Der andere Bonhoeffer

Der Deutschlandbesuch des US-amerikanischen Journalisten Eric Metaxas anlässlich der Herausgabe seiner Bonhoeffer-Biografie hat in der evangelikalen Presse eingeschlagen. Sowohl ideaSpektrum als auch das Medienmagazin pro berichten aktuell über die Buchvorstellung.

Nun bin ich bekennender Bonhoeffer-Leser und freue mich über jeden, der sich – vielleicht angestoßen von dem neuen Buch – intensiv mit Bonhoeffers Leben und seiner Theologie auseinandersetzt. Trotzdem will ich erwähnen, dass mich so manche Aussage von Metaxas irritiert. Damit meine ich weniger seine Behauptung, Bonn läge in der Schweiz oder die These, Adolf Hitler hätte 1933 die Macht demokratisch übernommen. Solche Abschnitte wurden in der deutschen Übersetzung vermutlich berichtigt. Mich ärgert eine Beteuerung wie diese (Quelle: Metaxas, E., & C. Hansen, »The authentic Bonhoeffer: Eric Metaxas explains how the German theologian lived a life worth examining«, Christianity Today, vol. 54, no. 7, 2010):

Bonhoeffer ist mehr als alles andere ein theologisch konservativer Protestant. Er war genauso orthodox wie Paulus oder Jesaja, den gesamten Lebensweg über, angefangen von seiner Teenagerzeit bis hin zu seinem letzten Tag auf Erden.

Von einem Bonhoeffer-Kenner erwarte ich eine differenziertere Wahrnehmung. Tim Challies dürfte zumindest teilweise richtig liegen, wenn er Metaxas vorwirft, Bonhoeffer »entführt« zu haben.

Obwohl die Lektüre von Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet nichtsdestotrotz gewinnbringend sein kann, nutze ich die Gelegenheit, um auf eine interessante deutsche Publikation hinzuweisen, die weniger Beachtung fand oder wieder in Vergessenheit geraten ist (obwohl sogar eine englische Übersetzung erschien). Im Jahre 1989 wurde:

  • Georg Huntemann: Der andere Bonhoeffer: Die Herausforderung des Modernismus, R. Brockhaus 1989, 318 S.

publiziert. Dazu:

Dietrich Bonhoeffer war – von jeder Mode unabhängig – modern; er war aber auch konservativ und vor allem immer wieder anders, als gängige Vereinfachungen es nahelegen. Diesem anderen Bonhoeffer ist Georg Huntemann nachgegangen, anhand der Quellen aus Leben, Werk und zeithistorischem Umfeld und im Blick auf seine Bedeutung für unsere Gegenwart und Zukunft. Dabei wird deutlich, daß Bonhoeffer nicht nur gegen vorherrschende Tendenzen des theologischen und gesellschaftlichen Modernismus steht, für die er gern als Kronzeuge in Anspruch genommen wird. Er bietet auch theologisch Konservativen und Evangelikaien Herausforderungen zu neuem Nachdenken, denen sie sich stellen müssen. Im Vorwort heißt es: »Also wird mancher dieses Buch mit reinigenden Schmerzen – aber dann auch mit viel Freude lesen.«

Das überaus lesenswerte Buch ist antiquarisch ab und an noch zu ergattern. Daneben gibt es ein Buch von Rainer Mayer, der über Bonhoeffer promoviert hat und den ich für einen der profiliertesten Bonhoeffer-Kenner der Gegenwart halte.

Kommentare

  1. Ich kann mich dem nur anschließen: Jeder, der sich mit Bonhoeffer beschäftigen will, sollte Huntemann lesen.

  2. Bonhoeffer war ein Macher; die anderen sind seine Kommentatoren …

  3. Solche Sätze, wie der von Metaxas zitierte, sind sicher ein Grund, warum über Bonhoeffer-Literatur aus dem angelsächsischen Raum immer etwas die Nase gerümpft wird.
    Das Buch von Mayer finde ich dagegen sehr gut. Peter Zimmerling würde ich da direkt im selben Atemzug erwähnen wollen. Er ist jemand, der mit Weggefährten Bonhoeffers auch selber noch Kontakt hatte. Und gemeinsam mit Mayer hat er an einigen Bonhoefferveröffentlichungen gearbeitet.
    Abseits des biographischen und geschichtlichen Aspekts, enthält zu dem sein Buch über Bonhoeffer als praktischen Theologen tatsächlich sehr gute Anregungen für die Praxis.

  4. Danke für den Hinweis!

  5. Schreibt so ein theologisch konservativer Protestant? Reden wir über denselben Bonhoeffer?

    „Ich gehöre zu denen, die [Bultmanns] Schrift begrüßt haben … Grob gesagt: Bultmann hat die Katze aus dem Sack gelassen, nicht nur für sich, sondern für sehr viele (die liberale Katze aus dem Bekenntnissack), und darüber freue ich mich.
    Er hat gewagt zu sagen, was viele in sich verdrängen (ich schließe mich ein), ohne es überwunden zu haben. Er hat damit der intellektuellen Sauberkeit und Redlichkeit einen Dienst geleistet.
    Der Glaubenspharisäismus, der nun dagegen von vielen Brüdern aufgeboten wird, ist mir fatal. Nun muss Rede und Antwort gestanden werden. Ich spräche gern mit Bultmann darüber und möchte mich der Zugluft, die von ihm kommt, gern aussetzen. Aber das Fenster muss dann wieder geschlossen werden. Sonst erkälten sich die Anfälligen zu leicht.“
    Dr. theol. Dietrich Bonhoeffer (25. Juli 1942) Brief Bonhoeffers 192 an Winfried Krause. Berlin, Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW); Band 16: Konspiration und Haft 1940-1945. Jorgen Glenthoj, Ulrich Kabitz, Wolf Krötke (Hrsg.), Christian Kaiser Verlag/Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996, Seite 344.

    „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“
    Dr. theol. Dietrich Bonhoeffer (1930) Habilitationsschrift: Akt und Sein. Transzendentalphilosophie und Ontologie in der systematischen Theologie, Seite 68.

  6. Bonhoeffers erstes Zitat würde ich unbedingt in den Zusammenhang setzen mit seinen Äußerungen zur liberalen Theologie, wie man sie in „Widerstand und Ergebung“ findet (z.B: „Entwurf einer Arbeit“). Meines Wissens sagt er hier nur aus, dass Bullmann eben „die Katze aus dem Sack gelassen hat“, dass eben nicht mehr so geredet, aber anders gedacht wird. Seine Kritik an der liberalen Theologie bleibt aber ebenso bestehen. So ging ihm Barth z.B. noch nicht weit genug mit seiner Kritik an eben dieser.

    Das zweite Zitat ist meines achtens durch Bonhoeffers spätere Äußerungen und Einschränkungen über seine eigenen akademischen Schriften obsolet. In seiner USA-Zeit hatte er quasi eine Art „Bekehrungserlebnis“, zumindest eine Verlebendigung seines Glaubens, erfahren. Er sprach dann ja auch davon, dass die Bibel primär als „Liebesbrief Gottes“ zu lesen ist, neben und trotz aller akademischen Zugänge.

  7. @Michael: Seine Habilitationsschrift sollte nicht als wichtige Referenz gewertet werden. Das genannte Zitat wendet sich gegen Gott als „Objekt“. Die Bibelkritik hat er, ähnlich wie Barth, übersprungen. Nichtsdestotrotz hielt er an ihr fest. Zu finden ist diese Arbeitsweise beispielsweise in seiner Genesisauslegung „Schöpfung und Fall“. Er begibt sich dort in die Welt der Märchen. Trotzdem ist seine Auslegung tiefsinnig und voller guter Impulse. Wir dürfen eben nicht vergessen, woher B. kommt. Er hatte überwiegend liberale Lehrer.
    Liebe Grüße, Ron

  8. Vielen Dank für diesen Blog-Artikel! Beschreibt sehr treffend meine Anfragen, die ich an das Buch von Metaxas habe. Und ich merke, dass ich damit offenbar nicht der Einzige bin. Zusammen mit der Biographie von Bethge und der „Christuswirklichkeit“ von Mayer ergibt sich erst ein Gesamtbild, das einen einigermassen objektiv urteilen lässt über Bonhoeffers Theologie. Metaxas alleine ergibt wohl ein falsches Bild….
    Sehr interessanter Blog im Allgemeinen. Werde gerne hierher zurück kommen. Siehe auch meinen Blog unter sola-scriptura.ch.

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  1. […] möchte hier deshalb auf den älteren Beitrag „Der andere Bonhoeffer“ verweisen und kurz aus meiner Buchbesprechung zitieren, die im Magazin factum 8/2011 erschienen ist […]

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