Judentum

Die sexuelle Revolution im Judentum

Dennis Prager hat 1993 den bemerkenswerten Aufsatz „Judaism’s Sexual Revolution“ veröffentlicht (Crisis 11, Nr. 8 (September 1993). Seine These: Durch das Judentum (und später das Christentum) wurde die Pansexualisierung der heidnischen Kulturen überwunden. Das bedeutet, dass sexuell völlig überladene Gesellschaften lernten, dass menschliche Sexualität einen Schutzraum benötigt. Diese für den Westen sehr förderliche Entwicklung wird mit dem erneuten Einzug des Heidentums umgekehrt. 

Hier ein Auszug: 

Gesellschaften, die der Sexualität keine Grenzen setzten, wurden in ihrer Entwicklung behindert. Die spätere Vorherrschaft der westlichen Welt lässt sich weitgehend auf die sexuelle Revolution zurückführen, die vom Judentum initiiert und später vom Christentum fortgeführt wurde.

Diese Revolution bestand darin, den sexuellen Geist in die Flasche der Ehe zu zwingen. Sie sorgte dafür, dass Sex nicht mehr die Gesellschaft dominierte, verstärkte die Liebe und Sexualität zwischen Mann und Frau (und schuf damit fast im Alleingang die Möglichkeit von Liebe und Erotik innerhalb der Ehe) und begann mit der mühsamen Aufgabe, den Status der Frau zu verbessern.

Für uns, die wir Tausende von Jahren nach Beginn dieses Prozesses durch das Judentum leben, ist es wahrscheinlich unmöglich, das Ausmaß zu erkennen, in dem undisziplinierter Sex das Leben des Menschen und das Leben der Gesellschaft dominieren kann. In der gesamten Antike und bis in die jüngste Vergangenheit hinein durchdrang Sexualität in vielen Teilen der Welt praktisch die gesamte Gesellschaft.

Die menschliche Sexualität, insbesondere die männliche Sexualität, ist polymorph oder völlig wild (weitaus mehr als die Sexualität der Tiere). Männer hatten Sex mit Frauen und mit Männern, mit kleinen Mädchen und Jungen, mit einem einzigen Partner und in großen Gruppen, mit völlig Fremden und unmittelbaren Familienmitgliedern sowie mit einer Vielzahl von domestizierten Tieren. … Natürlich wurden nicht alle diese Praktiken von der Gesellschaft geduldet – Inzest zwischen Eltern und Kindern und die Verführung der Frau eines anderen Mannes wurden selten toleriert –, aber viele Praktiken wurden toleriert, und alle veranschaulichen, wohin ein ungezügelter oder, in Freudschen Begriffen, „nicht sublimierter“ Sexualtrieb führen kann.

Das Judentum unterwarf die Sexualität Kontrollen. Sie durfte nicht länger das religiöse und gesellschaftliche Leben dominieren. Sie sollte geheiligt – was im Hebräischen „getrennt“ bedeutet – von der Welt und in das Zuhause, in das Bett von Mann und Frau verbannt werden. Die Einschränkung des Sexualverhaltens durch das Judentum war eines der wesentlichen Elemente, die den Fortschritt der Gesellschaft ermöglichten. Zusammen mit dem ethischen Monotheismus führte die Revolution, die die Thora mit ihrer Ablehnung der sexuellen Praktiken der Welt auslöste, zu den weitreichendsten Veränderungen in der Geschichte.

Ich habe den Aufsatz hier gefunden.

Bis es keinem mehr weh tut

Die Theologin Dorothea Wendebourg wirft der Evangelischen Kirche vor, falsche Schlüsse aus Luthers Antijudaismus zu ziehen. Statt Unterschiede zum Judentum zu ertragen, weiche die EKD ihre Lehren auf. Wendebourg, stellvertretende Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats für das Reformationsjubiläum, schreibt in einem Beitrag für die Zeitschrift Zeitzeichen: „So soll ausgerechnet das 500-jährige Jubiläum der Reformation an allen Fronten zur großen Feier ihrer theologischen Harmlosigkeit werden.“

Diese Frage besteht aus einem langen Satz. Wie man sich denn nach Jahrhunderten der Juden-Unterdrückung und nach dem Holocaust jubelnd auf Luthers Überzeugung von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben an Jesus Christus beziehen könne – obwohl doch Luthers Judenhass genau darin seinen Grund hatte, dass die Juden diesen Messias-Glauben an Jesus nicht teilen.

Nun die dritte Möglichkeit. Wenn die Familie das kontaminierte Erbe schon nicht loswird – und es demnächst ja auch groß feiern will –, dann baut sie das Erbe so lange um, bis es keinem mehr wehtut. Bezogen auf Luther: Wenn dessen Christus- und Rechtfertigungsglaube die Gefahr der Judenfeindlichkeit impliziert, dann muss man jenen reformatorischen Glauben so abändern, dass es keine Gegensätze mehr gegenüber den Juden gibt.

Dass die EKD hierzu tendiert, befürchtet die angesehene evangelische Theologin und Reformationshistorikerin Dorothea Wendebourg. In einem scharfen Text für die protestantische Zeitschrift „Zeitzeichen“ wirft Wendebourg, Professorin für Kirchengeschichte an der Berliner Humboldt-Universität, der EKD vor, „dass die spezifischen Einsichten der eigenen Tradition abgeschmolzen werden, bis kein fundamentaler Widerspruch anderer und zu anderen mehr übrig bleibt“.

Hier ein Beitrag dazu, den Matthias Kamann für die WELT geschrieben hat: www.welt.de.

Luther kann nichts für die Nazi-Verbrechen

Alan Posener hat kürzlich in einer Polemik Martin Luther eine Mitverantwortung für die Ausbreitung von Judenhass und Hexenwahn zugeschrieben, ja sogar in Luther denjenigen gefunden, der das antisemitische Aktionsprogramm der Nazis entwickelt hat. Annette Weidas hat die trüben Argumente Poseners unter die Lupe genommen:

In der „Welt“ vom 31. März schrieb Alan Posener wider Luther. Das zu tun steht jedem frei. Nur fragt sich, warum er es in so tendenziös verzeichnender Weise tut, bar jedes historischen Verständnisses für die Denk- und Handlungszusammenhänge eines Menschen, der 500 Jahre vor uns gelebt hat. Mit Aufklärung kann das nichts zu tun haben, denn die wurde geboren aus der Einsicht in die Notwendigkeit historisch-kritischer Betrachtung von (biblischen) Texten.

Zudem reißt Posener einzelne Äußerungen Luthers selbst aus ihrem damaligen Gesamtzusammenhang, was selbst ohne historischen Abstand zu grobem Missverständnis führen müsste. Er folgt hier einem für seine einseitige Interpretation vielfach kritisierten Amerikaner namens Richard Marius (1933–1999), einem ehemaligen Baptisten, der als junger Mann seinen Glauben verlor. Vollständig ignoriert hingegen wird von Posener die Fülle der seriösen Literatur über Luther.

Hier die Antwort von Annette Weidas: www.welt.de.

Warum Abraham uns vor dem Töten unserer Kinder bewahrt

Die Berliner Morgenpost hat heute ein Essay von Hannes Stein veröffentlicht, das es wirklich in sich hat. Die Römer töteten neugeborene Babys. Es geschehen Mädchenmorde in Indien und China. Dass wir das nicht tun, verdanken wir Abraham, Judentum und dem Verhältnis zwischen Monotheismus und Gewalt, schreibt Hannes Stein in „Abraham bewahrt uns vor dem Töten unserer Kinder“. Da jedoch der jüdisch-christliche Glaube als Quelle für moralische Autorität mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängt wird, sich also der Rahmen auflöst, ändert sich das. Nehmen wir als Beispiel Peter Singer: „Singer ist also dafür, Schimpansen aus den Zoos zu befreien und ihnen Menschenrechte zu geben; gleichzeitig spricht er sich für die Euthanasie von Schwerbehinderten aus. Die Tötung von Neugeborenen, schreibt Singer, sei „mit einer stabilen, gut organisierten menschlichen Gesellschaft … vereinbar“.

Der Zivilisationsforscher Gunnar Heinsohn hat uns daran erinnert, wie radikal diese Distanzierung vom Menschenopfer ausfiel: Die Juden waren das einzige Volk der Antike, das keine Geburtenkontrolle durch Infantizid praktizierte.

Der Ritus bei den Römern war so: Wenn ein neues Kind geboren worden war, wurde es dem pater familias, dem Familienvorstand, vor die Füße gelegt. Entweder der pater familias nahm das Kind auf, dann wurde es aufgezogen. Oder er ließ es liegen, dann wurde das Kind getötet. Dies war die potestas vitae necisque, die Macht über Leben und Tod, das Menschenrecht des freien römischen Bürgers.

Eines der größten Dramen der Literaturgeschichte handelt in seinem Kern von nichts anderem: „Oidipous Tyrannos“ von Sophokles. Wie kam Ödipus, dessen Name „Lahmfuß“ bedeutet, dazu, seine eigene Mutter zu heiraten und seinen Vater zu erschlagen? Weil er als Baby einer ungünstigen Prophezeiung wegen mit durchbohrten Fußknöcheln ausgesetzt worden war, damit die wilden Tiere ihn fressen sollten. Die Tragödie kommt durch einen Akt der Barmherzigkeit in Gang: Ein Schäfer findet den Kleinen, nimmt ihn mit nach Hause und zieht ihn auf.

Nota bene: Die Römer waren kein unkultiviertes Volk. Auch die Griechen, alten Perser, Skythen und Babylonier waren keine Barbaren. Sie teilten nur die jüdische Überzeugung nicht, dass menschliches Leben heilig sei und dass es darum schon verboten sein soll, Neugeborene zu töten. Die jüdische Weigerung, Geburtenkontrolle durch Infantizid zu praktizieren, haben sie darum mit großem Staunen wahrgenommen. Diese Juden zogen ja sogar Krüppel auf, statt sie gleich nach der Geburt umzubringen! Dafür konnten heidnische Schriftsteller der Antike sich eigentlich nur einen rationalen Grund denken: Offenbar wollten die Juden mit allen Mitteln ganz viele werden. Jede andere Erklärung wäre ihnen absurd vorgekommen.

Ein wunderbarer Text. Ein herzliches Dankeschön an Hannes Stein (und die Berliner Morgenpost)!

Hier: www.morgenpost.de.

VD: AV

Fürsorgliche Diskriminierung

Berthold Rothschild, Psychiater aus Zürich, hat den Disput des Ethikrates um die Beschneidung treffend kommentiert:

Es stimmt, die rituelle Beschneidung ist im religiösen Sinne Symbol für eine Opferung – fremdbestimmt durch die Eltern und durch patriarchale Religionsgesetze. Religiöse Kulturen haben es in einer Welt der vergötzten Selbstbestimmung – die in Tat und Wahrheit aber nie und schon gar nicht weltweit verwirklicht ist – offensichtlich zunehmend schwer. Meine fehlende Vorhaut immerhin schützt mich irgendwie vor gar manchen Heuchlern, die stellvertretend vorgeben, angeblich mein Bestes zu wollen oder gewollt zu haben.

Mehr: www.nzz.ch.

VD: MM

Sterben und Tod im Judentum

Der DLF hat mit der jüdischen Theologin Sasja Martel vom Jüdischen Hospiz in Amsterdam über Sterben und Tod im heutigen Judentum gesprochen:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/02/21/dlf_20110221_0943_337829b4.mp3[/podcast]

Zweierlei Diaspora

31rmBvqnF8L._SL160_.jpgUnd wieder eine neue Perspektive:

Ein schmales Büchlein mit einer These, die unser Bild des antiken Judentums grundlegend verändert. Denn innerhalb der jüdischen Geschichtsschreibung hatte man bisher weithin angenommen, dass sich in der Antike das religiöse und kulturelle Leben im östlichen wie im westlichen Judentum unter dem Einfluss der Rabbinen des Landes Israel, der Tannaim (1. und 2. Jahrhundert nach Christus) und der Amoraim (etwa 220 bis 360/70), entwickelt habe.

Demgegenüber behaupten der Althistoriker Doron Mendels von der Hebräischen Universität in Jerusalem und der in Tel Aviv lehrende Rechtshistoriker Arye Edrei jetzt, die jüdische Diaspora, also die Welt der Juden, die außerhalb Palästinas lebten, sei in dieser Zeit zweigeteilt gewesen: Es habe zwei Sprachen, Griechisch (und in geringerem Maße auch Lateinisch) im Westen und Hebräisch/Aramäisch im Osten, gegeben und, damit eng verknüpft, auch zwei »Wissenskulturen«, ja »zweierlei Judentum«.

Ich gestehe, ich habe das Buch bisher nicht gelesen (und bin zurückhaltend). Allerdings vermute ich, dass sich die These, das europäische Judentum sei in der ausgehenden Antike eine bunte Ansammlung von Gruppen mit unterschiedlicher Homogenitäts- und Organisationsdichte gewesen, recht gut belegen lässt.

Hier die Rezension von Wolfram Kinzig: www.faz.net. Das Buch:

  • Doron Mendels und Arye Edrei: »Zweierlei Diaspora«: Zur Spaltung der antiken jüdischen Welt, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010. 159 S., 24,90 Euro

gibt es auch:

Israel stellt Qumran-Rollen ins Internet

Die Texte der Qumran-Rollen, der aufsehenerregendste Handschriftenfund im 20. Jahrhundert, werden von Israel demnächst digital zugänglich gemacht. Die israelische Altertumsbehörde schließe in dieser Woche ein Pilotprojekt ab, mit dem die digitale Erfassung der mehr als 15.000 Textfragmente vorbereitet wird, meldeten gestern mehrere Zeitschriften. Bis die ersten Schriftrollen online zur Verfügung stehen, werde allerdings noch ein bis zwei Jahre vergehen.

Mehr gibt es bei: www.3sat.de oder ausführlich in Englisch hier: www.nytimes.com.

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