Paul Tillich

Der lange Schatten von Paul Tillich

Im Dezember 2010 habe ich hier im TheoBlog kurz auf die Radiosendung „Grenzgänger der Liebe: Karl Barth und Paul Tillich im Wechselspiel ihrer Beziehungen“ hingewiesen (der Audiobeitrag ist inzwischen beim BR nicht mehr zu finden). Berichtet wurde darin über Karl Barths Verhältnis mit Charlotte von Kirschbaum (vgl. hier), und Paul Tillichs Leben „on the boundary-line“. Zu hören war im O-Ton etwa Max Horkheimer, der über Tillich verniedlichend die Auskunft gab:

Wenn sie mit ihm ausgingen und man stand vor einem schönen Lokal, auch sogar vor einem Nachtlokal, so konnte er durchaus sagen, wollen wir nicht da hineingehen. Und er hätte sich gut unterhalten. Aber, in einer Weise, die das, was Treue heißt, nicht berührte. Er war fähig, Menschen die Treue zu halten. Ohne dass er gegen andere Menschen verschlossen wurde.

Hanna Tillich wurde mit den Worten zitiert (Hannah Tillich: Ich allein bin, S. 184):

Als ich Paulus’ Vorliebe für Pornographie entdeckte, war ich schockiert und verstört. Ich weinte und war so entsetzt über das verzerrte Menschenbild, das in meinen Augen dahinter stand, dass ich mich einem befreundeten Psychoanalytiker anvertraute, der mir half, die Motive zu verstehen, die der Beschäftigung mit Pornographie zugrunde liegen. Daraufhin versuchte ich von mir aus, Paulus mit pornographischer Lektüre zu versorgen, was natürlich nicht funktionierte, da der Hauptreiz für ihn ja darin lag, sie vor mir geheim zuhalten. Dennoch benutzte er mich, um bestimmte Bücher zu bestellen, und natürlich hatten seine vielen Freundinnen Spaß daran.

Tillich holte sich in den Grenzerfahrungen sado-masochistischer Sexualpraxis Energie für seine theologische und politische Arbeit. Viele Freunde und Bekannte wussten das. Doch den Lesern seiner theologischen Werke blieb das in der Regel verborgen.

Peter Bruderer hat sich nun die Mühe gemacht, diesem „Mysterium” auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist ein gründlich recherchierter Aufsatz, der nebenbei nachzeichnet, dass Paul Tillich unter Postevangelikalen gerade eine Renaissance erlebt. Zitat:

In der Theologie verhält es sich ähnlich wie in der Musik oder Mode. Trends lösen einander ab, während altbekannte Themen und Persönlichkeiten immer wieder eine Renaissance erleben. So ist es auch bei Paul Tillich (1886–1965).

In den vergangenen zirka 15 Jahren beginnen die theologischen Ideen von Tillich bei Aushängeschildern der Emergent-Church-Bewegung wie zum Beispiel Brian McLaren, Rob Bell oder Tripp Fuller wieder zu zirkulieren. So wies ein Gastbeitrag auf dem Blog von Tripp Fuller im Jahr 2013 auf die vielen Parallelen zwischen der Theologie von Paul Tillich und den Inhalten des Rob-Bell-Buches „What We Talk About When We Talk About God“ hin. In einem weiteren Artikel aus dem Jahr 2014 würdigt Brian McLaren Tillich, indem er ihn mit einem Arzt vergleicht, der einem Patienten eine anspruchsvolle, aber dringend notwendige Chemotherapie verschreibt.

Ähnliche Töne sind bei den heutigen Erben der Emergent-Church-Bewegung zu hören, die sich in den postevangelikalen Netzwerken sammeln. So begründet beispielsweise der bekannte Songwriter Martin Pepper im Jahr 2018 seinen Eintritt in die Evangelische Kirche in Deutschland unter anderem mit Paul Tillich. In einem Facebook-Post erklärt er, er habe sich „mit Faszination durch die Systematische Theologie von Paul Tillich“ durchgearbeitet und „autodidaktisch alle wichtigen Veröffentlichungen von ihm mehrfach durchgearbeitet“.

Der Theologe Thorsten Dietz hat im Jahr 2020 das Wirken von Tillich in einem ausführlichen und vielgesehenen Beitrag auf dem Worthaus-Portal präsentiert. Damit liegt er möglicherweise (mit) am Ursprung der kleinen Tillich-Renaissance im deutschsprachigen, postevangelikalen Milieu. Auch Martin Thoms, das jüngste Mitglied in der postevangelikalen Elite, hat Tillich gelesen und dabei erkannt: „Gott und Welt sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit.“ Denn „Gott ist die Tiefe des Seins“. Zuletzt hat der junge Theologe Manuel Gräßlin in seinem vielbeachteten Buch „Theophobie – Warum Gott nicht sicher, aber gut ist“ (2026, SCM Brockhaus) in die Lobeshymne auf Paul Tillich eingestimmt. Als Pastor einer ICF-Gemeinde kann Gräßlin dem evangelikalen Milieu zugerechnet werden. In seinem Buch bezeichnet er Tillich als „großen Theologen des 20. Jahrhunderts“ und basiert seine eigenen Gedanken über Zweifel auf dessen „klugen theologischen Überlegungen“.

Das von Tillich entwickelte Korrelationsprinzip hat auch meines Erachtens sehr wirkmächtig zur Entstehung des dekonstruktivistischen Postevangelikalismus beigetragen. Frau Anika Rönz hatte 2012 meine Sichtweise zutreffend wiedergegeben (Materialdienst der EZW, Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen, 75. Jg., 7/12, S. 257–263, hier S. 260–261):

So formuliert beispielsweise Ron Kubsch, Dozent am Martin Bucer Seminar und aktiver Blogger, folgende Vorbehalte: Zum einen problematisiert er den „pluralistischen Denkstil“ von Christinnen und Christen, die der Emerging-Church-Bewegung zuzurechnen sind. Dieser steht für ihn im Gegensatz zur biblischen Forderung nach einem unterscheidenden Denken. Hinzu kommt für ihn eine von der Emerging-Church-Bewegung betriebene Relativierung der Schriftautorität, die sich über das Sola-Scriptura-Prinzip des Protestantismus hinwegsetze und die Bibel nach dem Korrelationsprinzip nach Paul Tillich in einer Wechselbeziehung zwischen biblischer Wahrheit und kulturellen Kategorien auslege. Ebenso wirft er der Bewegung eine Verengung der Sünden- und Sühnopferlehre vor: Indem sie das Sühnopfer Jesu vor dem Hintergrund eines bestimmten Gottesbildes ablehne, verkürze sie die biblische Lehre von Sünde und Sühne. Als einen weiteren Kritikpunkt nennt Kubsch schließlich eine „Religionsvermischung“ und kritisiert hiermit zum einen die Übernahme von Praktiken aus anderen religiösen Traditionen (wie Yoga, Meditation etc.) als auch die schon angesprochene, innerhalb der Bewegung recht verbreitete theologisch-inklusivistische Haltung. Die Aussage beispielsweise, man könne gleichzeitig Hindu sein und Jesus nachfolgen, hält Kubsch für eine „merkwürdige“ Verzerrung des neutestamentlichen Verständnisses. Grundsätzlich sieht er das postmoderne Denken, wie es beispielsweise von Hegel, Nietzsche und Heidegger vertreten wurde, mit dem grundlegenden Gedanken der „Nicht-Existenz einer Metaregel“ im extremen Gegensatz zum Evangelium: „Streng genommen ist das Evangelium innerhalb eines postmodernen Bezugsrahmens überhaupt nicht verstehbar.“

Hier der empfehlenswerte Aufsatz von Peter Bruderer: danieloption.ch.

Die Überhöhung des Zweifels bei Paul Tillich

Klaus Bockmühl hat sich in seiner Vorlesung kritisch zur Überhöhung des Zweifels bei Paul Tillich geäußert (Verantwortung des Glaubens im Wandel der Zeit, 2001, S. 221):

Etwas ist jedenfalls ganz sicher, daß nämlich der biblische Glaube durchaus keinen Platz für den Zweifel hat. Der biblische Glaube zielt darauf, den Zweifel zu entfernen. In Matthäus 21,2I sagt Jesus: „Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt …“  Glaube und Zweifel sind also Gegensätze. In Matthäus 28,17 heißt es: „Einige aber zweifelten“ zur Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt Jesu. Aber nach Pfingsten war es anders. Das Evangelium beschreibt also den Glauben nicht als Einbau, sondern als Überwindung des Zweifels.

Ich gebe zu, daß die Überwindung des Zweifels ein andauernder Prozeß ist, aber das ist nicht dasselbe wie die Einverleibung des Zweifels in den Glauben. Im Hebräischen bedeutet das Wort für Glauben „festmachen, konsolidieren, gewiß machen“, was soviel sagen soll wie, die Unstabilität, die Möglichkeit von zwei miteinander im Konflikt stehenden Wahrheiten muß überwunden werden. Wenn wir auf Abraham als den Vater des Glaubens schauen, dann wird Glaube dort als Vertrauen verstanden. Da geht es nicht wesentlich auch um den Zweifel, sondern die wesentliche Konsequenz des Glaubens ist der Gehorsam. Zweifel führt zum Zögern und zum Ungehorsam, aber Glaube ist die vertrauensvolle Überbrückung der Wartezeit zwischen der Verheißung und der Erfüllung, und zwar im bewußten Handeln. Dabei spreche ich nicht von gegen alle Zweifel gefeiter Sicherheit, über die Tillich sich lustig machte – fundamentalistische Sicherheit. Es ist vielmehr so, daß der Glaube ständig mit dem Zweifel kämpft, aber nicht bereit ist, dem Zweifel eine Berechtigung einzuräumen, sondern versucht, ihn zu überwinden. Ich denke, daß Tillich mit seiner Behauptung, daß der Zweifel im philosophischen Betrieb, aber auch in der biblischen Religion dazugehört, in beiden Fällen irrt.

Die Kulturtheologie von Paul Tillich

Während in den evangelikalen Zirkeln hoffnungsvoll gezwitschert wird, die post-liberale Theologie habe die liberale Theologie verdrängt, beobachtete Georg Pfleiderer 2010 in seinem Aufsatz »Theologie als normative Kulturwissenschaft?« (Theologische Zeitschrift 66 (2010), Ausgabe 4, S. 318–331), dass die liberale Kulturtheologie seit den 70er Jahren eine beträchtliche Renaissance erfährt.

Da passt es ganz gut, dass der DLF kürzlich einen Hörbeitrag über die Theologie von Paul Tillich produziert hat. Wer »das Herz« der liberalen Theologie (und die damit verbundene Tragik) verstehen möchte, wird von den zwei Aufnahmen profitieren.

Teil 1:
[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/08/10/dlf_20110810_0945_8bb4caf9.mp3[/podcast]

Teil 2:
[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/08/11/dlf_20110811_0946_8bb5c543.mp3[/podcast]

Grenzgänger der Liebe: Karl Barth und Paul Tillich

Dogmatik und Ethik gelten als Geschwister. Wer ein hochgelehrter Theologe ist, muss aber noch lange nicht üblichen Konventionen genügen. Zwei prominente Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth und Paul Tillich, waren verheiratet, fühlten sich aber gleichzeitig von anderen anderen Frauen angezogen. Sie lebten mit diesen mehr oder weniger offen auch in Beziehungen. Ein Widerspruch zu ihrem theologischen Leben und Denken? Sie waren bemüht, auch diesen Bereich ihres Lebens theologisch zu begründen.

Hier geht es zu der Bayern 2-Radiosendung »Grenzgänger der Liebe« von Claudia Christophersen:

[podcast]http://cdn-storage.br.de/mir-live/bw1XsLzS/bLQH/bLOliLioMXZhiKT1/MUJIuUOVBwQIb71S/Mw1ls6i6BU1S/_-8c9A4y/uLoXb69zbX06/100815_0830_Evangelische-Perspektiven_Grenzgaenger-der-Liebe-Karl-Barth-und-Paul-.mp3[/podcast]

Das Manuskript zur Sendung gibt es hier: BR-online-Publikation-ab-01-2010–186892-20100813100136.pdf.

VD: HB

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