Postmoderne

Die absolute Verblödung

Bernhard Heinzlmaier, Autor des Buches Performer, Stylet, Egoisten, beschreibt in einem Interview mit der WELT die postmoderne Kultur der Selbstinszenierung recht treffend:

Letztlich geht es um Erfolg, Image und Konsum. Wichtiger als, wie ich mich fühle, ist, wie die anderen mich sehen. Wie sehe ich aus? Welche Statussymbole habe ich? Dieses Verhalten lernen Kinder und Jugendliche schon sehr früh, und sie lernen auch, sich selbst gut zu verkaufen. Die neuen Medien verstärken dieses Bedürfnis nach Selbstdarstellung und Selbstvermarktung nur noch. Aber notwendig glücklich wird man nicht, wenn man tagtäglich eine Rolle spielt, mit der das eigene Selbst wenig bis nichts zu tun hat.

Mehr: www.welt.de.

Die Nonnen des 21. Jahrhunderts

Die „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ treten mit dem Anspruch auf, Aufklärung und Barmherzigkeit zu fördern. Tatsächlich treten sie für die Verflüssigung natürlicher Geschlechterkategorien und die Neukonfiguration von Gewissensbindungen ein. Der Orden schreibt über sein Anliegen:

Die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz („The Sisters of Perpetual Indulgence‘‘, „{International} Order of The Sisters of Perpetual Indulgence‘‘) sind eine internationale Gemeinschaft, die sich seit Ostersamstag 1979 für schwule, lesbische, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen einsetzt und hierbei ihr besonderes Augenmerk auf die Verbreitung universeller Freude, die Tilgung stigmatischer Schuld, die Beförderung schwulen, lesbischen und transgeschlechtlichem BewußtSeins sowie die HIV/AIDS- Prävention legt. Wir verwenden in künstlerischer und freier Weise den Archetypus der Schwester und Nonne als barmherzige und dem Gemeinwohl verpflichtete Helferin und Dienerin.

Obwohl sich die „Nonnen“ verbal von der Persiflage des Christentums abgrenzen, ist die Travestie des Christlichen ihr eigentliches Thema. Sie predigen Überschreitung anstelle von Sündenvergebung. In dem Artikel „Sündige und habe Spaß dabei!“ (Berliner Zeitung vom 21.11.2013) heißt es: “Das Rezept der Schwestern ist dagegen die ‚universelle Freude‘. Geh hin und sündige, sagen diese Nonnen, und habe Spaß dabei.“

An diesem Beispiel lässt sich illustrieren, was der französische Philosoph Michel Foucault „Überschreitung“ nennt und die amerikanische Feministin Judith Butler als „Parodie-Konzept“ bezeichnet.

Durch die Geste der Überschreitung wird nach Foucault einerseits ein etabliertes Gebot verletzt und zugleich ein neues gesetzt. Die Überschreitung de- und konstruiert. Foucault verbindet diese Überschreitung unter Bezugnahme auf Georges Bataille mit dem Tod Gottes (M. Foucault, Von der Subversion des Wissens, S. 30).

Bedeutet nicht der Tod Gottes eine befremdende Verbindung zwischen dem Aufblitzen seiner Nichtexistenz und der Geste, die ihn tötet? Was bedeutet es, Gott zu töten, wenn er nicht existiert, Gott zu töten, der nicht existiert? Vielleicht bedeutet es, Gott zu töten, weil er nicht existiert und damit er nicht existiert also zu lachen. Gott zu töten, um die Existenz von jener sie begrenzenden Existenz zu befreien, aber auch um sie in die Grenzen zurückzuführen, die von jener unbegrenzten Existenz ausgelöscht werden (das ist das Opfer). Gott zu töten, um ihn auf das Nichts zurückzuführen, das er ist, und um seine Existenz im Herzen eines Lichtes wie eine Gegenwart aufflammen zu lassen (das ist die Ekstase).

Mit dem Verlust jenes Gottes, der uns sagt, was gut ist, eröffnet sich ein konstanter Raum endlicher Erfahrung. Allerdings gibt uns der Tod Gottes nicht „einer begrenzten und positiven Welt zurück, sondern einer Welt, die sich in der Erfahrung der Grenze auflöst, die sich in dem sie überschreitenden Exzess aufbaut und zerstört“ (M. Foucault, Von der Subversion des Wissens, S. 30–31).

Judith Butler schlägt das karnevalistische „Parodie-Konzept“ vor, um die „phallogozentristische Zwangsheterosexualität“ zu unterwandern. Auf diese Weise  wird die bestehende Ordnung von den gekoppelten Kategorien des biologischen (sex) und sozialien Geschlechts (gender) in Frage gestellt. Durch die parodistische Imitation von Geschlechterrollen werde laut Butler offensichtlich, dass es sich bei der binären Geschlechteraufteilung nicht um natürliche Gegebenheiten, sondern um von Menschen gemachte Instanzen handele.

Hier der Artikel über den „Orden“: www.berliner-zeitung.de.

Lady Gaga inszeniert sich in Berlin

Lady Gaga war in Berlin. Sie hat dort kein Konzert gegeben, sondern einen „Listening Session“ veranstaltet. Das neue Album läuft vom Band. Sie beantwortet Fragen ihrer Fans. „Doch natürlich ist dieser Abend weit mehr als die Vorstellung des neuen Gaga-Albums Artpop, das am 8. November erscheint. Es ist Fragestunde, Heldinnenverehrung, Gottesdienst“, schreibt Kaspar Heinrich für DIE ZEIT.

Er beobachtet:

Lady Gagas Worte wirken tröstlich, beinahe religiös, manche Fans fallen einander in die Arme. Christlich möchte man die Botschaften fast nennen, doch es geht hier auch um sexuelle Selbstbestimmung, um den Mut zum Coming-out. Germanotta zieht nicht zuletzt queeres Publikum an, das ihr bisexuelles Bekenntnis mit Jubel aufnimmt: „Was würdest du mit meinem Körper tun?“, fragt eine Frau in Anspielung auf den Song Do What You Want. „Eine Menge“, antwortet Gaga vielsagend.

Sie erzählt dann, wie sehr sie durch Jeff und Andy beeinflusst sei, von der explosiven Energie, die sie erfahre. Gemeint sind Jeff Koons und Andy Warhol: Der eine hat das Albumcover zu Artpop gestaltet, der andere liefert den Überbau des Phänomens Gaga, die Idee hinter der Verbindung von Kunst und Pop und von der perfekten Selbstinszenierung.

Mehr: www.zeit.de.

VD: MF

Die „Selfies“

Der digitale Mensch macht unablässig Bilder von sich selbst. Das Internet ist die Galerie seiner Porträts. Mit diesen Selfies modellieren wir unser „Ich“ und verwandeln uns alle in Prominente. Mit Nebenwirkungen.

Peter Praschl schreibt in der WELT AM SONNTAG (13.10.13, S. 49):

Jeder braucht eines. Es reicht nicht mehr, bloß zu sein oder so gut wie möglich Leistung abzuliefern. Wer so denkt, landet über kurz oder lang bei den Modernisierungsverlierern. Das Einzige, mit dem du dich davor schützen kannst, ist Ich-Pflege. Du musst es zu einer Marke machen, Aufmerksamkeit für es schaffen, seine Existenz immer wieder von Neuem verkünden. Es ist deine Währung. Erst Ende September haben sich im vorarlbergischen Lech bei einer Veranstaltung, die sich „Philosophicum“ nennt, zwei Dutzend Intellektuelle darüber unterhalten. Ihr erwartbarer Befund: Wir leben in einer narzisstischer werdenden Gesellschaft, in der soziale und familiäre Verbände an Bedeutung verlieren und die Ich-Modellierung immer wichtiger wird. Ihr ebenso erwartbares Urteil über diesen Trend: nicht sehr begrüßenswert, gefährlich, trügerisch – weil der Zwang zur Selbstdarstellung paradoxerweise Uniformität produziert. „Hinter der Vorstellung der Selbstoptimierung steckt gerade nicht die liberale Idee ‚Jeder soll so sein können, wie er will‘, sondern die Idee, dass es eine Norm gibt des schönen Menschen, des leistungsfähigen Menschen, des trainierten Menschen, des belastbaren Menschen, und an dieser Norm haben sich alle zu orientieren“, sagt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann. Er hat durchaus recht damit.

Mehr: www.welt.de.

Foucault: Was macht Macht?

Der französische Philosoph Michel Foucault ist einer der einflussreichsten kritischen Denker der Moderne. Ihn interessierte, wie Macht entsteht, wozu sie benutzt wird und was sie aus Menschen machen kann. Der ohne Zweifel hoch begabte Denker hat viel dazu zu sagen.

Michael Reitz hat für den Bayrischen Rundfunk ein Feature produziert, das hilfreich in Foucaults Machtdeutung einführt. Leider wird – was mich nicht überrascht – kein einziger kritischer Gedanke geäußert. Dabei gibt es so viel, was an Foucault und seiner Entgrenzungsphilosphie nach dem Tod Gottes zu bemängeln wäre: Gut und Böse als vollständig zu überwindende Ideologie, Abschaffung des Eigentums, Aufhebung aller sexuellen Tabus einschließlich der Pädosexualität, Abschaffung der Drogenverbote, seine Unterstützung der Ajatollahs, die Sympathie für das Regime in China, die Überschreitung.

Ich empfehle den Beitrag trotzdem und mache gleichzeitig Mut, auch mal ein Buch wie Die Leidenschaft des Michel Foucault zu lesen (siehe a. hier).

Für ein selbstbestimmtes Leben

Für den von mir schon mehrmals zitierten Psychoanalytiker Rainer Funk ist die Ich-Orientierung das herausragende Kennzeichen des postmodernen Menschen. Funkt schreibt (Ich und Wir, S. 55):

Der postmoderne Ich-Orientierte strebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können. Das entscheidende Movens ist die postmoderne Lust an der selbstbestimmten, ich-orientierten Erzeugung von Wirklichkeit, und zwar der den Menschen umgebenden Wirklichkeit, die er sich selbst schafft, ebenso wie der Wirklichkeit, die er selbst ist, indem er sich selbst erschafft – nach dem Motto: „Nur wenn du etwas aus dir machst, bist du was!“ … Die Grundüberzeugung postmoderner Ich-Orientierung lautet: „Lass dir von niemandem sagen, wer du bist. Du bist der, der du bist.“

Soweit klar?

Nun empfehle ich einen Werbespot der „Jungen Grünen“ aus Österreich:

VD: HS

Steven Pinker: „Desaster des Postmodernismus“

Der Harvard-Professor Steven Pinker hat sich in dem Aufsatz „Science Is Not Your Enemy“ seinen Frust von der Seele geschrieben. Wie Telepolis meldet, plädiert er dafür, „dass sich Geisteswissenschaften vom ‚Desaster des Postmodernismus, mit seinem trotzigen Obskurantismus, seinem dogmatischen Relativismus und seiner erstickenden politischen Korrektheit‘ abwenden und der Naturwissenschaft zuwenden sollten, deren neue Erkenntnisse seiner Ansicht nach das Potenzial haben, andere Disziplinen zu befruchten.“

Weiter heißt es:

Dabei hätten die Geisteswissenschaften Pinker zufolge ein paar neue Ideen vonseiten der Naturwissenschaften bitter nötig: In den USA gehen die Studentenzahlen nämlich vielerorts zurück und die Absolventen solcher Fächer müssen sich zunehmend in schlecht bezahlten Jobs verdingen oder finden gar keine Arbeit. Neben antiintellektuellen Tendenzen in der US-Kultur und einer zunehmenden Kommerzialisierung der Universitäten sieht der Experimentalpsychologe die Ursache dafür auch bei den Fächern selbst: Sie hätten sich zu lange im postmodernen Dogmatismus ausgeruht und nichts wirklich Neues auf die Beine gestellt. Angeblich beklagen sich Hochschulleiter zunehmend, dass Geisteswissenschaftler immer nur Besitzstände wahren wollten, wenn sie mit etwas ankommen, während Naturwissenschaftler stets aufregende neue Projekte vorzuweisen hätten, wenn sie um Mittel ersuchen.

Nun ist der von Pinker verteidigte Szientismus sicher keine Antwort auf die Fragen der Zeit. Seine Analyse trifft den Nagel allerdings auf den Kopf und es mehren sich die Zeichen dafür, dass an den Universitäten der Widerstand gegenüber dem geistlosen postmodernen Dogmatismus wächst. Ich kann es den Studenten nur wünschen.

Esoterik hat Gesellschaft durchdrungen

Die EZW aus Berlin hat im August-Newsletter darüber informiert, dass die Esoterik an der sozialwissenschaftlichen Universität Wien (Österreich) eingezogen ist. Betroffen ist besonders das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie. Die EZW schreibt:

Mit einem kritischen Artikel über das ethnologische Institut der Universität Wien hat die Ethnologin Krista Federspiel eine Debatte über Esoterik an der Universität ausgelöst. Sie bemängelte die unkritische Akzeptanz esoterischen Denkens im akademischen Kontext und zitierte dazu aus Diplomarbeiten und Dissertationen, in denen unwidersprochen „reifes Wasser“, „übernatürliche Wahrnehmung durch Yoga“, Astrologie, schamanistische Geisterbegegnungen u.ä. methodisch als Realitäten angenommen wurden, statt als Glaubenssysteme beobachtet und kritisch reflektiert zu werden. Eine Lektorin des Instituts habe in ihrer Dissertation von Verwandlungen von Quecksilber in Gold berichtet und eine Wissenschaft propagiert, in der die „Forscherin, das Erforschte und der Akt des Forschens verschmelzen“. Federspiel konstatierte: „So ist gleichsam ein ‚Wiener Hogwarts‘ entstanden.“ Als Türöffner für die beschriebenen Entwicklungen identifizierte die Autorin den kürzlich verstorbene Professor Manfred Kremser. Seit 1997 Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Parapsychologie und Grenzgebiete der Wissenschaft, war er 2001 als Professor an das ethnologische Institut berufen worden. Dort verhalf er der Parapsychologie zu „Akzeptanz und zu Reputation in akademischen Kreisen“, wie ein Nachruf lobend resümierte.

Dr. Funkschmidt erklärt für die EZW diese Entwicklung wie folgt: „Die Debatte offenbart, wie das gesellschaftliche Vordringen der Esoterik dazu geführt hat, das esoterische Überzeugungen auch bei Universitätslehrern hoffähig werden. Es fehlt hier eine kritische Reflexion der eigenen Methodik, wie sie die Theologie kennt – kein Kirchenhistoriker oder Exeget könnte etwa bei schlechter Quellenlage plötzlich den Heiligen Geist als Lückenbüßer und handelnde Person einführen.“

Der Beitrag „Mit Geisterforschung zum Doktortitel: Esoterik an der Wiener Universität“ von Krista Federspiel ist hier zu finden: derstandard.at.

VD: ET

Konstante Vorläufigkeit

Melanie Mühl spiegelt in ihrem ziemlich düsteren Artikel über die postmoderne Kultur das Lebensgefühl vieler Jugendlicher: permanente Verunsicherung.

Ich würde bei der Ursachenforschung noch etwas weiter gehen als Frau Mühl. Ständige seelische Alarmiertheit ist nicht nur soziale und politische Beschwernis, sondern auch philosophische Aufgabe. Die „Makrounsicherheit“ ist nicht einfach so über uns gekommen, sondern Ergebnis einer geistig-geistlichen Krisis.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat den flexiblen Menschen einmal als Wellenreiter bezeichnet. Aber heutige Mediennutzer denken da gleich an einen alles überrollenden Tsunami, in dem ein Surfbrettchen wenig hermacht. „Wir sind Getriebene“, schreibt Katharina Nocun. In solchen Gefühlswelten heißt die einzige Konstante Vorläufigkeit. Anders formuliert: Man sitzt innerlich auf gepackten Koffern, fortwährend auf dem Sprung zum nächsten Lebensentwurf. Wer sollte da auf die Idee kommen, sich festzulegen? Wer sollte den Mut aufbringen, eine Familie zu gründen? Wer sollte Kinder kriegen? So treffen die großen globalen Alarmnachrichten auf ein fragiles individuelles Sorgenumfeld der jungen Erwachsenen, denen der Mut zum Wagnis, auch zum kreativen Wagnis verlorengeht. Und damit verschärft sich die Krise so richtig.

Hier: www.faz.net.

Polyamore Liebe

Sie lieben nicht nur einander, sondern auch noch andere Partner. Sie reden offen miteinander über ihre Gefühle und „besiegen“ ihre Eifersucht. Katrin Hummel macht die FAZ-Leser mit einem skurrilen Familienmodell vertraut, dass auf die Wahrheit des gefühlten Augenblicks setzt:  

Auf einem breiten Sofa liegen, zwischen Bilderbüchern auf einer bunten Patchworkdecke, die beiden älteren Kinder. Sie haben Fieber, Florian fühlt ihnen die Stirn, kocht Tee und schmiert Brötchen. „Ob er mit einem Kumpel Skat spielt oder mit einer anderen Frau ins Bett geht, ist mir egal. Man sollte das tun, was man will“, sagt Marie. „Mach ich doch auch so: Mal will ich Schokolade essen, mal will ich Sex mit einem anderen Mann.“

Sie meint das nicht so wurstig, wie es klingt. Sie kann das, was sie seit acht Jahren lebt, in vielen überzeugenden Worten darlegen und ist doch nicht der Meinung, dass jeder so leben sollte und könnte wie sie selbst. Im Kern geht es den Hardenbergs darum, ehrlich miteinander zu sein, den anderen in seiner Entwicklung zu unterstützen und ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten.

Eifersüchtig sind sie trotzdem manchmal. Zwei Tage nach der Hochzeit zum Beispiel verbrachte Florian eine Nacht mit einer gemeinsamen Freundin. „Ich dachte, er liebt mich gar nicht“, erzählt Marie, „und hatte eine ganz schlimme Nacht.“ Inzwischen aber spürt sie, wie sehr er sie liebt, und er sagt es ihr auch immer, wenn er von einer anderen Frau kommt.

Mehr: www.faz.net.

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