Ken Wilson

Die neue Jakobusperspektive

Kenneth Wilson ist bekannt fĂŒr seine Polemik gegen Augustinus und seine kritische Sicht auf die Reformation, insbesondere auf Luther und Calvin. Mit der UnterstĂŒtzung von Roger Liebi hat er – was mich ĂŒberrascht – auch in Deutschland eine gewisse PopularitĂ€t erlangt. Mir scheint sogar, dass er hierzulande stĂ€rker wahrgenommen wird als in der viel grĂ¶ĂŸeren englischsprachigen Welt. NatĂŒrlich kann ich mich irren.

Vor vier Jahren hat Ken Wilson im Journal of Biblical Literature den Aufsatz „Reading James 2:18–20 with Anti-Donatist Eyes: Untangling Augustine’s Exegetical Legacy“ (Vol. 139, Nr. 2, 2020, S. 385–407) publiziert. Dort stellt er die These auf, dass auch die LektĂŒre des Jakobusbriefes durch den Einfluss Augustins verdorben sei. Er versucht, dies konkret an der Unterscheidung zwischen zwei Arten des Glaubens in Jak 2,19 zu demonstrieren. Es gibt demnach einen dĂ€monischen Glauben ohne Werke, der geistlich gesehen in sich tot ist. Daneben gibt es einen rettenden Glauben, der gute Werke hervorbringt. Wilson behauptet nun, Augustinus habe den Begriff des „dĂ€monischen Glaubens“ neu erfunden und damit einen dunklen Schatten ĂŒber die Auslegung von Jak 2,18–20 gelegt. Kenneth Wilson liest V. 19 so, dass die Aussage ĂŒber den Glauben der DĂ€monen nicht von Jakobus selbst stammt, sondern von seinen GesprĂ€chspartnern. Augustinus habe seine irrefĂŒhrende Auslegung von Jak 2,19 politisch instrumentalisiert, um die Donatisten als außerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft stehend zu verteufeln.

Jeffrey Dale hat inzwischen Wilsons Behauptung – nach meinem DafĂŒrhalten – exegetisch erfolgreich widerlegt. Seine Antwort erschien ebenfalls im Journal of Biblical Literature als „Demonic Faith and Demonic Wisdom in James: A Response to Kenneth M. Wilson“ (Vol. 141, Nr. 1, 2022, S. 177–95).

Sein Fazit:

Die Anmerkung, mit der Wilson seinen Artikel beendet, lĂ€sst vermuten, dass er mit einer gewissen Ablehnung gerechnet hat. Im letzten Absatz spricht er die Möglichkeit an, dass viele Gelehrte nicht bereit sein werden, seine Lesart von Jak 2 zu akzeptieren. Er fĂŒhrt diesen Unwillen darauf zurĂŒck, dass „die anachronistische Neuerung des Augustinus“ als „fast unantastbar heilig“ fortbesteht.

Es ist zwar theoretisch möglich, dass ich aufgrund meiner unbewussten AbhĂ€ngigkeit von Augustinus’ weitreichendem Einfluss nicht von Wilsons Vorschlag ĂŒberzeugt bin. Allerdings glaube ich nicht, dass dies der Fall ist. Wie ich argumentiert habe, gibt es im Jakobustext eine starke Grundlage dafĂŒr, Jak 2,19 als Teil der Antwort auf den GesprĂ€chspartner in Vers 18a zu lesen und als einen entscheidenden Teil der Argumentation von 2,14–26 zu betrachten. Der Begriff des dĂ€monischen Ï€ÎŻÏƒÏ„Îčς [dt. Glaubens] stammt von Jakobus, nicht vom GesprĂ€chspartner, und er leistet einen wichtigen Beitrag zu Jakobus’ Kernaussage in diesem Abschnitt: Wahrer Glaube ist nicht nur etwas, das behauptet oder behauptet werden kann, sondern etwas, das durch Werke erwiesen werden muss. Auch die DĂ€monen halten an dem Glauben fest, dass „Gott einer ist“, aber das ist nicht die Art von Ï€ÎŻÏƒÏ„Îčς, die zum Heil fĂŒhrt.

Diese Lesart von Jak 2 wird dadurch gestĂŒtzt, dass der Abschnitt ĂŒber zwei Arten von Weisheit (Jak 3,13–18) als interpretative Parallele verstanden wird, die Einblick in das jakobinische Denken bietet. Auf diese Weise bringt mein Vorschlag die Diskussion ĂŒber die Einheit des Jakobusbriefs voran und hebt einige bedeutende thematische Resonanzen hervor, die ihn miteinander verbinden. FĂŒr Jakobus sind Glaube und Weisheit unterschiedliche Konzepte, aber sie funktionieren in einem Ă€hnlichen Paradigma. Mangelhafte Formen der Weisheit und des Glaubens gehören zum dĂ€monischen Bereich, aber wahre Weisheit und wahrer Glaube sind Gaben, die von oben kommen und zu guten Werken fĂŒhren, d.h. zu Werken des MitgefĂŒhls, der Barmherzigkeit, des Segens und der Harmonie, die das ausmachen, was Jakobus „reinen und unbefleckten Gottesdienst“ nennt (Jak 1,27).

War Augustinus der erste Calvinist?

Der Theologe Ken Wilson behauptet in seinem Buch War Augustinus der erste Calvinist?, dass Calvinisten einen heidnischen Gott anbeten. Können die BegrĂŒndungen fĂŒr diese steile These ĂŒberzeugen? Mario Tafferner, Dozent fĂŒr Altes Testament am Tyndale Theological Seminary in den Niederlanden, hat das Buch gelesen und dabei ĂŒberraschendes zutage gefördert.

Hier ein Auszug: 

Die Frage ist nicht, welche frĂŒhchristlichen Theologen von den sie umgebenden Philosophien beeinflusst wurden und welche „sauber“ blieben. Die Frage ist viel mehr, welche frĂŒhchristlichen Theologen die Denkkategorien ihrer Zeit dem biblischen Befund entsprechend verwendet haben.

Aus dieser Perspektive wird auch Wilsons Karikatur des Augustinus als Stoiker oder ManichĂ€er fragwĂŒrdig. Wie Origenes ist Augustinus kein heidnischer Philosoph, sondern ein christlicher Theologe, der damit ringt, die biblische Lehre in den ihm zur VerfĂŒgung stehenden Denkkategorien zu fassen. So schreibt z.B. Mark Edwards, Wilson’s Doktorvater an der UniversitĂ€t Oxford, dass Augustinus zwar die stoische Willenslehre in seiner Definition des freien Willens aufnimmt, diese aber in einen den Stoikern vollkommen fremden christlichen Denkrahmen einbettet:

„Das Fehlen einer Lehre vom SĂŒndenfall bei den Stoikern muss jede Parallele, die zwischen dem stoischen und augustinischen VerstĂ€ndnis des Willens gezogen werden kann, qualifizieren 
 Die Stoiker haben kein Konzept eines ursprĂŒnglichen Fehlers, der die Macht der Vernunft, dass Gute zu erkennen, und die Macht des Willens, dass Gute zu tun, einschrĂ€nkt, selbst wenn das Gute erkannt wird. Sie hĂ€tten Augustins Lehre, dass wir ohne Gnade zwischen einer oder der anderen SĂŒnde wĂ€hlen mĂŒssen, da keine Handlung, die nicht in Liebe grĂŒndet, nichts anderes als sĂŒndig sein kann, weder erwogen noch verstanden.“

Mehr hier: www.evangelium21.net.

Der Geist des Erasmus

Warum schrieb Luther eigentlich diese scharfen Worte?

Darauf sind wir aus, daß wir untersuchen, was der freie Wille vermag …, wie er sich zur Gnade Gottes verhĂ€lt. Wenn wir das nicht wissen, wissen wir rein gar nichts von den Angelegenheiten der Christen und werden schlimmer sein als alle Heiden. … Denn wenn ich nicht weiß, was, wieweit und wieviel ich in bezug auf Gott kann und zu tun vermag, so wird es mir ebenso ungewiß und unbekannt sein, was, wieweit und wieviel Gott in bezug auf mich vermag, da Gott doch alles in allem wirkt. Wenn ich aber die Werke und die Wirkungsmacht Gottes nicht kenne, so kenne ich Gott selbst nicht. Kenne ich Gott nicht, so kann ich ihn auch nicht verehren, preisen, ihm Dank sagen und ihm dienen 


Nun, Luther schrieb betroffen und besorgt, da sein Freund Erasmus von Rotterdam und andere dem menschlichen Willen die Vollmacht zugeschrieben haben, sich Gott zu nĂ€hern oder sich von ihm abzuwenden. Es geht bei der Frage um den „unfreien Willen“ also fĂŒr Luther um nicht weniger als den „Kern der Sache“. Fragen ĂŒber das Papsttum, das Fegefeuer, den Ablass usw. sind im Vergleich dazu mehr oder weniger Lappalien. BerĂŒhrt wird nĂ€mlich hier die Frage der Glaubensgerechtigkeit.

Und was sagte Erasmus ĂŒber den Willen des Menschen?

Weiter verstehen wir an dieser Stelle unter dem freien Willen die Kraft des menschlichen Willens, mit der der Mensch sich zu dem hinwenden kann, was zum ewigen Heil fĂŒhrt, oder sich davon abwenden kann.

Wer sich die MĂŒhe macht, das Buch War Augustinus der erste Calvinist? durchzulesen (vgl. dazu hier), wird schnell erkennen, dass der Autor Ken Wilson im Geiste von Erasmus schreibt. Anders ausgedrĂŒckt: Das Buch richtet sich nicht gegen Calvinisten, sondern gegen alle AnhĂ€nger der Reformation. Wie sagte doch der große Lutheraner H.J. Iwand: „Wer diese Schrift [gemeint ist Luthers Werk Vom unfreien Willen] nicht aus der Hand legt mit der Erkenntnis, daß die evangelische Theologie mit dieser Lehre vom unfreien Willen steht und fĂ€llt, der hat sie umsonst gelesen.“

Das und sehr viel mehr kann man nachlesen in dem allgemeinverstĂ€ndlichen Buch Typisch evangelisch von Siegfried Kettling. Ich empfehle zum Thema insbesondere die LektĂŒre des dritten Kapitels. Zwar ist das Buch vergriffen, erfreulicherweise gibt es aber die Möglichkeit, es hier herunterzuladen: Typisch_Evangelisch_1992.pdf.

Hat Augustinus die abendlĂ€ndische „UrsĂŒnde“ erfunden?

Wilson AugustinusMit Interesse habe ich das Buch War Augustin der erste Calvinist? gelesen. Autor ist der Nordamerikaner Ken Wilson. Arzt von Beruf, begeistert er sich gleichermaßen fĂŒr theologische Fragen und studierte deshalb obendrein Theologie. Im Jahr 2012 wurde er von der Theologischen FakultĂ€t Oxford (England) mit der Untersuchung Augustines Conversion from Traditional Free Choice to „Non-free Free Will“, A Comprehensive Methodology promoviert. Inzwischen lehrt Wilson als Professor fĂŒr Kirchengeschichte und Systematische Theologie an der Grace School of Theology in The Woodlands (Texas, USA).

Die Grace School of Theology hat in ihrer theologischen ErklĂ€rung ausdrĂŒcklich den Passus aufgenommen, dass „der anfĂ€ngliche Glaube, der zur Rechtfertigung und Erneuerung fĂŒhrt“, „kein Geschenk Gottes“ ist. Der Mensch kann nach Wilson aus eigenem Vermögen glauben. In dieser theologischen Schule stehend, bemĂŒht er sich beharrlich darum, die Freiheit des Menschen zu schĂŒtzen. Seine besondere WertschĂ€tzung fĂŒr die griechischen KirchenvĂ€ter ĂŒberrascht daher nicht. Mehrfach wĂŒrdigt er Origenes (185–ca. 254 n. Chr.), der wie manch anderer klar erkannt habe, dass Glaube menschlich sei: „Der erste Glaube kommt vom Menschen, er ist nicht göttliche Gabe. ‚Die Apostel, nachdem sie einmal verstanden haben, dass der Glaube, der nur vom Menschen kommt, nicht vollendet werden kann, es sei denn, dass das, was von Gott kommt, hinzugefĂŒgt wird, sagen zu ihrem Erlöser: ‚Mehre unseren Glauben!‘ (Com. Rom. 4.5.3)“ (S. 54).

Das Buch bietet dementsprechend allen, die noch immer Glaube als Geschenk verstehen, eine Ausfahrt an: „Es gibt Alternativen. Alle anderen Hauptzweige der Christenheit – der römische Katholizismus, die östliche Orthodoxie und alle nicht-calvinistischen Protestanten [wirklich?] – halten sich an die Perspektive der Willensfreiheit, so wie sie in den ersten vierhundert Jahren der Christenheit einstimmig und einmĂŒtig vertreten wurde“ (S. 148). Deshalb der abschließende Appell: „Folgen Sie bitte nicht einem heidnischen Gott, der Sie erst hypnotisiert und dann Ihren Geist manipuliert, sondern schließen Sie sich stattdessen dem liebenden Gott der Christen an, der Sie einlĂ€dt, eine freie Wahl zu treffen“ (S. 150).

Falls jemand mit Epheser 2,8–9 dagegenhĂ€lt, wo Paulus davon spricht, dass die Errettung durch Glauben eine Gabe Gottes ist, steht er nach Wilson unter dem Einfluss des gnostischen ManichĂ€ismus. Der manichĂ€ische Priester Fortunatus habe diesen Text in dem Sinn verstanden, dass der Glaube ein göttliches Geschenk sei. Das aber könne so nicht sein, da ja dann die Antwort des Menschen auf den göttlichen Ruf etwas wĂ€re, was Gott selbst schenkt. Die Errettung, nicht der Glaube, ist fĂŒr Wilson Gottes Geschenk. „Sie geschah aus der Gnade Gottes durch den Glauben der Menschen (vgl. Eph 2,8)“ (S. 62).

Wie aber fand der Gnostizismus Eingang in die abendlĂ€ndische Theologie? FĂŒr Wilson liegt es auf der Hand. Der Kirchenvater Aurelius Augustinus (354–430 n. Chr.) habe die christliche Theologie mit heidnischen Glaubensvorstellungen korrumpiert und auf diese Weise der gesamten westliche Theologie eine verhĂ€ngnisvolle Ausrichtung gegeben. Die reformatorische Theologie, die bekanntlich in weiten Teilen Augustinus fĂŒr sich in Anspruch nimmt, sei diesem groben MissverstĂ€ndnis besonders drakonisch auf den Leim gegangen.

Die Fragen, die Ken Wilson diskutiert, sind keine einfachen. Ich habe viel VerstĂ€ndnis dafĂŒr, dass sie gestellt werden. Vielleicht kann ich in den nĂ€chsten Monaten eine ausfĂŒhrliche Besprechung des Buches ausfertigen und der Grundthese, dass nĂ€mlich der „augustinische Calvinismus“ ein Synkretismus aus Stoizismus, Neuplatonismus und ManichĂ€ismus sei, genauer nachgehen. DafĂŒr ist allerdings viel zu lesen und es braucht Zeit. 

Eine Behauptung Wilsons möchte ich freilich schon jetzt hinterfragen. Er behauptet wiederholt, dass sich die KirchenvĂ€ter bei den Themen rund um ErbsĂŒnde, Vorsehung und Vorherbestimmung sowie Willensfreiheit weitgehend einig waren. Erst mit Augustinus (354–430 n. Chr.) seien heidnischen Ideen von ErbsĂŒnde, Determinismus und dem unfreien Willen in die christliche Theologie eingedrungen. Das klingt dann etwa so (S. 62):

In einer scheinbar seltenen theologischen Einstimmigkeit, ĂŒber Hunderte von Jahren hinweg und durch den gesamten Mittelmeerraum hindurch, herrschte eine christliche regula fidei der Willensfreiheit. Origenes plĂ€dierte dafĂŒr, diese nicht als eine Regel des Glaubens zu betrachten, sondern als die Regel des Glaubens schlechthin.

Ich wĂ€hle noch ein weiteres Zitat (S. 138–139): 

Augustins einzigartige und völlig ĂŒberzogene Reaktion auf den Pelagianismus setzte erst im Jahre 412 n. Chr. ein und ließ ihn in ein Fahrtwasser geraten, das dem Christentum bis dahin unbekannt gewesen war. Er fĂŒgte die verdammenswerte Schuld zur ErbsĂŒnde hinzu und verlangte, dass eine radikale manichĂ€ische Gnade die tote Seele mittels göttlich eingeflĂ¶ĂŸtem Glauben zum Leben erwecken mĂŒsse. Nicht ein einziger Autor vor Augustin hatte gelehrt, dass die Menschen bereits in einem verdammten Zustand geboren wurden und es deshalb nötig war, dass Gott zuerst die gefallene Natur einer Person verĂ€ndern und mittels Glauben und Gnade erneuern mĂŒsse, bevor dieses Individuum in der Lage war, auf Gott zu reagieren. Alle vorherigen Autoren hatten gelehrt, dass Gott allen hilflosen Menschen in der Person Christi bereits ausreichend Gnade zur VerfĂŒgung gestellt hatte. Die Menschen mussten nur Gottes Geschenk der Errettung in Christus annehmen, und dies konnten sie mit Hilfe ihres eigenen ihnen verbliebenen Anteils an gottgegebener Gottesebenbildlichkeit, der Willensfreiheit.

Obwohl ich infrage stelle, dass die Einigkeit unter den KirchenvĂ€tern in diesen Dingen so ĂŒberwĂ€ltigend war, wie Wilson das vorgibt (siehe dazu weiter unten), bin ich von der Einsicht, dass die Alte Kirche darum bemĂŒht war, die natĂŒrliche Freiheit des Menschen zu verteidigen, nicht sonderlich ĂŒberrascht. Die Alte Kirche hatte anderes im Blick als der spĂ€te Augustinus in seinem Konflikt mit Pelagius (ca. 350–418 n. Chr.). Otto Hermann Pesch, ein großer Kenner der Gnadentheologie, schreibt in der Theologischen RealenzyklopĂ€die: 

Die Schriften der griechischen KirchenvĂ€ter sind zur Frage der Willensfreiheit nicht ergiebig, was neue Gesichtspunkte angeht. Der einfache Grund: Die Theologen verarbeiten das paulinische Erbe nicht, weil sie andere Probleme haben und in anderen Auseinandersetzungen stehen. 
 Wenn dennoch die Willensfreiheit einmal thematisiert, gar als wichtiges Problem wahrgenommen wird (s. o. I.1.1.), so sind die Gegner nicht eine Lehre von der Vorherbestimmung auf der Linie des Paulus, sondern gnostische und manichĂ€ische Lehren, die das Böse nicht auf die Wahlentscheidungen des Menschen, sondern auf ein widergöttliches böses Prinzip zurĂŒckfĂŒhren.

Lassen wir noch einen großen reformierten Theologen zu Wort kommen. Bei Herman Bavinck ist nachzulesen: 

In der frĂŒhen Kirche, zu einer Zeit, als sie mit heidnischem Fatalismus und gnostischem Naturalismus zu kĂ€mpfen hatte, konzentrierten sich ihre Vertreter ausschließlich auf die moralische Natur, Freiheit und Verantwortung des Menschen und konnten daher der Lehre der Schrift ĂŒber den Ratschluss Gottes nicht gerecht werden. Obwohl die Menschen mehr oder weniger durch die SĂŒnde korrumpiert worden waren, blieben sie frei und konnten die angebotene Gnade Gottes annehmen. Die Lehre der Kirche enthielt keine Lehre von umfassender PrĂ€destination und unwiderstehlicher Gnade. Der Ratschluss Gottes bestand in Vorauswissen und der Festlegung von Belohnung oder Strafe, die von diesem Vorauswissen abhing. Gott ĂŒberlĂ€sst diejenigen, von denen er im Voraus weiß, dass sie nicht glauben werden, ihrem Unglauben und wĂ€hlt diejenigen aus, deren Verdienste er vorhergesehen hat. Im Wesentlichen ist dies die Position der orthodoxen Kirche geblieben. Die Menschheit ist durch die SĂŒnde geschwĂ€cht und sterblich geworden. Dennoch kann der Mensch immer noch das natĂŒrlich Gute wĂ€hlen und die im Evangelium angebotene Gnade annehmen oder ablehnen (vorauslaufende Gnade). Wenn Menschen sie annehmen, werden sie von dieser Gnade unterstĂŒtzt (kooperative Gnade) und mĂŒssen bis zum Ende durchhalten, denn sie können immer noch abfallen. Diejenigen, die diese Gnade annehmen und ausharren, sind fĂŒr die Erlösung vorhergesehen und vorherbestimmt. Die anderen – auch wenn Gott durch einen vorausgegangenen Willen die Errettung aller will – sind in ihrem gefallenen Zustand belassen und zum Verderben vorherbestimmt.

Einer der letzten bedeutenden reformierten Theologen, der in Deutschland gewirkt hat, sah sehr klar, dass die patristischen Quellen trĂŒbe sind. Er behauptet im Grunde das Gegenteil von dem, wofĂŒr Ken Wilson steht. Nicht Augustinus habe die paganen EinflĂŒsse in die Theologie hineingetragen. Umgekehrt habe er (unvollkommen) dazu beigetragen, die Theologie von den schon vorliegenden paganen Beeinflussungen zu befreien. Adolph Zahn (1834–1900) schrieb: 

Im großen und ganzen ist die Theologie der KirchenvĂ€ter ein mit christlichen Fetzen geschmĂŒcktes Heidentum, aus dem sich durch Gottes Providenz dennoch die vielen großen Wahrheiten Augustins von PrĂ€destination, SĂŒnde und Gnade und die logisch wahren Bestimmungen ĂŒber die beiden Naturen in Christus herausgerettet haben: brauchbare GrundsĂ€ulen fĂŒr die Zukunft.

Noch etwas: Augustinus ist schon zu seinen Lebzeiten mit den VorwĂŒrfen konfrontiert worden, die Ken Wilson vortrĂ€gt. Dem afrikanischen Bischof wurde vorgehalten, dass seine Sichtweise den Lehren der VĂ€ter widerspreche. Augustinus reagierte gescheit darauf. Er zeigte nĂ€mlich zunĂ€chst, dass sich die VĂ€ter hinten anzustellen haben, da es vor allem auf das ankommt, was in der Heiligen Schrift steht. Gleichwohl hat er sich dann die MĂŒhe gemacht, akribisch VĂ€terzitate zusammenzustellen, die die seiner Meinung nach biblische Auffassung stĂŒtzen. Sicher, er hat sich dabei durchaus hin und wieder vertan. Er war eben ein Mensch. Wie sorgfĂ€ltig er jedoch aufs Ganze gesehen gearbeitet hat, wird m. E. aus dem folgenden Zitat des Kirchenhistorikers Michael Fiedrowicz ersichtlich:

Hatte Augustinus bislang also primĂ€r die VĂ€terzeugnisse seiner Gegner zu widerlegen versucht, ohne das patristische Argument selber voll zu entfalten, so fand dieses nun auch bei ihm reiche Anwendung in der Kontroverse mit Julian von Eclanum, der nicht nur Vernunftargumente und Schriftbeweise, sondern insbesondere die griechische VĂ€tertradition gegen Augustinus (c. Jul. 1,29) ins Feld zu fĂŒhren suchte. PrĂ€gnant fasste Augustinus (c. ep. Pel. 4,20) die Intention seines eigenen VĂ€terbeweises zusammen: „Es sollen solche, die an den Wert der Worte dieser MĂ€nner glauben, darauf hingewiesen werden, wie in diesen Dingen schon vor jenem leeren Gerede katholische Bischöfe den göttlichen Worten folgten. Sie sollen wissen, dass von uns der rechte und von alters her grundgelegte katholische Glaube gegen die neue verhĂ€ngnisvolle Anmaßung der hĂ€retischen Pelagianer verteidigt wird.“ Hatte Julian von Eclanum Augustinus der Erfindung der ErbsĂŒnde bezichtigt, so hielt ihm der Bischof von Hippo (c. Jul. 1,5–35; c. Jul. imp. 1,52) die AutoritĂ€t acht abendlĂ€ndischer VĂ€ter (IrenĂ€us, Cyprian, Reticius, Olympius, Hilarius, Ambrosius, Innozenz I., Hieronymus) und mehrerer Vertreter der griechischen Kirche (Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus) entgegen. Selbstbewusst konnte Augustinus (c. Jul. 1,30; 2,37) darauf verweisen, dass seine Ansichten nicht, wie Julian es hinzustellen versuchte, auf einem „Komplott verrufener MĂ€nner“ und einer unbewĂ€ltigten manichĂ€ischen Vergangenheit beruhten, sondern in völligem Einklang mit den Überzeugungen jener waren, „die in der katholischen Kirche durch ihre BemĂŒhungen um die gesunde Lehre hervorleuchteten“ und die universale Kirche sowohl chronologisch wie geographisch zu reprĂ€sentieren vermochten. Im einhelligen Zeugnis der VĂ€ter artikulierte sich also der Glaube der Kirche selbst (c. Jul. 1,34). Augustinus bemĂŒhte sich, die von ihm zitierten Autoren durch jeweilige Angabe ihres Bischofssitzes als authentische Glaubenslehrer zu erweisen, insofern sie als AmtstrĂ€ger zeitlebens in Gemeinschaft mit der Kirche standen und diese reprĂ€sentierten. Dass diese VĂ€ter vor dem Aufkommen der aktuellen Kontroverse lebten, qualifizierte sie in besonderer Weise, da „sie ĂŒber die Sache zu einem Zeitpunkt entschieden, wo niemand behaupten kann, sie hĂ€tten die eine Partei benachteiligt, die andere begĂŒnstigt“ (c. Jul. 2,34). Augustins VĂ€terbeweis ist nicht nur durch ein klares Methodenbewusstsein gekennzeichnet, das verifizierbare, objektiv-korrekte und eindeutige Belege verlangte. DarĂŒber hinaus ist auch das VerhĂ€ltnis zwischen SchriftautoritĂ€t und VĂ€terargument von ihm bedacht worden. Als Ausleger der Bibel (divinarum scripturarum tractatores: Aug., pecc. mer. 3,12) werden die Theologen dieser untergeordnet. Allein ihr kommt die canonica auctoritas (pecc. mer. 3,14) mit dem Anspruch der Irrtumslosigkeit zu.

Schließlich soll ein konkretes Beispiel belegen, dass Wilson in dem patristischen Befund eine Übereinkunft sieht, die es so nicht gegeben hat. Es ist nur ein kleines Beispiel und es greift sein Hauptargument allein nicht an. Aber es zeigt, dass auch er nur ein Mensch ist. 

Wilson schreibt: „Kein anderer Autor vor ihm hatte gelehrt, dass SĂ€uglinge aufgrund von Adams erster SĂŒnde schuldig und verdammt waren und die Wassertaufe zur Errettung benötigten“ (S. 86). Das Thema „notwendige Taufe“ klammern wir hier mal aus. Ich selbst bin ein Kritiker der augustinischen Tauftheologie. Aber stimmt es, dass die christliche Theologie bis zu Augustinus keine strenge Lehre von der UrsĂŒnde kannte, nach der die Menschen unter dem Fall verloren waren? Ich denke, so einfach ist das nicht und kann mit mindestens einem Zitat belegen, dass der patristische Befund mehrdeutiger ist als Wilson das suggeriert. Melito von Sardes (gest. Um 180 n. Chr.) schrieb in seiner heilsgeschichtlichen Osterpredigt Vom Passa:

Dieser aber [gemeint ist Adam], nachdem er sehr zahlreich und alt geworden war, dadurch, daß er vom Baume gekostet und sich ausgebreitet hatte auf Erden – von ihm wurde ein Erbe hinterlassen seinen Kindern; er hinterließ nĂ€mlich seinen Kindern nicht ZĂŒchtigkeit, sondern Unzucht; nicht UnvergĂ€nglichkeit, sondern VergĂ€ngnis; nicht Ehre, sondern Unehre; nicht Freiheit, sondern Knechtschaft; nicht Königsherrschaft, sondern Tyrannei; nicht Leben, sondern Tod; nicht Heil, sondern Verderben. Unerhört und schrecklich wurde auf Erden das Verderben der Menschen. Dieses nĂ€mlich fiel ihnen zu: Von der tyrannischen SĂŒnde wurden sie unterjocht und wurden in die Wogen der Begierden gefĂŒhrt, in die sie von den unersĂ€ttlichen LĂŒsten hineingetaucht wurden durch Ehebruch, durch Hurerei, durch Schwelgerei, durch Geiz, durch Morden, durch Blutschuld, durch Tyrannei der Schlechtigkeit, durch Tyrannei der Gesetzlosigkeit; der Vater zog gegen den Sohn den Dolch und der Sohn legte Hand an den Vater; und der Frevler schlug die nĂ€hrenden BrĂŒste, und Bruder tötete den Bruder, und Gast tat dem Gaste Unrecht und Freund mordete den Freund und Mensch schlachtete den Menschen mit tyrannischer Rechten hin; alle waren sie entweder Menschenmörder oder Brudermörder auf Erden geworden. Aber noch schlimmere und schrecklichere Dinge wurden erfunden: Ein Vater legte Hand an sein eigenes, von ihm gezeugtes Fleisch; eine Mutter legte Hand an jene, die sie mit ihren BrĂŒsten genĂ€hrt; sie vergrub die Frucht ihres Schoßes im Schoße und die unglĂŒckliche Mutter wurde ein schreckliches Grab, da sie das Kind verschlang, das sie getragen hatte.

Diese Schilderung des Lebens unter dem Fall erinnert doch stark an das, was der Apostel Paulus ĂŒber die Herrschaft der SĂŒnde geschrieben hat. Nicht die TatsĂŒnden machen uns zu SĂŒndern, sie sind Ausdruck der ĂŒber den Menschen herrschenden tyrannischen SĂŒnde. Nachfolger Adams sind keine unschuldigen Menschen mit dem Potential zur SĂŒnde. Nein, sie haben den Zustand der Verdorbenheit geerbt.

Nun weiß ich, dass Ken Wilson in seinem großen Buch Melitos Sichtweise kurz erörtert und sich dort der Deutung von Stuart G. Hall anschließt, der Melito so versteht:

Einmal im GefĂ€ngnis, ist der Mensch der Tyrannei der SĂŒnde und seinem Kollegen, dem Tod, ausgesetzt, beides höchst personifizierte Figuren. Auf diese Weise hinterlĂ€sst Adam seinen Nachkommen ein unangenehmes Erbe, aber obwohl Paulus die Verbindung des Todes mit der SĂŒnde verfolgt, gibt es keinen Hinweis darauf, dass die SĂŒndhaftigkeit selbst den Nachkommen Adams weitergegeben wird, wie in der spĂ€teren augustinischen Lehre.

Handfeste BegrĂŒndungen fĂŒr diese Interpretation fehlen. Dass es hingegen gute Indizien dafĂŒr gibt, Melito anders zu verstehen, ist beispielsweise bei dem katholischen Dogmatiker Leo Scheffczyk nachzulesen:

Melito sieht die Wirkung des Todes Christi in der Befreiung der Menschheit von dem durch Adam verursachten Verderben, der „hinausgeworfen wurde in diese Welt wie ein Verurteilter ins GefĂ€ngnis“ (§ 48). Im Lichte der Erlösungstat Christi beurteilt er nun auch den vorhergehenden Zustand der Menschheit und schildert ihn sehr drastisch und in dunklen Farben. Bemerkenswert ist an der Formulierung, daß hier erstmals die Folgen der Adamstat als Erbe (ÎșÎ»Î·ÏÎżÎœÎżÎŒÎčα) bezeichnet werden, [
]. Hiernach ist Adam offensichtlich der Stammvater aller Menschen, dessen Tat eine universale Unheilswirkung verursachte. Daß die Tat eines einzelnen am Anfang der Geschichte solches vermochte, wird genau so wenig als problematisch empfunden wie auf der Gegenseite die universale Effizienz der Heilstat Christi.

Ganz zum Schluss: Wer nicht durch Gott von der Herrschaft der SĂŒnde befreit und in den Dienst gestellt wird, mag in der Lage sein, zivil zu leben. Gott lieben und zu seiner Ehre leben kann nur, wer erkannt hat, dass in seiner eigenen Natur nichts Gutes wohnt, noch nicht einmal das Vermögen, zu glauben. Wer nicht von Gott berufen wird, kann die Freude, die der Heiligen Geist jenen schenkt, die sich von ihm regieren lassen, nicht finden. Gott hat uns die Gnade erwiesen, dass wir an Christus glauben (vgl. Phil 1,29). Jesus ist der AnfĂ€nger und Vollender des Glaubens (vgl. Hebr 12,2). Der kostbare Glaube wird – wie ein Geschenk – empfangen (vgl. 2Petr 1,1). Apostelgeschichte 3,16 spricht sogar davon, dass der Glaube an Christus ein Glaube ist, der durch Christus selbst gewirkt wird (ÎŽÎŻÎŽÏ‰ÎŒÎč = gegeben, gewĂ€hrt).

FĂŒhrt der Glaube, dass der Glaube ein göttliches Geschenk ist, in den Fatalismus oder in die PassivitĂ€t? Der Kompatibilismus, die Annahme also, dass Gott souverĂ€n regiert und der Mensch zugleich fĂŒr sein Handeln verantwortlich ist, hat diesen Verdacht vehement zurĂŒckgewiesen. Ich behaupte nicht, dass dies einfach zu verstehen ist. Der kĂŒrzlich verstorbene Althistoriker Albrecht Dihle hat es nĂŒchtern einmal so gesagt: „Im ganzen Alten Testament ist der Glaube an die Macht Jahwes, der alles Geschehen bestimmt und lenkt, ebenso lebendig wie die Überzeugung, daß der Mensch in seinem Tun und fĂŒr sein Tun darum verantwortlich sei.“

So viel dazu von mir in aller KĂŒrze und unsortiert. Vielleicht melde ich mich ja noch einmal sortiert zu Wort. 

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Als PDF-Datei gibt es diesen Text auch mit Fußnoten: Wilson_Augustinus.pdf.

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