Gott wahrhaft lieben

Luther sagte 1515/1516 in seiner Vorlesung zu Römer 9,3:

Einer über die Maßen herrlichen und wahrhaft apostolischen Liebe entstammt also dies Wort: »Ich habe gewünscht« usw., einer Liebe sowohl zu Christus als zu den Juden. Denn er wünscht Christus aus dieser überschwänglich großen Liebe zu ihm großen Ruhm von den Juden. Und damit er diesen Ruhm habe, wollte er selber gerne von ihm geschieden sein, ohne ihn aber zu hassen. Diese unter ihrem Gegenbild verhüllte Liebe ist die allerstärkste und größte, wo einer durch das Zeichen des höchsten Hasses gegen sich selbst die höchste Liebe zum andern offenbar macht. So wünscht er auch den Juden höchstes Heil, und damit sie dieses Heil erlangten, wollte er gerne seines Heils verlustig gehen. So tut er es auch an einer anderen Stelle (2.Kor 12,15), wo er sagt: »Ich aber will sehr gerne hingeben und hingegeben werden für eure Seelen.«

Merke: Diese Worte kommen denen wunderlich, ja töricht vor, die sich heilig dünken und Gott mit der Liebe sündigen Begehrens lieben, d.h. um ihres Heils und um der ewigen Ruhe willen oder um der Hölle zu entgehen, d. h. nicht um Gottes, sondern um ihrer selbst willen. Sie schwätzen davon, dass die »geordnete« Liebe bei sich selbst beginne, und jeder müsse zunächst sich selbst das Heil wünschen, danach wie sich, so auch dem Nächsten. So denken sie, weil sie nicht wissen, was das heißt: selig und erlöst sein. Es sei denn, sie verstehen darunter ein vergnügliches Dasein führen und es sich gutgehen lassen, wie es sich ihre Phantasie ausmalt, wo doch »Seligsein« heißt, den Willen Gottes und seinen Ruhm in allen Dingen wollen und nichts Eigenes wünschen weder hier noch im zukünftigen Leben.

Für die aber, die Gott wahrhaft lieben mit der Liebe eines Kindes und Freundes, die nicht von Natur da ist, sondern allein vom Heiligen Geist kommt, sind diese Worte wunderschön und Zeugnisse eines Vorbildes von vollkommener Art. Solche fügen sich freiwillig in jeglichen Willen Gottes, auch in die Hölle und den ewigen Tod, wenn es Gott so will, dass sein Wille völlig geschehe. So sehr suchen sie nichts von dem, was das Ihre ist.

 

Die Vorlesung zum Römerbrief 1515/16 wurde von Evangelium21 neu aufgelegt und kann über den 3L Verlag wahrscheinlich bereits auf der E21-Konferenz in Hamburg erworben werden.

Martin Luther – Aus Liebe zur Wahrheit von

Preis: EUR 19,90

65 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 19,90

Kommentare

  1. Schandor meint:

    Aus Luthers Mund klingen diese Worte wie ein Vorwurf:

    Du bist kein selbstloser Mensch, weil Du nämlich deinen Hunger nicht unterdrückst, deinen Selbsterhaltungstrieb nicht für nichts achtest, sondern sagst: So bin ich geboren, das ist Teil meines Wesens, meiner Triebstruktur, das kann ich gar nicht einfach aufgeben. So muss ich also denken, weil ich nicht weiß, was das heißt: selig und erlöst sein. (Ich hab hier einfach mal den Selbsterhaltungstrieb für den Wunsch nach dem Heil substituiert.)

    Ich stimme ihm zu: Ich weiß wirklich nicht, was das heißt: selig und erlöst sein.

    Nur habe ich auch noch nie einen Menschen getroffen, der das wusste. Und der vor Gott schwört: Nimm mir mein ewiges Heil (sofern du es mir gegeben hast) und gib es meinem Nächsten, der nichts von dir wissen will. (Wie damals die Juden, von denen Paulus spricht.)

    Ist das wirklich so gravitätisch zu verstehen, wie Luther hier meint? Kann Paulus mit dieser Formel nicht einfach ausgedrückt haben, wie sehr er darunter litt, dass seine Mitbürger verlorengehen?

    Bitte um nichtfrömmelnde Antworten.

  2. Johannes Strehle meint:

    @ Schandor
    ich halte den Wunsch auch für einen rhetorischen.
    Christus war bereit, für die Versöhnung seiner Feinde mit Gott nicht nur Mensch zu werden, sondern als Mensch geboren zu werden (was ich mir grauenhaft vorstelle), sich kreuzigen zu lassen, „weg von“ Gott zu sein und „in das Reich des Todes hinabzusteigen“, um am dritten Tage aufzuerstehen. Er wünschte aber nicht, dafür dauerhaft „weg von“ Gott zu sein.
    Wir sollten nicht versuchen, „christlicher“ zu sein als Christus. Das bekäme uns nicht gut.

  3. Schandor meint:

    @JS

    Das ist genau die Antwort, die ich schon lange gesucht hab auf diese Frage. So naheliegend und doch bin ich nicht draufgekommen.

    Vielen Dank!

  4. Im Betanien Verlag ist erschienen von Martin Luther „Vom unfreien Willen“ Es ist eine Neuausgabe dieses Buches Luthers, das er original auf Lateinisch schrieb. Dieses gibt es jetzt ungekürzt in einer neu bearbeiteten Übersetzung. Dieses Übersetzung liest sich gut, besonders vielen Fußnoten empfinde ich als sehr hilfreich.Da sie unter anderem lateinische Wortspiele und andere Andeutungen hilfreich erklären! https://www.cbuch.de/luther-vom-unfreien-willen.html
    Lee

  5. Schandor meint:

    @Lee

    Ja, das kann ich bestätigen; es ist wirklich sehr gut gelungen!

Deine Meinung ist uns wichtig

*