Pädagogik

Lost Generation: Was ist mit den Jungs los?

In gewohnter Qualität spürt Harald Martenstein einem verbreiteten Phänomen nach: Die Jungs sind auffallend antriebsarm:

Eine lost generation. Ich sagte, dass mein Sohn sich eine neue Badehose kaufen möchte. Das Projekt, sich eine Badehose zu kaufen, verfolgt er seit nunmehr acht Wochen. Er hat keine Zeit. Nein, er hat keine Energie. Es ist, als ob jemand den Stecker herausgezogen hätte aus dieser Generation von Jungs. Das wird sich alles auswachsen, sagte ich, das kann ja nicht ewig so weitergehen. Eines Tages wird er sich eine Badehose kaufen. Er wird morgens um neun vor mir stehen, frisch geduscht, und er wird sagen, dass er jetzt zu Karstadt geht und sich die Badehose kauft. Jeden Morgen warte ich darauf. Dann gehe ich ins Büro, er schläft noch, und wenn ich vom Büro heimkomme, ist er gerade aufgestanden, die Cornflakes-Schüssel steht herum, und er macht sich fertig fürs Joggen. Eine Jogginghose hat er ja. Der Kollege sagte: „Es ist überall das Gleiche. Das tröstet dann doch irgendwie.“

Wir haben durchgecheckt, woran es liegen könnte. Ich glaube nicht, dass es an der Erfindung des Computers liegt. Die Mädchen besitzen ebenfalls Computer. Ich glaube auch nicht, dass der Feminismus schuld ist. Gewiss, diese Generation von Jungs wird sich vermutlich extrem schwer damit tun, Spitzenpositionen zu erobern, solche Jobs werden in den nächsten Jahrtausenden hauptsächlich mit Frauen besetzt sein. Aber das kümmert die Jungs nicht, nein, es ist ihnen sogar recht. Unsere Jungs sind begeisterte Feministen. Wenn jemand unseren Jungs die Position eines Bundeskanzlers oder Bankchefs anbieten würde, dann würden unsere Jungs langsam aufstehen, ihre Chipstüte nehmen und in ihr Zimmer schlurfen, um dort in Ruhe Musik zu hören. Waren unsere Erziehungsmethoden zu lasch? Waren wir schlechte Vorbilder? Ist die Schule schuld, zu viel Gruppenarbeit, zu wenig Leistungsdenken, alle Lehrer immer krank?

Die Analyse ist gut. Wer kennt die Gründe?

Mehr: www.zeit.de.

Digitale Demenz

Der Hirnforscher Manfred Spitzer provoziert. Seine These: Computer schaden der menschlichen Entwicklung. Spitzer spricht von „digitaler Demenz“ – ein zuerst in Korea beobachtetes Phänomen. DIE WELT schreibt:

Südkoreanische Mediziner haben dieses Phänomen zuerst beschrieben und digitale Demenz getauft – was Spitzers Buch den Titel gab. Surfen macht demnach dumm. All jene Menschen, die sich im Netz zu Hause fühlen, muss eine solche Diagnose empören. In der Tat ließ der Sturm der Entrüstung nicht lange auf sich warten.

Zu Unrecht, denn Spitzer hat eine Fülle von wissenschaftlichen Hinweisen zusammengetragen, um seine These von der digitalen Demenz zu untermauern: Studien und Datenmaterial, die nachdenklich stimmen sollten. So nutzen Jugendliche heute oft mehrere Medien gleichzeitig. Beim Computerspielen telefonieren sie, beim Telefonieren schreiben sie nebenbei eine Email. 8,5 Stunden Mediennutzung am Tag packen sie so in 6,5 Zeitstunden.

Dieses Multitasking geht auf Kosten der Konzentration. Das zeigen Versuche amerikanischer Wissenschaftler. Die Probanden waren insgesamt abgelenkter. Ein solches Ergebnis lässt für Spitzer nur einen Schluss zu: „Multitasking ist nichts, wozu man die nächste Generation ermuntern sollte.“

Alles, was der Mensch tut, hinterlässt Spuren im Gehirn. Im besten Fall werden in den ersten Lebensjahren, ja sogar schon in den ersten Monaten, Gedächtnisverbindungen angelegt und verdrahtet, die das Grundgerüst für alles Lernen bilden.

Ganz anders sieht as Harald Staun, der für die FAZ das Buch „spitz“ besprochen hat. Er hinterfragt grundsätzlich, dass Hirnforscher Menschen bei Denken zusehen können.

Dass Krawallwissenschaftler wie Spitzer solche Einwände als Spitzfindigkeiten zurückweisen, gehört gewissermaßen zu ihrem Geschäftmodell. Dabei kommen die zentralen Einwände gegen den Wahn, alles erklären zu können, von Hirnforschern selbst. Der Züricher Neuropsychologe Lutz Jähnke etwa hält den Erklärungsdrang vieler seiner Kollegen für eine „problematische Grenzüberschreitung“. Und wer an wissenschaftliche Beweise glaubt, sollte sich einmal die Studie durchlesen, in der ein Team von Psychologen aus Yale vor ein paar Jahren ermittelte, dass selbst absolut unlogische Aussagen Glaubwürdigkeit genießen, wenn dabeisteht, dass Ergebnisse aus dem Hirnscanner ihre Richtigkeit unterstreichen.

So ähnlich funktioniert auch der Bluff in Spitzers Buch. Die Pose des Hirnforschers reicht aus, um seinen Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen. Die von ihm herangezogenen Studien belegen alles mögliche – dass man durchs Tippen auf der Tastatur nicht Schreiben lernt etwa oder dass Zuschauer nach dem Besuch des Horrorfilms „The Ruins“ eine vermeintlich hilflose Frau vor dem Kino ignorieren – nur nicht seine These. Die Mühe, Gegenargumente zu entkräften, spart er sich systematisch. Der Refrain von der Seriosität dieser Studien ersetzt jede präzise Erörterung, mit Hirnforschung haben die meisten sowieso nichts zu tun.

Nur: Braucht Spitzer für all seine Thesen einen Hirnscanner?

Das Buch:

  • Manfred Spitzer: Digitale Demenz, München: Droemer, 367 S., 19,99 €.

gibt es hier:

 

Inklusion mit Augenmaß

Manchem gilt Inklusive als Zauberwort, das eine neue pädagogische Epoche einläuten soll. Erzwungene Gemeinsamkeit aller hilft aber weder den behinderten noch den nichtbehinderten Kindern. Heike Schmoll wirbt dafür, Freiräume für individuelle Entscheidungen zu erhalten – für die Eltern und vor allem ihre behinderten Kinder.

Nicht nur in Hamburg ist die gemeinsame Beschulung von behinderten und nichtbehinderten Kindern an die Stelle der Utopie von der Einheitsschule getreten. Inklusion scheint für viele das Zauberwort zu sein, das eine neue pädagogische Epoche einläuten soll. Völlig unklar ist indessen, wie der gemeinsame Unterricht in Schulen eigentlich verwirklicht werden soll. Weder sind die meisten Gebäude barrierefrei, noch verfügen die Schulen über Lehrer, die für die neue Aufgabe auch nur annähernd ausgebildet wären. Wer die Inklusion als quasi-totalitären Anspruch an Schulen zu kritisieren wagt, setzt sich dem Verdacht aus, der Selektion anzuhängen und sich den Forderungen der UN-Behindertenrechtskonvention zu widersetzen.

Doch davon kann keine Rede sein. In der UN-Konvention, der mehr als 150 Staaten einschließlich der Bundesrepublik zugestimmt haben, geht es ganz elementar darum, Menschen mit Behinderungen Zugang zum staatlichen Bildungssystem zu geben. Den haben sie in Deutschland längst, und zwar je nach Grad der Behinderung an allgemeinbildenden Schulen oder Förderschulen, die in der Konvention ausdrücklich nicht als Form von Diskriminierung gebrandmarkt werden, sondern als behindertengerechte Förderung. Würde dies erst einmal zur Kenntnis genommen, könnte die emotionalisierte Debatte über die Inklusion erheblich sachlicher geführt werden.

Hier der ausgezeichnete Kommentar: www.faz.net.

Unsere neuen Kinder

Michael Winterhoff gehört zu den gern konsultierten Erziehungsratgebern der Republik (Warum unsere Kinder Tyrannen werden). In einem Interview mit der WELT malt er ein düsteres Zukunftsszenario.

Das sind die Kinder, die jetzt auf uns zukommen, die nur lustorientiert sind, sie haben keine Frustrationstoleranz, keine Gewissensinstanz, keine Arbeitshaltung, keine soziale Kompetenz. Sie sind im Freizeitpark „Phantasialand“ hochleistungsfähig, weil es um Lust geht, und in der Schule eben überhaupt nicht. Sie können sich auch auf nichts freuen, sie leben nur im Moment, suchen unmittelbare Bedürfnisbefriedigung – sie haben das Weltbild, dass sie allein auf der Welt sind und alles steuern und bestimmen können. Wenn ich vor Lehrern spreche, geben sie mir die Prozentsätze solcher Kinder an, im Grundschulbereich sind das schon siebzig Prozent.

Mehr: www.welt.de.

„Sei, was du willst“

Egalia ist die umstrittenste Vorschule Schwedens. Ihr Ziel: die geschlechtsneutrale Erziehung. DIE ZEIT stellt die Einrichtung vor:

Die Erzieherinnen und Erzieher sagen statt »Jungen« und »Mädchen« »Freunde«. Die Pronomen »er« und »sie« gibt es nicht, stattdessen wird der in Schweden mögliche geschlechtsneutrale Kunstbegriff hen benutzt, ein Kompromiss aus han (er) und hon (sie). Erst vor Kurzem wurde er in die Onlineversion der Nationalenzyklopädie aufgenommen. Auch einige Zeitschriften und Bücher arbeiten bereits mit ihm.

Egalia steht mit seinem Konzept nicht mehr allein da. Eine schwedische Grundschule verzichtet neuerdings auf Spielzeugautos, da Jungen ihnen eine größere Bedeutung beim Spielen beimessen, als es den Erziehern lieb ist. An einer anderen Schule wurde die freie Spielzeit von der Agenda gestrichen, mit der Begründung, die Kinder würden dabei auf stereotype Rollenmuster zurückfallen, man habe das Entstehen von Hierarchien und Ausgrenzungen beobachtet.

Gut, dass einige Experten den Ideologiecharakter dieser Pädagogik erkennen:

Der deutsche Entwicklungspsychologe Peter Zimmermann, Professor an der Bergischen Universität Wuppertal, sieht hinter Egalia die gute Absicht, die Gleichwertigkeit der Geschlechter zu fördern, bringt aber die Frage auf, ob dort nicht eine vermeintliche Geschlechterideologie durch eine andere ersetzt werde und man so in eine andere Richtung ausgrenzend wirke. Und er hat noch einen Kritikpunkt: »Kinder kennen bereits sehr früh Geschlechtsunterschiede, aber durch diese Fokussierung bekommt das Thema Geschlecht eine Relevanz, die nicht alterstypisch für die Bewertungen und Handlungen der Kinder ist.« Das Verständnis gesellschaftlich bedingter Rollenbilder, das in Egalia verändert werden solle, werde erst deutlich später entwickelt.

Hier der Artikel: C-Schule-Kindergarten-Schweden.pdf.

VD: MG

Murks am Kind

Aus „schulreif“ wurde „schulfähig“. „Schulfähig“ sind früh eingeschulte Kinder jedoch oft noch nicht. Der „Pisa-Schock“ von 2006 führte zu überhasteten Reformen, besonders in Berlin. Regina Mönch vermutet, dass die Kinder der Reformexperimente von heute die Verlierer von morgen sein könnten. Sie dürfte damit richtig liegen.

Nirgendwo in Deutschland werden Kinder so früh eingeschult wie in Berlin. Sind sie fünfeinhalb Jahre alt, gilt die Schulpflicht. Früher mussten Kinder vor allem „schulreif“ sein, eine Eigenschaft, die ersetzt wurde durch den Begriff „schulfähig“, als handle es sich um etwas, was man herstellen könnte. Klappt das nicht, weil die Kleinsten eigentlich doch noch in den Kindergarten gehörten, gibt es ja noch die (Fehl-)Diagnose ADHS und Ritalin. Und sie können „verweilen“, wenn sie nicht mitkommen. Früher hieß das Sitzenbleiben. Diese Reform – eine von über zwanzig, die innerhalb sehr weniger Jahre über Berlins Schulkinder hinwegrollten – hat neue Probleme geschaffen.

Mehr: www.faz.net.

Es war nie so anstrengend, ein Kind zu erziehen

Früher verlangten Eltern Gehorsam. Heute stellen viele Familien kaum noch Regeln auf, alles wird ausdiskutiert. Das Ergebnis: Kinder werden zu geliebten Nervensägen. Freia Peters schreibt für DIE WELT über die Wandlung der Erziehung:

Ecarius hat Familien zwischen 1908 bis 1994 analysiert und mehr als hundert Großeltern, Eltern und Kinder über ihre Erziehung befragt. „Es gibt einen steten Wandel vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt“, sagt Ecarius. In der älteren Generation (1908-1929) war die Machtbalance zwischen den Generationen klar verteilt: Die Eltern verlangten Gehorsam, Unterordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit – wer sich nicht daran hielt, wurde bestraft.

In der jüngsten Generation (1967-1994) sind die Eltern nicht mehr Respekts- sondern Vertrauensperson. Es gibt keine klare Hierarchisierung mehr von Alt nach Jung. Das Kind steht stärker im Mittelpunkt, auch die Freizeit wird nach ihm ausgerichtet. Kinder müssen weniger im Haushalt helfen und haben zu Hause kaum Pflichten zu erfüllen. Fehlverhalten wird nicht mehr körperlich bestraft, sondern verhandelt und diskutiert. Zwar gibt es Regeln, aber nur wenige und die Übergänge sind fließend.

Mehr: www.welt.de.

Damit aus Buben Männer werden

Hanniel hat eine kleine Impulsreihe zum Thema „Damit aus Buben Männer werden“ veröffentlicht. Hier die Themen der zehn Anregungen:

In den ersten fünf Folgen wird die Ist-Situation beschrieben:

  1. Die Buben sind von den Müttern überbehütet.
  2. Sie müssen nur am Bildschirm, nicht in der Realität punkten.
  3. Sie gehen mutwillig Risiko ein.
  4. Sie sind von klein auf den Mädchen unterlegen.
  5. Sie treffen nur noch fixfertig präparierte Umgebungen an.

Im zweiten Teil geht es um Lösungsansätze:

  1. Mute ihnen Hindernisse zu.
  2. Führe sie zu den Büchern.
  3. Lehre sie, für ihr Leben Verantwortung zu übernehmen.
  4. Lebe ihnen vor, was es heisst, als Mann Führung zu übernehmen.
  5. Leite sie, an Grenzen zu ziehen.

Mehr: www.hanniel.ch.

Schule: Klare Regeln als Erfolgsmodell

Wer zu spät kommt, darf nicht mehr in die Klasse. Handys sind genauso verboten wie Kaugummis. Seit es an einer Berliner Schule klare Regeln gibt („Strenge“ würde ich das nicht nennen), explodieren die Anmeldezahlen. ZEIT Online berichtet über eine Erfolgsgeschichte:

Michael Rudolph führte diese Regeln ein, als er 2005 an die Bergius-Schule kam. In den Jahren zuvor hatte er an einer Schule in Kreuzberg gearbeitet und sich dort den Ruf erworben, Berlins strengster Schulleiter zu sein. „Es ist ein Kernbereich der Erziehung, Signale auszusenden, wenn sich jemand falsch verhält“, sagt er. „Wir wollen das Verhalten der Schüler, wenn irgend möglich, positiv beeinflussen“.

So altbacken das klingen mag, sein Konzept ist erfolgreich: Als Rudolph kam, stand die Bergius-Schule kurz vor der Schließung. Für das neue Schuljahr waren gerade einmal 38 Schüler für 116 Plätze im siebten Jahrgang angemeldet, der Rest wurde zugewiesen. Ein Jahr später waren es 91 Anmeldungen, 2011 dann 155 für 125 Plätze. Michael Rudolph hat eine Problem- in eine Musterschule verwandelt. Die Bergius-Schule hat heute auch unter Lehrern einen guten Ruf. Den Übergang von der Realschule zur Sekundarschule, die in Berlin mittlerweile Haupt- und Realschule zusammenfasst, hat sie gut überstanden.

Hier: schule-strenge-berlin.pdf.

Kinderköpfe brauchen Ruhe

David Gelernter warnt zurecht vor zu viel Technik im Kinderzimmer. Ich füge hinzu: In der Schule können die digitale Welten den Blick auf die wirkliche Welt ebenso versperren. Wohl dem Schüler, dessen Lehrer noch mit Tafel und Kreide umgeben kann.

Mit iSpielzeug spielen ist, als würde man ein Kinderlexikon durchblättern und sich nur die Bilder anschauen, ohne ein einziges Wort zu lesen. Das Lexikon hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Es ist langweilig. Das Kind sucht sich also etwas anderes. Modernes iSpielzeug erlaubt kein Abschweifen der Gedanken. Wenn Dante sein Fegefeuer heute neu schriebe, würden die Protagonisten mit iPhones herumlaufen, sie müssten mit Apps spielen und einander ständig anrufen, bis sie ihre Strafe verbüßt haben; sie werden nicht arbeiten, nicht ruhen, nichts schaffen, an das sie sich mit Freude oder Stolz erinnern.

Hier: www.faz.net.

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