Die Wiederkehr der „Großen Erzählung“

Die Philosophen der Postmoderne haben das Ende der „Großen Erzählungen“ als Legitimierungsversuche des Wissens proklamiert (siehe dazu hier). Doch die großen Erzählungen kehren zurück (oder waren nie verschwunden). Hauke Brunkhorst schreibt in „Die große Geschichte der Exkarnation – Charles Taylor“ (Kritik und kritische Theorie, Nomos, 2014, S. 215–244, hier S. 215):

Die Wiederkehr der großen Erzählung bestimmt den Beginn des neuen Jahrtausends. Man kann sich streiten, ob sie je verschwunden war, ob sie überhaupt verschwinden konnte, denn allzu offensichtlich ist die Geschichte des Triumphs der vielen kleinen Geschichten über die für tot und totalitär erklärte Großerzählung auch nur eine große Geschichte vom Ende der großen Geschichten. In seinem Riesenwerk über das säkulare Zeitalter macht Taylor sich genau diesen Einwand, der die postmoderne Kritik des meta-, master- oder grand narrative eines pragmatischen Selbstwiderspruchs überführt, zu eigen:

„Es gibt eine trendige ‚Postmoderne’, die behauptet, das Zeitalter der großen Erzählung sei vorbei […]. Aber die Nachricht von ihrem Hinscheiden ist offensichtlich übertrieben, denn die postmodernen Autoren selbst bedienen sich der gleichen Redefigur, wenn sie die Herrschaft des Narrativen für beendet erklären: früher liebten wir die großen Geschichten, doch jetzt haben wir ihre Gehaltlosigkeit erkannt und gehen zum nächsten Stadium über. Dieser Refrain klingt vertraut.“

Heute jedenfalls gibt es kaum noch einen Zweig der Sozial-, Geistes- und Humanwissenschaften, in dem die große Erzählung nicht erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wäre.

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