Empörungskultur

Die Redakteurin Anno Dobler weiß, was es heißt, Ziel eines Shitstorms zu werden. Der Druck auf Redaktionen und Journalisten wächst, da Aktivisten, linke wie rechte, zur Treibjagd auf Autoren aufrufen. Mit einem gewissen Abstand zu den eigenen Erfahrungen hat sie über die Dynamiken eines Shitstorms reflektiert:

Sie bauen sich schnell auf und ergießen sich in einer Empörungslava mit gewaltiger Wucht. Fast kein Tag vergeht mehr, ohne dass in digitalen Plattformen, vorzugsweise auf Twitter, irgendwer Ziel eines Shitstorms wird. Oft verebben die Empörungsstürme nach kurzer Zeit ohne größeren Widerhall in der analogen Welt, weil das Ziel zu irrelevant, zu wenig greifbar oder generell zu unantastbar ist.

Komplexe Organisationen wie Fernsehsender oder Zeitungen sind in Summe schwerer zu treffen, weswegen sich die digitale Empörung vor allem gegen einzelne Mitarbeiter richtet, die als nicht sattelfest identifiziert worden sind: freie Mitarbeiter, Kolumnisten, externe Autoren etwa. Aber auch Vertreter politischer Parteien sind betroffen, wenn sie nicht an vorderster Front stehen.

Beispiele gibt es in jüngster Zeit ausreichend, so dass man längst nicht mehr von Einzelfällen sprechen kann. Jeder erfolgreiche Schachzug motiviert freilich jene, die ihn initiiert haben, zu immer neuen, immer heftigeren Reaktionen. Die Dynamik darf nicht verlorengehen.

Aus demokratiepolitischer Sicht ist das eine hochproblematische Entwicklung. Denn es muss in jedem Fall klar unterschieden werden: Handelt es sich hier um eine berechtigte Empörung, weil nicht nur die guten Sitten, sondern vor allem die Grenzen der Meinungsfreiheit grob verletzt worden sind, oder geht es hier lediglich um subjektiv verletzte Gefühle?

Ein guter Gradmesser sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Denn die Justiz kann zweifellos anhand objektiver Kriterien feststellen, ob eine Aussage noch innerhalb der gesetzlichen Grenzen liegt.

Mehr: www.corrigenda.online.

Jesus à la John Wayne

Sind Evangelikale (Männer) partout patriarchalische Machos, wie das irgendwie Kristin Kobes Du Mez’ Buch Jesus and John Wayne kommuniziert? Ich empfehle, mitzulesen, was Matt Studer darüber denkt: 

Was geschieht, wenn plötzlich alles patriarchal überschattet wird? Ich behaupte, dass die Schablone, mit der Du Mez die Evangelikalen liest, wenig Differenzierung zulässt. Es ist eine Schablone, die vorbestimmt was am Ende rauskommt. Folgende Beobachtungen sollen dies verdeutlichen. Du Mez bespricht die Formierung des sogenannten Council for Biblical Manhood and Womanhood (CBMW) als ‚einen Versuch, das Patriarchat auf der Grundlage der Bibel zu verteidigen‘. (S. 166) Sie nimmt Bezug auf das Danvers Statement (eines Grundlagenpapiers, das die Hauptgedanken des CBMW zusammenfasst): ‚[Dieses Papier] diktierte, dass die Leitung des Mannes [in der Ehe, gemäss Epheser 5] demütig und liebend anstatt dominierend sein solle. Und es hielt fest, dass „Männer von einer harten und eigennützigen Führung in der Ehe absehen und ihre Frauen lieben und für sie sorgen sollen“‚. (S. 167) Obwohl eine dienende, fürsorgliche ‚Autorität‘ sicher besser ist als der chauvinistische Habitus eines John Wayne im Umgang mit Frauen, das Problem für Du Mez ist hier das Paar ‚Führung – Unterordnung‘ (gemäss der Auslegung des CBMW der Epheser-5-Stelle). Natürlich kann man heute, in unserer modernen Welt, die nur noch wenige oder keine Unterschiede mehr zwischen Mann und Frau sieht, über diese und ähnliche paulinische Stellen denken was man will. Aber dass hier Paulus (oder vielleicht besser das Verständnis des CBMW von Paulus) und Mr. Wayne über den gleichen Kamm geschoren werden ist bedenklich. Die Unterschiede zwischen einem chauvinistischen Machoismus, der Frauen als Objekte sieht über die er herrscht, und einer fürsorglichen, dienenden ‚Autorität‘ sind himmelweit. Doch wer nur ansatzweise über eine Möglichkeit unterschiedlicher Rollen aufgrund des Geschlechts nachdenken will, landet bei Du Mez automatisch im patriarchalischen Lager.

Mehr: www.mindmatt.com.

Erste Verbum-Bücher bei Logos

Heute eine Ankündigung in Sachen Verlag Verbum Medien: Einige Bücher können inzwischen als Logos-Editionen vorbestellt werden! Unter den genannten Titeln in dieser Mail befinden sich zwei kostenfreie, vorbestellbare Artikel und neue Schätze. Einige davon sind noch kurze Zeit stark reduziert, bis sie in Logos verfügbar werden.

Darunter:

Tim Keller: Galater: Kommentar und Arbeitsheft (Die Bibel erklärt, 2 Bde.)

Image 20221117 173634Das Evangelium verändert unser ganzes Leben, zeigt Timothy Keller in dieser Auslegung des Galaterbriefes. Der Kommentar ist nicht akademisch ausgerichtet. Er macht den Galaterbrief zugänglich und bietet relevante Anwendungen für unser Leben. Er kann wie jedes andere Buch von vorne bis hinten gelesen werden, für die Stille Zeit verwendet werden, zur Predigtvorbereitung genutzt werden oder um Hauskreise anzuleiten. Neben dem Kommentar liegt ein Arbeitsheft für Gruppen und Leiter vor, um das Buch in einer Kleingruppe zu studieren.

Die Auslegungsreihe Die Bibel erklärt macht die Bücher der Bibel zugänglich und bietet relevante Anwendungen für unser Leben. Die Kommentare sind für die persönliche Lektüre, für die Stille Zeit und für den Hauskreis geeignet.

Vorbestellung: de.logos.com.

Carl Trueman: Der Siegeszug des modernen Selbst

133113Die moderne Kultur wird zunehmend von Fragen und Antworten rund um die sexuelle Identität beeinflusst – ob im öffentlichen Diskurs oder bei kulturellen Trends. Jedes gesellschaftliche Phänomen hat seine historischen Wurzeln. Von Augustinus, über Rousseau bis hin zu Marx oder Freud sind unterschiedliche Auffassungen des Selbst vorgestellt worden. Im 20. Jahrhundert wurden diese Konzepte des Selbst nicht nur psychologisiert und eng mit der Sexualität verschränkt, sondern unter dem Einfluss von Leuten wie Reich, Marcuse und anderen ebenfalls zu einer politischen Angelegenheit gemacht.

Der Historiker Carl Trueman untersucht in seinem Buch Der Siegeszug des modernen Selbst die Sichtweisen auf „Selbst“, die schlussendlich zur sexuellen Revolution beigetragen haben und seitdem tief in unsere Alltagskultur eingeschrieben sind. Er greift dabei auf Analysen des Philosophen Charles Taylor, des Soziologe Philip Rieff und des Ethikers Alasdair MacIntyre zurück. Trueman gibt einen äußerst hilfreichen Überblick über die Vergangenheit, bringt Klarheit in die Gegenwart und vermittelt Orientierungs- und Argumentationshilfen im Blick auf die Zukunft. Für Christen, die sich in der Kultur einer sich ständig verändernden Suche nach Identität bewegen und bewähren müssen, ist das ein wichtiges Werk.

Vorbestellung: de.logos.com.

Dane Ortlund: Tiefer: Wie Christen echte Veränderung erleben

Ortlund TieferWie können Christen wachsen? Kaum jemand stellt infrage, dass die Bibel uns dazu aufruft, in unserem Glaubensleben zu wachsen. Aber die Erklärung, wie das genau vor sich gehen soll, ist oftmals vage.

Dane Ortlund lenkt den Blick der Gläubigen auf Christus. Er macht deutlich, dass der Weg der Heiligung nicht darin besteht, mehr zu tun oder besser zu werden, sondern tiefer in die wunderbaren Wahrheiten des Evangeliums einzutauchen, die für uns gelten, seit wir mit ihm vereint wurden.

Dabei stützt sich Ortlund auf den Erkenntnisschatz von Persönlichkeiten aus der gesamten Kirchengeschichte. Er ermutigt seine Leser, im Kampf gegen die Sünde auf Jesus zu sehen, sich auf seine Gnade zu stellen und ihre unbesiegbare Identität in Christus auszuleben.

Vorbestellung: de.logos.com.

Entdeckung der Schriftrollen vom Toten Meer: Stellungnahme zur Terra-X-Folge von Alexander Schick

1947 werden nahe der archäologischen Stätte Qumran am Toten Meer im Westjordanland zufällig antike Handschriften in Höhlen entdeckt. Es handelt sich um jüdische Schriften, auch Texte aus der Bibel sind darunter – die ältesten biblischen Zeugnisse, die je gefunden wurden. Die Qumran-Schriftrollen gehören zu den wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. 

Da ZDF hat dazu eine Terra X Folge mit dem Titel „Qumran – die geheimnisvollen Schriftrollen vom Toten Meer“ produziert. Da sich in die Produktion einige Fehler eingeschlichen haben, hat Alexander Schick, Autor des Buches Faszination Qumran, einen Faktencheck veröffentlicht: www.bibelausstellung.de.

Eltern haben ein Recht auf Homeschooling

„Bereits 2007 wurde die Bundesrepublik von den Vereinten Nationen dafür gerügt. Ihre noch aus der NS-Zeit stammende Auslegung der Schulpflicht als Schulzwang sei mit internationalen Abkommen nicht vereinbar. Die Abkommen sähen Alternativen wie Fern- und Hausunterricht vor. Vor allem aber liege die Entscheidung darüber, ob die Kinder zur Schule gehen sollen oder nicht, bei den Eltern – nicht beim Staat“ (Philip Kovce, Die Schulpflicht gehört abgeschafft!, DLF Kultur vom 01.08.2017).

Der Philosoph Sebastian Ostritsch geht aktuell der Frage nach, ob es nicht rechts-konformer und klüger wäre, den Schulzwang aufzugeben. 

In der Tat spricht viel dafür, dass sogenanntes Homeschooling nicht nur in Zeiten des staatlichen Scheiterns, sondern ganz grundsätzlich ein Recht der Eltern ist, das der Staat nicht missachten darf. Dafür spricht auch Artikel 6 Absatz 2 des Grundgesetzes. Dort heißt es: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ Ein erstaunlicher Satz, haben wir es hier doch offenbar mit einer geradezu paradoxen Bezugnahme des positiven Rechts auf etwas zu tun, das ihm als natürliches Recht vorausgeht.

Die Rede vom Naturrecht sorgt in Deutschland in der Regel für hochgezogene Augenbrauen. Zudem dürften viele hierzulande auch der Forderung nach einem staatlichen Recht auf Hausunterricht mit feindseliger Skepsis begegnen. Klingt das alles doch verdächtig nach anarcho-libertären Positionen, wie man sie vor allem aus amerikanischen Diskussionen zu kennen meint. Während aber der Libertarismus eine radikal individualistische Philosophie ist, gilt dies für das Naturrecht in seiner klassischen Form, wie sie etwa Thomas von Aquin ausgearbeitet hat, keineswegs.

Der Grundgedanke des Naturrechts basiert schlicht darauf, dass es bestimmte Neigungen, Tendenzen und Verhaltensweisen gibt, die dem menschlichen Wesen – seiner Natur – zuträglich und andere, die ihm abträglich sind. Zur Natur des Menschen, seinem Wesen, gehören aber eben nicht nur animalische Triebe wie der zur Selbsterhaltung, sondern auch das Streben nach höheren, gemeinschaftlichen Gütern. Dazu zählen insbesondere das Leben in einer Familie sowie die Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft.

Mehr: www.welt.de.

Stilles Gebet als „Gedankenverbrechen”

In Großbritannien wurden mehrere Menschen festgenommen, weil sie „möglicherweise“ gebetet haben. ADF International informiert darüber, dass Vaughan-Spruce still und allein auf der Straße in der Nähe einer lokalen Abtreibungseinrichtung in Birmingham (UK) stand. Nachdem die Polizeibeamten sie fragten, ob sie bete, antwortete sie: „Ich bete möglicherweise in Gedanken.“ Daraufhin durchsuchte die Polizei ihren Körper sowie ihre Haare und führte sie ab. Das Video der Festnahme ging auf Twitter viral (siehe hier).

Ein zweiter Fall fand in Bournemouth (UK) statt. Dort wurde Adam Smith-Connor, der still „für seinen verstorbenen Sohn“ betete, festgenommen. Sowohl Vaughan-Spruce, als auch Smith-Connor handelten im Einklang mit Grundrechten und selbst örtlichen Vorschriften, da sie nur still standen und nicht protestierten.

„Es ist schrecklich und falsch, dass ich durchsucht, verhaftet, verhört und angeklagt wurde, nur weil ich in Gedanken gebetet habe. Zensurzonen sollen Belästigung verbieten. Aber Belästigung ist bereits illegal. Niemand sollte je belästigt werden. Was ich gemacht habe, war das Gegenteil von verletzend – ich habe einfach nur meine Gedankenfreiheit ausgeübt“, sagte Isabel Vaughan-Spruce nach ihrer Verhaftung.

Zensurzonen wie in Birmingham verbieten allen Menschen „Handlungen die als Zustimmung oder Ablehnung“ in Bezug auf Abtreibung wirken könnten. Das schließt auch „Gebet und Beratung“ ein.

Die deutsche Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) kündigte vor kurzem an, sie arbeite „mit Hochdruck“ an ähnlichen Zensurzonen. Dafür wolle sie einen neuen Ordnungswidrigkeitstatbestand schaffen. Schon seit längerem fordern Politiker wie beispielsweise Katja Mast (SPD) die Einschränkung der Versammlungs- und Meinungsfreiheit in der Nähe von Abtreibungseinrichtungen.

„Niemand sollte für seine Gedanken oder Meinungen festgenommen werden. Ganz egal wie man zum Thema Abtreibung steht, wir sollten uns einig sein, dass die Freiheit der eigenen Gedanken unverletzlich ist. Wer stilles Gebet verbietet, klagt Menschen wegen „Gedankenverbrechen“ an. Mit dem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat ist das nicht vereinbar“, stellte Dr. Felix Böllmann, deutscher Rechtsanwalt und Abteilungsleiter bei ADF International, fest.

Ludwig Brühl, Sprecher für ADF International, sagte: „Die Gedanken sind frei und das sollen sie auch bleiben. Wer wissen will, wohin die Pläne der Bundesregierung in Bezug auf Zensurzonen führen, muss auf das Vereinigte Königreich blicken. Zensurzonen verbieten das freie Denken, das freie Reden und das freie Beten. Deswegen haben sie in Deutschland keinen Platz.“

Lara kann’s nicht lassen

VM Howard Lara Webseite Mockup01 1024x1024 2xFür viele Eltern ist es eine große Herausforderung, ihren Kindern beim Umgang mit digitalen Geräten und Medien gute „Erziehungsrichtlinien“ zu geben. Einerseits weiß man, dass diese Geräte ein enormes Suchtpotential haben, andererseits kommen die Kids spätestens dann, wenn sie zur Schule gehen, zwangsläufig mit diesen Spielzeugen in Berührung und sind oft kommunikativ abgeschnitten, wenn sie keinen Zugang haben.

Betsy Childs Howard, Redakteurin bei The Gospel Coalition, hat ein sehr hilfreiches Kinderbuch zu diesem Thema veröffentlicht, das nun auch in deutscher Sprache erschienen ist. Auf einfühlsame Weise zeigt sie, dass die digitalen Welten uns vom Leben im Hier und Jetzt entfremden können, auch wenn sie nicht verwerflich sind. Das Buch ermöglicht Eltern einen guten Einstieg ins Gespräch (ohne Moralkeulen).

Der Verlag schreibt:

Lara kann den Sommer kaum abwarten, denn dann darf sie wie jedes Jahr Oma und Opa auf dem Bauernhof besuchen. Sie freut sich auf ihre Großeltern, die Tiere, das Mitarbeiten in der Scheune und das Spielen mit Cousin Robin und Cousine Pia. Doch dann bekommt Lara ein neues Tablet geschenkt. Obwohl sie sich so lange auf die Zeit auf dem Bauernhof gefreut hat, verbringt sie plötzlich den größten Teil des Tages allein am Bildschirm. Vielen Kindern geht es beim Gebrauch digitaler Medien wie Lara. Diese Geschichte, in kindgerechter Sprache und mit liebevoll gezeichneten Bildern erzählt, erleichtert Eltern und Erziehungsberechtigten den Gesprächseinstieg ins Thema und bietet konkrete Tipps für den Alltag.

Mehr hier: verbum-medien.de.

Rezension: Der Siegeszug des modernen Selbst

Thimo Schnittjer hat eine sehr hilfreiche Rezension zum Buch: Der Siegeszug des modernen Selbst von Carl Trueman für den Bibelbund verfasst. Er schreibt: 

Carl R. Trueman, Historiker und Theologe, hat mit diesem Werk, welches im Jahr 2020 zunächst in Englisch veröffentlicht wurde, eine bedeutende Analyse des modernen Selbst vorgelegt. Das Werk fand weite Verbreitung (vgl. z.B. die ungewöhnlich hohe Bewertungsanzahl bei Amazon) und traf offenbar den Nerv der Zeit. Die Übersetzung ins Deutsche ist aber nicht nur deshalb, sondern gerade wegen der starken Analyse sehr zu begrüßen.

Grundlegend für Truemans Darstellung sind die Forschungserträge des Philosophen Charles Taylor, des Soziologen Philip Rieff und des Ehtikers Alasdair MacIntyre. Von Charles Taylor übernimmt er u.a. die Erkenntnis, dass die westliche Weltsicht die Welt nunmehr als Rohmaterial begreift, „aus dem sich das Individuum Sinn und Bedeutung erschaffen kann“ (S. 47), ganz im Gegensatz zur früheren Sichtweise, wonach die Welt eine Ordnung und einen Sinn habe, die es zu ergründen gelte (sog. Übergang von der mimetischen zur poietischen Sichtweise).

Rieff dagegen beschreibt die Kultur des Menschen mit verschiedenen Typen. Der momentan vorherrschende Menschentyp sei der des „psychologischen Menschen“, der seine Identität „durch die nach innen gerichtete Suche nach persönlichem Glück“ (S. 54) finde. Die (moderne) Sinnstiftung, eigenen Gefühlen und Wünschen Ausdruck zu verleihen, bezeichnet Taylor als expressiven Individualismus. Die therapeutischen Bedürfnisse des Menschen stehen bei dieser Weltsicht im Mittelpunkt.

Diese Weltsicht hat weitreichende und ernstzunehmende Folgen für die Gesellschaft. Traditionelle Moralvorstellungen werden als problematisch angesehen, weil sie den inneren Wünschen im Wege stehen. Auch Meinungs- und Redefreiheit werden als Unterdrückungsmittel verstanden (so z.B. bei Herbert Marcuse), wie sich in der Diskussion um die Wortneuschöpfung „Hassrede“ zeigt. Rieff beschreibt deshalb die aktuelle Situation nicht als Kultur, sondern als Antikultur, die darauf ausgerichtet ist, traditionelle Ordnungen bewusst zu destabilisieren bzw. zu zerstören. Später bezeichnet Trueman sie auch als antihistorisch, weil sie auf verschiedene Art und Weise Gegebenheiten zu vergessen machen sucht (S. 114ff.).

Mehr hier: bibelbund.de.

Blindes Klammern an Kontextualisierung

David Helm beschreibt sehr schön, was passiert, wenn wir die Kontextualisierung zu weit treiben:

Ein blindes Klammern an Kontextualisierung verändert unser Predigen in mindestens drei Bereichen – und niemals zum Besseren. Erstens: Es beeinträchtigt unsere Perspektive beim Studium, sodass der Prediger sich in der Vorbereitung auf sei­ne Predigt mehr mit der Welt als mit Gottes Wort beschäftigt. So etwas bezeichne ich als impressio­nistisches Predigen. Zweitens: Blindes Klammern an Kontextualisierung verändert unseren Gebrauch der Kanzel: Das Wort Gottes soll dabei eher unsere enthusiastischen Pläne und Vorhaben unterstützen als die Pläne Gottes. Das nenne ich berauschtes Predigen. Und drittens: Es verschiebt unsere Sicht von Autorität. Die so „erfri­schende“ und „durch den Geist geführte“ supergeistliche Lesart des Predigers wird maßgeblich für die Wahrheit. Das nenne ich inspiriertes Predigen. So man­che Predigt, die wir als auslegend bezeichnen wür­den, wird dadurch in Wirklichkeit das Ziel verfehlen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Andere Argumente gegen das Gendern

Befürworter der „geschlechtergerechte Sprache“ verweisen gern auf Studien, die freilich methodisch anfechtbar sind. Und es gibt noch mehr wissenschaftliche Einwände gegen das Gendern – meint Tobias Kurfer in einem hilfreichen Artikel, den er für DIE WELT geschrieben hat. Der Text enthält zudem einige Literaturhinweise.

Also:

Kontext, Wortart, Numerus (Plural oder Singular), Syntax, relative Häufigkeit von Maskulina und Worten auf „-in“, Stereotype und Weltwissen – das sind laut Forschung nur einige der Faktoren, die mitbestimmen, ob wir die Wörter Bürger, Forscher, Patienten, Demonstranten geschlechtsneutral verstehen oder eher männlich. Der Einfluss des Plurals etwa ist wohl beträchtlich. Eine Studie, die das eindrücklich zeigt, wurde 2012 mit niederländischen und deutschen Muttersprachlern durchgeführt.

Ein Ergebnis der Untersuchung war: Pluralformen generischer Maskulina wurden von den Probanden im Deutschen zu 97 Prozent korrekt verstanden, also geschlechtsneutral. Bei Rollenbezeichnungen wie Schüler, Zuschauer oder Bewohner waren es sogar 99 Prozent. Und die besonders umstrittenen Berufsbezeichnungen wie Ärzte, Politiker, Schauspieler verstanden die Versuchsteilnehmer zu 94 Prozent als neutral. Mit anderen Worten: Niemand denkt wirklich bei einem Satz wie „60,5 Millionen Bürger sind zur Bundestagswahl aufgerufen“ nur an Männer.

Mehr hier (allerdings hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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