T.S. Elliot: Über die Säkularisierung der Dichtung
Schon 1935 schrieb T.S. Elliot in „Religion und Literatur“ (Essays 1, Suhrkamp, 1988, S. 145–146):
Ich bin überzeugt, daß wir uns leider nie ganz klarmachen, wie weitgehend und zugleich wie vernunftwidrig wir unsere literarischen und religiösen Urteile trennen. Wenn es eine absolute Trennung tatsächlich geben könnte, würde das vielleicht nichts ausmachen; aber die beiden Bereiche sind nicht vollständig auseinanderzuhalten und werden es nie sein. Wenn wir als Beispiel für die Literatur den Roman setzen – denn er ist die Form, die die größte Zahl von Lesern anspricht – können wir die fortschreitende Säkularisierung der Dichtung zum mindesten während der letzten dreihundert Jahre verfolgen. Bunyan und bis zu einem gewissen Grad auch Defoe hatten moralische Ziele, der erstere ist dabei über jeden Verdacht erhaben, bei dem zweiten könnte man einigen Zweifel hegen.
Aber seit Defoe ist die Säkularisation des Romans unaufhörlich fortgeschritten. Die Entwicklung hat sich in drei Hauptphasen vollzogen. In der ersten war für den Roman der Glaube in seiner damals gültigen Form eine selbstverständliche Tatsache und konnte deshalb aus dem Bild des Lebens, das er schilderte, herausgelassen werden. Fielding, Dickens und Thackeray gehörten dieser Stufe an. In der zweiten Phase verhielt sich der Roman dem Glauben gegenüber zweifelnd, nahm Ärgernis an ihm oder bekämpfte ihn. Hierher gehören George Eliot, George Meredith und Thomas Hardy. Zu der dritten Phase, in der wir heute leben, zählen fast alle zeitgenössischen Schriftsteller außer James Joyce. Es ist die Stufe derer, die vom christlichen Glauben nie anders als von einem Anachronismus haben reden hören.