Februar 2017

7 wichtige Bücher

Preisreduzierung Hengel

Der Verlag Mohr Siebeck hat für sieben theologische Bücher die Preise reduziert, darunter:

  • Martin Hengel / Anna Maria Schwemer: Jesus und das Judentum, 2007;
  • Martin Hengel: Judaica et Hellenistica, Kleine Schriften I, 1996;
  • Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band in zwei Teilbänden: Evangelien und Verwandtes, 7. Aufl,  2012.

Mehr Informationen auf der Verlagsseite: www.mohr.de.

Populisten sind immer die anderen

Der Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmansegg fragt heute in der FAZ nach der Bedeutung des Begriffs „Populismus“ (13.02.2017, Nr. 37, S. 6):

Populismus – kein Wort unserer politischen Sprache hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine vergleichbare Karriere gemacht. Es ist in aller Munde. Man gebraucht es mit einer Selbstverständlichkeit, als sei jenseits allen Zweifels klar, worüber man rede und was man von der Sache zu halten habe. Die Politik hat das Wort zu einer Stigmatisierungswaffe gemacht. Es grenzt aus. Mit Populisten redet man nicht, und über ihre Themen redet man am besten möglichst wenig. Wenn man das Wort Populismus durch das Wort Rechtspopulismus ersetzt, wie es weithin geschieht, wird die Sache besonders einfach. Die eine Stigmatisierung bekräftigt die andere. Die Wissenschaft bemüht sich immerhin um einen beschreibenden Begriff. Aber es ist eine Bemühung, bei der oft eine starke Antipathie die Feder führt.

Ein unbefangener Beobachter würde wohl erstaunt darüber sein, dass Populismus im demokratischen Diskurs inzwischen eindeutig negativ konnotiert wird. Was ist Demokratie, könnte er fragen, anderes als institutionalisierter Populismus? Wie kann man für Demokratie und gegen Populismus sein, wenn man es denn ernst meint mit dem Wortsinn hier wie dort? Und er könnte auf die Gefahren hinweisen, die dem demokratischen Diskurs drohen, wenn ein Wort wie Populismus zur Waffe der Stigmatisierung wird. Das Etikett ersetzt das Argument. Man braucht sich auf eine Debatte nicht mehr einzulassen, man brandmarkt. Der Raum demokratischer Auseinandersetzung engt sich ein. Stigmatisierte Stimmen und stigmatisierte Themen haben draußen zu bleiben.

Peter Graf Kielmansegg fügt aber – das sollte nicht unterschlagen werden – hinzu: „Der unbefangene Beobachter würde aber auch zur Kenntnis nehmen, dass gegenwärtig in vielen westlichen Demokratien problematische politische Bewegungen Zulauf haben, die populistisch zu nennen nicht unbegründet ist. Sie nehmen prononciert für sich in Anspruch, für ‚das Volk‘ zu sprechen. Dabei ziehen sie gegen den etablierten demokratischen Betrieb in einer Sprache zu Felde, die man durchaus demagogisch nennen darf.“

Fähig, das Wort zu predigen

David Jackman, mehrfacher Redner auf E21-Konferenzen, hat das zweite Modul in einer Videoserie zur Predigtlehre veröffentlicht. Ich kann beide Module sehr empfehlen. Zur Videoserie schreiben die Herausgeber (nur in englischer Sprache):

The purpose of this series of videos and accompanying manuals is to put resources into the hands of those who long, under God, to train up a new generation of faithful and effective Bible preachers.

Topics include: the nature and necessity of revelation, interpretation and application; apostolic priorities and practice; contemporary challenges in the culture and the church; careful reading and thoughtful analysis of Scripture; watching your life and doctrine; the Word of Christ dwelling in us richly.

This course helps you to train others to acquire and develop the necessary practical tools and skills to expound the Bible’s message. This includes both the preparation of the text and the presentation of the preaching, so as to connect that message to our contemporary cultures. The course seeks also to motivate the preacher to progress and perseverance, through spiritual encouragement, not only to be a skilled workman, but also to be maturing as a humble servant, whom God can use.

The combination of video teaching and downloadable materials for further discussion and practice exercises make this a flexible resource for training groups.

There is a worldwide need for the Word of God to be proclaimed and for Christians to be more deeply rooted in its truth. That is the heartbeat of Equipped to Preach the Word.

Hier der Trailer zum Kurs:

Das Manual für Teilnehmer des Kurses gibt es auch: EPWTraineeManual.pdf. Hier geht es zur Internetseite: proctrust.org.uk.

David Jackmans Booklet „Eine Gemeinde für das 21. Jahrhundert?”kann hier heruntergeladen oder bestellt werden: www.evangelium21.net.

Australischer Bundesstaat bremst Gender-Theorie

Der Bundesstaat New South Wales im Süden von Australien mit Syndey als Hauptstadt hat entschieden, das Lehren der Gender-Theorie an den öffentlichen Schulen zu beenden. Das berichtet die Zeitschrift THE AUSTRALIEN in einem Beitrag mit dem Titel „Gender-Theorie in NSW aus Klassenräumen verbannt“.

Den Lehrern öffentlicher Schulen in New South Wales wurde demnach das Unterrichten der Gender-Theorie im Klassenzimmer nach einer unabhängigen Überprüfung der Staatlichen Unterrichtsmittel zur Sexualität untersagt. Die Schüler werden nicht mehr gelehrt, dass das soziale Geschlecht ein „gesellschaftliches Konstrukt“ sei oder dass Sexualität „nicht binär“, sondern als veränderliches Kontinuum auftrete.

In der Meldung heißt es:

Gender theory, and its creeping influence on government-run education, has been a controversial topic over the past year, having also underpinned the divisive Safe Schools program. The concept of deconstructing gender derives from 1990s “queer” theory and is understood to be highly contested, even within the social sciences. According to the NSW Education Standards Authority’s statement of equity principles, curriculum and support materials should reflect evidence-based ­research.

The document also states, however, that teaching materials should provide “opportunities for students to evaluate and deconstruct gender and sexuality”.

Hier: www.theaustralian.com.au.

Tipps gegen Einsamkeit

Solche Geschichten liebe ich! Der 90-Jährige Derek Taylor hat seine Angehörigen alle überlebt. Das trieb ihn in die Einsamkeit. Aber er wollte das nicht einfach hinnehmen und sammelte Ideen zur Überwindung der Isolation. Sie funktionieren auch bei jungen Leuten.

Die Tipps lassen sich reduzieren auf: Warte nicht, bis andere auf dich zu kommen, geh auf andere zu und bringe Dich ein!

Zum Beispiel:

  • Überwinde dich, neue Freunde zu finden.
  • Tritt einem Verein bei, der Hobbys unterstützt.
  • Übe eine ehrenamtliche Tätigkeit aus, sofern du fit genug bist.

Hier mehr: www.welt.de.

„Ich habe das Gefühl, dass es okay ist“

Eine junge Frau beschreibt in der ZEIT, wie sie vor drei Jahren ein Kind abgetrieben hat. Keine leichte Lektüre. Phänomenologisch, deutlich. Ich empfehle diesen Artikel trotzdem, weil er zeigt, wie heutzutage viele Menschen „ticken“. Das Letzte, was sie hinterfragen, ist ihr Gefühl. Ungefähr so: „Was ich fühle, das ist stimmig, das ist richtig. Meine ganz persönliche Sicht der Dinge muss recht sein, weil es eben für mich so passt.“

Ein Beispiel:

Ich versuchte, eine Verbindung zu dem aufzubauen, was da in mir war. Für mich war das nicht nur ein Zellhaufen, sondern ein Lebewesen. Trotzdem empfand ich eine Abtreibung nicht als Mord. Manche können das vielleicht nicht verstehen, aber für mich war das so. In Gedanken bat ich um Verzeihung. Schließlich schrieb ich in mein Tagebuch: „Ich habe das Gefühl, dass es okay ist.“

Die Perspektive des Kindes spielt keine Rolle. Ein Kind ist willkommen, wenn es meine Selbstverwirklichung antreibt. Wenn es ihr vermeintlich im Weg steht, „mache ich es weg“. Zurück bleibt eine innere Zerissenheit, der Aufstand des Wirklichen gegen all die Abwehrmechanismen.

Mit dieser Sicht der Dinge geht einher, das derjenige, der so eine Einstellung für falsch hält, im Unrichtigen lebt. Falsch halten darf er nämlich dieses Wegmachen nur im Blick auf sein eigenes Leben. Jemand, der versucht, Wahrheit in das Leben eines anderen hineinzusprechen, muss als hart und lieblos erscheinen (im konkreten Fall der Vater).

Noch etwas: Die Entscheidung fällt längst nicht so einsam und eigenständig, wie es auf den ersten Blick aussieht.  In ihr kristallisiert sich all das, was vorher gehört, gelernt und getan wurde, und der Zeitgeist, der das „Ich“ mit lenkt.

Unsere Welt ist nicht so aufgeklärt, wie sie vorgibt, zu sein.

Hier der Einblick: www.zeit.de.

Die Waldenser und Luther

Der DLF publizierte vor einigen Tagen einen Beitrag über die Waldenser und Martin Luther. Leider fallen dort etliche Dinge unter den Tisch, während auf der anderen Seite die heute überwiegend liberalen Strömungen der Bewegung unkritisch, ja wohlwollend, präsentiert werden. Es fehlt etwa der Hinweis, dass die Waldenser eine Bibelbewegung waren, die die Evangelientexte in den Volkssprachen unter die Leute gebracht hat. Die Waldenser haben außerdem fleißig evangelisiert. Die Katholische Kirche bekommt mehr Raum als Luther. Verschwiegen wird, dass in Italien die Waldenser seit 1979 mit den Methodisten eine gemeinsame Kirche bilden.

Mein früh verstorbener Kollege Peter H. Uhlmann hat vor ca. 17 Jahren das Manuskript „Der Erweckungsprediger und Reformator Pierre Waldes und die Waldenserbewegung“ verfasst, dass ich als Ergänzung zur DLF-Sendung herzlich empfehlen kann. Es führt geneigt in die durchaus ambivalente Bewegung ein. Über die „Kolporteure“ im 19. Jahrhundert schreibt er etwa:

Eine ganz besonders mühsame, aber zugleich segensreiche Arbeit ist die der „Kolporteure“. Es sind reisende Evangelisten, die mit ihrer Last an Bibeln, Neuen Testamenten und Andachtsbüchern von Haustür zu Haustür ziehen. Durch manche Gespräche und den nachfolgenden Bekehrungen von Italienern entstehen da und dort Gemeinden. Wie viele Beleidigungen, Nachstellungen, ja Verfolgungen müssen sie auf sich nehmen! Diese Kolporteure leben auf Taschengeldbasis, weit unter dem Existenzminimum. Doch die Liebe zu Jesus ist größer als alle Widerwärtigkeiten! – Wie viel anders sieht unser Leben zu Beginn des 21. Jh. aus! Wie wenig sind wir doch bereit, um Jesu willen verachtet zu werden und materielle Nachteile auf uns zu nehmen.

Hier das Manuskript: WALDENSER%20Broschu%CC%88re.pdf.

Auf der Suche nach neuen Narrativen

Europa brauche eine neue Erzählung, ein neues Narrativ, wird allenthalben gefordert, um seine Fliehkräfte wieder einzufangen. Doch das ist eine falsche Forderung, meint der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff: In Zeiten von Internet und Social Media gibt es die eine Erzählung schon lange nicht mehr.

Ich stimme Hornuff in vielem zu. Das schließende „Machen wir das Beste draus!“ halte ich allerdings für utopisch und zugleich zynisch. Es geht nicht darum, eine neue große Erzählung zu schaffen, sondern darum, zu entdecken, dass wir Menschen eingebettet sind in die große Geschichte Gottes mit uns Menschen. Ordnung und Freiheit sind langfristig ohne diese Meta-Erzählung nicht zu haben. Vor 13 Jahren habe ich  über die Preisgabe der großen Geschichte geschrieben:

Es mag kühn klingen und ich höre den Aufschrei postmoderner Freunde: Ihre Philosophie erscheint mir wie ein karnevalistischer Reflex auf eine tiefsitzende Verzweiflung. Die antiken, mittelalterlichen oder modernen Philosophen waren sicher nicht besonders glücklich. Die Geschichte der Philosophie ist eine Geschichte voller Niederlagen und Enttäuschungen. Und doch übertrifft die resignative Geisteshaltung des Postmodernismus noch die Hoffnungslosigkeit des Nihilismus. All das Bunte, Schillernde, Grelle und Provozierende scheint nur die Verzweiflung zu verbergen, so wie die Maske die Traurigkeit eines Clowns verdeckt. Dieses Leben ohne Einheit, im unendlichen Widerstreit, das Sein ganz ohne Anker, kann nicht wirklich glückliche Kulturen stiften. Das „Postulat eines unbedingten Optimismus“, der grundlos bleibt (Foucault 1996: 117), dieser Lobpreis auf die Paralogie (Lyotard 1999), das sind nicht die Sprechakte wirklich befreiter Menschen. Hier spricht keine reife Philosophie, die die Trauerarbeit abgeschlossen hat, es spricht eine manische Philosophie. Der absurde Philosoph kämpft noch, er wälzt unablässig seinen Felsblock den Hügel hinauf, auch wenn er weiß, dass er den Gipfel nie erreichen wird. Der postmoderne Philosoph flüchtet sich in die Manie. Kurz: Das Suchen nach Widerstreitendem, nach Übergängen, Diskontinuitäten, dem Chaos, also die Paralogie, jenes Andere, verliert als erkenntnistheoretische Methode sowie als gesellschaftliche Aufgabe mit der Preisgabe von Einheit und Wirklichkeit seinen Sinn, seine Hoffnung und seine Schönheit. Wenn der Postmodernist zu der Erkenntnis kommt, dass zutrifft, was seine Theorie beschreibt, ist eben auch genau das Gegenteil der Fall.

Hier der DEUTSCHLANDRADIO KULTUR-Beitrag „Die Welt ist radikal subjektiv geworden“ von Professor Daniel Hornuff:

 

Arche Pastoren Kolleg

Die Arche Gemeinde in Hamburg hat ein Pastoren Kolleg eingerichtet, um junge Männer auf einen pastoralen Dienst vorzubereiten und Pastoren in ihrer Arbeit zu stärken. Die Vorlesungsmodule sind biblisch und theologisch fundiert, wodurch die Studenten in der gesunden Lehre des Wortes Gottes gut gegründet werden. In diesem Jahr stehen wieder interessante Module auf dem Programm:

  • Islam: 27. – 28. März 2017, mit Titus Vogt, Martin Bucer Seminar, Hamburg
  • Pastorale Briefe: 08.-12. September 2017, mit Dr. Ray Van Neste, Prof. Biblische Studien am R.C. Ryan Centre
  • Systematische Theologie Teil 4, 14. – 18. Juli 2017 mit Pastor Jeff Purswell, Pastors College Sovereign Grace Gemeindebewegung

Mehr Informationen zum Kolleg gibt es hier: blog.arche-gemeinde.de. Hier auch ein Flyer mit Kontaktdaten: Arche_Pastoren_Kolleg_2017.pdf.

Dick Keyes: Fünf Ideen aus L’Abri

Vor einigen Tagen habe ich auf einen Vortrag von Dick Keyes über L’Abri hingewiesen. Freundlicherweise hat Ivo C. den Vortrag transkribiert und übersetzt. Herzlichen Dank!

Hier also der Hauptteil des Vortrag in deutscher Sprache:

Fünf Ideen aus L’Abri

Ich kann unmöglich auf die gesamte Bandbreite des Gedankenspektrums und der Philosophie von L’Abri eingehen – das wäre für heute Abend viel zu viel. Ich werde daher die nächsten Minuten darauf verwenden, fünf Bereiche, fünf Leitgedanken zu erwähnen, die in keiner Weise von uns selbst stammen, so als hätte L’Abri diese Gedanken erfunden, erdacht oder hätte sonst irgend ein besonderes Recht darauf. Vielmehr sind diese Gedanken das Eigentum der gesamten christlichen Kirche.

Allerdings sind wir der Ansicht, dass sie heute auf eigentümliche Weise unterbetont werden. Vielleicht pochen wir gerade deshalb wieder und wieder auf eine erneute Betonung dieser Überzeugungen, egal ob wir auf Reisen mit Leuten sprechen oder ob wir Vorträge für unsere Gäste halten.

Lassen Sie mich zunächst diese fünf Gedanken formulieren. Danach werde ich zu jedem der Punkte etwas sagen. Die Gedanken sind:

  1. Der christliche Glaube als Wahrheit.
  2. Die Wirklichkeit des Übernatürlichen.
  3. Die Menschlichkeit des Geistlichen.
  4. Das Leben im Schatten des Sündenfalls.
  5. Die Herrschaft Christi über das gesamte Leben.

Ich habe jetzt nur diese fünf erwähnt, denn es gibt freilich viele weitere Punkte, über die wir gesprochen haben und für die wir uns interessieren. Aber mit diesen fünf Punkten sehen wir uns immer wieder konfrontiert.

1. Der christliche Glaube als Wahrheit

Lassen Sie mich mit Punkt 1 beginnen: Der christliche Glaube als Wahrheit.

Was ich grundsätzlich damit meine: Der christliche Glaube ist wahr, ob Sie das glauben oder nicht, unabhängig davon, ob Sie das glauben oder irgendjemand das glaubt. Er ist wahr, und – seltsam genug – diese Sache wird nicht oft betont. Immer wieder kommen Leute zu uns, die sagen: Wir waren bisher nirgendwo, wo Menschen über das Christentum als Wahrheit sprechen, als etwas, das in Übereinstimmung mit der Sachlage steht. Stattdessen wird das Christentum immer wieder als etwas vorgestellt, das etwas „für dich tun kann“, als etwas, das dir eine besondere Erfahrung vermittelt, welche Kraft dir Christus im Leben schenken kann in Fragen von Sinn, Lebensziel, Freundschaften oder was auch immer. Wenn wir aber nicht wirklich verstanden haben, dass Christus die Wahrheit ist, dann tendiert das Ganze, wie ich vermute, zu folgendem:

Zunächst und zuerst wird man dazu neigen, Gott vor den eigenen Karren zu spannen, um ihn zum Erfüllungsgehilfen eigener Wünsche zu machen. Plötzlich bist du der Weinstock und er wird zur Rebe. Doch ein solcher Glaube hat nur sehr wenig Ermutigendes oder Lebendigkeit an sich. Ich halte viele Vorlesungen auf Universitäten und Colleges, und der vorrangigste Eindruck, den ich von Christen auf säkularen Universitäten und Colleges bekomme, ist dieser: Sie befinden sich auf dem Rückzug, sie rechtfertigen sich [für ihren Glauben], sie verteidigen sich und wehren Schläge ab. Die ganze Haltung ist viel zu oft eine Rückzugshaltung, insbesondere dort, wo sie es mit der akademischen Welt zu tun bekommen, in der sie leben. Ich finde sogar, Christen, die sich in der besten Lage befinden, sich mit einer nichtchristlichen Welt zu verständigen, scheuen das offene Gespräch über ihren Glauben, wenn sie mit Nichtchristen sprechen. Es könnten Fragen auftauchen, die ihren Glauben erschüttern. Das halte ich für ein ernstes und niederschmetterndes Trauerspiel! Die Haltung eines Paulus war dagegen völlig anders. Seine Einstellung war: Wenn das Ganze nicht wahr ist, dann vergiss es! Wenn  es wirklich nicht stimmt und nicht im wahrsten Sinn des Wortes wahr ist, dann kann ich es gar nicht schnell genug loswerden. Diese Einstellung müssen wir unbedingt kultivieren. Wir müssen die schwierigen Fragen anpacken, die zwischen uns und einer festen Gewissheit der Wahrheit des christlichen Glaubens stehen.

2. Die Wirklichkeit des Übernatürlichen

Nun zu Punkt zwei, der Wirklichkeit des Übernatürlichen. Wir leben in einer wahrhaft übernatürlichen Welt. Was meine ich damit? Was wir sehen können, ist längst nicht alles, was existiert. Gott ist, er lebt und es gibt sie, diese „Schlacht im Himmel“. Dazu könnte man viel sagen, aber ich möchte hier nur zwei Punkte erwähnen. Zunächst und zuerst: Die Bibel ist ein inspiriertes Buch, ein Buch, das auf übernatürliche und einzigartige Weise inspiriert ist. Das bedeutet nicht, dass Gott irgendwie in unsere Dimension hereinbricht; nicht auf diese Weise will ich den Begriff des „Übernatürlichen“ verstanden wissen. Nicht dass Gott auf eine Art mechanistische Weise die Geschichte des Menschen einbricht oder so, nein, was ich sagen will, ist einfach dies: Die Wirklichkeit ist viel mehr als nur das, was wir mit den Augen sehen können. Die Wirklichkeit Gottes im unsichtbaren Kampf bewegt sich fort, und zwar in unmittelbarem Kontakt und in der Wechselwirkung mit dieser Welt. Gott sorgte dafür, dass Menschen exakt und genau das aufschrieben, was er sie sagen lassen wollte, aber ohne ihren jeweils persönlichen Charakter oder ihre Individualität zu verletzen.

Das zweite, was ich hier erwähnen will, ist das Gebet. L’Abris Ursprung geht ja auf die Schaeffers zurück. Das ist nun Jahre her. Sie versuchten, ihre Arbeit auf sehr greifbare Weise auf das Gebet zu gründen. Das ist auch der Grund, weshalb wir auf Spendensammlungen oder Werbung verzichten. Einfach darum zu beten, das nötige Geld möge zusammenkommen, ist ein wirklich sehr echter und greifbarer Weg für uns. Da sind Rechnungen zu bezahlen, und wir müssen sehen, wie wir den nächsten Monat oder die nächste Woche über die Runden kommen. Das ist dermaßen erfahrbar und konkret, dass wir ganz aufrichtig sagen müssen: Wir hängen von der Erfüllung unserer Gebete regelrecht ab, eine wirklich gewaltige Sache für uns alle! Wir sind bestrebt, nicht nur davon zu sprechen, dass das Übernatürliche existiert und nicht nur zu betonen, wie notwendig Gebet ist, sonder wir wollen die Wichtigkeit hervorheben, in dieser Wirklichkeit auch zu leben.

3. Die Menschlichkeit des Geistlichen

Das führt uns zu Punkt drei: der Menschlichkeit des Spirituellen. Geistlich sein heißt nicht, das Menschliche zu überspringen, es heißt nicht, dreißig oder vierzig Zentimeter über dem Boden zu schweben. Es heißt nicht, nie wirklich mit menschlichen Dingen, mit körperlichen Tatsachen zu tun zu bekommen. Geistlich sein heißt vielmehr, das Menschsein wieder zurückzuerhalten, zu heilen. Jesus war der „zweite Adam“, er war die „Wiederherstellung“ des ersten Adam. Ich möchte dies am Beispiel „Führung“ erläutern. Es ist nicht „geistlicher“, eine Stimme aus dem Himmel zu hören, als seinen Verstand und seine Denkkraft zu gebrauchen, um die Heilige Schrift zu verstehen, wenn es darum geht, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Es ist nicht so, dass das Denken an sich ungeistlich wäre! Ich kenne eine christliche Gruppe, die hatte eine große Lostrommel, worin sich tausende Bibelverse fanden. Jeden Tag drehten sie diese Lostrommel. In der Trommel war ein Loch, und jeder griff sich täglich einen Bibelvers heraus. Aus dem, was darin stand, leiteten sie konkrete Anweisungen ab für das, was sie an diesem Tage gerade tun wollten, und sie trafen allerlei Arten von Entscheidungen auf der Grundlage dessen, was sie da jeweils lasen. Ich sage, eine solche Vorgehensweise gründet in der Annahme: Je mehr du deinen Verstand unterdrückst, desto geistlicher wirst du. Verstehen Sie, was ich meine? Je mehr Sie das eigene, verstandesgemäße Nachdenken ausschalten und verdrängen, desto stärker können Sie sich darauf verlassen, „geistlich“ zu sein. Aber so etwas hat keinerlei Grundlage in der Heiligen Schrift. Unser Denken soll erneuert werden, soll erfrischt, soll wiederhergestellt werden usf. Ein weiteres wohlbekanntes Zitat eines christlichen Lehrers spiegelt dieselbe Geisteshaltung wider mit der Folge, dass Harvard und Yale gute Lehrstätten waren, bis sie sich mit der Qualitätsfrage [ca. ab Min 10:41] beschäftigten. Denken Sie dabei an die Voraussetzung, die einem solchen Denken zugrunde liegt. Ich glaube, ich weiß, was dieser Lehrer sagen wollte (es waren beide wirklich wunderbare christliche Lehrstätten, keine Frage, und heute sind sie es mit Sicherheit nicht mehr). Nun, die Grundannahme hinter dieser Aussage ist: Qualität, die sich um Qualität kümmert, ist nicht geistlich; geistlich sein heißt, sich mit Qualitätsfragen überhaupt nicht zu befassen. Sie sehen selbst, dass die Bibel mit solchem Denken nichts zu schaffen hat. Die ganze Blickrichtung der Bibel geht in eine andere Richtung; geistlich sein heißt Qualität zu bejahen, Ausbildung zu bejahen, Schönheit zu bejahen, heißt die Bejahung all dessen, was zutiefst menschlich ist. Es bedeutet, fürsorglich und einfühlsam auf Menschen zuzugehen, Mitgefühl zu haben mit den Mitmenschen.

4. Das Leben im Schatten des Sündenfalls

Viertens: Das Leben im Schatten des Sündenfalls. Wir leben in einer gefallenen Welt. Darüber sprechen wir so viel, dass sich Studenten bei L’Abri geradezu geflügelte Worte daraus hergeleitet haben. Aber wir finden, Christen, die „technisch“ gesehen zwar in dieser gefallenen Welt leben, haben in Wahrheit gar nicht begriffen, was dieser Fall überhaupt bedeutet. Die Welt ist unvollkommen, sie seufzt, die ganze Schöpfung ächzt, und das wird so bleiben, bis der Herr wiederkommt. Gottes vollkommener Wille geschieht hier und jetzt gerade nicht. Im Vaterunser heißt es: Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Gerade weil er jetzt auf Erden nicht geschieht, wie dies im Himmel der Fall ist, sollen wir darum bitten und uns dafür auch einsetzen. Aber der Wille Gottes erfüllt sich hier auf Erden nicht vollkommen, egal wie viele schöne Dinge hier auch geschehen mögen. Frau Schaeffer sagt in ihrem Buch über die Familie einmal: Wenn du darauf bestehst: Entweder Vollkommenheit oder nichts, dann wirst du immer leer ausgehen. Das ist wahr, nicht nur in der Ehe, sondern auch in der Kirche, im Staat, in jeder Beziehung zu Menschen und auch in der Beziehung zu uns selbst. Weil also die ganze Schöpfung wie unter Geburtswehen seufzt, werden wir mit Enttäuschungen leben müssen. Auch das Leben des geistlichsten Christen hat seine Enttäuschungen. Sie glauben es nicht? Dann lesen Sie den zweiten Korintherbrief. Leuten, die Schwierigkeiten haben mit Enttäuschungen, verordne ich die Lektüre des 2. Korintherbriefes. Darin schildert Paulus seine zahlreichen und schwerwiegenden Enttäuschungen in allen möglichen Lebenslagen. Es ist leichter, Schmerz und Leid zu verleugnen und sich das typisch-christliche „Plastiklächeln“ aufzusetzen und zu sagen: „Alles in Ordnung, alles läuft gut, alles wunderbar, preist den Herrn, und das angesichts all der entsetzlichen Dinge, die geschehen, oder?“ Es ist auch einfacher, sich vor den schlimmen Dingen in dieser Welt zurückzuziehen und zu sagen: „Jaja, wir leben in einer gefallenen Welt, im Grunde ist’s ein Desaster, es gibt kaum etwas, das nicht geschehen kann, es hat wohl kaum Sinn, sich da große Mühe zu geben.“ Aber keine dieser Möglichkeiten steht dem Christen offen, obschon Christen oft zu diesen Alternativen Zuflucht nehmen. Wir müssen in dieser Spannung leben; die Welt wird uns Enttäuschung bringen, wir werden in unserem Leben enttäuscht werden, selbst in Dingen, für die wir beten oder in Dingen, für die wir hart gearbeitet haben. Aber wir sollen dranbleiben, sollen weitermachen und der himmlischen Berufung folgen. Wir werden Gott am Werk sehen, wenn auch nicht in vollkommener Weise. Das wird erst geschehen, wenn der Herr wiederkommt.

5. Die Herrschaft Christi über das gesamte Leben

Zuletzt zur Herrschaft Christi über das Leben. Ich glaube, ich werde gleich morgen in der Früh ein Seminar dazu geben, daher halte ich mich hier sehr kurz. Ich erinnere an die Worte des Paulus in 2. Korinther 10: Jeden Gedanken sollen wir Christus gehorsam unterordnen! Das heißt nicht, wir sollen Christus alle Glaubensfragen unterordnen, sondern alles Denken sollen wir ihm unterordnen, buchstäblich alles und jedes! Dazu gehört, wie du über deine Freizeit denkst, dazu gehören auch deine Gedanken zur Politik, zu Ausbildungsfragen, zur Ehe, ja einfach alle Gedanken, die man sich über was auch immer machen kann – alles soll Christus untergeordnet werden, denn er sorgt für all dies. Es gibt da keine Spannung zwischen „sakral“ und „säkular“, denn das ganze Leben untersteht der Herrschaft Christi. Das ganze Leben, wie Dr. Schaeffer oft gesagt hat, das ganze Leben ist „geistlich“, mit Ausnahme freilich der Sünde.

Ich habe diese fünf Gedanken erwähnt, Dinge, über die ihr kommendes Wochenende immer wieder stolpern werdet und die wir immer wieder betonen werden, gerade weil sie dermaßen vernachlässigt werden. Es sind dies keine Dinge, von denen wir „besessen“ sind oder so, sondern das sind Dinge, die mit aller Kraft geglaubt werden und mit denen wir heute in der Kirche umgehen müssen. Will die Kirche wirklich neues Leben haben, will sie neue Kraft erhalten, dann muss sie von der Grundlage der genannten Vorstellungen ausgehen.

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