Postmoderne

Was kommt nach der Postmoderne?

Vor fünf Jahren habe ich eine Renaissance des marxistischen Denkens angedeutet (Die Postmoderne, 2007, S. 61–62). Der Ökonom, Soziologe und Globalisierungskritiker Oliver Nachtwey schätzt in seinem am 18. Januar veröffentlichten Beitrag mit dem Titel „Geschichte ohne Parteibewusstsein“ die Lage ähnlich ein (FAZ vom 18.01.2012, Nr. 15, S. N3). Obwohl mit dem Fall der Mauer 1989 der gesellschaftliche Marxismus eine tiefe Demütigung hinnehmen musste, macht sich im elitären Raum der Universitäten seit Jahrzehnten ein von der marxistischen Philosophie inspiriertes Denken breit. Dass auch die Theologie der Hoffnung von Jürgen Moltmann, die mit ihrem eifrigen Drang auf Weltveränderung derzeit in den post-evangelikalen Kreisen entdeckt wird, „ohne die Richtungsstöße des Marxismus nicht denkbar“ ist, hat DER SPIEGEL bereits 1968 angemerkt (Nr. 4, 1968, S, 95).

Hier Auszüge des Artikels von Oliver Nachtwey mit einigen Zwischenbemerkungen [Hervorhebungen von mir]:

Der Marxismus schien nach 1989 endgültig bankrott. Doch auch die Bilanz des liberalen Kapitalismus rutschte schnell in die roten Zahlen, und die postmodernen, neoinstitutionalistischen und Rational-Choice-Theorien kamen in Erklärungsnöte. Börsenkurse sind für die poststruktualistischen Theoretiker nur ein Text in einer dezentrierten Welt, aber ihre Auswirkungen sind dann doch recht handfest.

Noch spürt der Otto Normalverbraucher nicht, dass die Aktienkurse keine rein selbstreferentiellen Zeichen sind. Durch die Aufnahme neuer Schulden lässt es sich vorübergehend so weiterleben, als wäre alles so wie es sein soll. Der Tag, an dem wir aufwachen, kann allerdings schneller kommen, als wir uns das wünschen. Spätestens nachfolgende Generationen werden mit den Tatsachen konfrontiert, dass wir unser Leben seit Jahrzehnten durch Kredite finanzieren.

Während in den kontinental- und südeuropäischen Ländern der Marxismus seinen Zenit erreicht hatte, kamen 1968 in den Vereinigten Staaten und Großbritannien erst mal viele junge, von Marx inspirierte Wissenschaftler an die Universitäten. Ironischerweise war es die liberale und wettbewerbliche Kultur der angelsächsischen Universitäten, die es dem Marxismus erlaubte, sich nachhaltig zu etablieren.

Warum „ironischerweise“? Ich würde – freilich etwas überspitzt – behaupten, dass es logischerweise die offenen Gesellschaften sind, die Andersdenkenden Entfaltungsräume zur Verfügung stellen. Die Geschichte des Marxismus ist eine Geschichte der geschlossenen Gesellschaften. Auch Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ hat leider daran nichts ändern können.

So entstand die Paradoxie, dass der akademische Marxismus nunmehr in jenen Ländern am stärksten ist, die sowohl in der Soziologie – das gilt für England – als auch im Marxismus Nachzügler waren und nie über starke kommunistische Bewegungen verfügt haben. Es entstand eine marxistisch orientierte Wirtschafts-, Geschichts-, Literatur- und Politikwissenschaft, Geographie, Soziologie, Kulturtheorie und Ethnographie, deren Forschungsprogramme auch von nichtmarxistischer Seite große Aufmerksamkeit erfuhren.

Der allgemeine Rückzug in die Nischen, die fatale Konzentration auf das Partielle und die Details – beispielsweise in der Philosophie –, hat der marxistischen Wirklichkeitsdeutung in zahlreichen Bereichen Auftrieb verschafft. Kurz: Wir denken heute marxistisch, ohne es zu ahnen.

Ein alles in allem überaus lesenswerter Beitrag, der m.W. online bisher nicht veröffentlicht wurde.

Viel verdankt Nietzsche Amerika

Americannietzsche.jpgOhne den amerikanischen Philosophen Ralph Waldo Emerson hätte Friedrich Nietzsche wahrscheinlich kein Wort geschrieben. Das enthüllt eine neue Studie. WELT Online schreibt unter Bezugnahme auf American Nietzsche: A History of an Icon and His Ideas von Jennifer Ratner-Rosenhagen:

Friedrich Nietzsche und Amerika, wie geht das zusammen? Auf den ersten Blick überhaupt nicht. Es scheint keinen Philosophen zu geben, der weniger in die Neue Welt passen würde als der große Einsame aus Deutschland. Nietzsche hat bekanntlich die Massen verachtet und auf die Demokratie gespuckt. Friedrich Nietzsche wurde 1844 in Röcken bei Lützen geboren. 1858 trat er in die berühmte Landesschule Pforta bei Naumburg ein (Foto), 1864 begann er das Studium der Klassischen Philologie und Theologie in Bonn.

Auf die berühmte Formel aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen und von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden seien, hätte er vermutlich nur mit verächtlichem Schnauben reagiert. „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen“, heißt es im „Antichrist“.

Das Christentum hat Nietzsche verabscheut, weil es auf purem Ressentiment, das heißt: auf einer Moral von Sklaven beruhe. In Amerika aber gibt es 1001 Gotteshäuser, in denen wahlweise Gott, Jesus, Allah oder Buddha gehuldigt wird. Und liest sich die Warnung vor dem „letzten Menschen“, die Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ aussprach – die Warnung vor dem demokratischen Herdentier, das sich mit einem „Lüstchen für den Tag und für die Nacht“ abspeisen lässt – nicht exakt wie eine prophetische Vorwegnahme der amerikanischen Massenkultur?

So könnte man glauben. In Wahrheit aber hat gerade Amerika die Ideen jenes deutschen Zertrümmerers, der die letzten Wahrheiten mit dem Hammer attackierte, begierig aufgesogen. Und umgekehrt war Nietzsche gerade von einem amerikanischen Philosophen angetan: dem Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson (1803-1882).

Hier mehr: www.welt.de.

 

Udo Lindenberg: Göttervielfalt

Udo Lindenberg hat auf einer CD die Weihnachtsgeschichte erzählt und dem DLF erklärt, warum er sich einen Himmel mit vielen Göttern wünscht.

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/12/22/dlf_20111222_0952_7cb027c7.mp3[/podcast]

Hardcore-Konstruktivismus

Der Beitrag „Die Schulä fenkt an“ wird inzwischen hier weiterdiskutiert:

Lange bevor sich die vollen Konturen des Postmodernismus in unserem Alltag abzuzeichnen begannen, hatte er mit seinen führenden Denkern von Wittgenstein über Foucault und Derrida bis Rorty weite Teile der universitären Geisteswissenschaften und ihnen nahestehende intellektuelle Kreise erobert. Insbesondere seine Erkenntnistheorie, der Konstruktivismus, trat schon vor mehr als 30 Jahren seinen Siegeszug in den Humanwissenschaften an, vor allem als didaktisches Paradigma in der Pädagogik – wo die 1978 erfolgte Habilitierung des führenden deutschen konstruktivistischen Pädagogen Kersten Reich (geb. 1948) als entscheidende Wegmarke angesehen werden kann -, was um 1990 herum in der Lehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen immer spürbarer wurde. Die heute immer wieder und geradezu gebetsmühlenartig kolportierten Slogans und Paradigmen, daß der Lehrer sich „zurücknehmen“ und nur noch „Lernbegleiter“ sein soll (bloß nicht in den „Wissens-Konstruktionsprozeß“ des Kindes eingreifen!), sowie die Verteufelung des Frontalunterrichts und die Kultivierung der Verachtung „harten Faktenwissens“ (Artikel „Schule in der Krise“) wie auch jeglichen „ja/nein“- und „richtig/falsch“-Denkens haben hier ihren Ursprung, der wiederum letztlich auf die postmodernistische Ablehnung der Orientierung an einer absoluten Wahrheit und einer objektiven Realität zurückgeht.

Inzwischen ist eine ganze Pädagogen-Generation mit diesem konstruktivistischen Gedankengut großgeworden, darunter auch viele Christen meiner Generation. Und fatalerweise haben sogar viele dieser christlichen Pädagogikstudenten – nicht zuletzt aufgrund ihres geringen Interesses und teilweise erschreckenden Analphabetismus hinsichtlich der biblisch-christlichen Weltsicht und ihres mangelnden Bewusstseins für die Notwendigkeit weltanschaulicher Denkfähigkeit – die während ihres Studiums gelehrten Sichtweisen übernommen (hinzu kommt noch, daß es schlechte Noten in Hausarbeiten und Prüfungen gegeben hätte, wenn man sich der Meinung des Lehrstuhls widersetzt hätte). Christen, die während ihres Pädagogik-Studiums mit dem Konstruktivismus gefüttert worden sind und nicht gelernt haben, weltanschaulich nachzudenken, machen sich schließlich die Sicht zu eigen, daß die einzige uns zugängliche Realität die in unseren Köpfen sei – mit dramatischen Folgen für ihren eigenen Glauben, in welchem damit relativistische und emergente Paradigmen Einzug halten können (was auch die positive Rezeption der Emergenten Bewegung in diesen Kreisen erklärt). Als Lehrer tragen sie dann diese Elemente in den Unterricht hinein – und zwar sowohl in den Sachgegenstand als auch in das Erziehungskonzept.

Das komponierte „Ich“

Weil die tradierten gesellschaftlichen und kulturellen Grundlagen für eine feste Verortung der Menschen zunehmend wegbrechen, ist „Identität“ zu einem Dauerbrenner geworden. Wenn über ein Thema besonders oft und intensiv gesprochen wird, ist meist etwas aus dem Lot gekommen. „Identität wird nur in der Krise zum Problem“ (Kobena Mercer). „Man denkt an Identität, wann immer man nicht sicher ist …“ (Zymunt Bauman).

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts werden Umwälzprozesse wie Differenzierung, Individualisierung oder Pluralisierung mit den Etiketten „Postmoderne“, „Zweite Moderne“, „Spätmoderne“ oder „Risikogesellschaft“ versehen. Vertraute Bindungen von Familie, Klasse, Beruf oder Geschlecht verflüssigen sich. Diese Erosion identitätsstiftender Lebensformen hat Konsequenzen für die ‚Innenseite‘ des Subjekts. Menschen machen die Erfahrung der radikalen ‚Entbettung‘. Wie sehen die postmodernen Identitäterfahrungen aus? Und: Wie antworten Christen auf den heute verbreiteten Ansatz einer „dezentrierten Identität“?

Am kommenden Dienstag werde ich bei der SMD-Gruppe in Gießen zum Thema:

  • Das komponierte ‚Ich‘: Identitätsfindung in der Postmoderne

sprechen. Wer immer sich für das Thema interessiert, kann gern vorbeischauen. Wir treffen uns um 19:30 Uhr in der Georg-Schlosser-Str. 9 in der Pankratiusgemeinde (Gießen).

Was haben Slavoj Žižek und Lady Gaga gemein?

Moritz von Uslar hat den Pop-Philosophen Slavoj Žižek getroffen:

Einige Basisdaten: Žižek, 1949 im slowenischen Ljubljana geboren, wohnhaft in der slowenischen Hauptstadt, in London, New York und den Flughafen-Lounges dieser Welt. Sein Beruf: Philosoph, Psychoanalytiker, Kulturkritiker. Dieser Žižek, so sagt man, verbinde Jacques Laxans Psychoanalyse mit Marx’und Hegels Geschichtsphilosophie. Der Filmfan Žižek liebt es, bei seinen theoretischen Exkursen mit Bezügen aus der Popkultur zu spielen: So findet Indiana Jones zu Karl Marx, Kung Fu Panda zu Jacques Lacan und Star-Wars-Lego zu Judith Butler: unterhaltsame Sache. Die Theorie, so sagt man weiter, habe Žižek aus dem Elfenbeinturm der Universitäten geholt. Neben dem Italiener Antonio Negrid und dem Franzosen Alain Badiou gilt er als wichtigster Denker einer neuen Linken und platterdings als bekanntester und einflussreichster Philosoph Europas.

Vorm Vielsprecher Slavoj Žižek wird gewarnt: Er rede alle in Grund und Boden – schlimmer noch, er spucke beim Reden. Diesem Žižek brauche niemand Fragen zu stellen, er beantworte trotzdem alle Fragen. Wir wollen dem Sprechautomaten Žižek bei seinem Besuch in Frankfurt einmal anders begegnen – ein Experiment: Was erfährt der, der dem Philosophen, der ein Pop-Phänomen ist, drei Tage lang nur zuschaut? Was versteht der, der das Pop-Philosophie-Mysterium sich frei entfalten und agieren lässt? Pop, das wissen wir, hat seine eigene, für sich sprechende Intelligenz, Wahrheit und Tiefgründigkeit: Spannung auf der Oberfläche.

Žižek: großer Verführer, Entertainer, Rockstar, ein Elvis der Kulturtheorie (Untertitel eines Filmporträts über Slavoj Žižek). Mit seinem heruntergekommenen Äußeren und den zahlreichen, in aller Öffentlichkeit zelebrierten Ticks – der vortragende Žižek fummelt sich ununterbrochen an Nase, Bart, Haaren und T-Shirt herum – erfüllt dieser Philosoph ein leicht konjugierbares Klischee: Dieser Denker sieht aus, wie Menschen, die begrenzt viel vom Denken verstehen, sich einen Denker vorstellen. Der »hoffnungslos überfüllte Hörsaal« gehört bei ihm genauso dazu wie die sagenhafte Geschichte, dass er bis vor zwei Jahren mit einem argentinischen Unterwäschemodel verheiratet war. Neueste Gerüchte lauten, von der New York Post lanciert, der New York Times weitergesponnen und vom deutschen Verlag weder bestätigt noch dementiert: Der Philosoph unterhalte ein loses, trotzdem ernsthaftes Verhältnis mit dem Popstar Lady Gaga.

Mehr hier: Kapitalismuskritik-Zizek.pdf.

Egozentrisch oder exozentrisch: Ich oder Gott?

Der anglikanische Pastor Rev. Mario Bergner beobachtet mit Besorgnis, wie der Individualismus der Postmoderne auch in den Kirchen Einzug hält. Meine „egozentrische“ Geschichte ersetzt die „exzentrische“ Geschichte Gottes und leugnet jegliche göttliche Autorität. Glaube ich noch, dass ich die Bibel so lesen kann, dass ich erkenne, was Gott gemeint hat – oder denke ich, das einzig Sichere sei mein Gefühl, das ich beim Lesen eines Bibelwortes habe?

Die Postmoderne benutzt eine Epistemologie (Erkenntnistheorie), die eine Mischung aus subjektiven Erfahrungen, Gefühlen, unserer Kultur und Einflüssen unserer Zeit ist. Die Postmoderne behauptet, durch eigene Wahrnehmung und Erfahrung könne man sich besser der Wahrheit nähern als mit der Vernunft … Der wichtigste Zugang zur Wahrheit (falls man das überhaupt so nennen kann) in der Postmoderne ist das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte … In den letzten zwanzig Jahren bekam „meine Geschichte“, wie sie von den sich als Christen bezeichnenden Angehörigen der LGBT-Community erzählt wurde, in den großen Kirchen ganz langsam den Vorrang vor „Gottes Geschichte“. Vergleichen Sie das einmal mit den Aussagen von Dr. Roberta Bayer über Augustinus, der die Bibel las, um zu erkennen, wie Gott ihn sah. Mit anderen Worten: In der Postmoderne bestimmt meine Geschichte wer ich bin, nicht Gottes Geschichte. Wenn wir und nicht Gott über unsere Identität entscheiden, dann definieren wir uns über unser eigenes Selbst, und das ist Egozentrismus. Martin Luther, ein Schüler von Augustinus, bezeichnete das als die innere Haltung der gefallenen Menschheit: der in sich selbst verkrümmte Mensch. Wenn wir auf Gott schauen, um unsere Geschichte im Lichte des Evangeliums zu verstehen, dann strecken wir uns nach etwas und Jemandem aus, der größer ist als wir: Jesus Christus. Damit werden wir durch einen Mittelpunkt außerhalb unseres Selbst und innerhalb von Gott definiert, und werden so exozentrisch. Wenn wir von unserer Position des gefallenen, in sich verkrümmten Menschen über uns selbst hinausreichen und dafür offen sind, dass Gott bestimmt, wer wir sind, betreten wir den Weg der Erlösung zu unserer christlichen Identität. Dies geschieht nur, wenn wir uns mit allem, was wir sind, dem gnädigen Einfluss von Christus überlassen. Dann kann unsere Geschichte zu unserem Zeugnis werden.

Hier der Beitrag des insgesamt empfehlenswerten Blogs Sex needs Culture: sex-needs-culture.blogspot.com.

VD: MG

Die neue Geldperspektive: Und vergib uns unsere Schulden

1933633867.jpgFrank Schirrmacher ist ganz begeistert vom neuen Buch des Anthropologen David Graeber. Debt zeige uns, wo wir heute stünden. Schirrmacher schreibt:

Was geschieht, ist größer als das, was wir davon lesen. Und auch wenn ein Teil der ökonomischen Kommentatoren versucht, die gegenwärtige Krise von der Finanzkrise des letzten Jahrzehnts abzukoppeln, so wird eine spätere Geschichtsschreibung den Zusammenhang ohne weiteres erkennen. Graebers Text ist eine Offenbarung, weil er es schafft, dass man endlich nicht mehr gezwungen ist, im System der scheinbar ökonomischen Rationalität auf das System selber zu reagieren. Diese Tautologie hat in den letzten Monaten im Zentrum eines funktionsunfähigen Systems dazu geführt, dass praktisch alle Experten einander widersprechen und jeder dem anderen vorwirft, die Krise nicht zu verstehen. Diese enorme Entmündigung hat nichts mehr mit Rationalität, sondern mehr mit Intuition, nichts mehr mit Wissenschaft, sondern mit Theologie zu tun.

David Graebers Geschichte, übrigens die erste ihrer Art aus der Hand eines Anthropologen, zeigt den historischen Ort, an dem wir stehen. Schon die Erzählung zeigt, dass es nicht gut ist, die Erörterung der Schuldenkrise einem Kreis streitsüchtiger Ökonomen zu überlassen. Praktisch alle Aufstände, Umstürze und sozialen Revolutionen der europäischen Geschichte, schreibt Graeber, entstanden aus einer Situation der Überschuldung. Die scheint eine der größten Kräfte in der Entfesselung von Unruhe und Revolte zu sein und eine der über Generationen zyklisch wiederkehrenden Lebensbedrohungen – sowohl für den Einzelnen wie für die etablierte Macht.

Man wird den Anarchismus Graebers nicht teilen müssen, um von dem Buch zu profitieren. Wer sich für die Schuldenkrise interessiert, wird das Werk kaum ignorieren können. Allerdings lässt es sich nicht über Nacht lesen; es zählt 544 Seiten.

Hier zum Einstieg ein Interview mit Graeber über Debt.

Teil 1:

Teil 2:



Warum die Postmoderne mausetot ist

Auch DIE ZEIT hat der Londoner Ausstellung »Postmodernism – Style and Subversion 1970–1990« einen ausführlichen Beitrag gewidmet (siehe auch hier). Ich kann den Artikel von Thomas Assheuer sehr empfehlen, weist er doch unverblümt darauf hin, dass im Rahmen der postmodernen Erkenntnistheorie und Ethik »linke Positionen« Fragen persönlicher Vorlieben sind und sein müssen. Nur das. Ein postmoderner Denker kann weder an einen Gott, noch an universelle Menschenrechte glauben.

Mit dem Pathos der Distanz, nicht amoralisch, aber doch jenseits moralischer Zwänge glitt der postmoderne Zeitgeist zur Musik von Laurie Anderson auf den waves der visuellen Welt, auf den Glitzerwellen von Lifestyle und Kunst, von Werbung und Mode. Dieser Zeitgeist war, und das ist das Beste, was man über ihn sagen kann, antitragisch; er träumte vom gewaltlosen Nebeneinander der Bürger und ihrer sozialen Systeme, er wollte nicht besserwisserisch aufklären, sondern verführen und sich verführen lassen. Susan Sontags Aufsatz Anmerkung zu »Camp« von 1964 empfand der postmoderne Zeitgenosse ebenso als geniale Vorwegnahme seines Lebensgefühls wie Roland Barthes’ Lust am Text oder die Gemälde von Cy Twombly, dem melancholischen Meister der gemalten Schrift. Melancholisch deshalb, weil ja die wirkliche Wirklichkeit verschwunden war und der Alltag aus nichts anderem bestand als aus der bedeutungslosen Bedeutung austauschbarer Zeichen.

Und die gute alte Wahrheit? Sie war in postmodernen Ohren das sentimentale Medley des Abendlandes, eine lästige metaphysische Hinterlassenschaft, deren Rätsel die Gegenwart nicht mehr bekümmern müssen. Die Wahrheit war nur eine ungedeckte Metapher, ein Text unter Texten in einer Welt ohne Tiefe. Selbst unsere innigsten Worte (»I love you!«), so Baudrillard, können die Wahrheit nur verfehlen. »Wenn man sagt: ›Ich liebe dich‹, setzt man die Sprache, eine Form des Bruchs und der Untreue, an die Stelle der Liebe.«

Dass es keine Wahrheit gibt, sondern nur semantische Fiktionen, nur unterschiedliche Sprachspiele – das war die größte Provokation, die die Postmoderne damals bereithielt. Denn während die alte Moderne noch die Versöhnung mit den Verhältnissen in Aussicht stellte, so tat die Postmoderne dies nicht mehr. Politisch hieß das: Wir müssen uns mit den sozialen Tatsachen und dem Pluralismus unvereinbarer Lebensweisen abfinden. Und für die Kunst lautete die Botschaft: Form und Gehalt sind nicht mehr verkettet, und damit ist das Ästhetische vom modernen Zwang befreit, den Fortschritt symbolisieren zu müssen, den »Vorschein der Versöhnung« (Adorno). Nach Belieben und mit einem Polytheismus der Stile darf sich der postmoderne Künstler aus dem Schatzkästlein der Vergangenheit bedienen, von der dorischen Säule bis zum spätwilhelminischen Erker. Anything goes.

Hier der Artikel »Als die Kunst ins Leben trat«: KS-Postmoderne.pdf.

»Wir schätzen Wahrheiten nicht mehr genug«

Wir haben nicht nur unsere finanziellen Reserven verschleudert, sondern auch unsere geistigen, warnt Wolfram Weimer. Der ehemalige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus erklärt, dass wir ein Wahrheitsproblem haben.

Ein analytischer Beitrag, eine herbe Kritik an der Mediendemokratie. So ist es: Der postmoderne Mensch hat sich seine Identität nur geborgt. Die Reserven sind aufgebraucht. Wir leben auch ideell auf Kredit. Wollen wir aus den kulturellen Schulden wieder herauskommen, brauchen wir eine neue Wertschätzung für die Wahrheit.

Unbedingt lesen!

Immer weniger hört man auf das, was einer zu sagen hat, als darauf, wie und wo und vor wie vielen er es sagt. Ernst Jüngers Diktum »Die Intelligenz ist unsere glitzernde Uniform« hat sich ins Gegenteil verkehrt. Heute ist häufig die glitzernde Uniform unsere Rest-Intelligenz. Schaut man genauer hin, welchen Wahrheitskategorien diese Subprime-Kultur folgt, dann sieht man einen Rigorismus Kants ebenso schwinden wie eine Systematik Thomas von Aquins. Dagegen haben Friedrich Nietzsche, Jeremy Bentham und Jürgen Habermas durchaus Konjunktur und weben am unterbewussten Äußerlichkeitskleid mit.

Die Zyniker und Machtmenschen, die Karrieristen und Realpolitiker folgen Nietzsche heute mit einer Selbstverständlichkeit, mit der Wind durchs Land weht. Die Selbstlegitimation von Wahrheit durch Macht ist ein Gift, an dem nicht nur Diktatoren schnüffeln, es hat in verdünnten Dosen des Manageriellen und der Machbarkeiten mehr Gefolgsleute, als man ahnt.

Die zweite modische Versuchung eines variablen Wahrheitsbegriffs liegt in der Tradition Benthams und seines Utilitarismus, der Nutzwertideologie, die tatsächlich glaubt, das Praktische sei das Eigentliche. Wenn es aber um die essenziellen Dinge des Lebens und der Gesellschaft geht, auch um diskursfähigen Journalismus übrigens, dann wirkt das Nutzwertige zuweilen wie eine Gebrauchsanweisung zur Infantilisierung. Vom kommunikativen Utilitarismus leitet sich nichts ab, was über die Sondertarife für Mallorcareisen oder den Wirkungsgrad von Hautcremes hinausgehen würde. Er be-deutet nichts, darum hat er dort nichts zu suchen, wo es um Deutung gehen sollte. Der Benthamianismus ist zwar ein zuweilen sympathisch praktischer Zug der Wahrheitssuche, tatsächlich aber höhlt er in einer Welt der Machbarkeitsfixierung das Bewusstsein von Relevanzen und Existenziellem aus. Er befördert eine Gesellschaft, der alles egal ist, solange die Cholesterinwerte stimmen und der Handytarif günstig ist.

Die dritte und wichtigste Versuchung gegenwärtiger Wahrheitsrelativierung liegt in der Auflösung von Wahrheiten zu diskursiven Konsensen. Vom deutschen Idealismus bis zu Jürgen Habermas reicht die Fraktion der Post-Veritaten, die Wahrheiten nur aus subjektiven Kategorien oder als Diskursfußnoten akzeptieren. Diese Auflösung fundamentaler Verbindlichkeiten führt im Alltag dazu, dass die Politik sich am liebsten auf Umfragen stützt, dass die Wirtschaft sich an Analysten und der Marktforschung orientiert und der Journalismus an der nackten Quote. Alles nachvollziehbar – nur zahlen wir mit diesen lemurenhaften Techniken der Vermittlung unseres Bewusstseins einen Preis der opportunistischen Verflachung.

Mehr: www.christundwelt.de.

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