Angela Richter

Wenn eine Künstlerin zurück in die Kirche findet

Ich weiß. Viele der zunehmenden Konversionserzählungen sind theologisch dünn. Und sie klammern konfessionelle Fragen meist vollständig aus. Trotzdem freue ich mich riesig, wenn Menschen anfangen, die Denkvoraussetzungen der Moderne zu hinterfragen und sich dazu öffentlich bekennen. Das hat kürzlich die Regisseurin Angela Richter getan. Und es ihr fabelhaft gelungen, die Reaktionen ihrer ehemaligen (!) Bewunderer auf den Punkt zu bringen.

Hier: 

Ich bin als Künstlerin wieder katholisch geworden. In meiner Branche ist das ungefähr so anschlussfähig wie Rauchen im OP-Saal.

Vor etwa drei Jahren stand ich in Wien auf der Premierenfeier meines Theaterstücks. Es war einer dieser seltenen Abende, an denen alles stimmt: Der Applaus war lang, die Gespräche fließen, diese milde, warme Euphorie nach gelungener Arbeit. Eine Frau kam auf mich zu – vermutlich selbst Künstlerin – strahlend, zugewandt, schon ein bisschen angetrunken. Wir redeten lange und offen. Irgendwann, fast experimentell, sagte ich es: „Ich bin katholisch.“

Es war, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gesaugt. Die eben noch bewunderte Regisseurin verwandelte sich in ein kognitives Problem. Der Rest des Abends, mindestens zwei Stunden (!), wurde zu einer umgekehrten Missionierung. Sie versuchte mit echter Inbrunst, mich vom Katholizismus zu „befreien“.

Ich hörte zu, fragte nach. Am Ende blieb vor allem eine Kindheitserinnerung: Sie war auf dem Land aufgewachsen und hatte die katholischen Kinder um ihre Kommunionkleider und Firmungsfeiern beneidet, fühlte sich ausgeschlossen. Und als Feministin fühlt sie sich vom Priesteramt ausgeschlossen. Das war das, was sich bei ihr als Begründung herauskristallisierte. Keine Missbrauchszahlen, keine Theologie, keine Historie. Eher etwas sehr Persönliches, das sich im Laufe der Zeit in eine grundsätzliche Ablehnung verwandelt hatte.

Das ist kein Einzelfall. Das ist das Muster, das ich seither immer wieder erlebe. In den Kreisen, in denen ich mich bewege, ist die Ablehnung des Katholischen absolut, aber selten gut begründet. Es ist ein kultureller Reflex. Man weiß, dass man dagegen ist.

Fragt man konkret nach, wird es dünn. Kindesmissbrauch? Ja – ein schweres, reales Verbrechen, das die Kirche zutiefst beschmutzt hat und für das sie Verantwortung trägt. Aber wenn ich nach Zeiträumen, Zahlen und Vergleichen frage, wird es oft schnell still. Das Problem des Missbrauchs taucht überall dort auf, wo Macht, Abhängigkeit und Nähe zusammentreffen – in Schulen, Sportvereinen, Familien, anderen Kirchen.

Mehr: www.corrigenda.online.

Hexenjagd

Jakob Hayner hat mit Bernd Stegemann und Angela Richter ein hochinteressantes Interview über die Woke-Kultur in der deutschen Kulturlandschaft geführt. Zum Hintergrund: Im Jahr 2021 klagten 1.500 Theaterleute den Dramaturgen Bernd Stegemann wegen Rassismus an. Zu den Unterzeichnern ihres Offenen Briefs zählte auch die Regisseurin Angela Richter. Im Gespräch mit Stegemann erklärt sie nun, warum sie die Aktion heute bereut und welche Auswirkungen die „Woke“-Bewegung hatte.

Hier einige Auszüge: 

Angela Richter: Ich erlebe einen Verlust an künstlerischer Freiheit. Was ich vor einigen Jahren als frei und offen empfunden habe, ist plötzlich von vielen unausgesprochenen Regeln moralischer und ideologischer Art durchsetzt. Zum Beispiel wollte ich die wahre Geschichte einer Detransition erzählen, also eines rückgängig gemachten Geschlechtswechsels. Ich bin naiv und unvoreingenommen an die Arbeit rangegangen, mich hat das Schicksal dieses Menschen berührt. Ich habe die aufgeladene Debatte über Trans völlig unterschätzt. Bereits nach der Leseprobe wurde ich als „transphob“ gebrandmarkt. Das Stück wurde nicht gespielt. Oder als ich einen Artikel über den Philosophen René Girard veröffentlichte – den frühen Diagnostiker unserer übersteigerten Opfermacht – und erwähnte, dass Peter Thiel und Elon Musk bei ihm studiert haben, ohne das obligatorische Verdammungsmantra abzuspulen: Schon galt ich als „rechts“. Das hat mich schockiert.

Bernd Stegemann: Theater wird eigentlich von Menschen gemacht, die den Mut haben, Geschichten, Gefühle und Widersprüche öffentlich sichtbar zu machen. Heute haben sie den Mut verloren und sind ängstlich darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Das falsche Thema, ein falsches Wort, eine falsche Situation, alles kann missverstanden werden und jemand könnte sich gekränkt fühlen. So entsteht eine neue Beklommenheit am Theater. Man will eindeutige Botschaften versenden, die einen moralisch gut aussehen lassen und niemanden irritieren. Früher hätte man das Propagandatheater oder Tendenzdrama genannt. Also das Gegenteil von gutem Theater, das immer mit Widersprüchen zu tun hat. Die Widersprüche zwischen den Figuren und die Widersprüche zwischen der Inszenierung und den Erwartungen des Publikums werden von der tugendhaften Beklommenheit kassiert. Man ist dabei, dem Theater seinen Lebensnerv zu ziehen.

Angela Richter: Ich beobachte einen freiwilligen und vorauseilenden Gehorsam im Theater. Man unterwirft sich fragwürdigen ideologischen Moden. Wer das nicht tut, gilt als zurückgeblieben und gestrig.

Angela Richter: Ich selbst war lange in diesem Mechanismus gefangen. Ein Reflexmilieu wie bei Pawlow: Jemand ruft „rechts“ – und alle bellen, als wäre Denken optional. So habe auch ich mich vor ein paar Jahren an einem offenen Brief gegen Bernd Stegemann beteiligt. Ausgelöst durch Rassismusvorwürfe gegen einen Regisseur, den er in der „FAZ“ verteidigt hatte. Der Brief eskalierte zu einem massiven Shitstorm. Heute würde ich sagen: Wir verloren die Kontrolle, es wurde eine Hexenjagd.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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