Moltmanns Umdeutung der Kreuzestheologie

Ich kann der sorgfältigen und fairen Analyse von Michael Korthaus (Kreuzestheologie, 2007, S. 294) nur zustimmen:

In Moltmanns Theologie vom gekreuzigten Gott und ihrer Fortschreibung im passionstheologischen Teil in „Der Weg Jesu Christi„ ist die Theologie des Kreuzes in einer Theologie der politisch instrumentalisierten Eschatologie untergegangen: das Kreuz Christi stellt auch dort nicht die Mitte des Moltmannschen Denkens dar, wo dieses den ausdrücklichen Titel Kreuzestheologie führt. Stattdessen steht hier stets eine auf Gott projizierte Vorstellung von Gerechtigkeit und Menschenwohl im Hintergrund, die dann als Auftrag Gottes an den Menschen deklariert im politisch-gesellschaftlichen Handeln vom Menschen verwirklicht werden soll.

Noch deutlicher und m.E. zutreffend fällt das Urteil Ulrich Körtners aus. In seinem bemerkenswerten Aufsatz „Das Wort vom Kreuz“ (P.-G- Klumpiges u. D.S. Du Toit, Paulus – Werk und Wirkung, 2013, S. 625–646, hier S. 641–642) schreibt er:

Während er in seiner Monographie „Der gekreuzigte Gott“ mit Emphase forderte, alle Theologie habe Kreuzestheologie zu sein und den Tod Christi am Kreuz als Kreuzestod Gottes zu begreifen, ist die Theologie des Kreuzes in Moltmanns späterer Christologie, wie er sie in seinem Buch „Der Weg Jesu Christi“ entfaltet hat, völlig in den Hintergrund getreten, um nicht zu sagen aufgegeben worden. Moltmann selbst erklärt den Sinneswandel damit, dass die Leiden Christi nicht auf Jesus von Nazareth beschränkt seien, sondern eine universale Dimension hätten, „weil sie im apokalyptischen Horizont der für alle befristeten Zeit stehen. Die apokalyptischen Leiden ‚dieser Zeit‘ aber sind in den ,Leiden Christi‘ auf Golgatha zusammengefaßt. […] Ich wähle damit einen neuen Ansatzpunkt gegenüber der Kreuzestheologie, die ich 1972 in ,Der gekreuzigte Gott‘ entwickelt hatte. […] Ich habe von dem dort Gesagten nichts zurückzunehmen, sondern setze es für diese apokalyptische Theologie der Leiden Christi voraus.“ Bereits in seinem Buch „Trinität und Reich Gottes“ (1980) ist Moltmann nach eigenem Bekunden über „Kreuz und Auferstehung“ „hinausgegangen“ und hat einerseits „die Sendung des Sohnes“, andererseits „die Zukunft des Sohnes“ in eine „trinitarische Christologie integriert“. Nunmehr sind die Leiden Christi „Teil der Leidensgeschichte Israels und der Propheten Gottes“. In Wahrheit hat Moltmann damit jedoch seine Theologie des Kreuzes und schon gar nicht diejenige des Paulus vertieft und fortgeführt, sondern sich von ihr verabschiedet. Auch seine Vorschläge zur inhaltlichen Erweiterung des Nicäno-Konstantinopolitanums und des Apostolikums verlieren kein Wort zur theologischen Deutung des Kreuzes.

Wohl deutet Moltmann den Kreuzestod Jesu als Tod eines Sklaven und Armen. Er erinnert an die Massenkreuzigungen nach Niederschlagung des Spartakusaufstandes und verweist auf Phil 2, wo von Christus gesagt wird, er habe die Gestalt eines Sklaven angenommen. Dann aber verallgemeinert Moltmann sogleich: Jesus teilt das Schicksal seines jüdischen Volkes. „Jesus ist auch der Lazarus-Christus, und Lazarus ist eine Christusgestalt (Lk 16). Jesus wurde einer von diesen Ärmsten der Armen: ein gefolterter, geschändeter und gekreuzigter Sklave. Die ‚Leiden Christi‘ sind in dieser Hinsicht auch die Leiden der machtlosen, rechtlosen, heimatlosen Massen der Armen in dieser Welt, und ihre Leiden sind in dieser Hinsicht auch die ‚Leiden Christi‘.“