein, elend und verdammt sein will, sondern gerecht, heilig etc. Darum muß Gott jenen Hammer, das Gesetz anwenden, der zerbricht, zermalmt und zerschlägt und völlig zunichte macht. Da gehts diesem Untier mit seinem eitlen Selbstvertrauen, Weisheit, Gerechtigkeit, Macht etc. ans Leben, so daß es schließlich aus seinem Unglück lernen muß, es sei verloren und verdammt. Wenn denn das Gewissen so durch das Gesetz erschüttert ist, hat die Lehre des Evangeliums und die Gnade Raum, richtet auf und tröstet, denn Christus ist nicht gekommen in die Welt, das zerstoßene Rohr zu zertreten, oder den glimmenden Docht auszulöschen, er ist gekommen, den Armen das Evangelium zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu heilen, den Gefangenen die Freiheit zu verkündigen etc.

Die Theologie des Hebräerbriefs

Es gibt ein neues Werk zum Hebräerbrief (#ad): 

Robert J. Cara schreibt dazu: 

Dieses Buch, „Perfect Priest for Weary Pilgrims: A Theology of Hebrews“, ist Teil der RHebreweihe „New Testament Theology“, herausgegeben von Thomas Schreiner und Brian Rosner. Ziel der Reihe ist es, sich auf die Theologie einzelner neutestamentlicher Bücher zu konzentrieren, dabei jedoch „die übergreifende Erzählung der Bibel und ihren christozentrischen Fokus im Blick zu behalten“ (S. xi). Dieses Ziel passt offensichtlich gut zu Johnsons Interessen und den vielen Themen im Hebräerbrief selbst, ganz zu schweigen davon, dass es das Herz jedes reformierten Christen erwärmt, der eine umfassende Bundestheologie bejaht. Im Vergleich zu anderen Büchern dieser Reihe enthält Johnsons Werk explizitere pastorale Anwendungen. Zum Beispiel: „Gottes pilgerndes Volk befindet sich nicht in freundlichem Gebiet … Der Hebräerbrief ist ein Geschenk an müde Pilger, um unseren Glauben zu nähren und unsere Ausdauer zu stärken, während wir uns durch die feindliche Wildnis dieser Welt zur himmlischen Stadt vorarbeiten“ (S. 165–66).

Was einleitende Fragen angeht, plädiert Johnson kurz für überwiegend traditionelle Schlussfolgerungen. Der Hebräerbrief war ursprünglich eine Predigt, die an eine überwiegend ethnisch jüdische Gemeinde gerichtet war, in der viele dieser jüdischen Christen von der breiteren jüdischen Gemeinschaft schikaniert wurden. Außerdem „stellten einige der Gemeindemitglieder die Hinlänglichkeit des Opfers Christi in Frage und warfen sehnsüchtige Blicke zurück auf die tröstlich vertrauten und sichtbaren Rituale des israelitischen Heiligtums“ (S. 20). Johnson sieht, „dass der ermahnende Zweck die theologische Diskussion prägt“ (S. 12). Und nein, der Verfasser des Hebräerbriefes ist nicht Paulus.

Wie zu erwarten, behandelt der größte Teil des Buches die theologischen Themen im Hebräerbrief auf sehr exegetische Weise, und Johnson tut dies auf bewundernswerte Weise. In Kapitel 1 beginnt er mit dem „Paradigma der Wüstenwanderung“ aus Hebräer 3,7–4,13. Er zeigt viele Aspekte des Zitats aus Psalm 95 und dessen Implikationen für heutige Gläubige auf. Was die umstrittene „Ruhe“ in Hebräer 4,3 und 4,11 betrifft, so ist diese gänzlich zukünftig und eschatologisch.

Johnson nutzt Hebräer 1,2 als Ausgangspunkt in Kapitel 2, um die vielen Verse im Hebräerbrief zu erörtern, die sich sowohl auf Gottes sich entfaltenden heilsgeschichtlichen Plan als auch auf Gottes Offenbarung beziehen. Interessanterweise kommt er zu dem Schluss, dass διαθήκη in Hebräer 9,16–17 sich auf „Bund“ und nicht auf „Testament“ bezieht. Er führt diese hermeneutische Diskussion in Kapitel 3 fort und konzentriert sich dabei auf die verschiedenen Arten, wie der Verfasser des Hebräerbriefes die alttestamentlichen Schriften interpretiert. So verwendet Johnson beispielsweise drei prägnante Sprüche, um einige der hermeneutischen Vorgehensweisen des Verfassers des Hebräerbriefes zu erfassen: „Wenn A so wäre, würde die Schrift nicht B sagen“; „Um wie viel mehr? Vom Guten zum Besseren, vom Schlechten zum Schlimmeren“; und „Das Schweigen der Schrift spricht“.

Mehr: journal.rts.edu.

Peter Stuhlmacher: Nur der Weinstock gibt den Reben das Leben

Peter Stuhlmacher schreibt in seiner Biblischen Theologie des Neuen Testaments über Jesu Weinstockrede (#ad, Bd. 2, 1999, S. 267):

Nach Joh 15,1–8 stellt sich das Verhältnis Jesu zur Jüngerschar wie das des Weinstocks zu den Reben dar. Diese Bildrede hat eine dreifache Pointe. Die erste besteht darin, daß nur der Weinstock den Reben Leben gibt, die Reben ganz vom Weinstock leben und vernichtet werden, wenn sie nicht reichlich Frucht bringen. Im Klartext: Die Jünger leben aus der Liebe Jesu, sind aber auch (auf Gedeih und Verderb) dazu verpflichtet, in dieser Liebe zu bleiben (vgl. 15,9; 17,23). – Die zweite Pointe liegt darin, daß Jesus seine Jünger in 15,15 nicht mehr unwissende Sklaven (douloi), sondern Freunde (philoi) nennt, die von wahrer Gotteserkenntnis erfüllt sind. Der Ehrentitel ,Freunde Jesu’  steht dem judenchristlich üblichen, auch in Apk 1,1; 2,20; 7,3 u.ö. beibehaltenen Wortgebrauch von douloi Chrisou oder douloi Theu für die Apostel und Gemeindeglieder (vgl. Röm 1,1; 6,15–23; 1Petr 2,16; Jak 1,1; Jud 1 usw.) gegenüber und hat sapientiale Wurzeln: Nach Weish 8,18 wird man von der sophia nicht versklavt, sondern ist mit ihr befreundet, und nach Weish 7,14.27 schafft die Weisheit durch den Eingang in heilige Seelen ,Freunde Gottes’. Die Freunde Jesu stehen also in einem besonders innigen Verhältnis zu ihrem Herrn. – Die dritte Pointe liegt in dem Begriff ,wahrer Weinstock’ (…). Da der Weinstock geläufiges Symbol für Israel ist (vgl. Ps 80,9), deutet die Metapher an, daß nicht das vorfindliche Israel, sondern Jesus und seine Jünger das wahre Gottesvolk bilden.

Der Kreuzestod offenbart die Herrlichkeit des Christus

Im Johannesevangelium 13,31–32 lesen wir: 

Da Judas nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Ist Gott verherrlicht in ihm, so wird Gott ihn auch verherrlichen in sich und wird ihn bald verherrlichen. 

Mit der Entlassung des Judas hat die Verwirklichung des Heilsplans also eine weitere entscheidende Phase erreicht. Als Jesus Judas mit den Worten entließ: „Was du tust, das tue bald!“ (Joh 13,27), bekundete er seine entschlossene Bereitschaft, für die Seinen in den Kreuzestod zu gehen. Durch diesen Gehorsam und diese Liebe wurde Jesus als Menschensohn verherrlicht bzw. erhöht.

Jesus hatte dem Volk schon zuvor erklärt, dass der Menschensohn erhöht werden muss (vgl. Joh 12,34). Schließlich muss in Erfüllung gehen, was der Prophet Jesaja angekündigt hatte: „Siehe, meinem Knecht wird’s gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein“ (Jes 52,13).

Das heißt: Der Menschensohn wird gerade in dem Augenblick, der für ihn Niederlage, Schande und Unheil zu bedeuten scheint, verherrlicht! Der grausame Tod am Kreuz lässt die Hoheit und Herrlichkeit von Jesus Christus offenbar werden.

Johannes Calvin hat das wunderbar erkannt und kommentierte den V. 32 mit den Worten (Das Evangelium des Johannes, Joh 13,32):

Anstatt die Hoheit Christi in Schatten zu stellen, hat vielmehr der erlittene Kreuzestod seine Hoheit erst ins rechte Lichte gestellt: in vollen Strahlen erglänzt von Golgatha aus seine unfassbar große Liebe für die Menschheit, seine abgrundtiefe, die Sühnung aller Schuld, die Versöhnung des Zornes Gottes bewirkende Gerechtigkeit, seine Heldenkraft, die in der Überwindung des Todes, in der Unterjochung Satans, in der Erschließung der Himmelspforten Wunder verrichtete. Was aber Christus hier von sich sagt, das findet auch auf uns seine Anwendung. Mag die ganze Welt sich verschwören, Schmach und Schande auf uns zu häufen, wenn wir nach wie vor in Lauterkeit und von Herzen der Ehre Gottes zu dienen uns befleißigen, so ist kein Zweifel daran: auch Er wiederum wird uns Ehre zuwenden. Umso tröstlicher wird die Verheißung, die Christus gibt, dadurch, dass er betont, solches werde bald geschehen. Wenn nun auch die Verklärung, von welcher er hier redet, am Ostermorgen begann, so denkt er doch wohl vor allem an die bald danach erfolgende Ausbreitung des Evangeliums von ihm, der für uns starb und auferstand, in aller Welt.

Martin Bucer: Die Quelle ewiger Erlösung

In Römer 3,21 lesen wir: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“Der Reformator Martin Bucer kommentiert den Vers mit folgenden Worten (Gwenfair Walters Adams, Timothy George u. Scott M. Manetsch (Hrsg.), Romans 1–8: New Testament, Bd. VII, Reformation Commentary on Scripture, Downers Grove, IL: IVP Academic: An Imprint of InterVarsity Press, 2019, S. 164):

Unsere Sache wird stets durch diese Verse des größten Apostels und von Christus auserwählten Werkzeugs gestützt. Kein anderer Apostel hat uns jemals die Lehre eingeprägt, dass die Gerechtigkeit allen Menschen allein durch den Glauben an Jesus Christus, der für uns gestorben ist, zuteilwird. Lasst uns unsere Gedanken noch tiefer auf genau diese Sache richten und die Angelegenheit sorgfältig und würdig prüfen. Denn niemand hat diese Frage jemals ausreichend berücksichtigt. Dies ist wahrhaftig ein Schatz des Lebens und eine Quelle ewiger Erlösung. Denn wer kann darüber nachdenken, dass Gott aus seiner unaussprechlichen Liebe zu uns um unseretwillen seinen eingeborenen Sohn seinen Feinden zum Tode übergeben hat, damit wir durch ihn ewig leben können, und dies glauben und dennoch nicht glauben, dass er selbst bereits sicher und gesegnet ist, und sich ganz Gottes Brust hingeben? Daraus lernen wir auch wahrhaftig und erkennen fest, wie verloren wir in und aus uns selbst sind, dass aus absolut nichts, was von uns oder einem anderen Geschöpf kommt, es geschehen kann, dass Gott an uns Gefallen findet, so dass es notwendig war, dass das Wort Gottes Mensch wurde und der Eingeborene Gottes einen schrecklichen Tod starb, um uns wiederherzustellen. Dieser Gedanke bewahrt die wahre Demut in uns, lässt uns in Widrigkeiten ausharren und entfacht in uns das Bestreben, böse Begierden zu korrigieren und uns ernsthaft der Aufgabe der Heiligung und Gerechtigkeit zu widmen. Paulus wollte „nichts anderes wissen als den Herrn Jesus und ihn als den Gekreuzigten“, weil er erkannt hatte, dass im Kreuz unseres Herrn die wahre Philosophie und alles rettende Wissen enthalten ist.

Warum ist Adolf Schlatter mit seinem Ansatz gescheitert?

Warum ist Adolf Schlatter innerhalb der neutestamentlichen Wissenschaft des 20. Jahrhunderts ein Außenseiter geblieben? Peter Stuhlmacher meint, dass die Vernachlässigung der bibelkritischen Perspektiven Schlatter zeitlebens übelgenommen wurde. Zitat (Vom Verstehen des Neuen Testaments, 1986, S. 174):

Der Hauptgrund für Schlatters Isolierung lag also in seiner im Alleingang vorangetriebenen judaistischen und neutestamentlich-historischen Arbeit. Schlatter hatte sich nach einigen gescheiterten Anfangsversuchen aus der wissenschaftlichen Diskussion fast ganz zurückgezogen und begründete seine historischen Urteile so gut wie nie mehr in direkter kritischer Argumentation. Diese Urteile waren teils wegweisend, teils aber auch einfach traditionell und apologetisch konstruiert. Schlatter hat nicht nur zeitlebens die Priorität des Matthäusevangeliums gegenüber Markus und Lukas verfochten und in Einleitungsfragen einen ganz konservativen Standpunkt eingenommen, sondern er hat auch aus seiner Skepsis gegen die religionsgeschichtliche und traditionsgeschichtliche Erforschung der neutestamentlichen Texte keinen Hehl gemacht. Über all diese Probleme hat er jedoch noch mit sich reden lassen. Fundamental wurde sein Widerspruch gegen die liberale Exegese nur an einer einzigen, seiner Überzeugung nach alles entscheidenden Stelle. Schlatter insistierte darauf, daß schon der irdische Jesus der messianische Gottessohn gewesen sei, und warf allen Gegnern seiner Auffassung fehlendes historisches Sehvermögen vor. Da diese sich mit dem Gegenvorwurf mangelnder kritischer Urteilskraft revanchierten und ein direktes wissenschaftliches Gespräch nicht zustandekam, blieb der Gegensatz unausgetragen, und zwar bis in unsere Zeit herein. So wegweisend Schlatters Gesamtansatz aus dem Rückblick heraus erscheint, so sehr unterliegt er also bei der Ausarbeitung subjektiven und methodologischen Begrenzungen, die Schlatters Wirkung behindert haben. Erst wenn man in methodologischer Hinsicht frei über Schlatter hinauszufragen wagt, wird die Kraft seiner Gesamtkonzeption deutlich.

A Textual Commentary on the Greek New Testament (2025)

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Ein neuer Textual Commentary on the Greek New Testament ist bei der Deutschen Bibelgesellschaft erschienen. Das gleichnamige Werk von Bruce M. Metzger, das sich in seiner letzten Auflage auf das GNT4 aus dem Jahr 1993 bezog, ist damit abgelöst (er ist aber immer noch sehr wertvoll und kann derzeit für nur 9,95 Euro bei der Bibelgesellschaft bezogen werden). 

Der neue Textual Commentary präsentiert nicht mehr das Ergebnis einer Arbeitskommision, sondern wird von H.A.G. Houghton verantwortet. Houghton ist Mitglied des Herausgebergremiums für NA29 und GNT6.

Aber was ist das Anliegen des Buches? Der Textual Commentary on the Greek New Testament ist kein Bibelkommentar. Er kommentiert Entscheidungen zur sogenannten Textkritik des Neuen Testaments. Neutestamentliche Textkritik ist ein Teilgebiet der Bibelwissenschaft, das sich mit der Rekonstruktion des ursprünglichen Wortlauts des griechischen Neuen Testaments befasst. Da die die Originalhandschriften (auch Autographen genannt) nicht mehr existieren, stützt sich die Textkritik auf die Auswertung und den Vergleich von Handschriften und anderen Textzeugen, um die wahrscheinlich ursprüngliche Lesart zu ermitteln.

Tanja Bittner hat die Neuausgabe rezensiert und schreibt u.a.:

Um fundiert Textkritik zu betreiben, ist ein beträchtliches Maß an Fachwissen nötig, zum Beispiel in Bezug auf die Charakteristika einzelner Handschriften. Vom durchschnittlichen Theologiestudenten, Pastor oder Bibelübersetzer ist das kaum zu leisten, obwohl textkritische Fragen durchaus für ihn relevant sein können.

Auf eben diese „non-specialists“ (S. VII) ist der Textual Commentary ausgerichtet. Er soll dem Leser helfen, die Arbeit der Textkritiker nachzuvollziehen und sich ein Stück weit eine eigene Meinung zu bilden.

In einer ausführlichen Einleitung (36 Seiten) wird zunächst das nötige Grundwissen vermittelt. Der Leser erhält einen Überblick über die verschiedenen Arten von Zeugen (Papyri, Majuskeln, Minuskeln usw.) und die Prinzipien der Textkritik (äußere und innere Kriterien, die neuen Möglichkeiten der CBGM). Im Abschnitt „Who Changed the Text and How?“ (dt. „Wer veränderte den Text und auf welche Weise?“ Vgl. S. 23–27) geht es um die immer wieder geäußerte Vermutung, die antiken Schreiber hätten sich gewisse Freiheiten beim Abschreiben der Texte genommen und zum Beispiel theologisch nicht genehme Stellen verändert. Damit verkennt man aber die Situation in antiken Schreibstuben und die üblichen Abläufe der damaligen Buchproduktion. Man sollte bei der überwiegenden Zahl der Varianten davon ausgehen, dass es sich um Versehen oder unbewusste Änderungen handelt.

Houghton geht in der Einleitung außerdem kurz auf das Konzept der Texttypen anhand der vermeintlichen geographischen Verortung ein (alexandrinischer, westlicher, Caesarea-Text): Der Textbefund erlaubt es heute nicht mehr, diese Kategorien aufrechtzuerhalten, man sollte sie deshalb nicht mehr als Kriterium verwenden. Einzige Ausnahme ist die Kategorie des Byzantinischen Texts, dessen Vertreter tatsächlich ein hohes Maß an Übereinstimmung aufweisen.

Mehr: www.evangelium21.net.

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Begründung des Glaubens

Ben Graber hat eine feine Rezension zum Buch:

  • Herman Ridderbos, Begründung des Glaubens: Heilsgeschichte und Heilige Schrift, Verbum Medien, 2025

verfasst. Darin schreibt er:

Mitten in meiner Uni-Zeit erschien Dan Browns Thriller The Da Vinci Code (2004 in deutscher Übersetzung als Sakrileg herausgebracht) und wurde gleich ein Bestseller. Sein Erfolg löste in den Medien eine Welle von Begeisterung für kirchengeschichtliche Verschwörungstheorien aus. Nach diesen Thesen sei die frühe Kirche theologisch sehr vielfältig und inklusiv verschiedenster Glaubensrichtungen gewesen. Leider habe Kaiser Konstantin eigenmächtig durch die Einberufung des Konzils zu Nicäa im 4. Jahrhundert die Theologie und den Kanon der Kirche standardisiert und alternative Formen des Christentums unterdrückt.

Historisch gesehen sind solche Thesen reinster Quatsch, aber die Fragen, die sie aufwerfen, sind für moderne Menschen nachvollziehbar. Wie, durch wen und in wessen Interesse hat sich die Kirche eigentlich auf diese statt auf jene Bibelbücher geeinigt?

Die Verschwörungstheorien damals zielten in der Regel besonders auf die römisch-katholische Kirche, die als Institution tatsächlich die Autorität beansprucht, zu bestimmen, was als echte christliche Lehre gilt und welche Schriften in die Bibel gehören. Für Katholiken ist das Vertrauen in die Kirche die logische Voraussetzung für das Vertrauen in die Bibel.

Bei Protestanten verhält es sich anders: Es ist die Bibel, die den Maßstab bietet, nach dem die Lehre der Kirche zu bewerten ist, keinesfalls andersherum. Das bringt jedoch andere Schwierigkeiten mit sich. Man kann die Glaubwürdigkeit und Motivation des römischen Lehramts zwar hinterfragen, doch wenigstens ist die Fragestellung klar, ob die Kirche recht hatte, als sie alternative Lehren und deren Schriften in vergangenen Jahrhunderten verwarf. Aber auf welcher Basis können sich Protestanten überhaupt zu einem festen biblischen Kanon bekennen?

Diese Problemstellung ist nicht neu. Als der niederländische Theologe Herman Ridderbos sein Buch Begründung des Glaubens: Heilsgeschichte und Heilige Schrift 1955 veröffentlichte, sprach man schon seit Jahren von einer „Krise des Kanons der Kirche“ (S. 29–30). Die historische Bibelkritik hatte damals bereits seit fast 200 Jahren den normativen Charakter des Kanons bestritten und seine Anerkennung als das Ergebnis von „Kampf … menschliche[r] Strategie und … kirchliche[r] Politik“ abgeschrieben (S. 30). Sollte man die Autorität der Bibel in der Moderne dann einfach verwerfen? Oder sollte die Kirche besser versuchen, eine Botschaft zu verkündigen, die durch die Komplexität von historischer und wissenschaftlicher Forschung unantastbar bleibt?

Mehr: www.evangelium21.net.

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John Stott: Mein Schlüsselvers der Bergpredigt

John Stott (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 13):

Für mich findet sich der Schlüsselvers der Bergpredigt in 6,8: „Macht es nicht wie sie.“ [Neue Genfer, Luther. „Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen.] Das erinnert uns unmittelbar an Gottes Wort an Israel in früheren Tagen: „Tut nicht nach der Weise des Landes Ägypten“ (3Mose 18,3) – derselbe Ruf, anders zu sein, der durch die ganze Bergpredigt weiter entfaltet wird. Ihr Charakter soll gänzlich verschieden sein von dem, den die Welt bewundert, wie wir an den Seligpreisungen sehen werden. Wie Lichter sollen sie in der Dunkelheit scheinen. Ihre Gerechtigkeit soll über die der Pharisäer und Schriftgelehrten hinausgehen, im ethischen Verhalten wie auch in der religiösen Hingabe, während ihre Liebe größer und ihr Bestrebungen edler sind als die ihrer heidnischen Nachbarn. Es gibt keinen einzigen Abschnitt in der Bergpredigt, in dem dieser Kontrast zwischen christlichen und nicht christlichen Maßstäben nicht beleuchtet wird. Dieses Thema durchzieht und eint die ganze Bergpredigt, alles andere ist eine Variation davon. 

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