Herman Bavinck

H. Bavinck: Eine Einführung

Hanniel hat eine Einführung in Leben und Werk von Herman Bavinck geschrieben. Darin heißt es:

Um einen Zugang zu Bavincks Werk zu erhalten ist es wichtig, einen Blick auf die Hauptspannung in Bavincks Leben zu werfen. Die Krux seines Werks liegt nach der Einschätzung des Historikers George Harincks in der Auseinandersetzung zwischen zwei Kräften, die einander als „eingeschworene Gegner“ gegenüber standen: Dem alten Glauben und der modernen Kultur.  Bavincks gesamtes Schaffen kann als Ablehnung der Dualität zwischen Glaube und Kultur betrachtet werden – jener Dualität, die seinen kirchlichen Hintergrund prägte.  Bavincks akademische Position ist deshalb eng mit seinem Charakter und seiner persönlichen Erfahrung verbunden. Es geht darum – Bavincks eigene Beschreibung aufgreifend –, dass die Gebetskammer zwar ein wichtiger Raum im Haus, jedoch nicht der einzige ist. Sie dient dem Christen als Vorbereitung für einen freudvollen und mutigen Zugang zu seinen Aufgaben in der Welt.

Hier: mbstexte182_c.pdf.

Das Königreich Gottes und die Transformation der Welt

Dem Neo-Calvinismus wird oft eine triumphalistische Sichtweise im Hinblick auf die Transformation der bestehenden Verhältnisse unterstellt. Herman Bavinck (1854-1921), ein Schüler von Abraham Kuyper (vgl. hier), hat sich jedoch deutlich zu den Prioritäten geäußert.

Hanniel hat sich kürzlich dieser vermeintlichen Spannung angenommen:

Auch wenn sich Bavinck dankbar über all den Fortschritt äussert, erinnert er an die Prioritäten. Das Reich Gottes ist und bleibt das höchste Gut. So beginnt er die Vorlesung über die Offenbarung Gottes und die Zukunft mit der Feststellung, dass, obwohl die christliche Religion nicht prinzipiell mit der Kultur in Feindschaft stehe, die Güter dieser Erde von untergeordnetem Wert seien. Verglichen mit dem Königreich Gottes, der Vergebung der Sünden und dem ewigen in Gemeinschaft mit Gott habe die ganze Welt zweite Priorität. Deshalb stehe die christliche Religion in direktem Widerspruch zur Prioritätensetzung des modernen Menschen. Diese programmatische Aussage steht an einer wichtigen Stelle des Werkes, nämlich am Anfang seiner Aussagen über die Zukunft. So ist das Evangelium der wahre Standard, an denen die Phänomene und Ereignisse gemessen werden müssen. Diese Botschaft ist der Führer “durch das Labyrinth der gegenwärtigen Welt”. Es erhebt uns über diese gegenwärtige Zeit hinaus und zeigt uns die Dinge vom Standpunkt der Ewigkeit her.

Auch an anderen Schlüsselstellen seines Lebens kommt Bavinck auf diese Rangordnung zurück. In seiner Rede vor dem Zentralkomitee der Antirevolutionären Partei (ARP) nach der Wahlniederlage von 1905 merkt er an, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebe. Das Evangelium Christi sei der grösste Schatz. Er verwendet seine Standardmetapher und spricht vom Reich der Himmel als der Perle, die alles Materielle in ihrem Wert weit übersteigt. Im Übrigen, fügt er hinzu, sei die christliche Beteiligung an der Regierung eines Staates eine “heilige Aufgabe”.

Bavinck ist, um ein anderes Beispiel zu nennen, bestürzt über die Entfremdung vom Glauben, die viele reformierte Familien erfasste, welche ihre Söhne an die Hochschulen schickte. „Ganze Familien sind auf die Seite unserer Gegner übergelaufen.“ Deshalb ist er der Überzeugung, dass es dringend reformierte Einrichtungen brauche, um die Bildung mit einer christlichen Weltanschauung zusammen zu bringen.

Mehr: www.hanniel.ch.

The Bavinck Institute

hermanbavinck.jpgAm Calvin Theological Seminary wurde ein Bavinck Institut gegründet. In der Selbstdarstellung heißt es:

The Bavinck Institute at Calvin Theological Seminary is named after Herman Bavinck (1854–1921), the great Dutch Reformed theologian and author of the four-volume Gereformeerde Dogmatiek (Reformed Dogmatics). The Institute exists to promote scholarship related to Bavinck himself, Bavinck’s neo-Calvinist contemporaries (e.g., Abraham Kuyper, Willem Gessink), and Bavinck’s proteges, such as his nephew, Johan Herman Bavinck (1895–1964), missionary to Indonesia and pioneer Reformed missiologist.

Hier die Internetpräsenz: bavinck.calvinseminary.edu.

Bavinck Konferenz

bavinck.jpgDas New College (University of Edinburgh) und die Freie Universität Amsterdam veranstalten in diesem Herbst eine zweitägige Konferenz über den calvinistischen Theologen Herman Bavinck (1854–1921). Die Konferenz findet zwischen vom 1.-2. September 2010 in Edinburgh statt.

Hier ein Flyer mit dem Programm und Anmeldeinformationen: CONFERENCE2520.pdf.

Die Grenzen der Philosophie

Herman Bavinck im Jahr 1904:

Von diesem hohen und erhabenen Standpunkt, auf den uns die christliche Weisheit stellt, fällt schließlich ein überraschendes Licht auf das Verhältnis zwischen Religion und Philosophie. Die Verwandtschaft beider wird durch alle großen Denker gefühlt und anerkannt. Aber Hegel wird durch seine dialektische Methode zu der Auffassung geführt, dass Religion primitive Philosophie, in Allegorie gehüllte anschauliche Metaphysik des Volks, und die Philosophie deshalb die in Begriffe um gesetzte Religion des Denkers sei. Damit aber kommt das Wesen bei der, besonders der Religion, zu kurz. Denn sei es auch, dass die Philosophie eine vollständige Erklärung der Welt und einen vollständig reinen Begriff von Gott geben könnte, der Mensch würde darin doch kein Genüge finden. Sein Herzensdurst verlangt nicht zuerst nach einem reinen Gottesbegriff, sondern nach dem lebendigen Gott selbst. Der Mensch findet keine Ruhe, bevor Gott sein Gott und sein Vater gewor den ist. Mag nun auch die Philosophie einen noch so hohen Beruf und eine noch so hohe Aufgabe haben, Gott selbst finden wir unter ihrer Leitung nicht. Zu ihm nähern wir uns nur, mit ihm treten wir nur in Gemeinschaft auf dem Wege der Religion. Auch für den tiefsten Denker gibt es keine Rechtfertigung durch den Begriff, sondern allein durch den Glauben. Jesus sprach nicht die Weisen und Verständigen, sondern die Kinder, die Kinder auch unter den Philosophen, selig. Besser war dann noch die Anschauung Schleiermachers, der Religion und Philosophie aus zwei ganz verschiedenen Bedürfnissen und Funktionen der menschlichen Natur ableitete und deshalb beiden eine dauernde Bedeutung im menschlichen Leben sicherte. Aber auch dieser Dualismus befriedigt nicht. Denn die Philosophie beschränkt sich nicht auf das Endliche und kommt deshalb auch mit Gott, als der letzten Ursache aller Dinge, in Berührung. Und die Religion, welche den Menschen in erster Linie in Gemeinschaft mit Gott bringt, bestimmt dadurch auch sein Verhältnis zu allen Geschöpfen. Sie erschöpft sich nicht in Gefühlen, sondern schließt sehr konkrete Vorstellungen in sich ein und enthält stets den Keim einer ganzen Weltanschauung.

Herman Bavinck: Christliche Weltanschauung

BavinckCov.jpgDer Niederländer Herman Bavinck (1854–1921) beschäftigte sich sein ganzes Leben lang mit dem Spannungsfeld von christlichem Glauben und moderner Kultur. Nach einer kurzen Tätigkeit als Pastor einer Gemeinde in Friesland wurde Herman Bavinck 1882 als Professor der Systematischen Theologie an die Theologische Hochschule nach Kampen berufen. 1902 wechselte er nach Amsterdam und lehrte dort als Professor der Theologie an der freien Universität. Heute gilt Bavinck zusammen mit Abraham Kuyper als Hauptvertreter der ersten Generation der neo-calvinistischen Theologie.

Eine im Jahre 1904 gehalten Rektoratsrede mit dem Titel »Christliche Weltanschauung« wurde jetzt in einer deutschen Ausgabe neu herausgegeben. Bavinck behandelt darin drei große Fragen der Philosophie: Wie verhalten sich Denken und Sein und wie Sein und Werden zueinander? Und: Welche Normen gibt es für rechtes Handeln? Bavinck trägt seine Ausführungen mit der Überzeugung vor, dass allein der christliche Glaube befriedigende Antworten auf diese Hauptthemen menschlichen Lebens anzubieten hat.

Vor über einhundert Jahren, als die Dichter und Gelehrten im deutschen Sprachraum noch mit der Verarbeitung des Nietzsche-Schocks beschäftigt waren, beschrieb der gläubige Theologe das gesellschaftliche Denkklima mit folgen Worten:

Gemeinsam aber … ist die Abkehr von dem allgemeinen, ungezweifelten christlichen Glauben. Worin man auch im einzelnen voneinander abweichen möge, es steht fest, dass die Zeit des historischen Christentums vorbei ist. Es passt nicht mehr zu unserer kopernikanischen Weltanschauung, zu unserer Kenntnis der Natur und ihrer unveränderlichen Gesetze. Es passt nicht mehr zu unserer modernen Kultur, zu der »Diesseitigkeit« unserer Lebensauffassung, zu unserer Wertschätzung der materiellen Güter. Die Gedankenwelt der Schrift lässt sich in den Zyklus unserer Vorstellungen nicht mehr einfügen. Das ganze Christentum mit seiner Trinität und Inkarnation, mit seiner Schöpfung und seinem Sündenfall, mit seiner Schuld und Versöhnung, mit seinem Himmel und seiner Hölle gehört in eine veraltete Weltanschauung und ist mit dieser endgültig abgetan. Es hat unserem Geschlecht nichts mehr zu sagen und ist durch eine tiefe Kluft von modernem Denken und Leben geschieden. Die Schlagwörter Gott, Seele, Unsterblichkeit, sagt Meyer-Benfey, haben ihren Sinn für uns verloren. Wer fühlt heute noch das Bedürfnis, über das Dasein Gottes zu disputieren? Wir brauchen Gott nicht mehr, für ihn ist auf unserer Welt kein Raum mehr. Möge der greise Einsiedler in seiner Klause sitzen und seinen Gott verehren. Wir, Jünger des Zarathustra, wir wissen, dass Gott tot ist und nicht mehr auferstehen wird.

Das Buch ist beziehbar als:

  • Herman Bavinck, Christliche Weltanschaung, neu hrsg. von Thomas K. Johnson u. Ron Kubsch, Bonn: VKW, 2008, ISBN: 978-3-938116-38-8, 91 S., Preis € 8,00.

Hermann Bavinck über das Christentum und den Zeitgeist

bavinckkl.jpgDerzeit arbeite ich an einem Manuskript von Hermann Bavinck (1854–1921), das hoffentlich 2008 (erneut) veröffentlicht werden kann. Der niederländische Theologieprofessor erweist sich bei näherer Betrachtung als ein äußerst vielseitiger Mensch, dessen Leben sich im Spannungsfeld von orthodoxem Christentum und moderner Kultur bewegte.

Hier ein wunderschönes Zitat von Bavinck:

Wenn wir das Christentum als für uns nicht passend verwerfen, erweist es sich in demselben Augenblick für uns als unentbehrlich. Wenn die Welt ruft: »Fort mit Christus«, zeigt er gerade in seinem Tode, dass er allein der Welt das Leben gibt. Zu den Inbegriffen, die der moderne Mensch sich über Welt und Leben bildet, passt das Christentum nicht, es steht ihnen diametral gegenüber. Aber desto besser passt es zu Welt und Leben, wie sie in Wirklichkeit sind. Wer sich los macht von den Idolen des Tages, von der öffentlichen Meinung, von den herrschenden Vorurteilen in Wissenschaft und Schule; wer die Dinge mit freiem Blick anschaut, nüchtern und mit offenem Sinn, wer Welt und Menschen, Natur und Geschichte nimmt, wie sie in sich wirklich sind, dem wird sich stets stärker die Überzeugung aufdrängen, dass das Christentum die einzige Religion ist, deren Welt- und Lebensanschauung auf Welt und Leben passt.

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