Historische Theologie

Augustinus: Gottes Gerechtigkeit ist mit seiner Güte vereinbar

Auf Anfrage des karthagischen Diakons Quodvultdeus verfasste Augustinus parallel zu seinen berühmten Retractationes in den Jahren vor seinem Tod einen sogenannten „Häretikerkatalog“, in dem er insgesamt 88 Gruppierungen unter dem Oberbegriff der Häresie klassifizierte und beschrieb.

Vanessa Bayha hat in ihrer im Wintersemester 2022/21 von der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen angenommenen Dissertation diesen augustinischen Häretikerkatalog fortlaufend kommentiert. Dabei rückt Augustins spezifische Kenntnis der jeweiligen Gruppierungen vor dem Hintergrund seines eigenen antihäretischen Engagements und seines Gesamtwerks sehr gut in den Blick. Die Untersuchung wirft ein Schlaglicht auf so gut wie alle Kontroversen, in denen Augustinus zeitlebens verwickelt war.

Der Beitrag in haer. 21 im Häretikerkatalog lässt deutlich erkennen, dass sich Augustinus sowohl gegen die Manichäer als auch gegen die Pelagianer für die Einheit im Gottesbild sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments aussprach.

Ich zitiere aus (#ad): Bayha, V., Augustins „De haeresibus“: Ein Kommentar, Paderborn: Brill Schöningh, 2023, S. 150–151:

Irenäus, auf den die Vorlage für haer. 21,2–4 zurückgeht, hält gegen gnostische Tendenzen, Gottes Gerechtigkeit und Güte als unvereinbar zu betrachten, Gott als den Ursprung der Gerechtigkeit fest. Gottes iustitia manifestiert sich demnach sowohl in der Gabe des alttestamentlichen Gesetzes als auch in der Inkarnation Jesu Christi. Augustins Argumentation bezüglich des deus iustus ist allem voran gegen Manichäer und Pelagianer ausgerichtet; so verteidigt er gegen erstere besonders die Gerechtigkeit des alttestamentlichen Gottes und hält gegen letztere fest, dass Gott auch dann gerecht ist, wenn er einige nicht erwählt. Gegen die manichäische Behauptung, die göttliche Natur sei nicht vollkommen gut, setzt Augustin iustitia diuina [sic ?]und bonitas dei konstitutiv in eins; in der pelagianischen Kontroverse werden entsprechend iustitia und caritas dei parallelisiert. Für die Interpretation von haer. 21,3 hat dies zur Folge, dass die Alternative bonus oder iustus in ihrer Applikation auf den Gott des Gesetzes und der Propheten Augustin zufolge im Grundsatz verfehlt ist. Für Augustin gibt es nur einen Gott, der in beiden Testamenten bezeugt wird, den er als summum bonum bekennt und den er in der Konfrontation mit der manichäischen Zurückweisung des Gesetzes und des Alten Testaments verteidigt. Im Zuge dieser Verteidigung der Einheit im Gottesbild beider Testamente hält Augustin auch an der Güte und Gerechtigkeit des Gesetzes und an der Kontinuität zwischen dem mosaischen Gesetz und der lex Christi als Manifestationen des einen Gotteswillens fest. Christus gilt demzufolge als Geber des neuen Gesetzes und auch die Entsprechung zwischen der „lex, quae per Moysen data est“ und der „gratia et ueritas per lesum Christum facta“ wird im Zuge des übergreifenden Schemas von Verheißung und Erfüllung interpretiert. Entsprechend der paulinischen Gesetzesvorstellung hält Augustin fest, dass das Gesetz heilig, gerecht und gut sei (vgl. Röm 7,12), insofern es dem Menschen das Gute bekannt macht und einen Weg zu seiner Erfüllung aufzeigt. Im Zusammenhang der pelagianischen Kontroverse arbeitet Augustin sein Gesetzesverständnis weiter aus, wobei die positive Funktion des Gesetzes per se bestehen bleibt, da es denjenigen zur Gerechtigkeit dient, die es erfüllen. Durch das Kommen Christi bleibt die lex in Geltung; eine Neuerung findet im Menschen statt, der kraft göttlicher Gnade in den Stand versetzt wird, der eine Gesetzeserfüllung möglich macht In De spiritu et littera wird diese Wechselbeziehung zwischen lex und gratia deutlich, wenn Augustin etwa formuliert: „lex ergo data est, ut gratia quaereretur, gratia data est, ut lex impleretur“. Wenngleich Augustin zufolge die Konfrontation des Menschen mit seiner Unfähigkeit, das Gesetz zu erfüllen, durch das Zuteilwerden der Christusgnade vollkommen übergipfelt wird, appliziert er den Begriff der lex auf beide Zusammenhänge, wenn er der lex operum die lex fidel gegenüberstellt und somit betont, dass der Maßstab der Gerechtigkeit kontinuierlich in Geltung steht. Die gnadenhafte Restitution der Beziehung zwischen Gott und Mensch in Christus kann wiederum mit dem Terminus der iustitia beschrieben werden. Somit ist letztlich die verfehlte Antithese zwischen bonus und iustus nicht nur für haer. 21,3 aufzuheben, vielmehr wäre die Einheit beider Attribute nach Augustin auch dem pater Christi (vgl. haer. 21,4) zuzuschreiben.

Der Christ und der Antisemitismus

Francis Schaeffer, geboren 1912, hat als Pastor und Lehrer immer wieder gegen Rassismus, Identitarismus und Nationalismus Stellung bezogen. Auch vor Antisemitismus hat er gewarnt. Im Jahr 1943 hat er eine Stellungnahme verfasst, die angesichts einiger Entwicklungen in unseren Tagen recht aktuell klingt. Ich habe sie im Archiv zur Geschichte der Presbyterianer in Amerika gefunden. Erschienen ist sie ursprünglich im The Independent Board Bulletin, Oktober 1943, S. 16–19.

Hier eine Übersetzung:

Der fundamentalistische Christ und der Antisemitismus
Pfarrer Francis A. Schaeffer

„Ich will dich zu einem großen Volk machen.“ Genesis 12,2.

Wir stimmen dem Standpunkt dieses Artikels voll und ganz zu. Wenn seine Haltung die Haltung aller Christen wäre, würde die Angst, in der sogar amerikanische Juden leben,verschwinden und viele würden sich sofort Christus zuwenden. – Die Herausgeber

Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus eine mächtige Kraft ist. In vielen Ländern hat er zum Tod unzähliger Juden geführt. Selbst in unserem eigenen Land zeigt er sich von Zeit zu Zeit in verschiedenen Formen. Selbst unter denen, die sich als fundamentalistische Christen bezeichnen, finden wir gelegentlich Personen, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, die Juden anzugreifen.

Wenn ich über Antisemitismus nachdenke, kommt mir als Erstes die Tatsache in den Sinn, dass Christus Jude war. Wenn wir das Neue Testament bei Matthäus 1,1 aufschlagen, finden wir als allererste Aussage über Christus, dass er von Abraham abstammt und ein Nachkomme Davids ist. Die Bibel sagt nicht, dass Jesus zufällig Jude war, sondern das Wort betont immer wieder, dass er Jude war.

Als er acht Tage alt war, wurde er wie jeder jüdische Mann zum Tempel gebracht und beschnitten. Deshalb müssen wir uns daran erinnern, dass Jesus das körperliche Zeichen des jüdischen Volkes trug. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er im Tempel geweiht, was erneut betont, dass seine jüdische Abstammung und sein jüdischer Glaube für ihn keine Nebensache waren, sondern dass sie von seiner frühen Erziehung an seinen wesentlichen menschlichen Hintergrund bildeten. Die Bibel lehrt uns, dass er während seines öffentlichen Wirkens als erwachsener Mann zwar rein menschliche jüdische Traditionen ablehnte, sein Leben jedoch sorgfältig den Maßstäben des Alten Testaments entsprach. Tatsächlich lebte er so, dass sich sogar die Prophezeiungen des Alten Testaments über den Messias vollständig in ihm erfüllten. Er war der Jude aller Juden.

In seinem öffentlichen Wirken finden wir ihn fast ausschließlich im Umgang mit Juden. Kaum jemals berührte er das Leben eines Nichtjuden. Die zwölf Jünger waren alle Juden. Die früheste Kirche bestand ausschließlich aus Juden. Es war Petrus, der Jude, der zu dem Proselyten Cornelius sprach. Es waren die gläubigen Juden, die durch die Verfolgung nach dem Tod des Stephanus in alle Welt zerstreut worden waren, die die Frohe Botschaft nach Antiochia in Syrien brachten, wo die erste nichtjüdische christliche Kirchengemeinde gegründet wurde. Der Missionar, der das heidnische Römische Reich für die Verkündigung des Evangeliums öffnete, war der Jude Paulus.

Und wenn wir uns fragen, warum die Juden einen so wichtigen Platz in der frühen christlichen Kirche einnahmen, müssen wir uns bewusst machen, dass dies kein nachträglicher Einfall in Gottes Plan war, sondern dass Gott zweitausend Jahre lang in der Geschichte gewirkt hatte, um genau diese Tatsache herbeizuführen. Gott berief Abraham aus Ur in Chaldäa als ersten Juden, als die Erde sich vollständig vom lebendigen Gott abgewandt hatte. Er versprach ihm, dass das Land ihm gehören sollte, dass er zahlreiche Nachkommen haben sollte, aber vor allem, dass die ganze Welt durch ihn gesegnet werden sollte. Gott berief Abraham zu diesem bestimmten Zweck, dass durch ihn der Messias kommen sollte. Die Juden waren zweitausend Jahre lang in der Vorsehung Gottes die Wiege des kommenden Erlösers.

Wenn wir die Geschichte dieser zweitausend Jahre betrachten, stellen wir fest, dass Gott den Juden immer wieder die Verheißung des kommenden Messias bekräftigte, sodass die Verheißung nicht nur Abraham, sondern auch Isaak und Jakob gegeben wurde, und dann auf den Stamm Juda und schließlich auf die königliche Familie – die Familie Davids – eingegrenzt wurde. Im Laufe der Jahre wurde auch versprochen, dass er in Bethlehem geboren werden sollte, dass er ein leidender Messias sein sollte, aber auch, dass er in Palästina im Namen seines Volkes, der Juden, regieren sollte.

In diesen zweitausend Jahren, in denen der Weg für das Kommen des Messias bereitet wurde, lag die ganze Erde in Finsternis, bis auf das Licht, das in Israel leuchtete. Während unsere Vorfahren etwas verehrten, von dem wir nicht wissen, was es war, aber sicherlich nicht den lebendigen Gott, wurden die Juden als Gottes auserwähltes Volk bezeichnet. Sie waren von allen anderen Völkern der Erde getrennt. Sie wurden von Gott geliebt, ein Königreich von Priestern. Und selbst in Zeiten ihrer Sünde hielt Gott seine Hand über sie, damit ein Überrest sein sein sollte, aus dem der Gesalbte kommen würde. Nein, Jesus war nicht zufällig Jude, noch war dies eine Nebensächlichkeit im Plan Gottes; wäre Jesus nicht als Jude geboren worden, hätte er gemäß dem Alten und dem Neuen Testament nicht unser Erlöser sein können.

Was die Gegenwart betrifft, in der wir leben, lehrt uns Römer 11,17–24, dass wir als gläubige Heiden uns nicht gegenüber den Juden, den natürlichen Zweigen, rühmen sollen, denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, sollen wir aufpassen, dass er uns nicht verschont. Wie deutlich wird betont, dass, wenn wir, die wir von Natur aus wilde Zweige waren, entgegen der Natur in den guten Olivenbaum eingepfropft wurden, umso mehr die natürlichen Zweige in ihren eigenen Olivenbaum eingepfropft werden. Und was betont Epheser 2,14 uns gegenüber, wenn nicht, dass durch den Tod Jesu die trennende Wand zwischen Juden und Heiden niedergerissen wurde – nicht, dass die Juden verworfen werden sollten, sondern dass wir durch den Glauben einen Platz unter den Juden haben sollten. Abraham ist nun unser Vater, und da wir unseren Glauben an Christus gesetzt haben, sind wir nun geistliche Juden.

Für die Zukunft ist das Wort Gottes nach wie vor eindeutig. In Römer 11,25 wird deutlich gemacht, dass die Verblendung, die jetzt teilweise über Israel gekommen ist, nicht für immer sein wird, sondern nur bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist. Und was wird dann geschehen? Der 26. Vers sagt uns, dass dann ganz Israel gerettet werden wird, wenn der Erlöser alle Gottlosigkeit von Jakob abwendet. Der 29. Vers ist ein Vers, den wir lieben und für uns selbst verwenden: „Denn die Gaben und die Berufung Gottes sind ohne Reue.“

Wir können ihn auf uns selbst beziehen, weil Gott niemals ein Versprechen bricht, aber beachten wir, dass er sich in erster Linie auf die Juden bezieht. Gott hat Israel als Nation Großes versprochen, und dieses Wort sagt uns, dass er es auch erfüllen wird. Wenn er sie nicht erfüllt, dann sind die Gaben und die Berufung Gottes nicht unwiderruflich. In Sacharja 12,10 wird erneut deutlich gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem die Juden „auf den blicken werden, den sie durchbohrt haben, und um ihn trauern werden, wie man um den einzigen Sohn trauert“. An dem Tag, an dem Israel gerettet wird, werden sie auf Jesus schauen und erkennen, dass er bei seinem ersten Kommen ihr wahrer Messias war. Nicht nur das Alte Testament verspricht, dass das Land Palästina wieder den Juden gehören wird, sondern auch im Neuen Testament, in Lukas 21,24, wird uns gesagt, dass Jerusalem von den Heiden nur so lange zertreten werden wird, bis die Zeit der Heiden erfüllt ist. Daher sagt uns das Wort Gottes, dass der Tag kommen wird, an dem ganz Israel gerettet wird und die Juden Jesus als ihren wahren Messias erkennen werden und dass auch das verheißene Land wieder ihnen gehören wird. Nicht nur für die Vergangenheit, nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft sollten wir, die wir jetzt zu Christus gehören, die Juden lieben.

Wir können nicht erwarten, dass die Heiden, die den Begriff „Christ” lediglich verwenden, um den Unterschied zwischen Heiden und Juden zu bezeichnen, die Juden lieben, aber wir, die wir in der Tat Christen sind, da wir durch den Glauben an Christus gerettet worden sind, sollten sein altes Volk lieben. Vor allem sollten wir in diesem Zusammenhang stets bedenken, dass unser Herr selbst Jude war – als Jude geboren, als Jude gelebt, als Jude gestorben. Auch die große Mehrheit der Helden des Glaubens, die ich persönlich sehen möchte, wenn ich zu meinem Herrn gehe, sind Juden. Ich möchte Abraham sehen, und er ist ein Jude. Und ich möchte Isaak sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Jakob sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josef sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Mose sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Josua sehen, und er ist ein Jude. Ich möchte Gideon und die anderen Richter sehen, und sie sind Juden. Ich möchte die Propheten sehen – Jesaja, Elia, Elisa und alle anderen, und sie sind Juden. Ich möchte Daniel und Esra und Nehemia sehen, und sie sind Juden. Ich möchte Johannes sehen, und er ist Jude. Ich möchte Jakobus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Petrus sehen, und er ist Jude. Ich möchte Paulus sehen, und er ist Jude. Dies sind nur einige von denen, die ich gerne treffen würde und die den Namen „Jude” tragen. Wie könnte ich die Juden hassen?

Und wenn dies für uns, die wir bibelgläubige Christen sind, nicht ausreicht, dann beachten wir das Gebot Gottes in Römer 11,31. Es sagt uns ganz klar, wie unsere Haltung in dieser Zeit gegenüber dem natürlichen Israel sein sollte. Wir sollten ihnen Barmherzigkeit erweisen. Und, meine Freunde, Barmherzigkeit und Antisemitismus in jeglicher Form passen nicht zusammen. Wir können nicht versuchen, sie einzeln für den Herrn Jesus Christus als ihren persönlichen Erlöser zu gewinnen, wenn wir sie in unseren Herzen als Volk verachten.

Vor nicht allzu langer Zeit zitierte mir ein einflussreicher Jude in New York City, Redakteur einer der New Yorker Zeitungen, ein kleines Gedicht, das, wie er sagte, unter den Juden dieser Stadt weit verbreitet sei. Als ich über diesen Reim nachdachte, fand ich ihn mehr als nur einen interessanten Spruch. Er spricht Weisheit über den Menschen aus, der den Namen Christ trägt und dennoch in seinem Denken antisemitisch ist.

„Wie seltsam von Gott, die Juden auszuwählen,
aber nicht so seltsam wie diejenigen,
die den jüdischen Gott wählen und die Juden hassen.“

Die Geschichte hinter dem Heidelberger Katechismus

Michael Horton hat mir R. Scott Clark über die Entstehung des Heidelberger Katechismus (lat. Catechesis Palatina) besprochen. 

Der Katechismus wurde hauptsächlich von Zacharias Ursinus (unter Mithilfe von Caspar Olevianus) verfasst. Meiner Meinung nach ist der „Heidelberger“ einer der schönsten Katechismen. Clark hat sich in seinem Buch The Heidelberg Catechism (2025, #ad) mit der Theologie des Katechismus auseinandergesetzt und diese kommentiert. Sehr hilfreich! 

Hier: 

Augustins’ Gottsuche unter der ziehenden Kraft der Gnade

Bengt Hägglund schreibt über die Bekehrung von Augustins (Geschichte der Theologie, 1997, S. 89).

In den „Confessiones“ beschreibt Augustin seinen Weg zum Christentum: Er irrte danach in seiner Blindheit auf falschen Wegen umher, stand die ganze Zeit über jedoch unter der ziehenden Kraft der Gnade und wird immer wieder von der Liebe zur Wahrheit ergriffen, bis diese Liebe und sein Sinn schließlich durch die Bekehrung beständig auf die geistliche Wirklichkeit gelenkt werden. Zuvor habe er die Wahrheit nur verschwommen in der Feme geschaut; die Liebe zu ihr habe nur aus zeitweiligen Stimmungen bestanden, die die Liebe zur Welt nicht zu überwinden vermochten. Das Vielerlei in der Welt habe ihn gefangengehalten und sein Wesen zersplittert. Erst als er zum Glauben vordrang und sich der Wahrheit der Schrift unterwarf, habe er Frieden gefunden. Erst da erreichte er das, wonach er vordem gesucht hatte, ohne es finden zu können. Diese Erfahrung ist es, die Augustin mit den bekannten Worten zusammenfaßt: „Fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te“ (Du hast uns zu Dir hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir – Conf. 1,1).

Eine Höhlenwanderung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie man ihn kennt (und fürchtet)

ARD, ZDF und Deutschlandradio nahmen im Jahr 2024 insgesamt 10,4 Milliarden Euro ein. Eine solche Summe erreicht kein anderes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem (ÖRR) weltweit (siehe hier). Da könnte man meinen, dass der ÖRR sehr viel Wert auf Sorgfalt und journalistische Standards legt. Wer jedoch selbst einmal in einer Reportage des ÖRR aufgetreten ist, hat möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass die Darstellungen stark interessengeleitet sind. Besonders viel Spaß scheinen einige Redakteure daran zu haben, fromme Christen als weltabgewandte und durchgeknallte Hinterwäldler darzustellen.

Romy W. (Klarname ist mir bekannt) hat im letzten Jahr einige solcher Dokumentationen gesehen. Da es zwischen dem ÖRR und dem gewöhnlichen Gebührenzahler ein übergroßes Machtgefälle gibt, kommt man mit Richtigstellungen meist nicht sehr weit. Aber man kann auch anders an die Sache herangehen und die Eindrücke in einen bissigen und humorigen Text „hineinlegen“. Genau das hat Romy W. mit „Eine Höhlenwanderung“ gemacht.

Gern gebe ich den Beitrag nachfolgend wieder:

Eine Höhlenwanderung

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie man ihn kennt (und fürchtet)

Die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) haben wieder einmal tief und genussvoll in den verbürgten Topf der Rundfunkgebühren (früher GEZ) gegriffen. Sie haben es sich so richtig gegönnt. Das ist das Großartige an ihrem nie versiegenden Jungbrunnen: Er fließt und fließt in Strömen. Deswegen muss man sich auch nicht die Mühe machen, sorgfältige journalistische Arbeit zu leisten. Wer braucht schon Qualität, wenn die Kohle auch so stimmt?

Warum es sich also nicht gönnen? Warum, wenn die Ideen für bereichernde und kluge Berichterstattungen allmählich ausgehen, nicht am reichhaltigen Buffet eines Lieblingsthemas bedienen: Den dummen, zurückge-bliebenen und zugleich hochgefährlich digitalisierten, moralisch verdrehten, autoritären, gesellschafts- und kulturfeindlichen Christen?

Dieses Jahr haben wir bereits einige mit Herzblut recherchierte Dokumentationen über diese höchst manipulative Bewegung zu sehen bekommen. Wir durften lernen, wie bedrohlich öffentliche Glaubensbekenntnisse christlicher Profifußballer sind. Wir wurden aufgeklärt über mysteriöse Zusammenkünfte von Demokratiefeinden im „hippen“ Charismatiker-Gewand. Wir wurden „wohlgeframed“ über die ideologisch verblendeten freikirchlichen „Systeme“ informiert, die eigentlich nur dazu dienen, einer auserwählten Heiligenschar zu Reichtum zu verhelfen. Wir hörten von aus politisch-rechtem Gedankengut gespeisten, rappenden Chart-Erschleichern. Glücklicherweise ist die Gemeinde Jesu Christi nicht tot. Glücklicherweise lässt sich hinter jeder Biegung eine weitere Schreckensmeldung finden, die sich bildreich vermarkten lässt. Jüngst haben sich unsere Qualitätsjournalisten die katholisch-charismatische Bewegung, insbesondere Johannes Hartl, vorgeknöpft.

Es ist einfach viel zu reizvoll, um nicht kreativ mit diesem Rohmaterial zu arbeiten. Deswegen sei auf der Hut, Deutschland! Wir helfen dir beim Anlegen der Höhlenausrüstung. Wir schalten die Stirnlampe für dich ein. Wir nehmen deine Hand und führen dich. Bleib uns dicht auf den Fersen, denn nun steigen wir hinab in die rutschigen Tropfsteinhöhlen der Verblendung. In die verschlingende Finsternis des christlichen Glaubens. Fürchte dich nicht, denn wir erleuchten die Höhle für dich. Wir zeigen dir, dass diese Welt nur aus Schatten besteht.

Da wir eine äußerst hochwertige Ausrüstung tragen, sind wir nicht auf plausible Argumente angewiesen. Wie die gegnerische Seite bedienen wir uns einer wunderbaren postmodernen Errungenschaft: Der Postfaktizität.

Uns reicht es, wenn wir genügend versprengte Einzelstimmen aus dem letzten Jahrzehnt zusammenkratzen. Wir benötigen keinen rechtlichen Fehltritt. Keine verfassungsfeindlichen Zitate. Wir brauchen keine nachgewiesene Veruntreuung. Noch nicht einmal auf einen dramatischen Missbrauchsskandal sind wir angewiesen. Pornokritische Zitate reichen völlig aus. Wie, ihr habt Studien gelesen, in denen die neurologischen Auswirkungen und die sozialen Gefahren von Pornokonsum beleuchtet werden? Das kann nicht sein! Wir leben in einer postfaktischen Zeit. Es lässt sich leicht lösen. Wir wählen dramatische Musik. Wir entscheiden uns für einen mitleidigen Tonfall. Wir rühren kräftig um. Und wie schön: Es funktioniert. Seht ihr, wie die bunten Emotionen die Fakten übermalen?

So können wir uns gemeinsam in der Drohkulisse sonnen: Der Drohkulisse gesunder Ehen, verkörperter Sexualität anstelle von losgelöstem Digitalkonsum, und vertrauensbasierter Beziehungen. Aber bevor du angesichts dieses Schreckensszenarios in die Hosen machst: Fürchte dich nicht. Die ARD ist bei dir! Gemeinsam werden wir das Tal der Rückwärtsgewandtheit erfolgreich durchwandern. Mehr noch: Schon bald werden wir wieder in aufgeklärte Sphären aufsteigen. Dorthin, wo das freie Individuum als Mittelpunkt der Realität für Recht und Ordnung sorgt. Fürchte dich nicht! Dieser graue Kollektivismus, dieses Untergraben der radikalen Selbstverwirklichung auf Kosten aller, ist bloß ein Hirngespinst. Der aufgeklärte Mensch ist sich selbst genug. Die Eingliederung in eine Gruppe ist höchstgefährlich für die Selbstentfaltung.

(Außer natürlich in die Demokratie.)
(Und natürlich in den herrschenden Zeitgeist.)
(Und natürlich in den Cancel-Mob gegen Andersdenkende.)
(Bei Shitstorms hat man sich bitte schön dem Kollektiv unterzuordnen. Hexenjagden sind schließlich die letzten kommunalen Rituale unserer säkularen Gesellschaft.)
(Wenn wir einander schon gewohnheitsmäßig die menschliche Würde absprechen, lasst uns bitte gleich zusammen als Tierherde agieren.)

Vielleicht reden wir am Thema vorbei. Vielleicht haben wir den Kern der Sache nicht verstanden. Vielleicht geht es hier nicht um Macht, und vielleicht ist in dieser Sphäre nichts politisch. Vielleicht geht es hier um etwas ganz anderes.

Das interessiert uns wenig. Wir sind das Licht. Unsere Stirnlampe bleibt fokussiert. Wir vertrauen ihr und fordern Vertrauen ein – postfaktisch.
Wir beherrschen unser Geschäft, und der Erfolg wird uns recht geben. Wenn wir unseren Brei weich genug vorkauen, können wir Deutschland damit füttern. Denn Brei sättigt. Und wer satt ist und gut unterhalten wird, braucht nicht eigenständig denken.

Wir haben hervorragende Techniken: Aus Meinungen und Gefühlen erschaffen wir scheinbar aufklärende Dialoge. Wir schneiden an geeigneten Stellen Witzfiguren hinein. Närrische Tänzer, Händeheber oder Verliebt-in-Jesus-Leute eignen sich gut für unsere Dokumentationen. Es macht Spaß, die geistlich Armen vorzuführen.

Und jetzt, husch, husch, zurück an die Frischluft. Verweilt nicht zu lang in dem Zwielicht dieser Höhle. Sonst findet ihr noch Gefallen an ihr. Die Gefahr ist real: Uns ist zu Ohren gekommen, dass immer mehr Menschen sie ohne unsere erleuchtende Begleitung betreten. Sie bleiben dort hängen – ohne dass wir ihnen erklären können, wie verhängnisvoll das ist. Gruselige Geschichten haben wir gehört. Immer mehr Junge und Alte sollen erkannt haben, dass dieser Jesus tatsächlich vom Tode auferstanden ist und Menschen aus ihrer Verlorenheit und Zerrissenheit rettet.

Jemand hat uns sogar erzählt, diese Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott sei unausrottbar. Gott habe seinen Geschöpfen die Ewigkeit ins Herz gelegt. Die Leute kämen nicht davon los. Seit tausenden Jahren nicht. Ihre Bibel habe Dekonstruktion um Dekonstruktion überlebt.

Das klingt beinahe unmenschlich. Es weckt Ängste.

Denn was, wenn es vielleicht anders ist, als wir denken? Was, wenn sie im Licht tanzen und wir uns an die Dunkelheit klammern?

Romy W.

John Stott: Das Gebet

Im Jahr 2006 predigte John Stott in der Redeemer Presbyterian Church (New York) über Epheser 2,18, wo steht: „Denn durch ihn haben wir beide durch einen Geist den Zugang zum Vater.“ Das Thema der Predigt war also das Gebet.

Ich empfehle die Aufzeichnung nicht nur wegen der Predigt, sondern auch aufgrund der einleitenden Worte durch den Hauptpastor der Gemeinde. Dort bekennt sich Tim Keller zum Einfluss John Stotts auf sein eigenes Leben und das seiner Frau Kathy. Zudem erläutert er, welche Bedeutung John Stott für das evangelikale Christentum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte.

Sollte jemand nicht wissen, wer John Stott ist, kann er sich über die Buchbesprechung zu Stott on the Christian Life einen ersten Eindruck verschaffen.

Fehlentwicklungen im „Neuen Calvinismus“

Bob The Baptist hat nicht nur einen einladenden Humor, sondern er ist hin und wieder etwas zu kritisch. Jedenfalls sehe ich das so.

Trotzdem trifft er immer wieder wunde Punkte, über die es sich nachzudenken lohnt. Und wenn er im nachfolgenden Video Schwächen oder sogar dunkle Seiten der Bewegung des „Neuen Calvinimus“ benennt, dann bin ich dankbar dafür.

Im Rückblick lässt sich gut erkennen, dass es unter den „Young, Restless, Reformed“-Leuten Fehlentwicklungen gegeben hat und gibt. Oft sind auch hier „Power“ und „Einfluss“ relevante Themen. Wer sich zum Beispiel für das Leben und Werk von Mark Driscoll oder Paul Maxwell interessiert (auch„Manosphere“ oder „Christian Nationalism“), sollte sich das Video von Bob anschauen:

Wie wirklich ist Gott?

Das Christentum hat an begrifflicher Bestimmtheit verloren. Das geht sogar dem linksliberalen Philosophen Jürgen Habermas zu weit (vgl. hier). Reinhard Bingener nutzt die Debatte, um den Weg der neuzeitlichen Theologie nachzuzeichnen. Das macht er sehr gut. Antworten auf die Krise der Theologie gibt er alledings nicht. 

Hier ein Auszug: 

Das Christentum hat es nicht leicht, und Jürgen Habermas hat seinen Anteil daran. Als langjähriges Oberhaupt der Frankfurter Schule hatte der Philosoph mit dafür gesorgt, dass christliches Denken in der Bundesrepublik immer stärker ins Hintertreffen geriet. Der Diskurspapst forderte Theologen nämlich ab, dass sie ihre religiösen Symbole in die säkulare Sprache der diskursiven Vernunft übersetzen müssten, wenn sie sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen.

Mit zunehmendem Alter wird Habermas nun milder. Erste Hinweise dafür lieferte ein Gespräch, das der Philosoph 2004 in der Katholischen Akademie in München mit Joseph Ratzinger führte. Habermas rüstete damals sein Vernunftpostulat ab und gestand zu, dass in öffentlichen Debatten auch religiöse Sprache einen legitimen Platz habe. Vielleicht tat er das aus der Befürchtung, dass seine linksliberale Gesellschaftsidee in Bedrohung gerät, wenn sie sich die Religionen zum Gegner macht, statt sie zu integrieren.

Im Jahr 2019 legte Habermas unter dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein Spätwerk vor, das sich dem Verhältnis zwischen Glauben und Wissen in der europäischen Geistesgeschichte widmet. Schon der monumentale Umfang der beiden Bände von insgesamt 1700 Seiten machte klar, dass sich das Thema Religion für Habermas mitnichten erledigt hat. In dem Werk weist Habermas dem religiösen Ritus eine Schlüsselrolle zu.

Vor einigen Wochen hat sich der mittlerweile 96 Jahre alte Philosoph noch einmal geäußert. In einem fünfseitigen „Geburtstagsgruß“ an einen früheren Schüler, den katholischen Religionsphilosophen Thomas Schmidt, lästerte Habermas, dass die christliche Theologie den „dogmatischen Kern einer monotheologischen Erlösungsreligion“ einem beständigen Downgrading ins Ungefähre unterziehe. Besonders nimmt sich Habermas den evangelischen Theologieprofessor Hartmut von Sass zur Brust, der ein Buch mit dem Titel „Atheistisch glauben“ geschrieben hat. Dessen Argument läuft laut Habermas darauf hinaus, dass sich die christliche Hoffnung, nachdem sie vom Glauben nicht mehr über ihre Gegenstände wie die Auferstehung informiert werde, nunmehr mit sich selbst begnügen solle. Also Hoffnung um der Hoffnung willen.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Instrumentalisiert Peter Thiel den evangelikalen Glauben?

An dem Artikel „Beten per App: Wie Peter Thiel den evangelikalen Glauben digitalisiert“ von Christoph Jehle ist so ziemlich alles falsch, was falsch sein kann. Es ist ein Beispiel für journalistische Hetze, die sich immer mehr ausbreitet und dem gesellschaftlichen Diskurs nur schadet. 

Jehle behauptet, dass Peter Thiel und J.D. Vance mit der GebetsApp „Hallow“ die Gesellschaft evangelikal unterwandern möchten. Das klingt dann so: 

40 Millionen Dollar haben der rechts-libertäre Paypal-Gründer Peter Thiel und Trumps Vizepräsident J.D. Vance in die App investiert. Mit der App wollen sie die Welt grundlegender verändern als es Politiker je könnten und das auch noch jenseits jeder demokratischen Kontrolle.

In der deutschen Version der App kommen Menschen wie die deutsche Ärztin Jana Hochhalter, die unter dem Pseudonym Jana Highholder auftritt und für ihren freikirchlichen und russlanddeutschen Hintergrund bekannt ist oder der katholische Theologe Johannes Hartl vom Gebetshaus in Augsburg zu Wort, das er als innovativen Ort der christlichen Spiritualität bezeichnet.

Beide Autoren finden in der Online-Welt größeren Zuspruch, als die Institutionen, die gemeinhin als Amtskirche abgetan werden. Ihr festes und klar strukturiertes Weltbild bietet zweifelsohne vielen ihrer Follower die Sicherheit, die sie in Politik und Kirchen vermissen.

Dass die Bibel durchgängig wörtlich ausgelegt werden muss und dass sie in dieser Auslegung die höchste Autorität über das eigene Leben haben muss, sind Grundmerkmale des sogenannten fundamentalistischen Biblizismus. Die Schrift kann aus der Sicht der Evangelikalen auch in Sachfragen nicht irren und das gilt nicht nur für religiöse Fragen.

Dass die Heilige Schrift von unterschiedlichen Autoren stammt und mehrfach die Sprache und den Kulturkreis gewechselt hat und sich auch die jeweiligen Kulturkreise seit der Aufklärung weiterentwickelt haben, wird der Einfachheit gerne ausgeblendet.

Statt wissenschaftlicher Exegese wird hier ein Laienglauben sichtbar, der sich einfacheren Gemütern zur Nachfolge anbietet. Charismatische Erneuerungsbewegungen sind jedoch nicht nur in de USA, sondern auch bundesweit auf dem Vormarsch.

Jenseits aller Zweifel, sind die Evangelikalen in ihrem fundamentalistischen Weltbild gefestigt und überzeugt, dass sie die Wahrheit auf ihrer Seite haben. Diskussionen und Debatten, wie sie für demokratische Prozess notwendig sind, werden gerne als Zeitverschwendung ausgeblendet.

Dass jemand wie Peter Thiel, der sein Vermögen mit digitalen Innovationen gemacht hat, für die es in der Bibel nicht einmal Ansätze der Begründung gibt, darf dann einen unbefangenen Beobachter durchaus verblüffen.

Ich erspare es mit, diesen Unsinn zu widerlegen.

Aber es wird noch schlimmer. Jehle, der keine Ahnung davon zu haben scheint, worüber er schreibt, behauptet, dass kirchliche Strukturen, o wie schlimm, noch aus voraufklärerischen und vordemokratischen Zeiten stammen. Das klingt fast so, als ob alles verboten werden sollte, was älter als 500 Jahre ist. Dass durch das Christentum Wissenschaft und ein selbstkritischer Umgang mit Macht auch gefördert worden sind, hat Jehle wahrscheinlich noch nie gehört.

Der Höhepunkt des Artikels ist die These: Christen, die ihren Glauben ernst nehmen, brauchten keine Argumente, da sich sich ja auf die Prädestinationslehre berufen könnten. Und schließlich wird dann noch eine Seelenverwandschaft mit Wladimir Putin ausgemacht: „Wo Putin ein starkes Russland anstrebt, sieht Thiel eine wiedererstarkte, christlich-konservative USA als Bollwerk gegen das Böse, gegen den Antichristen.“

Sorry, das ist Anti-Journalismus! 

Mehr hier: www.telepolis.de.

Die Wurzeln des Begriffs „evangelikal“

In den Kommentaren zu dem Beitrag „Das Problem mit der evangelikalen Elite“ hat sich eine Diskussion über den Begriff „evangelikal“ entwickelt. Anknüpfend daran zitiere ich hier aus dem Aufsatz „Reizwort ‚evangelikal‘ – und warum es sich trotzdem lohnt, am Begriffe ‚evangelikal‘ festzuhalten“ von Prof. Frank Hinkelmann (erschienen in: Marin P. Grünholz u. Frank Hinkelmann (Hrsg.), Die begründete Einheit der Evangelikalen Bewegung, aus: Christlicher Glaube in der Herausforderungen unserer Zeit, Bd. 4, Petzenkirchen: Verlag für Glaube, Theologie und Gemeinde, 2025, S. 75–110, hier S. 77–81):

Wo liegen die historischen Wurzeln des Begriffs „evangelikal“? Zuerst einmal gilt es festzuhalten: beim deutschen Begriff „evangelikal“ handelt es sich um ein Lehnwort aus der englischen Sprache. Daher gilt es zuerst, die historische Bedeutung des Begriffs im angelsächsischen Bereich näher zu betrachten. Der englische Begriff „evangelical“ ist ein Wort, das mit der Reformation im 16. Jahrhundert als Übersetzung des deutschen Begriffes „evangelisch“ bekannt wurde. In seiner ursprünglichen Bedeutung ist es als Synonym zur englischen Bezeichnung „Protestant“ (protestantisch) verstanden und zur Bezeichnung von Anhängern der Reformation sowohl lutherischer als auch reformierter Prägung verwendet worden. Allerdings setzte sich im Englischen die Bezeichnung „Protestant“ im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte für die Anhänger der reformatorischen Kirchen durch.

Erst seit den 1730er Jahren erfuhr der Begriff „evangelical“ eine Umprägung bzw. Neuprägung. Im Zuge der Verkündigung von John Wesley und George Whitefield brach zuerst in Großbritannien und binnen kurzer Zeit auch in Nordamerika eine „evangelikale Erweckung“ auf, die nicht nur die englische Staatskirche erfasste, sondern auch auf Freikirchen und andere Gruppierungen Übergriff. In weiterer Folge galten „evangelicals“ als Christen, die die persönliche Aneignung des Heils, die Sammlung aller Gläubigen, einen geheiligten Lebenswandel und Evangelisation und Mission betonen.

Auch wenn der Begriff „evangelikal“ in die deutsche Sprache erst in den 1960er Jahre eingeführt wurde, gilt es trotzdem die engen wechselseitigen Verbindungslinien zwischen den geschilderten Entwicklungen in der angelsächsischen Welt und den Entwicklungen auf dem europäischen Kontinent im Laufe der Geschichte zu beachten. Denn wer sich mit der kontinentaleuropäischen und der angelsächsischen Christentumsgeschichte im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert auseinandersetzt, wird im Umfeld von Pietismus, Erweckungsbewegung und aufkommenden Freikirchen eine durchaus bemerkenswerte sowohl transkonfessionelle als auch transnationale Dynamik beobachten können, die sich wechselseitig beeinflusste. Daher ist es zutreffend, die Wurzeln der heutigen Evangelikalen Bewegung im Puritanismus und Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts und den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts zu verorten, da die theologischen Gemeinsamkeiten groß waren.

Der Begriff „evangelikal“ als Bezeichnung für eine theologische Strömung innerhalb des Protestantismus im deutschsprachigen Bereich wurde erst in den 1960er Jahren ins Deutsche eingeführt. Eine erste Verwendung des Begriffs „evangelikal“ in einem deutschen Buch findet sich im Jahr 1964. Da erschien eine vom Methodisten Paulus Scharpff verfasste Geschichte der Evangelisation, zu der Billy Graham ein Vorwort schrieb. Scharpff verwendete darin mehrfach die Bezeichnung evangelikal zur Beschreibung der Entwicklungen im angelsächsischen Bereich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, allerdings mit einer bemerwerten Ausnahme: über die nach dem Ersten Weltkrieg entstandene Inter Varsity Fellowship (IVF) berichtet er, dass sich „Gemeinschaften evangelikaler Vereinigungen auf den Universitäten verschiedener Länder“ der IVF anschlossen. Einige Sätze weiter wird angemerkt: „In Deutschland arbeitet die lVF unter dem Namen ‚Studenten-Mission in Deutschland‘ (SMD)“ Indirekt wird damit die SMD als eine evangelikale Vereinigung bezeichnet.

Peter Schneider, Übersetzer Billy Grahams bei seinen Großevangelisationen in Deutschland und später Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, nimmt für sich in Anspruch, bei einer evangelistischen Veranstaltung im Jahr 1960 die Aufforderung Billy Grahams, sich einer ’^angelwal church. anzuschließen, mit der Bezeichnung „evangelikale Gemeinde simultan übersetzt zu haben. So wollte er einer vorschnellen Assoziation des Begriffs „evangelical church“ mit einer deutschen evangelischen Landeskirche entgegenwirken.

In einer deutschen Übersetzung der „Verfassung“ der World Evangelical Fellowship, der Weltweiten Evangelischen Allianz aus den frühen 1960er Jahren heißt es unter „Klausel 4 Mitgliedschaft“: „Die Gemeinschaft soll aus nationalen ‚evangelical‘ x) Gruppen bestehen, die von Zeit zu Zeit gewählt werden können, und deren Leitung die vorher beschriebene Glaubensgrundlagejährlich unterzeichnet.“

Zu dem „x)‘‘ hinter dem Wort „evangelical“ heißt es in einer Fußnote:
x) „Evangelical“ ist in engIischsprachigen Ländern ein Fachausdruck für die, welche

1. im Gegesatz zu den LiberaIen auf einen [sic!] konservativen Bibelglauben stehen;
2. im Gegensatz zu Ritualisten einen einfachen Gottesdienst vorziehen, in welchem das volle Evangelium gepredigt wird;
3. eine persönliche Bekehrung für notwendig halten.“

Leider fehlt auf dem Dokument jeglicher Hinweis auf die Entstehungszeit. Weitere Dokumente in dem Akt stammen aus dem Jahr 1962, was eine Datierung Anfang der 1960er Jahre nahelegt. Zumindest der zweite Punkt der Definition wirft Fragen nach dem Verfasser dieser Fußnote auf, die ja scheinbar extra für die deutsche Leserschaft eingefügt wurde.

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