Historische Theologie

Viele Märtyrer bezeugten trotz entsetzlicher Qualen ihren Glauben

Berthold Seewald beschreibt für DIE WELT die schweren Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian im Februar 303:

Diokletian gab daraufhin alle Zurückhaltung auf und setzte eine reichsweite Verfolgung in Gang. Diese wurde von den Beamten vor Ort allerdings mit unterschiedlichem Engagement durchgeführt. Während Galerius (auf dem Balkan) und Maximian (Italien, Spanien, Nordafrika) sich dabei hervortaten, scheint sich Constantius (Gallien, Britannien) auf die Zerstörung von Kirchen beschränkt zu haben.

Christen, die dem Kaiser opferten, blieben verschont. Aber viele Märtyrer bezeugten ihren Glauben durch bewundernswerte Leidensfähigkeit. Von einem Sklaven wird berichtet, dass man ihn zunächst nackt auszog, in die Höhe zog und auspeitschte. Sodann träufelte man ihm Essig und Salz in die Wunden und röstete ihn langsam auf einem Rost, berichtet der Kirchenhistoriker Wolfram Kinzig.

Vor allem im Osten des Reiches wurden die Edikte ab 303 mit großer Konsequenz durchgesetzt. Kinzig zitiert den christlichen Historiker Eusebius von Caesarea, von dem eine nach Regionen geordnete Liste von Folter- und Hinrichtungsarten überliefert ist: In Arabia bevorzugte man die Hinrichtung mit dem Beil, in Kappadokien das Brechen der Beinknochen. In Mesopotamien wurden die Verurteilten den Kopf voran über schwelendes Feuer gehängt und starben an Rauchvergiftung. In Alexandria schnitt man ihnen Nasen, Ohren, Hände und andere Körperteile ab. In Antiochia wurden sie geröstet, gezwungen, einen Arm ins Feuer zu halten, oder im Meer ertränkt.

Gefürchtet war der Tod auf dem Streckpferd, der mit eisernen oder glühenden Krallen herbeigeführt wurde. Kämpfe mit wilden Tieren oder verschiedene Arten von Feuerhinrichtungen – auf dem eisernen Stuhl oder am Pfahl – erfreuten sich beim paganen Publikum großer Beliebtheit. Um in der Arena für spektakuläre Auftritte zu sorgen, ließen Ausrichter ihrer morbiden Fantasie freien Lauf. Frauen blieben manchmal am Leben, um ins Bordell gesteckt zu werden. In Ägypten ließ ein Statthalter den Christen mit Scherben die Haut aufreißen. Frauen wurden nackt kopfüber an einem Bein aufgehängt und in die Luft gezogen. Andere Verurteilte zerriss man zwischen auseinander schnellenden Bäumen.

Doch derartige Spektakelmartyrien waren ambivalent. Zum einen schreckten sie ab, zum anderen wirkten Standhaftigkeit und der Mut vieler Christen angesichts von Leiden und Tod auch anziehend, „denn sie dokumentierten die Wirkkraft der neuen Religion auf das gläubige Individuum und dessen Hoffnung auf Belohnung im Jenseits“, schreibt Kinzig.

Mehr: www.welt.de.

Was heißt Biblizismus?

Hans Joachim Iwand sagte in einer Göttinger Vorlesung über die Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (Hans Joachim Iwand u. Gerard Cornelis den Hertog (Hg.), Theologiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts: Vater und Söhne, Nachgelassene Werke, Bd. 3,  Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2001, S. 27):

Was heißt Biblizismus? Es bezeichnet den Kampf um die Autopistie [unmittelbare Glaubwürdigkeit; Anm.]der Heiligen Schrift, also um die Frage, was nun die kritische Wissenschaft, die vergleichende, quellenkritisch vorgehende Wissenschaft des Alten und Neuen Testaments, die im neunzehnten Jahrhundert ihre größten Triumphe feiert, für das Vertrauen des Christen zur Heiligen Schrift bedeutet. Schiebt sich nicht hier ein neuer Papalismus [die Auffassung, nach der dem Papst die volle Kirchengewalt zusteht; Anm.] nämlich die Gelehrten – zwischen das Wort und den Glauben? Der Biblizismus im neunzehnten Jahrhundert ringt darum, hier einen vielleicht sehr engen, aber doch unantastbaren Zugang frei zu halten. Er sieht die furchtbare Gefahr, die in Positivismus und Liberalismus liegt – daß an die Stelle des Vertrauens zum Wort Gottes das Vertrauen auf die Wissenschaft tritt, ein Vertrauen, das nicht ausreicht, um die Seligkeit und Gewißheit darauf zu gründen. Darum ist dieser Kreis von Theologen – unter denen Menken, Beck und Kähler insonderheit zu nennen sind, – immer wieder von der Gewißheitsfrage bewegt – und Karl Heim ist der bis in unsere Generation hineinreichende, lebendige Vertreter dieser wichtigen theologischen Tradition. Vielleicht wird man hier auch Kohlbrügge, auch den älteren Blumhardt nennen müssen. Sie fühlen sich als die Vertreter des Laien in der Theologie, und einer unter ihnen hat diese Aufgabe geradezu als die der Dogmatik bezeichnet. 

Christentum und funktionaler Liberalismus

Unter einem „theologische Liberalismus“ können sich viele Leute etwas vorstellen. Sie denken dabei beispielsweise an Friedrich Schleiermacher oder Ernst Troeltsch. Aber schon mal was von einem „funktionalen Liberalismus“ gehört?

Der funktionale Liberalismus unterscheidet sich vom bekannten „alten Liberalismus“, indem er den Lehrbekenntnissen offiziell zustimmt, sie aber in der Praxis untergräbt – sei es, „indem er ihre Bedeutung herunterspielt, sie uminterpretiert oder ihre logischen Implikationen ablehnt“.

Doug Ponder und Bryan Laughlin haben das näher herausgearbeitet: 

Während Machen über das Christentum und den Liberalismus schrieb, schreiben wir, dazu ergänzend, eine Art Anhang über das Christentum und den funktionalen Liberalismus.13 Wir nennen ihn „funktionalen Liberalismus“ (und nicht Liberalismus simpliciter), weil diese Sorte des Virus im Gegensatz zur Bedrohung zu Machens Zeiten nicht die gleichen Symptome aufweist (auch wenn er eine ähnliche Ursache hat). Machens Liberale waren Modernisten, die offen die Zuverlässigkeit der Bibel, die Realität des Übernatürlichen, die Notwendigkeit des Sühneopfers und die physische Auferstehung Jesu Christi von den Toten leugneten. Wie die berühmte Karikatur von E.J. Pace aus dem Jahr 1922 illustriert, vollzog sich die Abkehr der Liberalen vom Glauben oft in Etappen, wobei die Wahrhaftigkeit der Bibel als Erstes infrage gestellt wurde. Es gibt noch einige wenige Liberale dieser Art. Aber diejenigen, die an dem Glauben festhalten, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist (vgl. Jud 3), sind – zum großen Teil dank Machen und seinen Erben – nicht versucht, sie als Teil des Leibes Christi anzuerkennen (vgl. 1Joh 2,19).

Das Problem, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist von einer etwas anderen Art. Während der Liberalismus eine offene Verleugnung zentraler christlicher Lehren beinhaltete, besteht das Wesen des funktionalen Liberalismus darin, dass er den Lehrbekenntnissen auf dem Papier zustimmt, sie aber in der Praxis untergräbt – sei es, indem er ihre Bedeutung herunterspielt, sie uminterpretiert oder ihre logischen Implikationen ablehnt. Wir sind nicht die Ersten, die diese Beobachtung machen. Irgendwo in den Annalen von D.A. Carsons gewaltigem Werk findet sich ein Vortrag, in dem er eine eindringliche Warnung ausspricht: „Die Zukunft des Liberalismus in den amerikanischen Gemeinden wird nicht so aussehen wie vor einem Jahrhundert. In konservativen Seminaren und Gemeinden wird es keine schamlose Verleugnung zentraler Lehrsätze geben, um die in der Vergangenheit Schlachten ausgetragen wurden. Stattdessen werden dort Leute auftreten, die behaupten, die Lehren zu bekräftigen, während sie sie durch subtile, aber substanzielle Neuinterpretationen untergraben.“

Ein wichtiger Aufsatz, auch wenn seine Beispiele alle aus Nordamerika stammen.

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Bullinger Digital

Aufgabe und Ziel der Plattform Bullinger Digital ist es, den umfangreichen Briefwechsel von Heinrich Bullinger (1504-1575) digital zu erschliessen und übers Internet öffentlich zugänglich zu machen.

Heinrich Bullinger war Nachfolger von Huldrych Zwingli in Zürich und ein wichtiger Multiplikator für die Ideen der Reformation in der Schweiz und in Europa. Sein Briefwechsel ist von grosser historischer Bedeutung, die Briefe geben Einblick in die politischen Ereignisse und theologischen Auseinandersetzungen der Zeit, aber auch in die wirtschaftlichen Verhältnisse und das Leben der Menschen in der Frühen Neuzeit.

Über das Online-Suchsystem erhalten Sie Zugriff auf die rund 10.000 Briefe an und 2.000 Briefe von Bullinger; Informationen zur Benutzung des Suchsystems finden Sie in der Hilfe. Das XML-Korpus sowie die maschinellen Übersetzungen der lateinischen Brieftexte auf Deutsch stehen als Download zur Verfügung.

Bullinger Digital ist eine phantastische Quelle für Recherchen zur Reformation. Ein Brief, den der Reformator Martin Bucer am 23. April an Bullinger schrieb, wird etwa wie folgt zusammengefasst:

Verteidigt Luther, dessen Verdienste um die Ausbreitung des Evangeliums von Oekolampad anerkannt worden sind und mit dem theologisch übereinzustimmen auch Zwingli bekannt hat. Abgesehen von der Frage des Abendmahls läßt Luthers Theologie doch nichts zu wünschen übrig. Diese Übereinstimmung beweisen auch die Unterschriften unter den Marburger Artikeln. Auch Bucer schätzt Luthers kämpferische Art nicht, aber was dieser lehrt, wird Bullinger jederzeit lobend aufnehmen, wenn er es nur richtig betrachtet. Bullingers im Affekt verfaßtes Schreiben veranlaßt Bucer zur Mahnung, ohne wirkliche Kenntnis Luther nicht zu verurteilen. Erasmus, den Bullinger so rühmt, hat sich noch ruchloser als Luther gegenüber den Oberländern verhalten. Capitos Krankheit. Kriegsvorbereitungen. Bucer drückt seine Zuneigung aus und wünscht bessere Übereinstimmung der evangelischen Kirchenvorsteher untereinander.

Wer mehr wissen möchte, kann das Faksimile des Briefs und eine digitale Fassung des lateinischen Textes einsehen. Bei Bedarf kann man dort sogar auf eine maschinelle Übersetzung in die deutsche Sprache zurückgreifen.

Culture Shift

Paul Bruderer beschreibt für „Daniel Option“, wie auf ihn innerhalb der evangelikalen Szene Druck in Sachen Sexualethik ausgeübt wurde: 

Ab 2014 traten die Forderungen immer häufiger und lauter an mich heran, gewisse Verhaltensweisen (z.B. ausgelebte Homosexualität oder sexuelle Intimität vor und ausserhalb der Ehe) grundsätzlich gutzuheissen, solange diese einvernehmlich unter Erwachsenen gelebt werden. Was mir bisher als ein respektvoller und willkommen heissender Umgang mit diesen Menschen schien, wurde nun immer mehr als etwas bezeichnet, das gegen diese Menschen gerichtet ist. Sogar als etwas Aggressives. Ich hätte eine aggressive Theologie, meinten einige. Die Forderung kam immer direkter und fordernder, meine Meinung grundlegend zu ändern.

Ich vergesse nicht, wie ein guter Freund von mir mich direkt und scharf konfrontierte: «Paul, wir haben als Christen unsere Meinung geändert in Bezug auf die Sklavenfrage und in der Frauenfrage. Wir werden (dieses Wort betonte er deutlich) unsere Meinung auch in der Frage ausgelebter Homosexualität ändern!»

Der Ball war bei mir. Ich hatte Hausaufgaben zu tun und nahm mir 2 Jahre Zeit. Inzwischen waren diese Fragen an der Basis meiner Kirchgemeinde angekommen. Ich bin meiner Gemeinde dankbar, dass sie mir die nötige Zeit gab, nochmals über die Bücher zu gehen. Und über die Bücher gehen musste ich tatsächlich! Ich war schon über 10 Jahre Pastor und Lehrer. Ich musste mir aber nochmals fast von Null auf überlegen, was die Bibel eigentlich ist und wie dieses Jahrtausend alte Buch, das in einer anderen Kultur geschrieben wurde, sich auf unsere Zeit übertragen lässt. Ich habe in dieser Zeit auch viel mit Menschen gesprochen, die persönlich mit diesen Themen und Fragestellungen leben.

Ich habe die Frage ernsthaft an mich herangelassen: Könnte es sein, dass wir als Christen während 2000 Jahre gleichgeschlechtlich empfindenden Menschen zu Unrecht abverlangt haben, ihre sexuelle Präferenz nicht auszuleben? Haben wir ihnen 2000 Jahre lang Unrecht getan? Progressiv-Liberale, die mich heute kennen, werden mir nicht glauben, dass ich diese Frage wirklich an mich herangelassen habe. Ich kann es ihnen nicht beweisen. Ich hoffe, sie glauben es mir. Es war mir eine Not, hier Gottes Wege zu finden, denn ich weiss, dass seine Wege für den Menschen gut sind. Ich will den Menschen auf jeden Fall dienen, aber nach Gottes Art und Weise.

Nach den 2 Jahren kam ich aus diesem Prozess heraus mit der Erkenntnis, dass die Sklaven- und Frauenfrage keineswegs dieselben sind wie die Frage, ob Homosexuelle ihre Präferenz mit Gottes Segen ausleben können. Nur der Neo-Marxismus unserer Zeit wirft alle drei Gruppen in einen Topf: alle drei werden der grossen Kategorie von unterdrückten Minderheiten zugeordnet. Sie unterscheiden sich lediglich im Mass an sogenannter Intersektionalität. Aber der Neo-Marxismus hat wenig Unterscheidungsvermögen und den einzelnen Menschen sieht er schon gar nicht!

Mehr: danieloption.ch.

Calvins Einfluss auf die „Reformierten“

Christoph Strom über den Einfluss Calvins auf die „Reformierten“ (Johannes Calvin, 2009, S. 6):

Schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sprachen die Gegner des reformierten Protestantismus von „Calvinismus“ und nannten dessen Vertreter „Calvinistae“ bzw. „Calvinisten“. Insbesondere durch Max Webers und Ernst Troeltschs Forschungen zu Beginn des 2.0. Jahrhunderts ist der Begriff „Calvinismus“ auch in der wissenschaftlichen Darstellung etabliert worden. Man kann diesen Sprachgebrauch als Indiz für die zentrale Rolle, die Calvin für die Entwicklung des Reformiertentums gespielt hat, bewerten. Dabei erscheint es durchaus fraglich, ob die Rede vom „Calvinismus“ der Pluralität der Theologen und Theologien im reformierten Protestantismus gerecht wird. Der Genfer Reformator ist nur einer unter mehreren Theologen, die durch das gemeinsame Engagement für eine konsequente Durchführung der Reformation geeint waren. Alle leisteten ihren spezifischen Beitrag zur Ausbreitung der Reformation in der Schweiz, in Westeuropa, Teilen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Südosteuropa und schließlich auch in der Neuen Welt. Calvin aber wurde bald von den römischen Gegnern als der gefährlichste unter den Ketzern identifiziert und erlangte durch sein Wirken und sein Schrifttum in den eigenen Reihen höchstes Ansehen.

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Calvin und die Vorsehung

Die Josephsgeschichte gehört für mich zu den anrührendsten Erzählungen der Bibel (vgl. 1Mose 37–50). Josephs Brüder wollen den jungen Mann eigentlich töten. Schließlich  verkaufen sie ihn – aufgrund der Intervention von Juda – an einige Händler, die auf dem Weg nach Ägypten sind. Dort arbeitet Joseph als Diener im Haus des Potifar. Gott schenkt ihm Gelingen in allem, was er tut. So kann er seiner Familie in einer großen Hungersnot helfen. Schließlich kommt es im Finale zu einer Versöhnung. Jospeh vergibt seinen Brüder und kann sogar seinen Vater Jakob noch sehen. Die Gesichte zeigt uns, dass Gott die Bosheit der Menschen nutzt, um etwas Gutes zu schaffen. Was für ein Josephsbekenntnis: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen“ (1Mose 50,20).

Der Reformator Johannes Calvin hat in seiner Auslegung der dramatischen Erzählung die Gelegenheit ergriffen, einen Exkurs über die „Vorsehung“ einzubauen. Bevor ich seine Auslegung von 1Mose 45,3–8 wiedergebe, drei kurze Hinweise.

Erstens ist hier ein den Menschen zugewandter, mitfühlender und gütiger Prediger zu hören. Calvin wird ja nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen, sehr streng und fordernd gewesen zu sein. In den Ausführungen zu V. 4 betont er dieweil, wie wichtig es ist, einem Sünder, der wegen seiner Sündenerkenntnis verzweifelt am Boden liegt, mit herzlicher Liebe aufzuhelfen und darin zu bestärken, auf Verzeihung zu hoffen.

Zweitens grenzt Calvin sich betont von der Sichtweise jener Glaubensbrüder ab, die davon sprechen, dass Gott das Böse nicht aktiv wirke, sondern nur zulasse. Er wird hier vermutlich Leute wie Heinrich Bullinger im Blick gehabt haben, der bezüglich Vorsehung und Erwählung sanfter formulierte und den großen Genfer gelegentlich darum bat, es ebenso zu tun. Immerhin nennt Calvin diese Leute „tüchtige Männer“.

Drittens hält Calvin mit Nachdruck daran fest, dass Gott niemals Autor der Sünde ist und der Mensch vollumfänglich für sein Handeln verantwortlich bleibt. Calvin liefert keine hinreichende Erklärung für diese zwei Sichtweisen, die scheinbar nicht gut zueinander passen. Es bleibt für ihn „eine geheimnisvolle Handlungsweise“, die „unsern Gesichtskreis weit übersteigt“. Jedenfalls gibt er sich hier als Vertreter des „Kompatibilismus“ zu erkennen, nachdem die absolute Souveränität Gottes die Verantwortung des Menschen nicht aufhebt (vgl. auch hier).

Nun aber seine Auslegung zu 1Mose 45,3–8 (Auslegung der Genesis, 1956, S. 424–427, leicht modernisiert):

V. 3. Ich bin Joseph. Obwohl Joseph ein so herrliches Zeichen seiner zärtlichen Liebe gegeben hat, stehen seine Brüder doch erschreckt wie von einem Blitzschlag, als er seinen Namen nennt. Denn während sie sich überlegen, was sie wohl verdient haben, ist ihnen Josephs Macht so furchtbar, daß sie nichts als den Tod vor Augen sehen. Wie er sie aber so von Furcht versteinert sieht, macht er ihnen weiter gar keinen Vorwurf, sondern müht sich nur, sie in ihrer Verwirrung zu beruhigen, ja er liebkost sie so lange zärtlich, bis er sie ruhig und heiter sieht. An diesem Beispiel lernen wir, wie wir uns davor hüten müssen, Menschen in Trauer versinken zu lassen, die wirklich in bitterer Scham sich demütigen. Solange ein Sünder taub ist gegen Vorwürfe, sich in Sicherheit wiegt, ruchlos und hartnäckig Ermahnungen zurückweist oder heuchlerisch sich entschuldigt, solange ist nur größere Strenge zu gebrauchen, aber ein Ende muss es mit der Härte haben, sobald er niedergeworfen am Boden liegt und in Erkenntnis seiner Sünde zittert; Mäßigung wenigstens muss folgen, die den Niedergeworfenen zur Hoffnung auf Verzeihung aufrichtet. Damit also die Strenge recht und wohlgestaltet sei, gilt es, die herzliche Liebe anzuziehen, die jetzt bei Joseph zu rechter Zeit sich zeigt.

V. 4. Tretet doch her zu mir! Mehr als irgendwelche Worte wirkt diese freundliche Einladung zur Umarmung. Doch nimmt er ihnen zugleich auch mit Worten, so süß sie ihm nur zu Gebote stehen, ihre angstvolle Sorge. So führt er weise das Gespräch, indem er sie bescheiden anklagt und dann wieder tröstet; doch bei weitem überwiegt der Trost, da er sie ja der Verzweiflung nahe sah, wenn er ihnen nicht rasch zu Hilfe käme. Wenn er ferner daran erinnert, wie er verkauft worden ist, so reißt er da nicht die Wunde des alten Verbrechens mit rachedurstigem Sinn auf, sondern er tut es, weil es immer gut ist, wenn das Bewusstsein der Sünde fest haftet, sofern nur nicht maßloser Schrecken den armen Menschen nach der Erkenntnis seiner Schuld verschlingt. Weil aber Josephs Brüder mehr als genug geängstigt waren, müht er sich dann um so mehr, die Wunde zu heilen. Dazu dient der zweimalige Hinweis (V. 5, V. 7): Gott hat mich vor euch hergesandt. Zu ihrem Heil sandte ihn Gottes Ratschluss voraus nach Ägypten, um sie am Leben zu erhalten. Nicht sie waren es eigentlich, die ihn verbannten, sondern Gottes Hand leitete ihn.

V. 8. Ihr habt mich nicht her gesandt, sondern Gott. Das ist eine Hauptstelle dafür, dass die gegebene Ordnung sich gar nie durch der Menschen Verkehrtheit und Bosheit völlig verwirren lässt: Gott führt noch immer ihre wirren, unruhigen Anschläge zu einem guten Ende. Wir werden hier auch gemahnt, wie und zu welchen Zweck wir über Gottes Vorsehung nachdenken sollen. Wenn neugierige Menschen darüber reden, so ist es nicht nur so, dass sie unter Hintansetzung des Zieles alles durcheinanderbringen und verkehren, sondern sie ersinnen auch das ungereimteste Zeug, um Gottes Gerechtigkeit zu verhöhnen. So hat es diese Frechheit dahin gebracht, dass manche frommen und bescheidenen Leute am liebsten diesen Teil der Lehre begraben wissen möchten. Denn sobald man von Gottes allumfassendem Weltregiment spricht, kraft dessen nichts ohne seinen Wink und Willen geschieht, sprudeln Leute, die ohne genügende Ehrfurcht sich über Gottes Geheimnisse ihre Gedanken machen, eine Unsumme von nicht nur vorwitzigen, sondern auch schändlichen Fragen heraus. Wie aber diese unfromme Maßlosigkeit fernzuhalten ist, so gilt auf der andern Seite die Regel, dass wir nicht einer faden Unwissenheit bezüglich solcher Dinge zustreben sollen, die uns nicht nur durch Gottes Wort geoffenbart sind, sondern deren Kenntnis auch gar sehr nützlich ist. Es scheuen sich tüchtige Männer, zu bekennen, dass nichts, was die Menschen nur immer unternehmen, ohne Gottes Willen geschieht, damit nicht sofort zügellose Zungen schreien, Gott sei auch Urheber der Sünde, oder man dürfe ruchlose Menschen nicht von ihrer Sünde bekehren, da sie doch Gottes Ratschluss durchführten. Aber wenn auch dieser gotteslästerliche Wahnwitz nicht widerlegt werden könnte, so müsste es uns genügen, ihn zu verabscheuen. Inzwischen dürfen wir daran festhalten, was klare Zeugnisse der Schrift lehren, dass nämlich Gott vom Himmel her trotz alles Tobens der Menschen ihre Anschläge und Unternehmungen lenkt, mögen sie betreiben, was sie wollen; ferner dass er durch ihre Hand vollbringt, was er bei sich beschlossen hat. Tüchtige Männer, die sich scheuen, Gottes gerechtes Walten den Schmähungen gottloser Leute auszusetzen, haben ihre Zuflucht zu der Unterscheidung genommen, dass Gott bei dem einen wolle, dass es geschieht, dass er anderes dagegen nur zulasse, – gleich als ob die Menschen, wenn er weggeht, tun und lassen könnten, was sie wollten. Wenn Gott nur zugelassen hätte, dass Joseph nach Ägypten geschleppt wurde, hätte er ihn ja nicht dazu verordnet, seinem Vater Jakob und seinen Söhnen zum Heil zu dienen, – und das wird ihm doch hier mit klaren Worten zugeschrieben. Hinweg also mit jener leeren Erfindung, als ob das Böse, das Gott selbst dann zu einem guten Ende wendet, nur mit seiner Erlaubnis, nicht aber durch seinen Rat und Willen geschehe! Vom Bösen spreche ich im Hinblick auf die Menschen, die kein anderes Vorhaben kennen, als verkehrt zu handeln. Gleichwie aber die Sünde in ihnen sitzt, so muss ihnen auch die ganze Schuld zugeschoben werden. Gott dagegen wirkt wunderbar durch sie, indem er aus unreinem Kot strahlend hell seine Gerechtigkeit erstehen lässt. Eine geheimnisvolle Handlungsweise ist das, die unsern Gesichtskreis weit übersteigt. Daher braucht es uns nicht wunderzunehmen, wenn fleischlicher Mutwille sich dagegen erhebt. Um so mehr aber müssen wir uns vor dem Versuch hüten, jene unermessliche Erhabenheit Gottes in die engen Schranken unseres Denkens zu zwängen. Fest bleibe daher der Satz, dass Gott der Herr ist, mag auch menschliche Willkür über die Stränge schlagen und bald da, bald dort sich brüsten! Mit geheimem Zügel lenkt er die Regungen, wohin er will. Anderseits müssen wir auch daran festhalten, dass Gott mit deutlicher Unterscheidung handelt, so dass an seiner Vorsehung nichts Sündiges haftet, dass seine Ratschlüsse keine Verwandtschaft haben mit menschlicher Sünde. Ein herrliches Bild davon stellt uns diese Geschichte vor Augen: Joseph wird von seinen Brüdern verkauft, einzig deshalb, weil sie ihn verderben, auf irgendeine Weise vernichten wollen. Das nämliche Werk wird Gott zugeschrieben, doch mit einem weltweit verschiedenen Zweck, nämlich dazu, dass das Haus Jakobs in Hungersnot wider Erwartung noch Nahrung bekomme. So wollte er für eine Zeit Joseph gleichsam ermordet haben, um ihn plötzlich als Urheber des Lebens aus dem Grabe herauszuführen. Daraus erhellt der gewaltige Unterschied, der zwischen jener Freveltat und seinem wunderbaren Ratschluss besteht, wie sehr er auch anfangs mit Frevlern zusammenzuarbeiten schien.

Jetzt wollen wir Josephs Worte auslegen. Er scheint, um seine Brüder zu trösten, sie ihre Schuld vergessen zu machen. Aber doch wissen wir, dass Menschen nicht von der Anklagebank genommen werden, wenn Gott auch noch so gewiss zu einem guten und glücklichen Ende führt, was sie in böser Absicht begonnen haben. Denn was nützt es dem Judas, dass aus seiner frevelhaften Treulosigkeit die Erlösung der Welt hervorging? Nun lenkt aber Joseph den Blick seiner Brüder nur auf eine Weile von ihrem Verbrechen ab, bis sie sich von ihrer maßlosen Angst erholt haben. Dadurch wälzt er nicht die Schuld auf Gott, noch spricht er sie ganz ledig, wie wir im letzten Kapitel noch deutlicher sehen werden. Ganz gewiss ist es so zu halten: die Taten der Menschen dürfen nicht nach dem schließlicher Erfolg beurteilt werden, sondern nur danach, ob jemand säumig war in der Erfüllung seiner Pflicht, oder ob er etwas gegen Gottes Gebot unternommen oder die seinem Beruf gesteckten Grenzen überschritten hat. Da vernachlässigt etwa ein Mann seine Frau und seine Kinder und sorgt nicht fleißig für ihre Lebensbedürfnisse; obgleich sie nicht sterben, sofern es nicht Gott will, so kann er das doch nicht als entschuldigenden Vorwand für seine Unmenschlichkeit als Gatte und Vater benützen, mit der er sie lieblos im Stiche ließ, wo er ihnen hätte helfen sollen. Die Vorsehung Gottes nützt also solchen Leuten gar nichts, die sie mit bösem Gewissen ihren Missetaten als Deckmantel überziehen wollen. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass Gott, sooft er der Bosheit derer, die uns schaden wollen, begegnet, ja nicht nur das, sondern auch die bösen Anschläge zu unserem Besten umkehrt, – auf diese Weise unsere natürlichen Leidenschaften dämpft und uns immer gleichmütiger und versöhnlicher macht. So wird uns Joseph zum Dolmetsch des rechten Verständnisses von Gottes Vorsehung, wenn er sie als Ausgangspunkt nimmt, seinen Brüdern zu verzeihen. Die Empörung über das an ihm begangene Verbrechen hätte ihn so entflammen können, dass er am ganzen Leibe lohte vor Rachgier; aber er vergisst im Blick darauf, dass Gottes wunderbare und außerordentliche Güte ihre Bosheit wunden hat, das Unrecht und umarmt freundlich die Leute, deren Schande Gott mit seiner Gnade verhüllt hat. Gewiss ist die Liebe erfindungsreich, wenn es gilt, die Sünden der Brüder zu begraben, und so passt sie gerne alles diesem Zwecke an, was dazu dienen kann, den Zorn zu stillen und den Hass zu besänftigen. Auch Joseph wurde zu einer andern Gesinnung hingerissen, weil er von Gott erwählt war, seinen Brüdern zu helfen. So kommt es, dass er ihnen nicht nur die ihm angetane Beleidigung verzeiht, sondern in glühendem Eifer, alle ihm auferlegten Aufgaben zu erfüllen, sie ebenso von Angst und Furcht wie von ihrer Not befreit. Das ist der Sinn, wenn er sagt, er sei von Gott verordnet, dass er sie übrig behalte, das heißt, ihnen Nachkommenschaft bewahre oder besser: sie selbst am Leben behalte, und zwar durch eine herrliche, wunderbare Errettung. Wenn er sich „Vater“ des Pharao nennt, so überhebt er sich nicht in leerer Prahlerei, wie eitle Menschen pflegen, auch prunkt er nicht hoffärtig mit seinen Schätzen, sondern er will aus dem unglaublich prächtigen Ausgang beweisen, dass er nicht zufällig oder mit Menschenkraft in diese Stellung gelangte, sondern dass ihm vielmehr durch Gottes wunderbaren Ratschluss diese erhabene Gewalt verliehen wurde, damit er mit ihr seinem Vater und seiner ganzen Familie helfe.

David Wells: Von der Faszination weltlicher Weisheit

David F. Wells schreibt über die Faszination der weltlichen Weisheit (God in the Wasteland: The Reality of Truth in a World of Fading Dreams, 1994, S. 54–55):

An dieser Stelle sollte klar sein, dass Weltlichkeit nicht einfach eine unschuldige kulturelle Eskapade ist, und schon gar nicht eine Angelegenheit, bei der es sich nur um unbedeutende Verhaltensverstöße oder das Übertreten trivialer Regeln der Kirche oder der erwarteten Frömmigkeit handelt. Weltlichkeit ist eine religiöse Angelegenheit. Die Welt, wie die Autoren des Neuen Testaments sie beschreiben, ist eine Alternative zu Gott. Sie bietet sich selbst als ein alternatives Zentrum der Treue an. Sie bietet einen gefälschten Sinn. Sie ist das Mittel, das Satan in seinem Kampf gegen Gott einsetzt. Teil dieser „Welt“ zu sein, bedeutet, Teil der satanischen Feindschaft gegen Gott zu sein. Deshalb ist die Weltlichkeit so oft götzendienerisch, und deshalb sind die biblischen Sanktionen gegen sie so streng. „Wisst ihr nicht“, fragt Jakobus, „dass die Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, macht sich zum Feind Gottes“ (Jakobus 4,4).

In der heutigen evangelikalen Bewegung ist die Weltlichkeit zu spüren. Auf den ersten Blick erscheint diese Weltlichkeit keineswegs hässlich. Ganz im Gegenteil. Sie hat eine warme und freundliche Ausstrahlung und präsentiert sich als erfolgreiches Unternehmertum, als organisatorische Meisterleistung und als ein Paket ausgeklügelter PR-Kenntnisse, die für die Förderung evangelikaler Angelegenheiten unerlässlich sind.

Nun ist an sich nichts falsch an Unternehmertum oder organisatorischer Meisterleistung oder Öffentlichkeitsarbeit oder Fernsehbildern und Hochglanzmagazinen. Das Problem liegt in der gegenwärtigen Unfähigkeit der Evangelikalen zu erkennen, dass diese Dinge Werte in sich tragen, die dem christlichen Glauben feindlich gegenüberstehen. Das Problem liegt außerdem in der mangelnden Bereitschaft der Evangelikalen, auf die unmittelbaren und überwältigenden Vorteile der Moderne zu verzichten, selbst wenn korrumpierte Werte ein wesentlicher Bestandteil dieser Nutzeffekte sind. Was also ganz offensichtlich fehlt, ist Unterscheidungsvermögen, und das hat viel mit der Verdrängung der biblischen Wahrheit aus dem Leben der Kirche heute und viel mit dem Sterben ihrer theologischen Seele zu tun.

Unterscheidungsvermögen ist eine geistliche Fähigkeit. Es ist die Einsicht, die mit christlicher Weisheit einhergeht. Es ist die Fähigkeit, das Leben zu „durchschauen“, es so zu sehen, wie es wirklich ist. Manche Menschen sind von Natur aus klüger als andere, manche kritischer als andere, und Gott mag diese Art von Gabe durch seine Gnade verstärken, aber es ist nicht diese natürliche Fähigkeit, auf die ich mich hier beziehe. Der Kern der Fähigkeit, in den konkreten Lebensumständen zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, ist die reiche Entfaltung, die Gott aus dem Zusammenspiel der Wahrheit seines Wortes, dem Nachdenken darüber und dem daraus erwachsenden moralischen Charakter beabsichtigt. Es ist diese Kultur der Weisheit, mit der sich die Bibel in beiden Testamenten intensiv beschäftigt und für die die evangelikale Welt das Interesse verloren zu haben scheint.

Die alternative Weisheit, die die Moderne heute vorschlägt, hat eindeutig ihre Faszination, um nicht zu sagen ihre Vorteile. Die westliche Gesellschaft akzeptiert sie als normal und besteht in ihren frechen Momenten lautstark darauf, dass sie normativ ist. Sie ist populär, weil sie funktioniert. Aber in vielerlei Hinsicht bietet sie der Kirche eine gefälschte Realität, die die Macht hat, das zu zerstören, was die Kirche ist. Sie beraubt die Kirche gewiss ihrer Einsicht in den wahren Sinn des Lebens, einer grundlegenden moralischen Einsicht, weil sie die Kirche ihrer Fähigkeit beraubt, sich an Gott zu orientieren, der im Zentrum der Heiligkeit steht.

Mehr mehr über David Wells wissen möchte, kann den Artikel von Sarah Eekhoff Zylstra lesen.

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Melanchthon über die Zwickauer Propheten

Wittenberg ist der Ausgangspunkt der Reformation. Martin Luther lebte mehr als die Hälfte seines Lebens in dieser Stadt. Dort, wo der Heilige Geist durch das Wort Menschen zu geistlichem Leben erweckt, schießen manchmal einige über das Ziel hinaus. Im Umfeld der Wittenberger Reformation tauchten Leute auf, die vorgaben, laufend besondere Botschaften von Gott zu empfangen. Im Dezember 1521 hatte sich die Lage in Wittenberg krisenhaft zugespitzt. Karlstad feierte am ersten Weihnachtstag trotz Verbots das Abendmahl in deutscher Sprache mit beiden Elementen Brot und Wein. Am 27. Dezember tauchten die sogenannten Zwickauer Propheten Nikolaus Storch, Thomas Drechsel sowie der ehemalige Wittenberger Student Markus Thomae (genannt Stübner) bei Melanchthon auf und erzählten von persönlichen Gesprächen, die sie mit Gott führten. Melanchthon war beeindruckt und besorgt zugleich. Einerseits wollte er den Geist nicht dämpfen, andererseits erahnte er, dass hier etwas nicht stimmt und Verwirrung folgen wird. Melanchthon sah sich genötigt, dem Kurfürsten von Sachsen eine Warnung zukommen zu lassen. 

Ich zitiere aus dem Schreiben (Heiko A. Oberman (Hg.), Die Kirche im Zeitalter der Reformation: Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen, 2004, S. 82):

Eurer durchlauchtigsten Hoheit wünsche ich die Gnade und den Frieden Christi!

Eure Hoheit halte es mir zugute, daß ich wage, an Euch zu schreiben; mich zwingen wichtige und gefährliche Vorgänge, die jetzt alle Aufmerksamkeit und Fürsorge Eurer Hoheit erfordern. Es handelt sich um folgendes, was ich Euch unbedingt vortragen muß: Eurer Hoheit ist nicht unbekannt, wie viele gefährliche Meinungsverschiedenheiten [dissensiones] aller Art im Hinlick auf das Wort Gottes in Eurer Hoheit Stadt Zwickau entstanden sind. Man hat dort ja auch Leute in Gewahrsam genommen, die alle möglichen Veränderungen angestrebt haben. Von den Urhebern dieser Unruhen sind nun drei Männer hier [in Wittenberg] aufgetaucht, zwei ungebildete Tuchknappen und ein Gelehrter [literatus]. Ich habe sie angehört; was sie von sich sagen, klingt recht wunderlich [mira]: Sie seien durch einen eindeutigen Auftrag [clara voce] Gottes zum Lehren ausgesandt worden; zwischen ihnen und Gott gebe es traute [familiaria] Gespräche; sie könnten die Zukunft vorhersehen; kurz: sie seien Propheten und Apostel. Ich kann kaum sagen, wie stark mich das beeindruckt. Jedenfalls hindern mich gewichtige Gründe daran, sie unbeachtet zu lassen [contemni nolim]. Denn es gibt zahlreiche Hinweise dafür, daß sie von irgendwelchen Geistern ergriffen sind; aber diese kann nur Martinus sicher beurteilen. Da deshalb jetzt das Evangelium und zugleich Ehre und Friede der Kirche auf dem Spiel stehen, muß man sich mit allen Mitteln bemühen, daß die Leute mit Martinus zusammenkommen; denn auf ihn berufen sie sich.

Ich würde Eure Hoheit nicht mit diesem Brief belästigen, wenn die Sache nicht so wichtig wäre, daß sie eine rasche Entscheidung erforderte. Auf der einen Seite müssen wir uns hüten, den Geist Gottes zu dämpfen [1 Thess 5,19], auf der anderen dürfen wir uns aber auch nicht vom Satan gefangennehmen lassen. Der Herr bewahre Eure Hoheit zum Wohl seiner Kirche bis ins hohe Alter.

Am Tage Johannes des Evangelisten 1522 [= 27. Dezember 1521].

Eurer Hoheit ergebener

Philipp Melanchthon

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