Theologiegeschichte

Schleiermachers erfahrungstheologische Begründung des Glaubens

schleiermacherGary L.W. Johnson behauptet in seiner Einführung zu dem kürzlich vorgestellten Buch Reforming or Conforming? (Crossway, 2008, ›Introduction‹, S. 15–26), dass zahlreiche post-evangelikale Theologen den erfahrungstheologischen Ansatz Friedrich Schleiermachers aufgenommen haben.

Ich stimme dieser Analyse teilweise zu und stelle zum besseren Verständnis dieses Ansatzes hier einen Auszug aus der Vorlesung über »Apologetik« ein:

Friedrich Schleiermacher (1768–1834)

Die erfahrungstheologische Begründung des Glaubens

Friedrich Schleiermacher (1768–1834) lässt sich bei seinem Versuch, den christlichen Glauben erfahrungstheologisch zu begründen, von apologetischen Interessen leiten. Er stand vor der Aufgabe, nach der von Kant ausgelösten Wende das Christentum auf neue Weise zu begründen. Sein Ansatz wurde von zahlreichen liberalen Theologen, wie z.B. Ritschl (1822–1889), Harnack (1851–1930) oder Troeltsch (1865–1923) – mehr oder weniger – übernommen.

41tpk-gim-l_sl160_Während offenbarungskritische oder konservative Theologen bisher gleichermaßen an der Vorstellung festhielten, der Glaube setze sich aus bestimmten Lehraussagen zusammen, knüpfte der späte Schleiermacher in seinem dogmatischen Hauptwerk Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhang dargestellt (1. Aufl. 1821/22 u. 2. Aufl. 1830/31) an seine sprachlich besonders demonstrativ in der zweiten Auflage der Reden entwickelte Religionstheorie an. Demnach ist der Glaube wesentlich keine Sache des Verstandes, sondern des Gefühls.

Für Schleiermacher steht das fromme Selbstbewusstsein des Menschen, jenes »Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit« im Zentrum seiner Theologie. Die Glaubenslehre beruht nach Schleiermacher auf zweierlei, »einmal auf dem Bestreben die Erregung des christlich frommen Gemüthes in Lehre darzustellen, und dann auf dem Bestreben, was als Lehre ausgedrückt ist, in genauen Zusammenhang zu bringen«. An die Stelle der Heiligen Schrift tritt das Erleben des Gläubigen. »Der Mensch war das Subjekt seiner Theologie, Gott das Prädikat.« Jan Rohls schreibt dazu:

Gott ist uns also im Gefühl auf eine ursprüngliche Weise gegeben, so daß das schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl nicht erst sekundär aus einem Wissen von Gott entsteht. Das Bewußtsein unserer selbst als in Beziehung zu Gott stehend ist daher ein unmittelbares Selbstbewußtsein, nämlich das Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit, das das sich selbst gleiche Wesen der Frömmigkeit ausmacht. Und Gott bedeutet zunächst nur dasjenige, was in diesem Gefühl als das mitbestimmende Woher unseres Soseins mitgesetzt ist.

Während bisher Frömmigkeit verstanden wurde als eine subjektive Reaktion auf objektive Lehrinhalte, dreht Schleiermacher die Ordnung um und setzt beim Gemüt an. Die Menschen verstehen die Welt, in der sie leben, durch den Einsatz ihrer Phantasie oder Intuition besser als durch Wissen. Die Glaubensdogmen sind nicht Ursprung, sondern Folge der Glaubenserfahrung. Sätze des Glaubens sind Ausdruck des frommen Gefühls.

Da sich das religiöse Bewusstsein in jedem Menschen findet, also auch bei Gläubigen anderer Religionen, findet man bei Schleiermacher die traditionelle Spannung zwischen dem Christentum und anderen Glaubenssystemen nicht mehr. Religionen werden also auf ihr Entwicklungsstadium befragt, da sie die notwendige Entfaltung des religiösen Bewusstseins spiegeln. Da alle drei monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) derselben höchsten Entwicklungsstufe der Frömmigkeit angehören, können sie sich nur durch ihre Art der Frömmigkeit unterscheiden. Im Christentum kommt nach Schleiermacher die Frömmigkeit zu ihrer »reifsten Erfüllung«.

Auf diese Weise gelang Schleiermacher die intellektuelle Verteidigung des christlichen Glaubens in einem vom kantianischem Spinozismus geprägten Denkklima. Mit Karl Barth können wir sagen:

Das Christentum wird so interpretiert, daß es in dieser Interpretation, in dem als maßgebend vorausgesetzten Denken der Zeitgenossen ohne durch irgendwelche Kanten anzuecken, Raum bekommt. Ob die Leser diesen Raum beziehen, ob sie die ihnen vorgelegte anstoßfreie Darstellung des Christentums als ihren eigenen Gedanken nach- und mitdenken können und wollen, diese Frage bleibt natürlich offen. Aber das Christentum wird ihnen in einer solchen Gestalt bereitgestellt, daß ein grundsätzliches Hindernis gegen solches Beziehen dieses Raumes … nicht mehr bestehen kann.

Freilich war der Preis für diese »Anpassung« sehr hoch, denn seine evangelische Glaubenslehre war durch damals konsensfähige philosophische Voraussetzungen vereinnahmt worden. Schleiermacher hat – und auch hier können wir uns dem Verdacht des Schweizers Karl Barth anschließen, »die Umdeutung der Theologie in ein Stück allgemeiner Geisteswissenschaft vollzogen«. Schleiermacher verneint eine Autorität jenseits der Glaubenserfahrung, ob nun die der Heiligen Schrift oder die von Bekenntnissen. Zurecht hat er erkannt, dass bloßes intellektuelles Fürwahrhalten von Dogmen kein Glaube ist. Aber er ist so weit gegangen, dass er den Glauben auf die Subjektivität reduzierte.

– – –

Der Text kann (inklusive der Literaturangaben und Anmerkungen) hier als PDF-Datei herunter geladen werden: schleiermacher.pdf.

Reform oder Anpassung?

51ikM39cjgL._SL160_.jpgDer Crossway Verlag hat im Herbst 2008 ein Buch über die post-konservativen Evangelikalen und die Emerging Church herausgegeben, dass ich empfehlen kann:

Besonders spannend finde ich den Aufsatz »No Easy Task: John R. Franke and the Charakter of Theology« von Paul Helm. Helm zeigt die Defizite der theologische Methode Franke’s deutlich auf und plädiert für das Ideal der Objektivität in der Theologie, auch wenn es derzeit in einigen Kreise populär ist, (objektiv) die Subjektivität aller Erkenntnis zu behaupten.

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The God Who Smokes

stoner.JPGTrevin Wax hat mit Timothy Stoner über sein neues Buch The God Who Smokes: Scandalous Meditation on Faith gesprochen.

Ich kann dieses Interview über die Stärken und Schwächen des emergenten Christseins, das Trevin freundlicherweise auf seinem Blog zugänglich gemacht hat, sehr empfehlen.

Hier die Links zu dem zweiteiligen Gespräch:

Eine neue Unübersichtlichkeit

Die Redaktion der Zeitschrift Perspektive hat mir freundlicherweise erlaubt, einen Text zu veröffentlichen, der in der Ausgabe 05/2008 erschienen ist. Ich gebe den Artikel:

  • Eine neue Unübersichtlichkeit: »Emerging Church« – Was ist das denn?

hier ungekürzt und leicht überarbeitet wieder: perspektive-emch-rev121.pdf.

Homosexualität: Tony Jones bezieht Stellung

Tony Jones, langjähriger Koordinator (bis 2008) von Emergent Village (U.S.A.) und Mitherausgeber des Emergent Manifesto of Hope, teilte am 20. November 2008 in einem Blogbeitrag mit:

Auf jeden Fall bin ich jetzt der Meinung, dass GLBTQ’s [gemeint sind Homosexuelle (G = gay), Lesben (L = lesbian), Bisexuelle (B = bisexual), Transgender-Leute bzw. Transsexuelle (T = transgender/transsexual) sowie Queer-Leute (Q = queer)] im Einklang mit dem biblischen Christentum leben können (mindestens genauso gut wie jeder von uns das kann!) und dass ihre Monogamie von Kirche und Staat geduldet und gesegnet werden sollte.

Hier geht es zur ganzen Geschichte: blog.beliefnet.com.

Francis Schaeffers apologetische Arbeitsweise (Teil 5: Schluss)

Für Schaeffer ist es wichtig, dass sich Christen in Frage stellen lassen. Es gibt auch Gründe dafür, kein Christ zu sein. Schaeffer schreibt (Gott ist keine Illusion, S. 143):

Bei allem Bemühen, unser Anliegen überzeugend vorzutragen, müssen wir jedoch auch bereit sein, uns den Angriffen des anderen auszusetzen. Je stärker er vom zwanzigsten Jahrhundert geprägt ist, desto wichtiger ist es, uns seinen unbequemen Fragen um Christi und um der Wahrheit willen zu stellen, wenn uns wirklich daran gelegen ist, daß er Christ wird.

Diesen Fragen sind wir nur gewachsen, wenn wir unsere Kultur kennen und selbst gründlich mit den Grundlagen des Glaubens vertraut sind. So sagt er (Gott ist keine Illusion, S. 143):

Je mehr wir die moderne Welt, in der wir leben, und – ganz besonders – die Bibel studieren, desto besser werden wir in der Lage sein, Rede und Antwort zu stehen. Bevor wir mit anderen sprechen, müssen wir uns erst einmal selbst über die Frage klar geworden sein: ›Verkündet das Christentum die Wahrheit?‹ Wir müssen in der Bibel zu Hause sein und wissen, welchen Inhalt das biblische System hat. Täglich sollten wir die Heilige Schrift studieren, denn nur so können wir sicher sein, daß wir wirklich den christlichen Standpunkt vertreten, und zwar in der bestmöglichen Weise.

Wir sollten vor den Fragen keine Angst haben. Im Gegenteil (Und er schweigt nicht, S. 25):

Die Wahrheit des Christentums besteht darin, daß sie dem entspricht, was wirklich da ist. Wir können bis zum Ende der Welt ziehen und brauchen keine Angst zu haben (wie die Menschen der Antike), daß wir am Ende hinunterfallen könnten und von den Drachen gefressen würden. Wir können unsere intellektuellen Diskussionen bis zur letzten Konsequenz führen. weil das Christentum nicht nur den Dogmen treu ist, nicht nur dem treu, was Gott in der Bibel gesagt hat, sondern weil es auch dem entspricht, was da ist.

Hier ist der fünfte und letzte Podcast aus der kleinen Serie (ca. 8 Minuten, ca. 5 MB): theoblogpodcast006.mp3.

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Francis Schaeffers apologetische Arbeitsweise (Teil 4: Einführung in die Methode)

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Schaeffer hält es für sehr wichtig, gerade prominente Zeitgeistkonzepte mit der biblischen Grundlage zu vergleichen. Er hat oft erleben müssen, dass Menschen christliche Begriffe mit unbiblischen Konzepten verknüpft haben.

Wir müssen mit den Menschen besonders über Wahrheit, Schuld und Geschichte sprechen. Wahrheit wurde von vielen Suchenden mit Wahrhaftigkeit verwechselt (vgl. Sören Kierkegaard u. Rudolf Bultmann). Sündenvergebung ist etwas anderes als eine Befreiung von Schuldgefühlen (vgl. Carl Rogers). Eine Aufspaltung von Geschichte und Heilsgeschichte, wie sie vom theologischen Liberalismus eingeführt und auch von der Neo-Orthodoxie aufrecht erhalten wurde, ist der Bibel selbst unbekannt (vgl. Rudolf Bultmann u. Karl Barth).

Hier ist der vierte Podcast (ca. 34 Minuten, ca. 15 MB): theoblogpodcast005.mp3.

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Francis Schaeffers apologetische Arbeitsweise (Teil 3: Durchbruch & Isolation)

Schaeffer_Nc.jpgAm 2. Februar 1950 erschien ein Artikel von Francis in der Zeitung The Christian Beacon, in dem er bereits thematisiert, was sich später durch die ganze Arbeit ziehen sollte: Heiligkeit und Liebe. Edith Schaeffer sagt dazu in ihrem Buch The Tapestry:

Francis‘ erste Schrift über »Die Ausgewogenheit der gleichzeitigen Darstellung von Gottes Heiligkeit und Liebe« erschien im The Christian Beacon in einem Artikel mit Datum vom 2. Februar 1950. Darin sprach er von der »Gefahr im Inneren und der Gefahr von außen«, erwähnte dabei natürlich auch die »Separatisten«. Die Gefahr von außen ist die, dass wir entmutigt werden und Kompromisse schließen oder uns vom Kampf zurückziehen würden. Die Gefahr von innen, so sagte er, ist genauso groß. Er verbrachte aber mehr Zeit für diesen zweiten Aspekt. Unter anderem sagte er:

»Wir müssen mit David Brainerd sagen und es auch meinen: ›Oh, dass doch meine Seele niemals Gott einen toten, kalten Dienst biete!‹ … Seelen zu gewinnen, sollte Selbstverleugnung und opferbereite Arbeit bedeuten … Die Arbeit, Seelen aufzubauen, sollte das Aushändigen von lehrreichem Material sowie genauso von andächtigen Material bedeuten … Die zweite Gefahr von innen … ist die Gefahr, die Liebe zu verlieren, von der Gott will, dass wir sie füreinander haben … Es liegt eine Gefahr darin, in unserem Zeitalter des unerlässlichen Wettkampfes, immer gewinnen zu wollen, anstatt es richtig zu machen … Unser tägliches Gebet sollte es sein, dass unser liebender Herr seine Arme so über uns halte, dass wir niemals wanken in dem Kampf noch dem Teufel erlauben, uns von innen zu zerstören.«

Nachdem die Arbeit von L’Abri so richtig in Schwung gekommen war, reiste Schaeffer 1965 nach Nordamerika und hielt Vorlesungen in Boston. Dann fuhr er zum Wheaton College und hielt Vorlesungen, die später die Grundlage für sein Buch The God Who is There (dt.: Gott ist keine Illusion) wurden. Damals schätzten ihn die Studenten ungeheuer, die akademische Welt war jedoch zurückhaltender. Am Wheaton College sprach er zum Beispiel über Themen, von denen die meisten Menschen in evangelikalen Kreisen niemals gehört hatten oder über die sie nicht diskutieren durften, wie etwa die Filme von Ingmar Bergman und Fedrico Fellini oder die Schriften von Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Martin Heidegger. Damals waren die Studenten dankbar, wenn sie Filme wie Bambi anschauen durften.

Hier ist der dritte Podcast (ca. 35 Minuten, ca. 16 MB): theoblogpodcast004.mp3.

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Francis Schaeffers apologetische Arbeitsweise (Teil 2: Die Krise)

Schaeffer_Nb.jpg1949 zogen die Schaeffers in das Bergdorf Champéry in der Schweiz. Dort geriet Schaeffer 1951 aus mindestens zwei Gründen in eine tiefe geistliche Lebenskrise. Erstens sah er im Leben derer, die für das historische Christentum kämpften, nicht die Kraft des Evangeliums. Die vielen Streitigkeiten zwischen den konservativen Christen, die er selbst mit durchlitten hatte, spielten dabei eine große Rolle. Zweitens erkannte er, dass die Erfahrung des Herrn in seinem eigenen Leben nicht so pulsierend war wie früher. Tatsächlich war er kein fröhlicher Christ, sondern wurde von belasteten Depressionen geplagt.

Er schrieb selbst rückblickend über diese Zeit:

In den Jahren 1951 und 1952 mußte ich eine geistliche Krise in meinem Leben durchstehen. Viele Jahre zuvor war ich vom Agnostiker zum Christen geworden. Danach war ich zehn Jahre lang Pfarrer in Amerika, und dann nahm ich mit meiner Frau Edith zusammen eine Tätigkeit in Europa auf. In dieser Zeit war ich sehr beflissen, für ein auf geschichtlicher Offenbarung beruhendes Christentum und für die Reinheit der sichtbaren Kirche einzutreten. Allmählich aber stieß ich dabei auf ein bestimmtes Problem: das Problem der Wirklichkeit. Es hatte zwei Seiten. Erstens schien mir, daß man unter den Anhängern der rechtgläubigen Position wenig von den praktischen Folgen sehen konnte, die nach Aussage der Bibel den Christen kennzeichnen. Zweitens gewann ich immer mehr den Eindruck, daß meine eigene christliche Wirklichkeit seit den ersten Tagen meines Christseins merklich verblaßt war. Ich erkannte, daß ich aufrichtig sein und noch einmal an den Anfang zurückgehen und meine ganze Position durchdenken mußte.

Hier ist der zweite Podcast (ca. 21 Minuten, ca. 12 MB): theoblogpodcast003.mp3.

[podcast]http://theoblog.de/wp-content/uploads/2008/11/TheoblogPodcast003.mp3[/podcast]

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